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Leiser Abschied einer Kultur


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 25.05.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 6/2022

Eleonary ?Nary? Arce Aguilar führt mit Wasserkanistern beladene Esel und Maultiere zur Rancho Mesa San Esteban in der zerklüfteten Sierra de San Francisco in Baja California Sur. Nary ist einer der letzten vaqueros, wie Mexikos Cowboys heißen, in der von Dürre ausgezehrten Region.

Eine dichte Staubwolke wirbelt auf, als die Esel und Maultiere die Koppel stürmen.

Hinter den Lastentieren reitet ein hagerer Cowboy mit blütenweißem Hemd. Seine Sporen schellen im Rhythmus seines Pferdes. Der 34-jährige Eleonary „Nary“ Arce Aguilar muss während der Sommerhitze seine Esel und Maultiere mindestens dreimal pro Woche zu dieser Ranch führen, um seine Wasservorräte aufzufüllen. Nur so kann seine Familie auf dem von Trockenheit ausgezehrten Land hoch oben auf der mesa (Tafelberg) in der zerklüfteten Sierra de San Francisco in Mexiko überleben.

Während die Tiere gierig aus einem Trog saufen, lüftet Nary seinen Stetson-Hut und nimmt einen kräftigen Schluck aus einem Kunststoffrohr. Dieses Rohr führt bei Dürre das einzige Trinkwasser der Gegend. Es führt zu einer 13 Kilometer entfernten Gebirgsquelle, der Lebensader für eine Handvoll Ranches, die in dieser abgelegenen Gegend im Bundesstaat ...

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... Baja California Sur durchhalten.

Eine Stunde lang füllt Nary Wasser in 20-Liter-Kanister und belädt damit die Lasttiere. Sein Bruder Ricardo, der die Ranch verwaltet, hilft ihm. Dann schwingt Nary sich zurück in den Sattel und tritt den Heimweg an.

Narys Route ist Teil des El Camino Real, eines über 300 Jahre alten Netzwerks von Pfaden durch das Hinterland, das einst die spanischen Missionen entlang der Halbinsel Baja California verband. Über enge, vom Geröll rutschige Serpentinen schreitet die Karawane voran.

Da erblickt Nary ein liegendes Kalb neben dem Pfad. Er packt es bei den Hörnern und versucht ihm aufzuhelfen, doch das junge Tier ist erschlafft, seine Augen sind glasig. Vermutlich hat es vor lauter Hunger etwas Giftiges gefressen, meint Nary. Und zuckt mit den Achseln.

Hinter dem leidenden Kalb verbirgt sich eine Krise, die das Lebensmodell der vaqueros, wie die Cowboys in Mexiko heißen, existenziell bedroht. Seit 50 Jahren drängt das moderne Leben bis ins Hinterland vor, was die Jugend von der traditionellen, autarken Lebensweise zunehmend abbringt. Der wirtschaftliche Wandel und die Auswirkungen des Klimawandels tun ihr Übriges. Seit dem letzten nennenswerten Regen sind mehr als anderthalb Jahre vergangen. Die Kühe werden schwächer und anfälliger für Krankheiten, die Ziegen verirren sich auf der Suche nach Nahrung. „Es scheint, als würden sich alle Kräfte gegen die vaqueros verschwören“, sagt Trudi Angell, Fremdenführerin und Reiseveranstalterin in Loreto. „Wir können wirklich von einer sterbenden Kultur sprechen.“

Es wird schon dunkel, als Nary mit seiner Karawane die Hochebene erreicht. Seine fünfjährige Tochter Guadalupe umarmt ihn, aber der Arbeitstag ist noch nicht vorbei: Auf dem steinummauerten corral (Gehege, Weide) schreien Kälber inbrünstig nach Futter. Nary und sein Vater José Maria „Chema“ Arce Aguilar greifen zu ihren Macheten und tun, was Rancher hier draußen in harten Zeiten immer getan haben:

Sie befreien Kakteen von ihren Stacheln und zerhacken die Gewächse in mundgerechte Stücke.

