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LERNEFFEKTE BEIM SCHALENWILD: Wann lohnt der Wiederansitz?


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 06.06.2019

Wie sensibel reagieren Rot-, Schwarzund Rehwild auf Abschüsse in ihrem Lebensraum? Wann kann der Jäger wieder an einem Erlegungsort ansitzen?


Artikelbild für den Artikel "LERNEFFEKTE BEIM SCHALENWILD: Wann lohnt der Wiederansitz?" aus der Ausgabe 11/2019 von Wild und Hund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Rafal Lapinski

Die dick eingeschneiten Douglasien am Dickungsrand wackeln verdächtig. Etwas Schnee plumpst dumpf zu Boden. Das graue Haupt einer alten Geiß wird sichtbar. Sie sichert aufmerksam. Wie auf ein Zeichen stürmen plötzlich zwei stramme Kitze an ihr vorbei an den duftenden Tresterhaufen. Schuss. Die Bühne ist leer. Das erlegte, schwächere Kitz schlegelt noch kurz. Es herrscht wieder Stille im Winterwald.

Keine halbe Stunde später taucht der Rest des ...

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... Familienverbands wieder auf. Während die Ricke die schützende Dickung nicht mehr verlässt, stürzt das zweite Kitz erneut zum Trester und steigt dabei sogar über das erlegte Stück, ohne dieses sonderlich zu beachten. Scheinbar verknüpft das junge Böckchen weder das verendete Geschwisterchen noch den Ort mit Gefahr. Die Lauscher der Mutter hingegen sind gespitzt und sichern in alle Richtungen. Sie ist nervös und zögert sichtlich, die schützende Deckung zu verlassen.

Ricken und auch Alttiere, denen das Kitz weggeschossen wurde, kehren zwar zurück, um es zu suchen, meiden den Erlegungsort dann allerdings langfristig. Sie können die Stelle, an dem der Nachwuchs verloren ging, genau lokalisieren. Das nervöse und vorsichtige Verhalten zeigt, dass sie den Ort mit Gefahr verknüpfen. Dennoch überwiegt die Bindung zum eigenen Nachwuchs und das Elterntier sucht. Ein Grund, warum der Waidmann, wenn eine Dublette nicht gelang, stets sitzen bleiben sollte.„Ricken meiden die Stellen und das Umfeld, wenn dort ein Kitz gestreckt wurde. Es hat sich gezeigt, dass noch nach zehn Tagen ein verwaistes Kitz den Anschuss aufsuchte, an der vorher die zugehörige Ricke erlegt wurde“, so Wildmeister Helmut Hilpisch.

Ein Rudelmitglied wurde gestreckt, und alle Stücke eräugen den Jäger. So schnell wird keiner der Zeugen wieder auf diese Äsungsfläche austreten.


Foto: Karl-Heinz Volkmar

Ein anderes Erlebnis ereignete sich bei einem Morgenansitz im Mai. Der Weg zum Sitz führte den Jäger durch eine kniehohe Wiese. Noch zwei Stunden später zeichnete sich seine Fährte im taunassen Gras ab. Ein anwechselnder Jährling bewindete interessiert die menschliche Fährte, zog dann aber völlig unbekümmert weiter. Er hat sie nicht mit drohender Gefahr verbunden. Die ältere Geiß, die wenig später den Weg des Jägers kreuzte, sprang hingegen panisch ab. Rehwild reagiert auf risiko-reiche Orte sehr unterschiedlich. Das Alter und damit die Erfahrung des einzelnen Wildtieres scheint also eine erhebliche Rolle zu spielen, wie Gefahrenquellen eingeschätzt werden. Insbesondere bei Rehen ist dabei auch die olfaktorische Kommunikation wichtig. So hinterlässt es beim Abspringen Duftsekrete, die Artgenossen warnen, die später an den Ort der Flucht wechseln (siehe WuH 10/2019).

Ein Grund, warum z. B. Wechsel über Generationen von Wild genutzt werden, ist, dass Elterntiere auf diesen mit ihrem Nachwuchs ziehen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Kitze so auch lernen, bestimmte Bereiche im Habitat zu meiden. „Eine Rehgeiß weiß häufig, wo die Sitze liegen und wo im Einzugsgebiet die riskanten Ecken sind. Da aber ein attraktives Reh-Revier nicht lange verwaist bleibt, wird sich auch hier, vor allem im Frühling bis zum Ende der Blattzeit, immer wieder die jagdlich entstandene Lücke durch Zuzügler füllen“, so die Wildbiologin Dr. Christine Miller.

Junge Stücke können Gefahren oft noch nicht einordnen. Es fehlt ihnen an Erfahrung.


