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Lernzeiten statt Hausaufgaben


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Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 04.07.2022

Sie kennen das vielleicht? Als Eltern kommen Sie am Nachmittag von der Arbeit nach Hause, Ihr Kind hatte schon Schulschluss, und auf die Frage, wie die Schule war, antwortet es vielleicht mit einem kurzen »gut«. Im Anschluss heißt es erst mal, sich von den Anstrengungen des Tages zu erholen, Kraft zu tanken, um sich dann noch auf die Hausaufgaben zu konzentrieren, welche mit zunehmendem Alter auch mehr Zeit in Anspruch nehmen. Dann gilt es vielleicht, noch etwas nachzuholen, sich auf die Klassenarbeit vorzubereiten oder ein Lernprodukt anzufertigen. Und dann sind da auch noch der Sportverein, die Musikschule und die Freunde. Wer soll das alles schaffen? Die für eine gesunde Entwicklung notwendige Regenerationszeit unserer Kinder wird so schnell zur Mangelware, und es besteht die Gefahr, dass der häusliche Frust bei allen Beteiligten steigt. Erst recht, wenn die Lösung der Aufgaben nicht gelingt ...

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... und der Lernerfolg ausbleibt, obwohl man viel Zeit investiert hat. Frustration und eine geringere Lernmotivation können die Folgen sein.

LASST UNS DOCH EINFACH AUF HAUSAUFGABEN VERZICHTEN – ODER?

Die Schüler:innen unseres ländlichen Gymnasiums im Herzen Mecklenburgs kommen aus mehr als 60 Gemeinden. 75 Prozent von ihnen haben deutlich über 60 Minuten tägliche Fahrzeit. Hinzu kommen bereits ab Klassenstufe 7 (Beginn des Gymnasiums in MV) hohe wöchentliche Stundenumfänge, die einem Vollzeitjob gleichen. Für die Fahrschüler:innen beginnt daher der Schultag sehr früh und endet oftmals erst am späten Nachmittag. Sowohl mit Blick auf die Lernvoraussetzungen als auch auf den sozio-ökonomischen Status der Elternhäuser beobachten wir eine zunehmende Heterogenität.

Der Anspruch unserer Schule ist es, unter diesen Rahmenbedingungen jedem Kind vielfältige Lernchancen zu eröffnen, die dazu notwendigen Strukturen zu schaffen und diese mit den Bedingungen in unserer Region so zu verknüpfen, dass unsere Schüler:innen sich in Vereinen, bei der Feuerwehr, in der Musikschule oder der Kirchgemeinde engagieren können und dafür Zeit haben.

HAUSAUFGABEN: WARUM UND, WENN JA, WIE UND WELCHE?

Wenn wir abseits aller Traditionen und Rituale die Frage nach dem »Warum« von Hausaufgaben stellen, müssen wir uns als Lehrpersonen kritisch fragen, ob die mit dem Erteilen von Hausaufgaben erwünschten Lerneffekte überhaupt erreicht werden, und wenn nicht, ob es möglicherweise Alternativen gibt. Befragt man Pädagogen, dann dienen Hausaufgaben der gezielten Übung und Anwendung von bereits vermittelten Lerninhalten, der Sicherung und Festigung selbiger beziehungsweise der Vorbereitung auf zukünftige. Sie eröffnen Möglichkeiten der Differenzierung; Schüler:innen lernen, zu recherchieren, sich selbst zu organisieren und eigene Lösungswege zu finden. Die Erziehung zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortung, das Schulen von Sorgfalt und Durchhaltevermögen, das Erlernen des eigenständigen Planens, Strukturierens und Überprüfens (Selbstregulation) sind weitere Erwartungen, die mit dem Anfertigen von Hausaufgaben verbunden werden. Und nicht zuletzt erhoffen wir uns als Lehrpersonen die Festigung und Steigerung der Fachleistungen unserer Schüler:innen. Neben all den erwünschten Effekten kann es auch vorkommen, dass Hausaufgaben gelegentlich dazu dienen, nicht geschaffte Stoffinhalte oder Unterrichtsphasen einfach in die Freizeit der Lernenden auszulagern.

Die Perspektive der Schüler:innen

»Was sind die Vorteile der SOL-Zeiten für uns als Schüler:innen? Wenn wir nach Hause kommen, haben wir direkt Freizeit beziehungsweise können uns auf das Lernen konzentrieren, ohne dabei noch schriftliche Hausaufgaben in unseren Zeitplan integrieren zu müssen. Diese wurden ja bereits in der Schule erledigt. Praktischerweise können wir uns in der SOL-Zeit mit anderen Schüler:innen zu den Aufgaben austauschen und bei Problemen natürlich einen Fachlehrer um Hilfe bitten. Natürlich lebt diese Zeit, die fest in unseren Schulalltag integriert ist, auch vom Austausch zwischen Schülern unterschiedlicher Altersgruppen oder Klassen, denn es ist üblich, dass wir uns zunächst einmal die Hilfe eines anderen Schülers suchen, bevor wir die Lehrer fragen. Dies baut Barrieren und Hemmschwellen zwischen jüngeren und älteren Schülern ab, und man profitiert gegenseitig von diesem entstandenen Austausch.

