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Leos Drogenproblem


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 21/2022 vom 12.10.2022

Berlin Storys Leopoldplatz 

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Viele Nutzer:innen des Leopoldplatzes konsumieren dort Rauschmittel

Es ist ein Freitagmorgen auf demWeddinger Leopoldplatz. Auf dem Wochenmarkt wird frisches Bio-Obst und -Gemüse verkauft, an einem Stand gibt es eine große Auswahl an feinem Käse, an einem anderen frischen Fisch. Eine Bäckerin, die Bio-Brot und -Gebäck anbietet, erzählt uns, dass dies der älteste Ökomarkt Berlins ist, mit Verkäufer:innen, die schon seit 30 Jahren hierherkommen. Im Laufe des Vormittags treffen verschiedene Anwohner:innen ein, um ihre Wochenendeinkäufe zu erledigen – Alte und Junge, Hippe und Spießer wie auch junge Familien mit schicken Kinderwagen.

Nur ein paar Meter weiter liegen einige Obdachlose und Heroinabhängige auf den Bänken. Man muss sich nicht lange umsehen, um eine weitere Gruppe von Junkies zu sehen,die sich neben der Alten Nazarethkirche versammelt hat. Und gleich hinter der Kirche spielt eine Gruppe von Kindern im Sandkasten eines ansprechend ...

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... bunten Spielplatzes. „Wir suchen den Sand immer erst nach Nadeln, gebrauchter Folie oder ähnlichem ab, bevor ich meine Kinder spielen lasse“, sagt eine junge Mutter von zwei kleinen blonden Mädchen.

Der Leopoldplatz ist einer der berüchtigtsten Hotspots in Berlin für Alkoholiker:innen und Drogenabhängige. Viele im Kiez glauben, dass sich die Situation in den letzten Jahren verschlimmert hat. „Ich habe das Gefühl, dass es jetzt mehr Süchtige gibt“, fährt die Mutter fort, „und sie haben das Chaos der letzten Jahre ausgenutzt. Sie kennen keine Grenzen, und das ist beängstigend. Wir hoffen schon seit Jahren, dass sich hier etwas zum Besseren wendet, aber es passiert einfach nichts.“

Eine Frau, die ein Geschäft in der Nähe besitzt und seit 50 Jahren in diesem Viertel lebt, stimmt dem zu. „Es wird definitiv schlimmer“, sagt sie. „Es hat noch nie so viele von ihnen gegeben, und das in aller Öffentlichkeit, wie jetzt.“ Sie zeigt auf Heroinkonsumierende, die sich direkt vor ihrem Geschäft einen Schuss setzen. „Mein Auto wurde zweimal aufgebrochen und einmal gestohlen“, sagt sie. „Haben Sie gehört, dass vor ein paar Wochen jemand tot aufgefunden wurde? Heute habe ich zu viel Angst, den Platz nach Einbruch der Dunkelheit allein zu überqueren. Mein Mann holt mich ab und bringt mich nach Hause.“

Während sich die Einheimischen unterhalten, blicken sie zum Pissoir neben dem Spielplatz hinüber, wo ein Mann Alufolie an die Wartenden verteilt. Ein anderes Männerpaar bereitet in den öffentlichen Toiletten Heroin zum Inhalieren vor. Crack wird hier für fünf Euro pro Kristall verkauft, ein Gramm Heroin kostet 30 bis 50 Euro und ein Gramm Haschisch oder Gras etwa acht bis zwölf Euro. Der Preis hängt auch von der Qualität ab.

In der Nähe lagert eine Gruppe älterer Leo-Bewohner:innen, darunter ein Obdachloser in den Sechzigern, der sich im Rollstuhl sitzend das eigene Bein verbindet. Die Gruppe unterhält sich mit einem jüngeren Mann, der offensichtlich Drogen verkauft: Die Leute gehen auf ihn zu, und er drückt ihnen etwas in die Hand, bekommt daraufhin Geld. Als die Gruppe angesprochen wird, sagt einer der Männer aggressiv, er werde nicht reden, während die anderen versuchen, ihn zu beruhigen.

