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Leistungsstark mit Handicap


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 90/2021 vom 06.08.2021

VON PARA-SPORTLERN LERNEN

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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 90/2021

Gina Maria Schneevoigt sitzt trotz körperlicher Einschränkungen sicher im Springsattel

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Pferde kennen keine Behinderung. Sie machen bei uns Reitern keinen Unterschied zwischen gesund, krank oder behindert. Ihnen ist es egal, ob du im Rollstuhl sitzt, nur einen Arm hast oder die Chemotherapie dir sämtliche Haare geraubt hat. Sie sehen nicht nur die Behinderung, die Krankheit, die Sorgen, sie sehen den Menschen dahinter. Als Sportpartner, Therapeuten und Familienmitglieder sind sie an unserer Seite“, schreiben Sarah Naumann und Diana Wahl auf ihrer Homepage www.inklusive-pferd.de (siehe Kasten Seite 17) und treffen damit den Kern des Para-Reitsports.

Leistungssport mit Handicap

Reiter mit körperlichen Einschränkungen haben zwar weniger Einwirkungsmöglichkeiten als gesunde Athleten, präsentieren sich aber dennoch in absoluter Harmonie mit ihren ...

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... vierbeinigen Partnern. Frei nach dem Motto von Chris Burke, einem amerikanischen Schauspieler und Sänger mit Down-Syndrom, „It’s not our disabilities, it’s our abilities that count“ (zu Deutsch: Es sind nicht unsere Unfähigkeiten, die zählen, sondern unsere Fähigkeiten), zeigen insbesondere die Leistungssportler unter den Para-Reitern schwerste Dressurlektionen, wie Traversalen, ohne Schenkel oder mit nur einem Arm.

Wie machen sie das, wenn eine solche Lektion im Sattel doch schon bei vielen gesunden Reitern hapert? „Vielleicht haben die ein paar Gliedmaßen zu viel“, mutmaßt Steffen Zeibig aus dem sächsischen Arnsdorf augenzwinkernd. Ihm fehlen seit seiner Geburt der rechte Unterarm, der rechte Unterschenkel und der linke Fuß. Das hindert ihn aber keineswegs daran, als Dressurreiter an Prüfungen bis zur Klasse S** im Regel-Sport und parallel an weltweiten Para- Wettkämpfen in Grade III erfolgreich zu sein. Da alle Para-Sportler dieselbe Hilfengebung nutzen wie Nicht-Gehandicapte, können wir uns so einiges von ihnen abschauen. Aber fangen wir von vorne an.

Zunächst muss ein Vorurteil aus dem Weg geräumt werden: Viele glauben, dass Therapeutisches Reiten und Para-Pferdesport ein- und dasselbe sind. Im Therapeutischen Reiten geht es jedoch um die Entwicklungsförderung gehandicapter Menschen. Dazu zählen die pferdgestützte Physio-, Ergo- und Psychotherapie sowie die Trauma- und Heilpädagogik. Hier steht die Behandlung von Patienten, die sich auf dem Pferderücken bewegen, im Vordergrund. Im Para-Pferdesport hingegen geht es um reiterliche Fähigkeiten und sportliche Leistungen.

Seit 2006 ist Para-Equestrian achte Disziplin des Weltreiterverbands FEI. Dort sind bisher die Disziplinen Para-Dressur (zudem paralympische Disziplin) und Para-Fahren vereint. Seit 2013 ist der Leistungssport zudem mit dem „DOKR-Disziplinbeirat Para-Equestrian“ unter dem Dach des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) vertreten.

Kompensatorische Hilfsmittel

Der Sportgesundheitspass ist für Para- Sportler mit physischer Behinderung der Eintritt in den Turniersport. Hier sind die Wettkampfklasse (insgesamt fünf sogenannte „Grades“ – siehe Kasten Seite 18) und die zugelassenen kompensatorischen Hilfsmittel vermerkt. Sie dürfen nämlich im Vergleich zu Regel-Sportlern eine Reihe von unterstützenden Maßnahmen nutzen, die ihnen ein sicheres und der Anforderung entsprechendes Reiten ermöglichen. So können mangelnde Körperfunktionen ausgeglichen werden. Dazu zählen u. a. Spezialzügel mit Steg oder Schlaufen, zusammengeführte oder am Steigbügel angebrachte Zügel, Spezialsteig- oder Körbchenbügel, Riemchen vom Steigbügel oder Steigbügelriemen zum Gurt, Spezialsättel oder solche mit erhöhten Hinterzwieseln, zwei Gerten oder Bandagen, um z. B. einen gelähmten Arm am Körper zu fixieren.

