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Lernen von den klassikern


JugendSchach - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 30.09.2019

von A-Trainer Kevin Högy

N achdem wir uns in den letzten Ausgaben mit dem isolierten Damenbauern und dem Doppelbauern auf der einandergesetzt haben, soll es in den nächsten beiden Ausgaben um die wichtigste Figur des Spiels gehen: Den König!

Typischerweise lernen wir zu Anfang unserer Schachkarriere, dass die zung des Zentrums mit einem Bauern, schnelle Figurenentwicklung, und Sicherung des Königs durch die Rochade. Der letzte Punkt ist dabei sehr wichtig. Denn jede Figur auf dem Brett darf man theoretisch tauschen, einstellen oder gar opfern - nur den König nicht! Verliert man den König, ist die Partie ...

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Bildquelle: JugendSchach, Ausgabe 10/2019

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Typischerweise lernen wir zu Anfang unserer Schachkarriere, dass die zung des Zentrums mit einem Bauern, schnelle Figurenentwicklung, und Sicherung des Königs durch die Rochade. Der letzte Punkt ist dabei sehr wichtig. Denn jede Figur auf dem Brett darf man theoretisch tauschen, einstellen oder gar opfern - nur den König nicht! Verliert man den König, ist die Partie vorbei, weshalb Maßnahmen, welche die Königssicherheit verbessern, oftmals ratsam sind. Erst wenn viele Figuren und insbesondere die Damen das Brett verlassen haben, traut sich der König aus seinem heimeligen Rochade-Versteck, um dann im Endspiel aktiv mitzumischen. wenn der König freiwillig bereits im Mittelspiel und bei vollem Brett den Weg nach vorne wagt. Im ersten berühmten Beispiel sehen wir das, was ich scherzweise gerne als „echten nämlich ihre Majestät selbst in denMusterpartie 1 Short, Nigel – Timman, Jan (Tilburg 1991)

1. Diagramm


Schwarz kann nicht noch weiter mit 8. - Lg4? Druck auf die weiße Zentrumsformation aufbauen, weil das in Materialverlust nicht verhindern.

9. h3!? Einer der schönen und wirkungsvollen, wenn auch „kleinen“ Tempo, um zu verhindern, dass der Lc8 nach g4 kommen und den weißen Springer fesseln kann. Denn dies würde die Bauernkette d4–e5 ein wenig wacklig werden lassen.

9. - a5 10. a4! Das schränkt den Expansionsdrang des schwarzen a- Bauern ein und bekämpft zudem die versteckte Drohung, die Timman aufgestellt hatte!

10. a3?! Sieht auf den ersten Blick genauso logisch aus wie Shorts 10. a4. Doch hat dieser Zug einen Nachteil: Timman hätte hierauf Raum am Da- er seinen Turm über die fünfte Reihe hätte aktivieren können! 10. - a4 11. 14. Dxf3 Ta5!?. Der Turm schwenkt über a5 und die eigene vierte Reihe ins Spiel und greift den weißen Zentrumsbauern an, der auch nicht mehr ausreichend verteidigt werden kann. Der Bauer wird fallen und es stellt sich nur die Frage, ob Timman diesen Vorteil nach Hause gebracht hätte.

10. - dxe5 Mit diesem Zug leitet Timman eine Abtauschserie im Zentrum ein, was an sich logisch erscheint: Wer weniger Raum besitzt, sollte gemäß einer Faustregel auch Figuren tauschen, damit sich die vorhandenen Figuren auf dem „wenigen“ Platz sich nicht gegenseitig auf den Füßen stehen. Doch ein Problem bleibt: Der Springer auf b6 hat keine guten Felder.

Und wenn man Tarrasch glauben darf, dann trägt eine einzige schlechte Figur bereits den Keim in sich, den es braucht, um eine ganze Stellung schlecht werden zu lassen!

11. dxe5 Sd4 12. Sxd4 Dxd4

2. Diagramm


13. Te1! Short deckt seinen Bauern anstatt ihn so verlockend nach e6 vorzuziehen. Eine gute Entscheidung in meinen Augen, denn 13. e5–e6 würde nur den schwarzen Fianchettoläufer wachküssen.

13. - e6 Wahrlich ein Zug, den man nicht gerne macht, da nun der Lc8 Probleme bekommen wird, ins Spiel zu kommen!

13. - Ld7 14. Sd2 Lc6 15. c3 Dh4 16. Sf3 Dh5 17. e6 f5 18. Se5; Das natürliche 13. - Lf5 hätte aber auch seine Schattenseiten, denn nach 14. Sc3 liegen bereits Züge wie 15. Sb5 und 16. Lg5 gefolgt von 17. Tad1 in der Luft.

14. Sd2!? Der Springer soll nach f3, von wo aus er nicht nur die schwarze Dame verscheuchen würde, sondern auch den Punkt e5 überdeckt. Diese Überdeckung würde es dann wiederum der weißen Damen ermöglichen, über e4 nach h4 zu schwenken, um ten. Ein guter Beginn wäre dann Lc1– h6, um den verteidigenden Fianchettoläufer abzutauschen. Doch dagegen versucht Timman, vorzugehen.