Die vaqueros der Sierra de San Francisco führen ein von Entbehrungen gezeichnetes Leben. Ihre Kultur hat sich seit der Ankunft ihrer Vorfahren im 18. Jahrhundert kaum verändert.

„Wenn wir Tierfutter kaufen, haben wir selbst nichts zu essen – so einfach ist das“, sagt Chema, der sein Leben lang Rancher und Routenführer war. Schwere Dürren habe es über die Jahre immer mal wieder gegeben, erklärt er, doch aktuell stünden sie wegen steigender Versorgungskosten und des Einkommensverlustes durch pandemiebedingte Absagen von Hinterlandreisen unter besonderer Belastung. „Unsere Situation ist kritisch.“

MEHR ALS EINEN HALBEN Tagesritt von der nächsten Asphaltstraße entfernt führen die vaqueros der Sierra de San Francisco ein beschwerliches Leben, das sich kaum verändert hat, seit ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert auf die Halbinsel kamen. Jesuitische Missionare, denen die spanische Monarchie die Kontrolle über das Grenzgebiet übertragen hatte, brachten die Familien der vaqueros hierher. Sie lebten von dem, was das Land ihnen schenkte, und hatten den Auftrag, die spanischen Missionsaußenposten in der ganzen Baja California zu bewachen.

Als die Jesuiten 1767 abgezogen wurden, überließ man den sogenannten Ledersoldaten große Ländereien. Sie züchteten Rinder und Ziegen und lebten von der Landwirtschaft, großteils isoliert von den politischen Verwerfungen auf dem Kontinent und dem technologischen Fortschritt.

Sie rangen dem kargen Boden einen Lebensunterhalt ab und entwickelten jenseits staatlicher Kontrolle ein außerordentliches Maß an Autarkie. In der Ledergerbung, Seilherstellung und beim Kochen verstanden sie es, Kunstfertigkeit mit Notwendigem meisterhaft zu verbinden. „Sie tragen ein ungeheures Wissen in sich“, sagt Fremdenführerin Angell. „Die echten vaqueros wissen alles über die Umwelt, das Land und seine Geschichte.“

Lange bevor die Grenze zwischen den USA und Mexiko gezogen wurde, trieben die vaqueros riesige Herden spanischer Rinder übers Land und schufen ein kulturelles und linguistisches Erbe, das bis heute Bestand hat. Der englische Ausdruck buckaroo für Cowboy beispielsweise ist eine Amerikanisierung von vaquero. Der Begriff rodeo leitet sich vom spanischen Verb rodear (zusammentreiben) ab.

Manche meinen, die Cowboykultur nördlich der Grenze zur USA sei zu einem Schatten ihrer selbst verkommen, und bestehen darauf, dass nur die vaqueros der Baja heute noch den wahren wilden Individualismus verkörpern. „Sie sind die letzten Vertreter der Cowboys, die den Westen eroberten“, so Fermín Reygadas, Professor für alternativen Tourismus an der Autonomous University of Baja California Sur, der seit gut 40 Jahren mit den Ranchern zusammenarbeitet. „Das Leben ist hart und die Arbeit ist endlos, aber sie sind frei.“

Im Valle de Santa Martha, etwa sieben Reitstunden von Chemas und Narys Ranch entfernt, lebt Ignacio „Nacho“ Arce Arce auf einer kleinen Ranch, einen Bergrücken von seinem Geburtsort entfernt. Als Teenager trieb er wochenlang Hunderte von Rindern „so weit das Auge sehen konnte“. Rindfleisch aus der Wüste war ein Grundnahrungsmittel in den Arbeitersiedlungen und auf den Märkten. Doch mit der Einrichtung von Freihandelszonen, die den Handel ankurbeln sollten, änderte sich das in den frühen 1970er-Jahren schlagartig.

