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LERNKURVE STRANDUNG: Gestrandet in Dänemark


segeln - epaper ⋅ Ausgabe 30/2020 vom 17.02.2020

Der Duisburger Kai Kemmling war Kadersegler im 420er und 470er, absolvierte die Sportfördergruppe der Bundesmarine, ersegelte Erfolge im Laser und Contender, wurde Meister der Meister und segelt seit einigen Jahren immer längere Strecken mit seiner Sprinta 70. Im Sommer 2019 strandet er auf dem Rückweg nach Deutschland in einer Bucht in Dänemark. Für s hat er aufgeschrieben, wie es dazu gekommen ist


Artikelbild für den Artikel "LERNKURVE STRANDUNG: Gestrandet in Dänemark" aus der Ausgabe 30/2020 von segeln. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: segeln, Ausgabe 30/2020

In der Nacht hat es die Sprinta 70 von Kai Kemmling auf den Sand gedrückt


So kann es passieren! Ich segele nun schon seit fast 50 Jahren auf allen möglichen Gewässern in der Weltgeschichte herum, aber so ...

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... etwas habe ich noch nicht erlebt. Man mag das Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und mir glauben, dass ich das Ereignis selbst aus unterschiedlichsten Perspektiven analysiert habe. Jeder kann sich seine Gedanken dazu machen und versuchen, sich in meine Situation hineinzuversetzen. Vielleicht hilft das auch anderen, etwas daraus zu lernen. Dann hätte sich der Bericht schon gelohnt.

01 Auf dem Weg in die Ankerbucht

An einem der letzten Tage meines Sommertörns Ende August bin ich mit meiner Sprinta70 Moin Moin am Rande des Großen Belts auf dem Weg zu meiner ersten Ankernacht in der Bucht des Naturhafens Albuen an der Süd-West-Spitze Lollands.

Der Törn gestaltet sich anfangs sehr entspannt. Platt vor dem Laken bei zwei Windstärken aus nördlicher Richtung komme ich gut voran, bis der Wind schließlich auf halber Strecke gänzlich einschläft. Die Sonne brennt erbarmungslos. Ich verstecke mich hinter dem Großsegel, werfe den Außenborder an und gebe Gas, um noch rechtzeitig bei Sicht den angepeilten Ankerbereich erreichen zu können.

Die Ansteuerung auf Albuen gestaltet sich etwas schwierig, weil das enge und flache Fahrwasser allein von drei nicht befeuerten Tonnenpaaren markiert wird. Da ist auch mit meinem 1,20-Meter-Tiefgang langsames Herantasten angesagt – was auch im Hafenführer so beschrieben wird.

Als ich die Enge hinter mir lasse, befinde ich mich auf einem idyllischen, ruhig gelege nen runden Teich. Weiter hinten in der Ecke gibt es nur einen kleinen Steg für Vereinsmitglieder. Dort steht auch ein kleines Häuschen, das einmal für eine Lotsenstation gebaut worden war. Zu diesem Häuschen sind unter Wasser Kabel verlegt worden, sodass ich schon aufpassen muss, wohin ich meinen Anker werfe.

Erst nach einer schlaflosen Nacht schafft Kai Kemmling es, sich zu befreien


Immer wieder piept mein Tiefenalarm mit teilweise weniger als 40 Zentimeter Wasser unter dem Kiel. In Luv der Bucht – der Wind hat auf Südwest gedreht – fahre ich das Ankermanöver und grabe den Anker gründlich in den Boden ein. Er hält im Rückwärtsgang bei Vollgas. Routinemäßig aktiviere ich auf dem iPad den Ankeralarm und mache es mir gemütlich. Der Anker fällt um 18.00 Uhr.

