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Lernen, lernen, nochmals lernen… Aber wenn nicht?


WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 155/2019 vom 01.09.2019

Zur dramatischen Lage an den Universitäten Südafrikas


Der im Herbst 2018 in Berlin mit großem Presserummel abgehaltene Afrikagipfel hatte in erster Linie das Ziel, auszuloten, unter welchen Bedingungen die deutsche Wirtschaft im Nachbarkontinent investieren kann. Das Treffen wurde von Fachleuten kritisiert. Das Hauptanliegen, so die Kritik der Afrikakenner, könne nicht die Wirtschaftsförderung durch private Investitionen sein, ohne sich mit den dortigen Bedingungen vertraut gemacht zu haben. Zu oft habe die entwicklungspolitische Praxis gezeigt, dass man mit den Partnern nicht vom grünen Tisch aus planen ...

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Bildquelle: WeltTrends, Ausgabe 155/2019

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... kann. Kenntnis und Verstehen der afrikanischen Realitäten sei eine wichtige Voraussetzung für solche Projekte. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist die Bildung derjenigen, für die bzw.mit denen vor Ort kooperiert werden soll. Ist das in Berlin geschehen? Zweifel sind angebracht.

Protestgraffiti in Johannesburg


© Sascha Krämer

Das Absinken des Niveaus an den Universitäten ist schon heute bemerkbar. So werden händeringend „nicht-weiße“ Doktoranden gesucht – in allen akademischen Disziplinen. Auf eine Million Einwohner kamen in Südafrika im Jahre 2018 nicht einmal 30 PhD-Absolventen. Viele Doktorandenstellen und Stipendien werden ausdrücklich für Schwarze ausgeschrieben. Solche Unterstützung ist nötig, denn wie die Zahlen aus dem Jahre 2011 zeigen, hatten 36 Prozent der Weißen, aber nur 8,3 Prozent der nicht-weißen Bevölkerungsgruppen einen höheren Bildungsabschluss. Aber kann man so das Problem lösen? Betroffene sprechen von einem „umgekehrten Rassismus“. Demgegenüber wird an den Universitäten der Verwaltungsapparat ausgebaut. So gibt es Hochschulen in Südafrika, an denen der Anteil wissenschaftlicher Mitarbeiter lediglich zwischen 15 und 20 Prozent betragen soll.

Schulen in der Krise

Eine Ursache für den Niedergang der universitären Ausbildung ist im Schulsystem zu sehen. Auf den ersten Blick ist das öffentliche Bildungssystem im kontinentalen Vergleich beeindruckend. Es gibt eine allgemeine Schulpflicht für Kinder zwischen 7 und 16 Jahren. Das heißt, alle müssen die ersten neun Schuljahre durchlaufen. Das betrifft etwa 14 Millionen Schülerinnen und Schüler (Stand 2016). Die Analphabetenrate liegt bei sieben Prozent. Ein Lehrer unterrichtet in der Regel 31 Kinder in den etwa 26.000 öffentlichen Schulen. Deren Zahl nimmt jedoch ab, vor allem auf dem Lande. Dort haben laut UNICEF-Report etwa 27 Prozent der öffentlichen Schulen kein fließendes Wasser und 78 Prozent besitzen weder Bibliotheken noch Computer. Die Schulgebühren werden für die Eltern immer höher, weil die Schulen stetig mehr Geld für die Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Kinder ausgeben. Die andere Möglichkeit sind Privatschulen, die vorwiegend von weißen Kindern besucht werden. Von diesen Schülern gehen 98 Prozent dann an eine Universität – jedoch immer mehr ins Ausland.

Um die negativen Auswirkungen der Apartheid abzumildern, erhalten Kinder aus „benachteiligten Bevölkerungsgruppen“ finanzielle Unterstützung vom Staat und dies schon seit Jahren. Dennoch ist es nicht gelungen, die Bildungsschere zwischen „arm“ und „reich“ zu schließen. Im globalen Vergleich belegen Südafrikas Schulen hintere Ränge. Und dies trotz hoher Bildungsausgaben! Das Dilemma machen folgende Zahlen deutlich: Von den 1,2 Millionen im Jahre 2005 eingeschulten Kindern erreichten 2017 etwa 401.000 (33 Prozent) nach zwölf Jahren die Landesabiturprüfungen (Matric), aber nur 161.000 davon (29 Prozent) eine Punktezahl, die hoch genug ist, um sich mit Erfolg um einen Universitätsplatz zu bewerben. Dabei sollte man beachten, dass Schulabgangszertifikate unter dem Niveau der Matric in der Bewerbungspraxis für Bildungszugänge praktisch wertlos sind. Ein Grund für die schlechten Schulleistungen ist die schlechte Lehrerausbildung. Und damit sind wieder die Verhältnisse an den Universitäten angesprochen, wo gut Begüterte sich in den letzten Jahren Abschlusszeugnisse illegal beschaffen konnten.

Wirtschaftsförderung ohne Bildungsförderung?

Das Bildungssystem bringt nicht die Fachkräfte hervor, die die Wirtschaft benötigt. Nicht allein, jedoch auch deswegen liegt die Arbeitslosigkeit bei 27 Prozent. Im Jahre 2017 betrug unter den 15- bis 25-Jährigen die Arbeitslosenquote sogar 53 Prozent! Brian Kantor, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der University of Cape Town, die im Weltranking 2018 als beste Universität des Landes gilt, stellte fest: Während im Land eine wachsende Menge von Arbeitsplätzen für Hochqualifizierte nicht besetzt werden könne, wachse die Zahl geringqualifizierter Arbeitssuchender für eine schrumpfende Menge von Arbeitsplätzen, die nur geringe Qualifikationen erfordern. Immer mehr junge Menschen kommen in die Arbeitslosigkeit und gleiten von dort in die informelle Wirtschaft und Kriminalität ab. Gut qualifizierte Arbeitskräfte verlassen das Land. Pessimismus und Zukunftsangst verstärken sich. Nicht gerade günstige Bedingungen für ausländische Investitionen! Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage: Wäre es in Berlin nicht besser gewesen, statt über Wirtschaftskooperationen zunächst über Zusammenarbeit in Wissenschaft und Bildung zu reden?

1 Die Matriculation (Matric) ist in Südafrika der Abschluss, der nach 12 Jahren Schulbesuch erlangt wird und den Besuch einer Universität ermöglicht.
2 Unter der Mandela-Regierung in den 1990er-Jahren hatten Universitäten dazu das Recht. Afrikaans galt zwar als die Sprache der Apartheid, aber sie wird nicht nur von Weißen, den Buren, gesprochen. Sie ist eine der elf Landessprachen. Nicht wenige Unterrichtsmaterialien liegen bislang allein in Afrikaans vor.

Prof. Dr.mult. Ulrich van der Heyden

Historiker und Politikwissenschaftler, Humboldt-Universität zu Berlin, Visiting Professor an der University of South Africa. Publikationen zu Geschichte und Politik Südafrikas, der deutschen Afrika-, Kolonial- und Missionsgeschichte
heydenul@hu-berlin.de