Blinde oder schwer sehbehinderte Reiter können außerdem einen Einweiser im Viereck, der die wichtigsten Punkte durch Hin- und Herlaufen ansagt, oder sogenannte Caller einsetzen, welche die Bahnpunkte ebenfalls laut benennen.

Der Sportgesundheitspass gilt sowohl bei Regelsport- als auch bei Para-Equestrian- Turnieren. Doch auch ohne ihn kann an sportlichen Wettbewerben teilgenommen werden. Das tut beispielsweise Regine Mispelkamp. Die Pferdewirtschaftsmeisterin und Richterin aus dem niederrheinischen Geldern startet aufgrund ihrer Multiple- Sklerose-Erkrankung seit 2018 in Grade V des internationalen Para-Sports, ist aber weiterhin in der schweren Klasse auf normalen Dressurturnieren unterwegs.

„Mir geht es zum Glück gesundheitlich noch relativ gut und mein Körper hat sich an das gewöhnt, was er schon immer gemacht hat. Deswegen habe ich ein gutes Körpergefühl und brauche keine Hilfsmittel. Wenn ich aber etwas tue, was mein Körper nicht gewohnt ist, sieht man sehr schnell, dass ich krank bin. Viele, die mich reiten sehen, sagen oft: „Die hat ja gar nichts.“ Dabei kennen sie mich nicht wirklich. Ich gebe immer 1.000 Prozent, habe einen eisernen Willen und kann gut im Flow arbeiten. Dann wachse ich über mich und meine Kräfte hinaus. Wenn ich aber dann zur Ruhe komme, bin ich oft nicht mehr zu viel in der Lage“, erzählt sie.

Reiterliche Hilfen

Ob mit oder ohne Hilfsmittel, Para-Reiter wirken im Sattel durch Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen auf ihre Pferde ein und benutzen damit die gleiche Basis der Kommunikation wie alle Reiter. Eigentlich – denn sie messen der Gewichtshilfe mehr Bedeutung zu als den anderen Hilfen. „Die Veränderung des Schwerpunktes sollte im Regelsport eigentlich genau den gleichen Stellenwert einnehmen wie bei uns, sie tut es aber oft nicht. Zügel- und Schenkelhilfen dominieren häufig die reiterliche Einwirkung“, sagt Steffen Zeibig.

Aufgrund seines Handicaps sei er viel mehr als andere dazu gezwungen, im Lot und dadurch mehr im Gleichgewicht auf dem Pferderücken zu sitzen. „Ich kann mit meinen Prothesen beispielsweise überhaupt nicht mit den Beinen klemmen, sondern lediglich einen Impuls geben. So muss ich zwangsläufig mit weniger Einwirkung auskommen.“ Dennoch gelingt es ihm, die gleichen Lektionen auszuführen wie körperlich gesunde Reiter.

Regine Mispelkamp berichtet Ähnliches: „Wenn meine Reitschüler sich beklagen, dass sie ihr Pferd nicht vorwärtsbekommen, setze ich mich in den Sattel und es ist überhaupt nicht mehr faul oder triebig. Das zeigt mir, wenn der Reiter im Sitz nicht locker ist, s ondern spannig im Oberschenkel drückt und nicht mit der Pferdebewegung mitgeht, kann kein Pferd losgelassen gehen. Man muss die Pferdebewegung zulassen, mit ihr spielen und eins werden.“

Aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkung hat sie Koordinationsschwierigkeiten und Kräfteverlust in der linken Körperhälfte – sowohl im Bein als auch im Arm. Die diagonale Hilfengebung (linker Schenkel – rechter Zügel) gelingt ihr daher nicht so gut wie auf der anderen Seite. Punktuell ist sie zwar relativ stark in ihrem Schenkelimpuls, kann diesen aber nicht lange durchhalten. „Das ist aber auch gar nicht mein Anspruch“, sagt sie. „Ich muss immer sehen, wie ich meine Schwachstellen ausgleichen kann, z. B. über den vermehrten Einsatz meiner Bauch- oder Gesäßmuskeln. Ich habe meine Pferde daher so sensibilisiert, dass sie sofort auf kleine, schnelle Impulse am Schenkel reagieren. Der Ursprung meiner Hilfengebung liegt zudem in der Stabilität meines Rumpfes.“