02Eine unruhige Nacht

Ich hatte zuvor bei gutem Netzempfang den aktuellen Wetterbericht aus dem Netz geholt und hörte dazu die Angaben per Funk ab. Nichts, aber auch gar nichts, lässt bei mir ein mulmiges Gefühl aufkommen. Einzig und allein der niedrige Wasserstand in der Bucht erzeugt leichtes Unwohlsein. Aber der Abend im Cockpit ist herrlich. Das Essen schmeckt und nach einem wunderschönen Sonnenuntergang wird es sehr schnell dunkel. Selbst mit meinem Scheinwerfer sind Landumrisse nur schwer auszumachen. Dafür glitzert der Sternenhimmel klar und strahlend über mir. Schließlich gehe ich mit meinem Buch unter Deck, versenke die Nase darin und lese eine Segelgeschichte.

Plötzlich wird es am Himmel sehr hell. Ich denke noch, dass wohl irgendwelche Touris Fotos schießen. Doch es widerholt sich wieder und wieder. Doch keine Touristen? Bei dem nächsten Blick zum Himmel sind die Sterne auch schon verschwunden. Sollte tatsächlich ein Unwetter aufziehen? Der Luftdruck scheint relativ stabil. Schade, dass das Mobilnetz hier so schlecht ist. Ansonsten könnte ich die Blitzer-App öffnen und die Zugbahn des möglichen Gewitters verfolgen.

03Das Unwetter

Um 22.00 Uhr lassen die ersten Böen das Boot schaukeln. Die Fallen klappern heftig. Eine halbe Stunde später messe ich fünf Beaufort. Ich verzurre alles seefest und stecke sicherheitshalber noch mehr Kette. Nun sind 13 Meter Kette und etwa 40 Meter Leine draußen – bei einer Tiefe von 1,40 Meter. Das sollte bei diesem Untergrund satt reichen. 0.00 Uhr. Der Wind heult laut in der Takelage. Das Wasser beginnt, zu fliegen. Acht Beaufort sind es sicher. Ich bekomme ein immer schlechteres Gefühl und fange an, meine Optionen durchzugehen. Ablegen und einen sicheren Hafen ansteuern? Nicht gut bei diesem starken Wind und schlechter Sicht. Die Gefahr, irgendwo draufzubrummen oder das Unterwasserkabel mitzunehmen, ist zu groß. Der Anker hält schließlich bombensicher. Inzwischen blitzt und donnerte es in der Nähe. Es fängt an, zu regnen. Was für eine Schaukelei, was für ein Krach unter Deck! Ich komme nicht zur Ruhe und setze meine Kopfhörer auf. Pink Floyd dudelt mich in einen entspannten Zustand. So gelingt es einigermaßen, das Umfeld auszublenden. 1.00 Uhr. Wie elektrisiert schrecke ich in meiner Koje auf. Das Schiff stampft nicht mehr so in der Welle wie zuvor. Dann höre ich ein Geräusch, ein Kratzen am Rumpf. Grundberührung, schießt es mir sofort durch Kopf.

Hat der Sturm das Wasser aus dem Becken gedrückt? Das war mir schon einmal in einem anderen Hafen passiert. Ich schnappe mir den Scheinwerfer und wage einen Blick nach draußen. Mein Herz rutscht in die Hose. In unmittelbarer Nähe ist Land zu sehen!

Wie konnte das passieren? Ich begreife es nicht. Nur mit einer Unterhose bekleidet, springe ich hektisch ins Cockpit und reiße den Außenborder an. Brav springt er sofort an. Aber das Schiff krängt schon so stark, dass er kaum noch das Wasser berührt. Ich bin wirklich aufgelaufen. Das Boot beginnt, immer mehr zu krängen. Nun sitzt auch das Ruder auf. Die Wellen lassen die Pinne rhythmisch hin und her schlagen.

04Der Notruf

Als Erstes muss ich wissen, was passiert ist. Ein Blick auf das piepsende iPad zeigt den Driftweg, den ich bis dahin unbemerkt zum Strand zurückgelegt habe.

Ich bewaffne mich mit Trockenanzug, Mütze und Schwimmweste, schalte das Deckslicht ein und leuchte ins Wasser. Man kann den Grund sehen. Als ich aussteige, reicht das Wasser bis zu den Waden. Beim Versuch, das Schiff wegzudrücken, erkenne ich schnell die ziemlich ausweglose Situation. Alleine komme ich hier nicht wieder weg. Das steht fest!