Weiter auf dem Platz, vor Leos anderer Kirche, eine andere Gruppe von Männern. Einer hilft einem anderen, der ein schmutziges Taschentuch um den Arm trägt. Nachdem die Nadel aus dem Arm des Hilfsbedürftigen entfernt wurde, geht der Drogenkonsument in die Hocke; sein Freund, der eine Hand am Hinterkopf hält, wirft die gebrauchte Spritze in eine große Einkaufstasche auf der Treppe der Kirche. Das alles geschieht in aller Öffentlichkeit, um elf Uhr vormittags.

Zwei Polizisten treffen ein. Man könnte erwarten, dass sich die Szene plötzlich ändert, aber es passiert nichts – die Polizisten sind nur für einen Kaffee gekommen. Auf die Frage, ob sie glauben, dass man hier etwas gegen die Drogensituation tun kann, antworten sie, dass man sich an die Pressestelle der Berliner Polizei wenden soll. Die Polizeivertreterin Heidi Vogt gibt auf Nachfrage Auskunft darüber, was die Polizei derzeit gegen den Drogenkonsum auf dem Platz unternimmt. „Der Leopoldplatz wird regelmäßig durch den Polizeiabschnitt 17 gestreift“, schreibt sie in einer E-Mail. „Darüber hinaus gibt es Schwerpunktaktionen (repressiv und präventiv) zur Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität.“

Vogt fügt hinzu, dass die „mobile Wache“ der Berliner Polizei regelmäßig auf dem Vorplatz der Nazareth-Kirche eingesetzt wird und weist darauf hin, dass die direkte Polizeipräsenz Teil einer größeren Anstrengung ist, an der verschiedene andere Gruppen beteiligt sind. „Der Abschnitt 17 ist seit vielen Jahren Teil eines breiten Netzwerks“, erklärt sie. „Es besteht ein enger und intensiver Austausch mit den sozialen Träger:innen der Sucht- und Obdachlosenhilfe, dem Jugendamt Mitte, der Nazareth-Kirchengemeinde sowie mit verschiedenen Bildungseinrichtungen und Vereinen, um gemeinsam und zielgerichtet der Kriminalität im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln vor Ort entgegenzuwirken.“

Sucht und Kriminalität

Vogt räumt auch ein, dass es im Leo noch einiges zu tun gibt. „Im Bereich des Leopoldplatzes stellt die Berliner Polizei regelmäßig Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz fest und ahndet diese konsequent. Sowohl im Rahmen des täglichen polizeilichen Grunddienstes als auch im Rahmen von Schwerpunktaktionen am Leopoldplatz werden immer wieder freiheitsentziehende Maßnahmen gegen Personen ergriffen, die dort entweder als Drogenkonsumierende oder durch den Handel mit Betäubungsmitteln aufgefallen sind.“

Nach den offiziellen polizeilichen Daten für das Jahr 2021 wurden 254 Tatverdächtige im Zusammenhang mit Suchtmitteldelikten in diesem Bereich ermittelt. Für das Jahr 2022 lag die Zahl der ermittelten Verdächtigen zum 30. Juni bei 109.

Unter den Anwohnern wird über einen kürzlichen Todesfall im Zusammenhang mit einer Überdosis am Leopoldplatz gesprochen, aber niemand scheint die Einzelheiten zu kennen. Einige sagen, dass ein junges Mädchen von Sozialarbeitenden tot aufgefunden wurde, während andere behaupten, dass es sich bei dem Opfer um einen Mann handelte, der im Rahmen einer Wette eine tödliche Dosis genommen hatte und dann dem Tod überlassen wurde. Die Pressestelle der Polizei sagt jedoch, dass sie in den letzten Monaten nicht zu einem Fall von Überdosierung im Leo gerufen wurde – was nicht unbedingt bedeutet, dass es keinen gab.