Sie meint, dass eingeschränkte Reiter viel mehr Gefühl zu ihrem Körper zulassen müssen als gesunde. „Wir können nicht so reiten wie andere und müssen deshalb schauen, wo Ressourcen sind, die wir nutzen können. Ich glaube, dass sich jeder Reiter – unabhängig, ob er eingeschränkt ist oder nicht – fragen sollte, wie gut bin ich mit meinem Körper und meiner Muskulatur aufgestellt, um eine normale Hilfengebung ausführen zu können. Ist man sich seiner Schwachstellen bewusst, braucht man ein Pferd nicht mit Kraft zu reiten.“

Probleme erkennen

Diesen Ansatz verfolgen Para-Reiter, so glaubt sie, etwas stärker als gesunde Reiter. Von dem Feingefühl, das sie zum Wohle ihrer Pferde an den Tag legt, kann sich jeder eine Scheibe abschneiden. Sie berichtet von den Para-Europameisterschaften 2019 im niederländischen Rotterdam, wo sie in einer Aufgabe den größten Fehler ihres reiterlichen Daseins gemacht habe: „Ich war gut auf Medaillenkurs, doch dann kam die letzte Lektion: auf der Mittellinie anhalten, rückwärtsrichten und daraus antraben. Mein Pferd ist zweimal angaloppiert, anstatt anzutraben. Damit war es vorbei. Das hat mich sehr geärgert und ich habe mich gefragt, woran das lag. Zu Hause bin ich meine anderen Pferde geritten, und auch die sind jedes Mal angaloppiert. Ich war einfach nicht mehr in der Lage, aus dem Anhalten anzutraben.“ Doch anstatt den Vierbeinern die Schuld dafür zu geben, ging sie auf Ursachenforschung mit ihrem Bewegungstrainer. Das Ergebnis?

Die Reiterin verkrampfte sich im Moment des Antrabens und gab so ein falsches Signal. Die Ursache lag tief in ihrem Körper verborgen: „Vor Jahren hatte ich mal einen schweren Reitunfall mit Einblutungen in die Lunge. Dadurch entstand eine Art Klebeschicht zwischen Lunge und Zwerchfell. Durch das verkrampfte Zwerchfell bekam ein Hüftbeuger mehr Zug und ich schob die Hüfte nur einseitig vor“, erklärt sie. Dreh- und Angelpunkt des Fehlers war der Psoas-Muskel, der stärkste Hüftbeuger des Menschen. Er ist über Faszien direkt mit dem Zwerchfell verbunden und macht im Hüftgelenk bei einseitiger Anspannung eine Seitneigung, welche die Tiere als Galopphilfe verstanden.

„Wir haben lange ausprobiert, was ich dagegen tun kann. Jetzt summe ich vor dem Halt-Trab-Übergang, und alle meine Pferde können wieder antraben. Das hat mir gezeigt, dass man sich immer wieder mit seinem Körpergefühl auseinandersetzen muss, um Missverständnisse zu beheben“, so die Pferdewirtschaftsmeisterin.

Mehr Gefühl

Dieses Feingefühl verlangen die Para-Sportler auch von ihren vierbeinigen Partnern, die, wenn sie erfolgreich im internationalen Sport gehen, bis zur Klasse S ausgebildet sind. „Sie haben die Ausbildung in der Regel komplett durchlaufen. Denn je feiner ein Pferd ausgebildet ist, umso besser kann es auf die leicht unterschiedliche Art der reiterlichen Hilfengebung eingehen. So können sich Pferd und Reiter noch mehr aufeinander einstimmen“, erläutert Mispelkamp.

„Vielleicht sind unsere Pferde sogar besser ausgebildet als solche im Regelsport, bzw. stärker sensibilisiert“, ergänzt Zeibig. Er nutzt beispielsweise die Gerte als taktile Hilfe. Ihr Einsatz bedürfe nicht nur einer hohen Sensibilität des Reiters, sondern ebenso des Vierbeiners. Dafür brauche es gerade die spritzigen Vertreter, die Freude an der gemeinsamen Arbeit mit dem Menschen haben. „Ich habe zwei Pferde mit Ausbildungs- und Interieurproblemen gehabt, die keiner mehr wollte. Aus beiden sind erfolgreiche paralympische Pferde geworden“, sagt er.

