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Lernen Sie loszulassen!


Traders - epaper ⋅ Ausgabe 10/2020 vom 24.09.2020

Viele Menschen haben eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Angst davor, Fehler zu machen. In manchen Fällen kann dies zu einer ausgeprägten Versagensangst führen, die so stark ist, dass sie das Handeln lähmt. Der Autor selbst verbrachte viele Jahre seines Lebens damit, sich von dieser Angst zu befreien. Dabei lernte er interessante Dinge, die er in diesem Artikel mit Ihnen teilen möchte.


WER IMMER RECHT HABEN MUSS, IST AUF DEM HOLZWEG

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Bildquelle: Traders, Ausgabe 10/2020

Wir alle kennen Plattitüden wie „Es ist nicht schlimm, mal danebenzuliegen“, „Jeder macht mal Fehler“, „Wir lernen aus unseren Fehlern“ und so weiter. Vom Grundsatz her ...

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... stimmen sie. Allerdings werden sie heutzutage vor allem durch die sozialen Medien so oft verbreitet, dass sie einfach nicht mehr ausdrucksstark sind. Wir verstehen zwar ihre Bedeutung, aber sobald es um uns selbst geht, empfinden wir dennoch Frust, Unzufriedenheit, Wut und Ärger, wenn wir feststellen, dass wir falschliegen. Etwas zu verstehen heißt nicht automatisch, es auch anwenden zu können. Mit anderen Worten: etwas zu verstehen ist etwas komplett anderes als an etwas aus Überzeugung zu glauben. Wenn man nämlich die Bedeutung versteht, richtet man sein Verhalten in der Regel nach diesem Glauben aus.

Yvan Byeajee

Yvan Byeajee wurde im Trading erfolgreich, indem er Achtsamkeit & Meditation, gute Trading-Prozesse und effiziente Business- Prinzipien kombinierte. Byeajee ist Teil eines Kapitels in Dr. Brett Steenbargers Buch „Trading Psychology 2.0“ und brachte ein eigenes Buch heraus, „From Zero to Hero“.

www.tradingcomposure.com

Die meisten Menschen versuchen mit aller Macht, nicht falschzuliegen. Das ist ein Problem - nicht nur für uns als Trader, sondern auch für uns als Individuum. Darüber hinaus ist es ein Problem für unsere Kultur. Wir klären in diesem Artikel, warum es uns so wichtig ist richtigzuliegen - und warum das ein Problem ist. Zum Schluss sollten Sie bestenfalls dieses Gefühl hinter sich lassen können. Wenn Sie das schaffen, haben Sie den ersten Schritt Richtung Erfolg an den Märkten und auch in Richtung Freiheit als Individuum gemacht.

Wieso ist es uns so wichtig, recht zu haben?

Die Ursache ist ziemlich heimtückisch und rüttelt an den Grundpfeilern unserer Gesellschaft. Die Basis liegt in der Erziehung, die Kindern eintrichtert, das zu lernen, was ihnen beigebracht wird. Dabei füttert man sie mit Fakten und fragt sie danach ab. Die mit den wenigsten Fehlern gelten als die Schlauesten, wohingegen die mit den schlechtesten Noten darunter leiden, sich blamiert zu haben.

Das Bildungssystem befasst sich nicht damit, uns beizubringen, wie wir aus unseren Fehlern lernen und nach dem Scheitern einen Neuanfang wagen können - obwohl genau das von entscheidender Bedeutung für unser Lernen ist. Die Gesellschaft grenzt diejenigen aus, die nicht die Standards erfüllen. Wir werden sogar so erzogen, dass immer nach Perfektion streben - auch wenn es so etwas gar nicht gibt. Von Beginn an lernen wir schmerzhafte Erfahrungen zu vermeiden, die durch Scheitern und Misserfolg entstehen. Folgerichtig entwickeln wir eine Leidenschaft dafür, richtigzuliegen. Wer zu einem autarken und selbstbestimmten Trader, Unternehmer oder Innovator werden möchte, hat deshalb eine Reise vor sich, bei der er völlig unvorbereitet auf die harte Wirklichkeit trifft.

Statt mit der Unsicherheit zu leben und uns ihr anzupassen, versuchen wir verzweifelt, Sicherheit zu schaffen - sogar dort, wo es keine gibt und gar nicht geben kann. Als Trader sehnen wir uns nach jenem Gefühl der Sicherheit, das uns die Technische Analyse und die zahlreichen Indikatoren auf unseren Charts scheinbar geben (siehe Bild 1).

Auf- und Abwärtsbewegungen an den Märkten lassen unsere Stimmung wie ein Pendel ausschlagen. Scheitern wir, macht uns das wahnsinnig. Falschzuliegen kann jetzt nur bedeuten, dass mit uns selbst etwas nicht stimmt. Schließlich waren wir vorher fest davon überzeugt, richtigzuliegen. Also bleiben wir beharrlich dabei und versuchen umso mehr, mit unseren Annahmen recht zu haben. Denn genau das gibt uns das Gefühl, schlau, verantwortungsbewusst, anständig und mutig zu sein (Bild 2). Ein Trugschluss in Endlosschleife!