Das damalige Baja California Territory wurde mit billigen Waren vom Festland und aus dem Ausland überschwemmt. Durch den Bau von Supermärkten sank die Nachfrage nach regionalem Fleisch, Käse und anderen Ranchprodukten. 1973 leitete die Fertigstellung der 1700 Kilometer langen Fernstraße Carretera Transpeninsular eine nie da gewesene Erschließung ein.

Nacho ist trotz seiner 74 Jahre eine stattliche Erscheinung. In ausgeblichenen Gamaschen und Schuhen aus Rindsleder – alle selbst von Hand hergestellt – flicht er noch heute Seile aus Nylon und geht trotz seiner Knieprobleme in den Bergen Feuerholz sammeln. Wie viele vaqueros besserte er sein schwindendes Einkommen mit Touren zu den nahen Unesco-Welterbestätten mit prähistorischen Felszeichnungen auf. Doch auch diese Einnahmequelle versiegte zuletzt. Weil er sich kein Viehfutter leisten kann, sind seine fünf verbliebenen Kühe ganz ausgemergelt. Einen großen Teil des Tages verbringt auch Nacho mit dem Sammeln von Cylindropuntia cholla, um mit den Kakteen seine Tiere am Leben zu halten. Nachts betet er für Regen.

Früher konnte man die Regenzeit zuverlässig von Juli bis September erwarten. Heute ist der Regen weniger berechenbar; und wenn er kommt, dann oft im Zuge solch gewaltiger Stürme, dass die Niederschläge die Tiere mitreißen. Wie Dario Higuera Meza, ebenfalls ein alteingesessener Rancher und Nachos Freund, es formuliert: „Wir hoffen immer, dass wir die Ecke eines Hurrikans abbekommen.“

Die vaqueros ringen dem kargen Land der Baja ihren Lebensunterhalt ab. Im Lauf der Zeit entwickelten sie ein außerordentliches Maß an Unabhängigkeit sowie stolze Traditionen.

JEDEN M ORGEN vor dem ersten Hahnenruf beginnt Erlinda „Linda“ Arce Arce ihr tägliches Ritual: Auf einem mit Mesquite-Holz befeuerten Ofen bringt sie einen Topf mit handgemahlenem Kaffee zum Kochen und bereitet Maistortillas zu, während im Hintergrund das Zwei-Wege-Funkgerät knistert, meist mit Geplauder über das Wetter.

Sobald das Frühstück aus Burritos mit Bohnen fertig ist, seiht Linda Käsebruch ab und presst ihn in einen quadratischen Holzblock, um daraus Käse herzustellen, mit dem die Familie sich ein zusätzliches Einkommen sichert. Sieben Liter Milch braucht es für ein Kilo Käse.

Normalerweise produziert Linda fünf bis sechs Blöcke pro Tag. Wegen der Dürre geht die Milchleistung der Kühe und Ziegen jedoch so stark zurück, dass sie nur noch einen Block pro Tag hinbekommt. Das entspricht einem Nettogewinn von etwa 55 Pesos (weniger als drei Euro).

Ihre Tochter kommt in die Küche, um Kakaopulver in die Milch zu rühren, die sie einer Kuh abgemolken hat. Guadalupe ist sattelfest und kann mit dem Lasso umgehen; an fünf Tagen in der Woche bekommt sie Schulunterricht von einem staatlich ernannten Lehramtsstudenten, der abwechselnd auf der Mesa-Ranch und der Ranch ihres Onkels Ricardo unten im Tal unterrichtet. Beide Familien möchten, dass ihre Kinder zur Schule gehen, obwohl ihnen klar ist, dass genau das sie von der Ranch wegbringen könnte.