Sein Ausbildungsweg sieht viel Zeit und Geduld vor. „Ich glaube, das größte ‚Problem‘ meiner Pferde mit mir war und ist meine Hartnäckigkeit. Nach dem Motto: Ich steige jetzt nicht ab, ich verhaue dich auch nicht, sondern bleibe einfach an dir dran. Mit der Brechstange erreicht man nichts. Das ist im Regelsport eigentlich genauso, nur dass sich die Reiter dort länger im Sattel halten und länger Kraft ausüben können. Diese Grenze versuchen wir, wenn möglich, gar nicht erst zu berühren oder den Pferden unerwünschte Möglichkeiten aufzuzeigen. Den falschen Weg können wir uns nicht leisten. Wir versuchen vorher links oder rechts abzubiegen, um auf dem pferdefreundlichen Weg zu bleiben“, so der Para-Athlet.

„ICH GEBE NICHT AUF, UM DIESES LEBEN ZU KÄMPFEN“

Gina Maria Schneevoigt war hessische Meisterin der Junioren in der Vielseitigkeit, Teil des D-Landeskaders und zählte zum hoffnungsvollen Buschreiter-Nachwuchs. Jetzt sitzt die 20-Jährige im Rollstuhl. Die Schmerzen in ihrem Körper, vor allem im Bein, und ihre schwindende Muskelkraft lassen das Reiten seit Oktober 2018 nicht mehr zu. Viele Klinikaufenthalte, unzählige Untersuchungen, drei Operationen und mehrere Fehldiagnosen folgen.

ERFOLGREICH IM SPRINGSATTEL

„Dann kam es, dass ich die vermeintliche Diagnose bekommen hab’. Man hat es operiert, wollte die ganze Sache damit heilen und musste feststellen: Das geht so nicht, es war halt doch nicht die richtige Diagnose. Ich hab’ dann nach der OP versucht zu reiten […] und musste feststellen, dass es nicht geht. Immer noch nicht. Wieder noch nicht. Wie auch immer man das sehen möchte. In dem Moment habe ich mich aufgegeben und wollte alle meine Pferde verkaufen.“ Doch dann gab es einen Tag, an dem sie sich im Schritt auf ihr jüngstes Pferd setzte und sich trotz extremer Schmerzen dazu entschied, dass Aufgeben keine Alternative für sie ist. Sie begann nicht nur wieder mit dem Dressurreiten, sondern startete mit ihren insgesamt drei Pferden in der Saison 2020 auf Springturnieren. Und das mit Erfolg: mehrere Platzierungen in Prüfungen bis zur Klasse M**, ein Sieg auf L‐Niveau und erste Starts in der schweren Klasse.

„Auf großen Springturnieren bin ich nicht immer nur auf Zuspruch gestoßen, habe aber durch meine Leistung am Ende beweisen konnte, dass eine Krankheit oder Behinderung die eigenen Grenzen nicht definieren muss“, sagt sie.

STABILISIERUNG DES SITZES

Im Sattel nutzt sie verschiedene Hilfsmittel: eine Art Schaft-Polster, um ihre geschädigte Unterschenkelmuskulatur zu schützen, Klettbänder über den Oberschenkeln zur Sitzstabilisierung, ein Korsett mit Klettverschluss als Rückenstütze, je nach Sattel und körperlichem Zustand Steigbügel mit Durchrutschschutz und Fersengummi zur Fixierung der Füße sowie zwei Gerten zur Unterstützung ihrer Beine beim Schenkelimpuls.

Ihre Helferlein sind von Weitem kaum zu erkennen. Wer die Reiterin im Parcours sieht, bemerkt vielleicht ihren etwas ungewöhnlichen Sitz und fragt sich, warum sie mit so langen Steigbügeln springt. Erst wenn sie vom Sattel in den Rollstuhl steigt, wird ihr Handicap für Außenstehende sichtbar. Und dann erhält ihre Krankheit doch noch einen Namen: Central Core Myopathie – eine erblich bedingte neuromuskuläre Erkrankung, die vor allem durch eine Muskelschwäche – insbesondere im Becken und in den Oberschenkeln – gekennzeichnet ist. Heilungschancen gibt es bisher nicht. Die Erkrankung scheint zudem nicht die einzige Erklärung für Gina Maria Schneevoigts Gesundheitszustand zu sein, vermuten die Ärzte.