Da ich an Land waten und mich so retten kann, besteht keine Lebensgefahr. Aber das Boot schlägt immer noch weiter auf die Sandbank. Die Stöße lassen den Salonboden erzittern. Er beult sogar nach innen ein. Jeder Stoß fühlt sich so an, als wenn ich selber geschlagen würde. Ich habe mehr Angst um mein Schiff als um mich selber! Als Erstes erreiche ich meine Frau mit dem Handy. Ich schildere meine Situation mit der Bitte, von zu Hause aus in einer Stunde einen Notruf abzusetzen. Die Position und Fakten kann ich ihr gut übermitteln.

Zusammen mit zahlreichen Helfern wird versucht, die aufgelaufene Sprinta wieder ins tiefere Wasser zu ziehen. Mit einem am Großfall ausgebrachten Anker soll das Schiff so weit gekrängt werden, dass es wieder freikommt, während ein anderes Boot zieht


„Ich dagegen habe nur noch wenig Hoffnung …“


Danach starte ich die App der DGzRS (Safe TRX), in der ich registriert bin. Bremen Rescue stellt bei einem Anruf sämtliche Daten mit Bild meines Schiffes zur Verfügung. 1:15 Uhr. Über den „Hilfe“-Button erreiche ich bei der DGzRS eine nette Dame und erkläre ihr mein Problem. Sie will sich wieder melden und kündigt an, dass bei meiner Postition wohl die dänischen Kollegen helfen würden.

Nach einer halben Stunde wundere ich mich, dass sich noch niemand meldet. Dann fällt mir siedend heiß ein, dass ich im Handy noch einen „Nicht Stören“-Modus eingestellt habe. Nur meine Familienangehörigen können mich erreichen. Fluchend deaktiviere ich diese Funktion und warte nochmals 15 Minuten, ohne eine Reaktion zu bekommen. 1.45 Uhr. Kurz bevor ich einen zweiten Anruf wage, fällt mir ein, dass ich ja das Funkgerät einmal einschalten könnte. Und siehe da, schon werde ich angesprochen: „Sailing Vessel Moin Moin, Moin Moin, Moin Moin, here is Warship Schleswig Hostein....“

05Die Rettungsaktionen

Eine Fregatte der Bundesmarine? 139 Meter lang, 230 Mann an Bord? Uff! Was wollen die denn von mir? Das dürfte knapp für sie in der flachen Einfahrt werden. Eigentlich erwarte ich ja Dänen. Ich antworte, bin offenbar schwer zu verstehen, wechsele auf einen anderen Kanal, und dann klappt es besser. (Richtig gut funktioniert es erst später nach dem Wechsel der Funkbatterie. Nach vier Wochen Betrieb klappt zwar immer noch das Abhören, aber beim Senden bricht offenbar die Leistung ein.)

Die Schleswig Holstein steht tatsächlich gerade im Großen Belt. Nach Übermittlung meiner Situation einigt man sich, ein Jet-Speedboot für einen Schleppversuch zu schicken.

3:00 Uhr. Es dauert ziemlich lange, bis das Speedboot in der Dunkelheit die Einfahrt findet. Es hat nur eine sehr einfache Technik an Bord, und der Skipper muss sich auf die Radar-Angaben der Fregatte verlassen. Als das Boot endlich ankommt, läuft es prompt mit dem Jet-Antrieb auf und verbiegt sich die Lenkstangen. Ich wate ihnen im Wasser entgegen – vergesse aber, dass ich noch die Automatikschwimmweste angelegt habe. Man kann sich schon denken, was durch das Spritzwasser passiert! Ich verfüge spontan über sehr viel Auftrieb und kann den Kopf nicht mehr bewegen. Im Angesicht der Marine ganz schön peinlich.

Dennoch sind die Soldaten sehr nett und hilfsbereit. Leider führen die verschiedenen Schleppversuche nicht zum gewünschten Erfolg. Der Einsatz wird abgebrochen. Schließlich blockiere ich die Besatzung einer Fregatte mit 5.500 Tonnen Verdrängung.