Jeden Werktag zwischen 12 und 16 Uhr steht an der Ecke Turiner Straße/Schulstraße eine Gruppe von Sozialarbeitenden und Ehrenamtlichen in Kleidung mit Logos des Vereins Fixpunkt und leistet aufsuchende Arbeit. Das Hauptziel der Organisation ist die Gemeinwesen-orientierte Drogen- und Suchthilfe sowie die Vermittlung bei Konflikten im öffentlichen Raum in Berlin. Im Bereich des Leopoldplatzes haben sie einen Automaten aufgestellt, der frische Spritzen und Nadeln bereithält, sie verteilen präventiv Antibiotika, um Infektionen zu vermeiden. Außerdem stellt der Verein Fixpunkt eine Reihe von medizinischen Versorgungspaketen zur Verfügung, bietet Beratungen an und führt Aufklärungsprojekte durch.

Durch das Fenster ihrer kleinen Hütte am Leo verteilt das Fixpunkt-Team braune Papiertüten mit Hilfsgütern, die den Grundbedarf der Süchtigen decken sollen: saubere Nadeln, Desinfektionsmittel, Lebensmittel und etwas Tee. Die Süchtigen am Leopoldplatz stehen in einer langen Schlange, um ihre Pakete in Empfang zu nehmen. Sogar ein junges Ehepaar mit einem kleinen Kind im Kinderwagen ist dabei – eine Sozialarbeiterin geht mit Formularen auf sie zu, die sie ausfüllen müssen. Selbst an Tagen, an denen Fixpunkt nicht genug Personal hat, um die Hütte zu öffnen, werden Lebensmittel an Obdachlose in der Umgebung verteilt.

„Ich habe Angst, den Platz nach Einbruch der Dunkelheit zu überqueren“

EINE ANWOHNERIN

„Das Leben ist enttäuschend, also habe ich versucht, dem zu entkommen. Aber dann werde ich nur noch enttäuschter und dann nehme ich noch mehr“

LUKAS, 31

Auf der anderen Straßenseite der Fixpunkt-Hütte haben sich Dutzende von Menschen in einem Bereich versammelt, der als offizielle Konsumzone ausgewiesen ist. Viele kommen aus Afghanistan oder den Balkanländern und sprechen in gebrochenem Deutsch. Einige sind äußerst freundlich und kommen mit einer Crack-Pfeife in der Hand auf uns zu, um uns zu umarmen und uns mit der Faust zu begrüßen.

Andere warnen, dass wir gehen sollten, wenn wir nicht in Schwierigkeiten geraten wollen. Zwei junge deutsche Männer nehmen ein Bier als Gegenleistung für ein Gespräch an. Es scheint, dass diese beiden Freunde, Chris und Lukas, offener und kohärenter sind als die meisten anderen in der Konsumzone.

Rausch als Ausweg

„Ich fühlte mich schon immer sehr zu Drogen hingezogen“, sagt Lukas. „Ich weiß noch, wie ich meinen älteren Bruder und seine Freunde zum ersten Mal Gras rauchen sah – ich wollte es unbedingt probieren, da war ich noch keine zehn Jahre alt. Mein Bruder lehnte natürlich ab, aber seine Freunde boten mir schließlich eines Nachmittags, als ich 12 war, einen Zug an. „Das war’s für mich.“ Lukas, der 31 Jahre alt ist, stammt aus einer kleinen Stadt im Norden Deutschlands. Er sagt, er sei geliebt aufgewachsen, obwohl er immer emotionale Probleme hatte. „Ich war der Jüngste in meiner ganzen Großfamilie, das Baby. Ich war zu Hause sehr behütet – sie haben mich immer bei Spielen gewinnen lassen, sie haben nie Nein zu mir gesagt. Daraus wollte ich unbedingt ausbrechen. Ich habe nie gelernt, mit Enttäuschungen umzugehen, aber das Leben ist enttäuschend, also habe ich versucht, dem zu entkommen. Aber dann werde ich nur noch enttäuschter, und dann nehme ich noch mehr.“ Lukas lacht bitter und nimmt einen Zug von einem Joint. Er hat ein sanftes Lächeln und sieht wie ein intelligenter Mann aus. Er wirkt wie jemand, der eine Chance haben könnte, hier herauszukommen – aber er sagt, er habe es nicht einmal versucht.