Foto: Karl-Heinz Volkmar

Beim Schwarzwild gibt es wohl kaum ein mehrjähriges Stück in unserer Kulturlandschaft, dass noch keinen Schuss vernommen hat oder sogar dabei war, wenn danach ein Artgenosse fehlte. Dennoch nehmen viele Rotten trotzdem schon nach wenigen Tagen die Kirrung wieder an (siehe WuH 20/2017). „Wird die Rotte allerdings von einer erfahrenen Bache geführt, so wird diese den Platz in den nächsten Tagen nicht aufsuchen – andere Rotten aber durchaus“, so Wildmeister Helmut Hilpisch. Unbeteiligte Rotten scheinen durch den Abschuss nicht beeinflusst zu werden, selbst wenn am Anschuss Schweiß zurückblieb.

Sobald erfahrene Bachen Veränderungen in der Umgebung bemerken und dazu noch Verluste bei den Frischlingen miterleben, beobachten sie aufmerksamer, ob ein Risiko auf bestimmten Flächen droht.

Viele Jäger kennen das einzelne Hauptschwein, das Ablenkfütterungen erst mehrmals argwöhnisch weiträumig umkreist und nur unter gutem Wind anwechselt.

Das linke Stück hat den Schuss. Ob das andere den Ort mit Gefahr verknüpft, wird auch durch das Verhalten des getroffenen Artgenossen bestimmt.


Foto: Michael Stadtfeld

„Es sind die Überläuferrotten, die dann immer wieder zu den Kirrungen kommen. Auch die allgemeine Nahrungssituation muss man dabei in Betracht ziehen. Je mehr Mast ohne große Gefahr im Wald oder Weizen und Mais in Milchreife angeboten wird, desto geringere Anziehungskraft üben Kirrungen aus“, erklärt Miller. „Besonders hilfreich ist das Vergrämen von Sauen an Wildschadensflächen, wenn man einen Frischling aus der Rotte streckt und dadurch die Bache die Erfahrung macht: Diese Stelle ist gefährlich. Erlegt man die Bache, suchen die verwaisten Frischlinge am Erlegungsort ihre Mut- ter und verursachen dadurch weiterhin Wildschaden“, warnt Hilpisch. Generell scheinen insbesondere beim Schwarzwild neben Erfahrungsträgern die Umstände des Abschusses eine Rolle zu spielen. Hat z. B. ein Rottenmitglied aufgrund eines Nierenschusses lautstark geklagt, so wird der Erlegungsort langfristig gemieden. Neben der Leitbache haben alle Sauen des Verbands den Ort mit Leid verknüpft. Dass Raubwild von den Gerüchen dort angezogen wird, ist unbestritten. „Wird z. B. ein Rehbock auf der Wiese erlegt, ist es aber auch keine Seltenheit, dass man einen Tag später dort Schwarzwild antrifft“, ergänzt Hilpisch.

Rotwild reagiert besonders sensibel auf Störungen. Daher sollte es beispielsweise dringend vermieden werden, den Aufbruch am Erlegungsort oder in unmittelbarer Nähe zurückzulassen. Berufsjäger Hilpisch weist jedoch auf einen Sonderfall hin: „Nachdem ein führendes Alttier überfahren wurde, setzte ich alles daran, das zugehörige Kalb in den nächsten Tagen am Unfallort zu strecken. Daher brachte ich dort den Aufbruch des Tiers aus. Und es funktionierte – das Kalb wurde von dem ihm scheinbar bekannten Duft des Elterntieres sogar angezogen.“

Die Bindung zwischen Kalb und Alttier ist beim Rotwild besonders eng. Vom Sommer zum Winter hin wird sie stetig lockerer. „Beim Erlegen eines Kalbes im August oder September sollte der Ansitzplatz in den darauffolgenden 48 Stunden möglichst bei allen Gelegenheiten besetzt werden, um das das Kalb suchende Alttier ebenfalls zu erlegen“, so Dr. Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. Nach ihm führt dieses Prinzip zu einem erhöhten Anteil tierschutzgerecht erlegter Alttiere. Zum anderen kann das Tier die negative Erfahrung des Kalbabschusses an diesem Ort nicht an weitere Rudelmitglieder oder spätere Nachkommen weitergeben.

Ein unmittelbarer Wiederansitz ist außerdem immer dann empfehlenswert, wenn ein Waldbereich für einen bestimmten Zeitraum möglichst frei von Rotwild gehalten werden soll – zum Beispiel Verjüngungsflächen und schälgefährdete Stangenhölzer. Dabei gehört seine für den Jäger selbst kaum wahrnehmbare Störwirkung durch z. B. küselnden Wind oder die lange Stehzeit seiner Wittrung genauso zur Taktik wie der eigentliche Jagderfolg. „Erfolg versprechende Wechsel des Rotwildes können vor allem in der Brunft abseits der Brunftplätze regelmäßig innerhalb weniger Tage wieder besetzt werden. Typische Einstandsbereiche sollten dagegen maximal alle vier Wochen oder besser deutlich weniger bejagt werden“, erläutert Dr. Kinser. Wildäsungsflächen bleiben dabei, wenn möglich, unbejagt.

Wie viele Lichter den Jäger beim Bergen beobachten, weiß er nie.


Foto: Jens Krüger

Trubel am Anschuss: Der Hirsch wird direkt am Erlegungsort aufgebrochen. Beim hochsensiblen Rotwild werden andere Stücke den Revierteil lange meiden – auch wenn der Aufbruch mitgenommen und entsorgt wird.