Man bietet mir noch einen Lift nach Eckernförde an, ich lehne aber ab. Das Schiff will ich noch nicht aufgeben. Sie lassen mir Lunchpakete da und die Nummer des Diensthandys. Dann brausen sie wieder davon. Man wolle vom Mutterschiff aus die Kommunikation zu den Dänen aufbauen.

5.00 Uhr. Der Sturm hat etwas nachgelassen. Alles beruhigt sich ein wenig. Nur ich bin immer noch sehr aufgeregt. Ob das geliebte Schiff noch zu retten ist?

Nach einer Weile melden sich die Dänen. Der Bootsmann auf der Fregatte hat Wort gehalten und die dänische Rettungsorganisation verständigt. Wir vereinbaren ein weiteres Gespräch ab 8.00 Uhr, da bis dahin sowieso niemand zu erreichen sei. Ich solle mich ein wenig schlafen legen. Wenn in zwei Stunden die Sonne wieder aufgeht, könne man die Rettungsoptionen überlegen.

\In der Nacht wirkt die Situation noch bedrohlicher für den Einhandsegler


Also lege ich die Matratze an die schräg stehende Bordwand und versuche, die Augen zu schließen. Es klappt natürlich nicht, und ich warte auf den anbrechenden Morgen. 7.00 Uhr. Beim ersten Licht bin ich an Deck. Millionen Insekten surren im Cockpit. Sie sind wohl von der weißen Oberfläche des Gelcoats angelockt worden.

Dann streife ich wieder den Trockenanzug über, wate mit einem Warpanker auf der Schulter ins tiefere Wasser und ramme ihn in den Sandboden. Ich habe mir überlegt, dass ich das Boot mit dem Zug am Großfall per Winsch von der Backbord-Krängung auf Steuerbord kippen und so den Widerstand im Sand verringern könnte. Das funktioniert schon mal gut. Aber befreien kann ich das Schiff so nicht.

8.00 Uhr. Zwei Angler nähern sich in einem offenen Boot. Sie bieten ihre Hilfe an. Aber ihr Motor ist genauso schwach wie meiner. Ein Schleppversuch macht also wenig Sinn. Doch der Angler entpuppt sich als Staatspolizist aus Kopenhagen mit Kontakt zu einem Bruder, der im Hafen arbeitet. Er ruft ihn an und überbringt mir die Botschaft, dass in etwa zwei Stunden ein geeignetes Schiff kommen würde.

Ich bin begeistert und schöpfe wieder Hoffnung. Dieser Polizist baut mich sehr auf mit seiner positiven Art.

9.00 Uhr. Ein zweites Boot nähert sich. Es sind dänische Angelschein-Kontrolleure. Die verfügen immerhin über einen 65-PS-Motor und versuchen spontan einen Schlepp. Aber auch dieser Versuch scheitert. Das Schiff bewegt sich kaum. Mittlerweile ist der Kiel fast zur Hälfte im Sand eingesunken.

Zwei weitere dänische Segler, die in der Nacht am Steg des Segelclubs festgemacht haben, gesellen sich dazu. Sie machen Fotos von der Situation, bieten aber auch ihre Hilfe an. Wenn ich irgendwo hingebracht werden wolle oder sonst etwas brauche, solle ich Bescheid sagen.

Ich bin überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Leute. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Hier wird nicht nur geglotzt und gegafft, sondern aktiv geholfen! 9.30 Uhr. Der Bruder des Dänen trifft tatsächlich mit seinem Schlepper ein. Ja! Das könnte gehen! Das Schiff ist klein genug, um die Rinne zu passieren und sollte genug Kraft haben.

Er steuert das Fahrwasser an, schwenkt quer zum Fahrwasser – und läuft auf Grund! Das kann doch alles nicht wahr sein! Ich dachte, die kennen sich hier aus. Der Motor heult im Rückwärtsgang auf, eine schwarze Rauchwolke steigt auf. Nichts bewegt sich.