Sein Freund Chris hingegen hat es auf jeden Fall versucht. Chris – der sich selbst als „echter Ossi“ bezeichnet – hat zwei Entziehungskuren hinter sich und hat auch am Methadonprogramm der Region teilgenommen. Eine Zeit lang lebte er in einem Resozialisierungszentrum, einer Wohnung, die er mit anderen Drogenabhängigen teilte, während Sozialarbeiter:innen nach ihnen sahen, aber er wurde rückfällig. „Ich habe meine Eltern nie gekannt“, sagt Chris. „Ich hatte es schwer, als ich aufwuchs. Schon mit 14 Jahren nahm ich alle möglichen Drogen und hatte nicht einmal einen Schulabschluss. Chris erklärt, dass er am Tag nach seinem 18. Geburtstag nach Berlin kam, weil ihm ein Freund gesagt hatte, das Nachtleben sei toll. „Aber das kostet eine Menge Geld, also bin ich nicht mehr auf Partys gegangen und habe mein ganzes Geld dafür ausgegeben, um high zu werden. Letztendlich ist es egal, wo man ist.“ Er sagt das leise und nickt, dann schweigt er für einige Sekunden. „Drogen sind eine Schlampe. Weißt du, ich habe es versucht. Ich war fünf Monate clean, und dann sieben. Beim ersten Mal hat ein Freund etwas Stoff reingeschmuggelt und ihn mir auch angeboten. Dreizehn Monate später habe ich es wieder mit dem Entzug versucht. Aber das Methadonzentrum ist direkt beim Leopoldplatz. Ich bin also oft hier vorbeigegangen und habe bekannte Gesichter gesehen. Und dann bin ich rübergekommen, um Hallo zu sagen, und bumm, war ich wieder da. Der Leopoldplatz lässt mich einfach nicht los!“

Chris ist jetzt seit fast einem Jahr aus dem Reha-Programm heraus. Er ist sprunghaft, wenn er spricht, und seine vom Dialekt geprägte Stimme ist nicht leicht zu verstehen, aber er sagt, er sei in der Schule immer für sein scharfes Denken gelobt worden. Wenn er hier rauskäme, würde er gerne Koch in einem guten Restaurant werden. Er war noch nie in einem, aber er hat den Film „Ratatouille“ geliebt. Er und Lukas fangen an, über die berühmte Kochratte aus dem Film zu sprechen. Sie diskutieren lange darüber. Beide Männer nehmen hauptsächlich Crack, Haschisch und Heroin.

Der Fixpunkt-Container ist bei den Süchtigen am Leopoldplatz definitiv beliebt. Lukas sagt, das liege daran, dass die Mitarbeitenden den Menschen freundlich und inklusiv begegnen und dass sie immer da sind, wenn jemand aussteigen will. Die Anwohner sind jedoch nicht alle so positiv gegenüber dem Spritzentausch und den Methadonprogrammen in der Gegend eingestellt. Einige sagen, dass dies nur noch mehr Süchtige anlocke. „Ich liebe den Wedding, ich bin hier aufgewachsen, und es war immer hart – aber jetzt ist es irgendwie anders“, sagt die junge Mutter auf dem Spielplatz. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich meine Kinder noch lange hier großziehen will. Die Stadt macht unser Viertel absichtlich kaputt, indem sie diese Initiativen hier zulässt. Ich sage ja nicht, dass diese Menschen keine Hilfe brauchen, aber könnte die nicht woanders stattfinden?“