Der präzise Maßstab der Realität

Inflexibilität bedeutet Mittelmäßigkeit. Wenn wir diese Tatsache beherzigen, können wir den Spieß umdrehen. Wir müssen uns von unserem Bedürfnis verabschieden, richtigzuliegen, und uns stattdessen mit der Unsicherheit anfreunden. Dazu müssen wir offen für folgende Erkenntnisse sein:

1. Wir haben keinerlei Kontrolle! Die Welt wird von Ursache und Wirkung beherrscht. Das Leben eines jeden ist eine direkte Folge von Ursachen (der Gegenwart und Vergangenheit), über die wir keine Kontrolle haben. Dies wird von unterschiedlichen Faktoren bestimmt, die wir unmöglich analysieren können. Haben Sie die Kontrolle über die Menschen, die Ihr Leben nachhaltig beeinflussen? Haben Sie die Kontrolle über die Kraft der Natur? Haben Sie die Kontrolle über die Märkte? Diese Kontrolle ist eine Illusion.

2. Unsere Entscheidungen sind (meistens) nicht objektiv. Wir neigen zu der Ansicht, dass unsere Meinungen durch die sorgfältige und objektive Auswertung von Ideen, Fakten, Parametern et cetera gebildet werden. Deshalb erscheinen sie uns intelligent und vernünftig. In Wirklichkeit aber basieren unsere Entscheidungen und Meinungen häufig auf unseren Überzeugungen, die mit den Fakten kollidieren können.

3. Meinungen entstehen in unserem Kopf. Unsere Umwelt - die Märkte inbegriffen - kategorisiert nicht die Informationen, die sie uns liefert. Gut, schlecht, richtig oder falsch sind subjektive Meinungen, die ausschließlich in unseren Köpfen hervorgerufen werden.


„Kontrolle ist eine Illusion.“


Diese Erkenntnisse machen uns auf unsere ineffiziente und fehlende Flexibilität aufmerksam - also auf den eigentlichen Grund für unsere Unfähigkeit, beim Trading nachhaltig positive Ergebnisse zu erzielen. Verabschieden Sie sich von der Idee, immer richtigliegen zu müssen. Sie werden Ihr Trading ganz anders wahrnehmen.

So lösen Sie sich

Die folgenden Ratschläge können Ihnen helfen, wenn Sie sich konsequent daran halten:

1. Erkennen Sie, wann Sie richtigliegen wollen. Versuchen Sie in einer stressigen Situation, Ihren Körper und Ihre Gedanken ganz bewusst zu beobachten. Sie werden relativ häufig feststellen, dass Ihr Stress eine Folge des Widerstands ist. Diese Haltung nehmen Sie ein, wenn Sie bei einer Sache richtigliegen wollen. Indem Sie sich Ihres Verhaltens bewusst werden, verschaffen Sie sich einen mächtigen Vorteil.

2. Es ist in Ordnung, falschzuliegen - ist es wirklich! Anstatt diese Phrase mit einer Handbewegung abzutun, sollten Sie bewusst damit umgehen. Erfassen Sie die Bedeutung in ihrer ganzen Tiefe. Dauerhafter Erfolg am Markt ist ein kurvenreicher Weg und niemals eine gerade Linie. Indem Sie stets am Ball bleiben, immer aktiv sind und die Positionsgröße klein halten, werden Sie durch die Praxis immer besser. Und Sie können nun aus Ihren Fehlern lernen.

3. Wie fühlt es sich an, falschzuliegen? Sie werden vermutlich sagen: „schrecklich“, „peinlich“, „frustrierend“. Formulieren Sie nun die Frage um: „Wie fühlt sich die Erkenntnis an, falschzuliegen?“ Das kann sich genauso schlecht anfühlen. Es kann vernichtend sein, aber auch aufschlussreich, ja sogar lustig. Falschzuliegen fühlt sich - denkt man genauer darüber nach - eigentlich nach nichts an. Wer bei einer Sache falschliegt, hat im Gegenteil sogar oft das Gefühl, dass er richtigliegt - und nur noch nicht erkannt, dass er falschliegt. Wir selbst können mithilfe unserer Wahrnehmung Erfahrungen in einen bestimmten Kontext stellen. Und wir können jederzeit Änderungen daran vornehmen, wie wir einzelne Situationen wahrnehmen. Wir müssen lediglich unsere Sichtweise ändern, was „falsch“ wirklich bedeutet. Bedeutet es Scham oder Wut, was unsere Sicht eher einschränkt, oder aber Faszination, Unbefangenheit, Motivation und neue Möglichkeiten?

4. Werden Sie zum Wissenschaftler. Menschlicher Fortschritt beruht auf den Grundlagen wissenschaftlicher Untersuchungen. Wird ein naturwissenschaftliches Experiment durchgeführt, gibt es eine Menge Ergebnisse - positive wie negative. Aber alle sind Datenpunkte. Wissenschaftler sehen Fehlschläge als einfache Datenpunkte. Ein ähnlicher Ansatz wird auch von Profi-Tradern verwendet. Alle Trades - ob Gewinne oder Verluste - sind Datenpunkte. Wenn wir diese Einstellung beherzigen, befreien wir unseren Kopf von dem emotionalen Schandfleck, der Fehlern, Fehlschlägen und dem persönlichen Scheitern anhaftet.

Fazit

Ohne Überraschungen, plötzliche Wendungen und Misserfolge ist unser Leben eintönig. Wir sollten unseren Frieden damit schließen, dass wir nichts von dem kontrollieren können, was außerhalb von uns existiert. Inmitten der Unsicherheit sollten wir gelassen bleiben und den Dingen ihren Lauf lassen. Wir müssen lernen, uns von Wahrnehmungen zu lösen, die uns naturgemäß einengen. Wer nicht mehr dauernd und partout richtigliegen will, legt den Grundstein für dauerhaften Trading-Erfolg. Wir entwickeln ein emotionales Wohlbefinden - und genau das ist der größte moralische, geistige und kreative Schritt, den man gehen kann.