06Ein wenig Hoffnung

Dann allerdings sind sie pfiffig, schwenken ein schweres Betongewicht, das wohl für die Tonnenlegung genutzt wird, seitlich an einem Bordkran aus, krängen damit das Boot und kommen per Vollgas wieder frei. Dem Skipper reicht es. Er dreht wieder um und dampft ab. Meine Optionen schwinden. Die beiden Segler haben zugesehen. Sie entscheiden sich nun auch, mit ihrem Motorsegler einen Versuch wagen zu wollen und strahlen dabei eine erstaunliche Zuversicht aus.

Ich dagegen habe nur noch wenig Hoffnung und nehme den Vorschlag nur halbherzig an. Schwer vorstellbar, dass ihre Yacht ausreichend Zugkraft entwickeln kann. Aber man klammert sich in solchen Situationen ja an jedem Strohhalm fest.

10.00 Uhr. Die Dänen positionieren ihren 31-Fuß-Motorsegler vor der Untiefe und legen eine sehr lange Trosse aus. Ich angel sie mir schwimmend und verbinde sie mit meiner Moin Moin. Nach einem Handzeichen von mir gibt er Gas. Gleichzeitig kurbele ich an der Winsch, um zusätzlich das Boot zu krängen.

Plötzlich geht ein Ruck durch das Schiff. Ich schwimme auf! Überglücklich hole ich schnell den Anker ein und motore aus eigener Kraft zum Steg der Segler.

Dabei kontaktiere ich die Dienstnummer, die mir der Fregatten-Bootsmann gegeben hat und will meine Rettung anzeigen. Es meldet sich ein Besatzungsmitglied, das dem zuständigen Offizier Bescheid geben will. Aber die Zeit zum Telefonieren sei gerade etwas knapp, man befinde sich mitten in einem Gefecht...

Dann meldet sich auch noch die dänische Rescue-Organisation. Sie will mir ein Schiff als Transfer zum nächsten Hafen besorgen. Aber das ist Gott sei Dank nun nicht mehr nötig.

Am Steg bedanke ich mich mit diversen Alkoholika, denen wir auch gemeinsam zusprechen. Ich falle bereits um 13.00 Uhr in einen tiefen Schlaf und wache erst um 19.00 Uhr wieder auf.

07Die Analyse

Erst danach kann ich ordentlich analysieren, was nun wirklich passiert ist. Der Anker griff gut auf dem mit Gras bewachsenen Sandboden. Dann aber muss mit dem Wind das gesamte Grasbüschel herausgerissen worden sein. Das Eisen war jedenfalls in einem kompakten runden Knubbel mit Matschgras geradezu verklebt. So hatte der Anker keine Möglichkeit mehr, sich neu einzugraben. Er slippte und holperte über den Meeresgrund – zum Glück auch über das Unterwasserkabel – bis das Schiff auf der Sandbank lag.

Rückblickend muss ich eingestehen, dass es ein großer Fehler war, die Ankerwache zu vernachlässigen und das redundante System des zweiten Ankeralarmes im Handy nicht zu aktivieren. Sonst hätte ich den Alarm auch über Kopfhörer gehört und vielleicht die Chance gehabt, mich ein weiteres Mal zu verankern. Das wird mir sicherlich nicht mehr passieren.

Dennoch ist es im Nachhinein eine gute Erfahrung gewesen, wie viele nette Menschen ich kennengelernt habe, die sofort anpackten und nicht nur herumstanden und blöd guckten. Auf die Erfahrung des Auflaufens kann ich zwar in Zukunft gut verzichten, aber es ist ja gut gegangen, und man lernt daraus.

Der Pflugschar-Anker sollte mit sieben Kilogramm Gewicht zwar eigentlich für ein Acht-Meter-Schiff ausreichen, aber ich habe ihn mir jetzt doch noch eine Nummer größer bestellt – für ein besseres Gefühl. Mal sehen, ob er dann auch in den Ankerkasten passt.


Fotos: Kai Kemmling