2018 begleitete Azucena, Ricardos älteste Tochter, ihren Vater auf einer 20-tägigen recua, einer Lasttierkarawane auf den Spuren ihrer Vorfahren. Die Erfahrung machte dem Mädchen sein Erbe bewusst. „Von hier stamme ich, hier will ich auch bleiben“, sagt es und sieht kurz von seinem Handyspiel auf. Die 13-Jährige möchte aufs College gehen und vielleicht Veterinärbiologie studieren, damit sie später zurückkommen und auf der Ranch helfen kann.

Ihr 39-jähriger Vater kam nie über die Grundschule hinaus. 2015 bestieg er zum ersten Mal ein Flugzeug, um an einem Kulturaustausch mit US-Cowboys in Nevada teilzunehmen. „Das Leben hier ist so viel friedlicher“, sagt Ricardo. „Es gibt viel zu tun, aber wir haben weniger Stress als in der Stadt.“ In seiner Freizeit spielt er Gitarre und arbeitet mit Leder, ein Hobby, das den Autodidakten mit großem Stolz erfüllt.

Im grellen Licht der Mittagssonne sieht Ricardo nach den Kuh-und Ziegenhäuten, die in einem Bottich mit der Rinde eines Palo-Blanco-Baums liegen. Es riecht nach ranziger Salami. Er wendet die Häute und lässt den Mulch köcheln, bis sie gleichmäßig gefärbt sind.

Hat die Farbe sich festgesetzt, werden er und sein Sohn Esteban die Häute mit Hühnerfett einreiben und zum Trocknen aufhängen. Anschließend wird das Leder zerteilt und von Hand zu Reitschuhen, Gamaschen, Brieftaschen, Gürteln und Sätteln mit Pferdemotiven verarbeitet.

AUF D ER HOCHEBENE schwitzen sich Nary und Chema derweil durch das nachmittägliche Arbeitsprogramm. Mit Heugabeln harken sie Kakteen in kleine Feuer, um die Stacheln wegzubrennen, und werfen die schwelenden Stücke den Kühen hin, die einander beinahe über den Haufen rennen, um einen Bissen zu ergattern. Es dauert drei Stunden, bis alle Tiere gefüttert sind. Dann macht Nary sich auf die Suche nach weiteren Kakteen für seine Esel, Maultiere und Pferde. Dazu muss er über die Schlucht zu einer noch höher gelegenen mesa wandern, auf der das Vulkangestein unter der sengenden Sonne zersprungen ist.

Als Nary endlich fertig ist, wölbt sich über ihm bereits ein pechschwarzer Himmel. Also hackt er den toten Zweig eines Orgelpfeifenkaktus ab und zündet ihn für den Heimweg an. „Lámpara de ranchero“, unkt er. „Rancher-Taschenlampe.“

Die anhaltende Dürre zwingt die vaqueros in einen regelrechten Zermürbungskrieg gegen die Elemente. Ihre einst rund 40 Tiere zählende Herde ist auf etwa 30 Tiere geschrumpft. „Die Kosten steigen“, sagt Chema kopfschüttelnd, „während das Gewicht unserer Rinder sinkt.“

Als Nary am nächsten Morgen seine Lasttiere wieder zu Ricardos Ranch hinabtreibt, sieht er nach dem siechen Kalb, das er vor einigen Tagen am Pfad zurückgelassen hat. Er versucht noch einmal, es aufzurichten, ohne Erfolg. Keine hundert Meter weiter findet er die verwesenden Überreste einer weiteren, größeren Kuh.

Die nächsten Monate könnten für die vaqueros der Baja die bislang härtesten werden. Doch Nary zeigt sich unbeeindruckt: Er lebe selbstbestimmt, als freier Mann in der offenen Landschaft.

Aus dem Englischen von Susanne Schmidt-Wussow

Jason Motlagh ist Schriftsteller und Filmemacher und lebt auf der Halbinsel Baja California, Mexiko. In der September-Ausgabe 2021 schrieb er über Afghanistan. Fotograf Balazs Gardi ist in Ungarn geboren und dokumentiert bevorzugt das Zeitalter des Anthropozän. Er lebt in Oakland, USA.