Doch sie lässt sich davon nicht unterkriegen. „Ich gebe nicht auf, um dieses Leben zu kämpfen. Es gehört mir, und diese Krankheit wird bestimmen, wann mein Leben endet, aber nicht, mit welchen Erfahrungen ich gehe“, sagt sie.

Mehr über Gina Maria Schneevoigt gibt es auf www.inklusive-pferd.de. Das gleichnamige Projekt von Sarah Naumann und Diana Wahl möchte Pferdemenschen mit und ohne Behinderung einander näherbringen, Vorurteile und Berührungsängste abbauen, Anlaufpunkt sowie Informationsquelle sein. Mit Bildern, Geschichten und Podcasts über Reiter-Pferd-Paare, die „aus dem Raster fallen“, wollen sie zeigen, dass ein Handicap kein Hindernis für das Reiten ist, und zugleich mehr Aufmerksamkeit für den Para-Sport erreichen.

WETTKAMPFKLASSEN IM PARA-SPORT

Seit 2006 ist Para-Equestrian die achte Disziplin im Weltreiterverband FEI. Die Reiter werden aufgrund der Schwere ihrer Handicaps in fünf sogenannte „Grades“ eingeteilt. Für die verschiedenen Startklassen existieren eigene Aufgaben. So soll sichergestellt werden, dass „vergleichbare“ Einschränkungen zu „vergleichbaren“ Leistungen führen. Bei der Beurteilung wird viel Wert auf das korrekte Reiten, die Linienführung, die Einwirkung des Reiters und die Losgelassenheit des Pferdes gelegt. In den Küren ist es in allen Startklassen möglich, höhere Dressurlektionen zu zeigen. Allerdings gibt es aus Sicherheitsgründen bestimmte Einschränkungen.

GRADE I:

Hier reiten die am schwersten gehandicapten Reiter. Die Athleten sind hauptsächlich Rollstuhlbenutzer, entweder mit geringer Rumpfbalance oder mit begrenzten Armund Beinfunktionen. Athleten mit komplett fehlender Rumpfbalance bzw. Koordinationsfähigkeit, aber guten Armfunktionen sind ebenfalls in dieser Klasse startberechtigt. Geritten werden die Prüfungen ausschließlich im Schritt, dabei werden u. a. Volten, Zirkel, Halten und Mittelschritt verlangt.

GRADE II:

Hier starten meistens Rollstuhlbenutzer mit starken Einschränkungen der Beinfunktionen und der Rumpfbalance. Meist sind auch die Funktionen bzw. Koordinationsfähigkeiten des Oberkörpers und/oder der Arme stark begrenzt. Die Prüfungen bestehen aus Schritt- und kleineren Trabsequenzen. Zu den Lektionen zählen z. B. Schritt-Trab-Übergänge, Volten, Zirkel, Schlangenlinien und Schenkelweichen.

GRADE III:

Rollstuhlbenutzer mit Einschränkungen der Beinfunktionen und/oder der Rumpfbalance, aber mit guten bis nur leicht behinderten Armfunktionen starten in Grade III. Ebenso dürfen Athleten mit einseitiger Funktionseinschränkung in Arm, Rumpf und Bein in dieser Klasse an den Start gehen. In den Prüfungen wird Schritt und Trab geritten. Volten, Zirkel, Schlangenlinien, Schenkelweichen, Rückwärtsrichten, Kurzkehrt und Mitteltrab gehören zu den Standard- Lektionen. In der Kür sind weitere Lektionen wie beispielsweise Trabtraversalen und vereinzelte Galopplektionen erlaubt, jedoch keine Galopppirouetten.

GRADE IV:

Die Athleten in Grade IV können in der Regel ohne Unterstützung gehen. Sie haben Behinderungen entweder an einem Arm oder einem Bein, mäßige Behinderungen an beiden Armen und Beinen oder schwere Behinderungen der Arme. Sportler, die blind sind oder mentale Einschränkungen haben, sind ebenfalls in dieser Klasse vertreten. Die Prüfungen bestehen aus Schritt-, Trab- und Galoppsequenzen und entsprechen in etwa den Anforderungen der Klasse A und L im Regelsport (u. a. Schlangenlinien, Schulterherein, Rückwärtsrichten, Kurzkehrt, versammelter Trab und Galopp, Mittelgalopp).