Dr. Ahmed, ein Arzt aus einer nahegelegenen Praxis, der den Süchtigen im Programm Methadon verschreibt, sagt, er verstehe die Sorgen der Anwohner – aber er meint auch, dass ein Zentrum, je weiter außerhalb einer Stadt es liegt, umso seltener aufgesucht wird, was den Leopoldplatz zu einem idealen Standort macht. „Drogen werden dort konsumiert, wo etwas los ist, also werden die Süchtigen auch dort sein, wo etwas los ist“, sagt er. Dr. Ahmed, der vor acht Jahren den Entschluss fasste, mit Süchtigen zu arbeiten, hat eine große Zahl muslimischer Konsumenten in der Gegend beobachtet. „Ich bin mir nicht sicher, woran das liegt“, sagt er, „ich denke, es sind die Banden – die Mafia hier bringt die

Menschen dazu, sich vom Glauben abzuwenden, und dann werden sie süchtig. Und es ist extrem schwer, aus der Sucht auszubrechen. Nur etwa 17 Prozent der Süchtigen schaffen es, wieder auf die Beine zu kommen, und nur zwei Prozent können sagen, dass sie auch nach zehn Jahren noch clean sind. Das ist eine sehr, sehr kleine Zahl! Heute geht es bei all unseren Programmen – wie dem Spritzentausch und den kostenlosen medizinischen Untersuchungen – darum, den Süchtigen zu helfen, so gesund wie möglich zu bleiben und Drogen verantwortungsvoller zu konsumieren.“

Warnzeichen und Prävention Dr. Ahmed sagt, dass der Leopoldplatz definitiv eine der härteren Gegenden Berlins ist. Er vermutet, dass aufgrund der bedeutenden lokalen Präsenz der organisierten Kriminalität nicht viel auf systematischer Ebene gegen die Drogensituation unternommen wird. „Was ich sagen kann, ist, dass Prävention unsere größte Verantwortung ist“, sagt er. „Wir müssen auf unsere Angehörigen aufpassen, wenn wir den Verdacht haben, dass sie Drogen konsumieren, denn wenn es sich wirklich auf ihre Persönlichkeit auswirkt und für alle offensichtlich wird, ist es in der Regel zu spät.“ Zu den Warnzeichen gehören seiner Meinung nach eine leicht erhöhte Temperatur, Konzentrationsschwäche, unregelmäßiger oder sehr wenig Schlaf, Appetitlosigkeit und Pupillen, die auch bei Tageslicht geweitet sind.

Lukas jedenfalls hat den Eindruck, dass es zwischen ihm und seinen Angehörigen zu spät ist. Er spricht mitfühlend über seine Familie, aber so, als ob seine Angehörigen schon tot wären – all die schönen Erinnerungen sind fest in der Vergangenheitsform verankert. „Ich habe seit neun Jahren nicht mehr mit meinem Vater gesprochen, obwohl ich immer nur seine Anerkennung wollte“, sagt er. „Zu meinem Bruder habe ich vor sieben Jahren den Kontakt verloren, nachdem er und seine Frau mich für ein paar Tage bei sich aufgenommen hatten, als ich überlegte, einen Entzug zu machen und ich sie bestohlen hatte, um zurück nach Berlin zu kommen und Drogen zu kaufen. Meine Mutter hat mich erst viel später aufgegeben – sie hat immer angerufen, um sich zu vergewissern, dass ich noch lebe. Sie hat mir sogar Geld für die Miete geschickt, aber sie hat so sehr darunter gelitten, dass ich ihr Sohn bin, also habe ich aufgehört, ihre Anrufe anzunehmen. Es ist besser, wenn sie denkt, dass ich tot bin.“

Warum also verlässt Lukas den Leopoldplatz nicht? Wie kommt es, dass ein Mann aus einer liebevollen Familie auf der Straße schläft und Drogen nimmt? Lukas glaubt, dass etwas mit seiner Psyche nicht in Ordnung ist. „Irgendetwas stimmt nicht in meinem Kopf“, sagt er. „Ich will so leben. Ich möchte so wenig wie möglich von der Welt erfahren.“