14. - Sd5 15. Sf3 Dc5 16. De4 Db4 Schwarz bietet den Damentausch an. Was tun?

17. Lc4! Short hält sich an die Grundregel, dass bei Raumvorteil so wenig Figuren wie möglich getauscht werden sollten! Auch wäre ein Königsan- durchzuführen. Doch hat Short nicht etwa.

17. - Sb6 übersehen? Denn nun hängt der Läufer und nach Damentausch hätte Timman zumindest für ein wenig Entlastung gesorgt.

18. b3!

3. Diagramm


Short hat gar nichts übersehen, im Gegenteil: Er nimmt die Zersplitterung seiner Bauern in Kauf, um die Damen auf dem Brett zu behalten! Zudem droht Weiß, mittels La3 Material zu gewinnen.

18. - Sxc4 19. bxc4 Te8 20. Td1 Dc5 21. Dh4 Überführt die Dame zum Kö- schwarzen König heran. Timman versucht zwar nun absolut nachvollziehbar, seine Figuren zu entwickeln. Aber wie Short das verhindert... das ist einfach absolute Weltklasse!

21. - b6 22. Le3!? Bevor Short zu Lh6 ansetzt, vertreibt er die schwarze Dame erst einmal von ihrer aktiven Stellung.

22. - Dc6 23. Lh6 Lh8! Schwarz darf auf keinen Fall den Abtausch der Schwarzfelder zulassen, denn dann gliche die Stellung um den schwarzen Monarchen einem Schweizer Käse, der alsbald die weißen Figuren zum 23. - Lb7? 24. Lxg7 Kxg7 25. Td4!

24. Td8 Hier lässt Timman meiner Meinung nach eine goldene Gelegenheit verstreichen, zumindest den Charakter des Kampfes zu verändern.

24. - Lb7? Der Niederländer hätte hier mit 24. - Ld7!? 25. Sd4 Taxd8 26. Sxc6 Lxc6± seine Dame für Turm und Läufer opfern können. Sicherlich mag Weiß noch derjenige sein, der hier besser steht. Aber es wäre sicherlich kein Zuckerschlecken für Weiß, die schwarze Verteidigungslinie zu durchbrechen. Immerhin: Schwarz hat keine Bauernschwächen, Weiß schon!

25. Tad1 Nun kann Schwarz sich nur noch schwerlichst rühren. In der Folge verbessert Short seine Figuren Schritt für Schritt, bevor er zum großen Finale ansetzt, wofür diese Partie so berühmt geworden ist.25. - Lg7 26. T8d7 Tf8 27. Lxg7 Kxg7 28. T1d4 Tae8 29. Df6+ Kg8 30. h4 h5

4. Diagramm


Weiß steht absolut dominant, das ist klar: Weiß kontrolliert die d-Linie und die Dame-Läufer-Batterie von Schwarz ist völlig irrelevant, solange der Sf3 treu auf seinem Platz verweilt. Doch wie soll der schwarze König schließt sich zu dem mysteriösen.

31. Kh2!! Als ich diese Partie zum ersten Mal sah, dachte ich: Na gut, das wird ein Prophylaxe-Zug sein, da der König aus irgendwelchen Gründen wohl sicherer auf h2 steht als auf g1. Doch weit gefehlt! Short geht es nicht etwa darum, seinen König in Sicherheit zu bringen... er will ihn weit ins tiefste Feindesland führen, ähnlich wie Gandalf einst Frodo und Sam auf eine Mission direkt ins Herz von Mordor schickte!

31. - Tc8 Schwarz wartet ab, aber womöglich realisierte er auch erst mit dem nächsten weißen Zug, was die Stunde geschlafen hat.

32. Kg3!! Nun wird klar: Der weiße Opa ist kein alter Tattergreis, der passiv in der Hängematte die Partie verfolgt, sondern möchte seinem Widerpart auf g8 aktiv an den Kragen gehen!

32. - Tce8 33. Kf4! Lc8 34. Kg5! 1-0

5. Diagramm


Und Timman gab bereits auf, ohne sich das Matt zeigen zu lassen. Ein wahrlich hübsches Matt würdeTxf7+ funktioniert ebenso35. - Txf7 Dg7# hat Schwarz nichts auszurichten, obwohl er am Zug ist!

Wann sieht man schon einmal einen solch wahrlich aktiven König? Klar, im Endspiel in jedem zweiten Lehrbeispiel - aber im Mittelspiel? Eine absolut herausragende kreative Leistung Shorts, der damit den Grundstein für praktisch alle folgenden Königsmärsche legte. Steinitz sagte zwar einmal: „Der König ist eine starke Figur und kann sich selbst verteidigen.“ Aber nach dieser Partie wurde die Schachwelt um eine Erkenntnis reicher - der König kann auch im Mittelspiel eine wenn der Gegner ihn nicht schleunigst behelligen kann!

In der folgenden Partie wurde der Weißspieler ebenfalls von der Shortschen Königswanderung inspiriert. Fortsetzung in Ausgabe 11/2019