GRADE V:

Reiter in Grade V haben Behinderungen nur in einer oder zwei Gliedmaßen oder eine eingeschränkte Sehfähigkeit. Eine Behinderung der Hand oder auch das Fehlen einer Hand berechtigt genauso zum Start in dieser Klasse wie das Fehlen eines Unterschenkels oder geschwächte Muskelfunktionen. Sie absolvieren Aufgaben vergleichbar zur Dressur der Klassen L bis M im Regelsport. Die Prüfungen bestehen aus Schritt-, Trab- und Galopptouren (u. a. versammelter und starker Trab, Außengalopp, einfacher Galoppwechsel, Schulterherein, Traversale). Die Kür darf auch schwere Lektionen enthalten, wie z. B. Dreier- und Vierer-Wechsel sowie halbe Galopppirouetten. Piaffe und Passage sind hingegen nicht erlaubt.

MEHR INFOS:

Para-Turniere werden vom Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten organisiert. Der gemeinnützige Verein agiert deutschlandweit als Fachverband. Das DKThR ist Anschlussverband der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und Spitzenverband für den Pferdesport im Deutschen Behindertensportverband (DBS). Wer mehr über den Para-Pferdesport erfahren möchte, ist hier an der richtigen Adresse: www.dkthr.de.

Diese Art des Reitens hat viel mit Ehrlichkeit sich selbst gegenüber zu tun, denn eigene Baustellen diskutieren Para-Reiter nicht einfach weg. „Körperlich kann nun mal nicht jeder das Gleiche leisten. Das ist bei gesunden Menschen ja nicht anders: Der eine ist zu groß, um Ringer zu werden, der andere zu klein für Stabhochsprung. Diese Einsicht ist bei behinderten Menschen meist größer und sie denken mehr über die Reiterei nach, v. a. darüber, was sie an sich und ihrer Hilfengebung verändern können, anstatt vorschnell das Pferd zu wechseln“, meint Zeibig.

Seiner Meinung nach müssten Reiter mehr Bereitschaft zeigen, ihre Denk- und Reitweise zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern. „Viele halten an Dingen fest, die ihnen ein Reitlehrer vor Jahren mal gesagt hat, heute aber völlig überholt und veraltet sind. Es fehlt an Flexibilität im Kopf. Reiten ist Denksport, sagt mein Trainer immer.“

Neue Perspektiven

Insbesondere bei Schwierigkeiten könne das Ablegen von Scheuklappen hilfreich sein. „Weder Reiter noch Pferd lassen sich in eine feste Schablone oder Reitlehre pressen. Die Richtlinien sind gut, aber kein Gesetz und damit nicht in Stein gemeißelt. Da ist Spielraum für Verbesserungen und man darf darüber nachdenken, was darin steht“, rät er.

Ein bewusster Blick über den Tellerrand befürwortet ebenfalls Regine Mispelkamp. Viele Reiter seien unflexibel, was ihr Reiten angeht, und würden damit ihre eigene Weiterentwicklung als auch die ihres Pferdes blockieren. „Sie sind eingefahren in dem, was sie tun, und nicht offen für neue Lösungsansätze. Dabei tut jedem der Blick über den Tellerrand gut“, sagt sie abschließend.

UNSERE EXPERTIN

Bei Pferdewirtschaftsmeisterin und Richterin REGINE MISPELKAMP wurde Multiple Sklerose diagnostiziert. Trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkung reitet die Diplom-Trainerin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sowohl im Regel-Sport (bis S***) als auch im Para-Sport (seit 2018 in Grade V) auf höchstem Niveau. Die Expertin betreibt einen eigenen Turnier-und Ausbildungsstall im niederrheinischen Geldern. www.mispelkamp.com

UNSER EXPERTE

STEFFEN ZEIBIG fehlen seit seiner Geburt der rechte Unterarm, der rechte Unterschenkel und der linke Fuß. Bis 2019 startete der Dressurreiter aus dem sächsischen Arnsdorf in Prüfungen bis zur Klasse S** im Regel-Sport. Im Para-Sport reitet er seit 2002 in Grade III und konnte hier mehrfach den Titel des Deutschen Meisters erlangen. Hinzu kommen zahlreiche Erfolge bei Europa-und Weltmeisterschaften sowie den Paralympics. www.steffen-zeibig.de