Foto: Dieter Hopf

Alttiere und erfahrene Bachen gehören zu den intelligentesten und vorsichtigsten heimischen Wildtieren. Sie lernen aus Erfahrung und können alle Sinneseindrücke (Jägerduft, Motorengeräusch etc.) mit ihnen verknüpfen sowie Lehren daraus ziehen. Je mehr Erfahrung ihnen der Jäger beschert, desto klüger werden sie. „Wer so jagt, dass sie kaum eine Verknüpfung zwischen einer Äsungsfläche und großem Risiko herstellen, kann einen Sitz auch immer wieder nutzen. Die klugen Alttiere haben nicht erlebt, dass kurz nach dem Tod eines Rudelmitglieds ein Mensch auftaucht. Entscheidend ist auch, ob die erste Erlegung am Morgen erfolgte oder am Abend, ob beim Anwechseln oder beim Abwechseln ein Stück erlegt wurde, ob man ein einzelnes Stück bejagt hat oder eines in einem Rudelverband“, erklärt Dr. Miller. Zieht ein Rudel oder eine Rotte am Abend hungrig zur Äsungsfläche, kann der Verlust eines Gruppenmitglieds beim Anwechseln nicht so stark mit einem Risiko auf der Äsungsfläche verbunden werden. Am Morgen dagegen kann der Jäger nie sicher sein, ob das Wild nicht schon die ganze Nacht auf der Fläche war. Das Risiko, Zeugen beim Strecken eines Stückes zu haben, und das Verknüpfen einer Äsungsfläche mit Gefahr sind die wichtigsten Faktoren, ob sich ein Rudel von der Fläche länger fernhält oder nicht. Ist ein Vegrämungseffekt gewünscht, kann er so erzielt werden.

„Wildtiere befinden sich ja ständig in der Zwickmühle zwischen der Entscheidung, einerseits auf eine attraktive Äsungsfläche zu ziehen, sich auf die Suche nach Sozialpartnern zu machen und andererseits das Risiko, dort gefressen, erlegt oder überfahren zu werden,“ so die Wildbiologin. Besonders soziale Wildarten sind sensibel, wenn sie lernen, Mensch und Gefahr, d.h. den Schuss, miteinander zu verknüpfen. Oft verhofft das Rudel nach einer kurzen Flucht noch mal, wenn ein Stück aus seiner Mitte erlegt wurde. Eräugt es dann den abbaumenden Waidmann, so entsteht der für den Jagderfolg kontraproduktive Lerneffekt. Ein Grund, warum z. B. im Nationalpark Nordschwarzwald peinlichst darauf geachtet wird, beim Abschuss keine Zeugen zu hinterlassen. Denn es wurde mit Telemetriedaten nachgewiesen, dass erfahrenes Rotwild Ansitzeinrichtungen im Park durchaus kannte und mied. Ähnliches gilt auch für den einzelnen Bock, dem in der Dämmerung die Kugel angetragen wird. Der Jäger weiß nie, wie viele Lichter ihn beim Abbaumen beobachten. Die klassische Zigarettenlänge Wartezeit nach dem Schuss ergibt also durchaus Sinn.

„Genauso wichtig ist eine lautlose Wildbergung am Erlegungsort, will man dort in nächster Zeit wieder ansitzen“, ergänzt Berufsjäger Hilpisch. Zudem ist anzunehmen, dass menschliche Wittrung in durch Waldbesucher häufig frequentierten Revieren weniger abschreckend auf Wild wirkt. „Das Risiko durch Menschen ist hier stets vorhanden und muss vom Wildtier dort immer bei seinen Bewegungen eingeplant werden“, so Miller.

Das Verhalten des Jägers nach dem Schuss entscheidet darüber, ob Wild lernt, einen Ort mit Mensch und Gefahr zu verbinden. Zudem hat jedes Einzeltier seine individuellen Erfahrungen und Vorsicht, die sein Verhalten steuern. „Junge Überläufer sind mit sich selbst beschäftigt. Sie müssen mit ihrer Rotte oder in einer gleichaltrigen Gruppe durchs Leben ziehen. Daher stolpern sie auch immer wieder auf Flächen, auf denen sie ihren Hunger stillen können. Sie sind noch weit entfernt vom sensiblen Verhalten einer Leitbache, die eine ganze Rotte sicher führen muss“, erklärt die Wildbiologin. Lange Ruhezeiten in den verschiedene Ecken des Reviers lassen Wild wieder vertraut werden. Auch nach Drückjagden oder langen Nachsuchen mit Hatz sollte man das Gebiet wieder zur Ruhe kommen lassen. „Das Verhalten des Jägers nach dem Schuss beeinflusst daher maßgeblich, wann ein Ansitzort wieder Erfolg verspricht“, so Berufsjäger Hilpisch.

Der Waidmann sollte nie unmittelbar nach dem Schuss abbaumen.


Foto: Karl-Heinz Volkmar