Außerdem lernen wir, die Aufgaben so gut zu strukturieren, dass wir sie in der vorgegebenen, angemessenen Zeit erledigen können. Wenn wir also nach Hause kommen, können wir entweder ganz ohne den Druck, noch schriftliche Hausaufgaben erledigen zu müssen, anfangen, für Tests oder Klausuren zu lernen, oder aber einfach unsere Freizeit genießen. Das bedeutet für viele Schüler:innen, dass sie auch in höheren Jahrgängen ein Hobby sehr regelmäßig, gewissenhaft und in hohem Umfang verfolgen können. Natürlich muss man zunächst lernen, die SOL-Zeit wirklich effizient zu nutzen. Das war für viele von uns nicht von Beginn an selbstverständlich, aber wenn man den Dreh erst mal raus und ein gewisses Maß an Selbstorganisation entwickelt hatte, fand man ganz schnell Routinen und konnte alle Vorteile dieses Angebots für sich nutzen.«

SCHÜLERVERTRETUNG DES EGL

Doch inwieweit erfüllen sich diese Erwartungen in der schulischen Praxis und treten die erwünschten Effekte überhaupt ein? Mit Blick auf die aktuelle empirische Datenlage ist festzuhalten, dass Hausaufgaben nicht per se wirken, was dafürsprechen könnte, generell auf sie zu verzichten, denn »stupides Wiederholen ohne Herausforderung ist oftmals Zeitverschwendung« (Hattie/Zierer 2016, S. 62 f.). Entscheidend ist offensichtlich, ob es uns Lehrpersonen durch die Qualität der Aufgabenstellung gelingt, die Lernenden kognitiv zu aktivieren und zu motivieren.

Mit Blick auf die heutigen Lerngewohnheiten und Lernumgebungen sind hier durchaus Zweifel angebracht. Haben alle Schüler im häuslichen Umfeld die Möglichkeit, ruhig und konzentriert an einem ablenkungsarmen Arbeitsplatz zu lernen? Nehmen sie sich die notwendige Zeit und Ruhe, um sorgfältig zu arbeiten? Gelingt die beabsichtigte kognitive Aktivierung und Motivation überhaupt, oder nutzen Schüler nicht eher andere, digital unterstützte Problemlösungsstrategien, um schneller/einfacher zum Ergebnis zu kommen? Sind die Lernergebnisse Produkte des eigenen Denkens oder sehen wir eventuell das Ergebnis unterstützender Elternteile? Inwieweit fördern klassische Hausaufgaben kooperatives Lernen, kollaboratives Arbeiten und die Freude am Lernen? Können wir als Lehrpersonen beobachten, wo genau ein gedanklicher Fehler auftritt, um diesen als Lernchance zu nutzen?

Der Anspruch unserer Schule ist es, jedem Kind vielfältige Lernchancen zu eröffnen.

Unsere Beobachtungen sprechen eher dafür, dass traditionelle Hausaufgaben die mit ihnen verbundenen pädagogischen Erwartungen oftmals nicht erfüllen. Schüler:innen nutzen in Klassengruppen selbstverständlich ihre mit dem Smartphone verbundenen technischen Möglichkeiten, um Lösungen auszutauschen beziehungsweise einfach abzuschreiben – wofür selbst im Bus noch genug Zeit ist –, sicher kein neues Phänomen. Die Nutzung von Suchmaschinen für Musterlösungen und webbasierten Übersetzern ersetzen oftmals eigene Denkleistungen. Ständige Erreichbarkeit sowie das hohe Ablenkungspotenzial von sozialen Medien und Spielen kommen hinzu. Eigenständiges Planen, Konzentrationsfähigkeit und Sorgfalt nehmen spürbar ab. Die Fähigkeit zur Selbstregulation des eigenen Lernprozesses bringen viele Kinder nicht mehr mit. Selbstständigkeit und Eigenverantwortung müssen erlernt werden. Wir dürfen zudem nicht voraussetzen, dass alle Lernenden im häuslichen Umfeld die notwendigen zeitlichen und technischen Ressourcen sowie eine elterliche Unterstützung zur Verfügung haben. Chancengleichheit heißt für uns, Kindern unabhängig vom sozialen Status die Möglichkeit des Lernens zu geben sowie Kooperation und Begleitung zu ermöglichen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir Eltern davon abhalten, ihre Kinder zu unterstützen. Es ist sogar ausdrücklich erwünscht und im mündlichen Bereich durchaus sinnvoll, wenn es z. B. um das Einprägen von Lerninhalten und das Anfertigen von Lernhilfen (Karteien, Visualisierungen) geht, wie z. B. beim Festigen von Vokabeln oder in Vorbereitung auf Tests und Klausuren.

Neben allen pädagogischen Überlegungen müssen wir im Blick behalten, dass Kinder und Jugendliche auch einen Anspruch auf Freizeit und Regeneration haben. Die Einbindung in bestehende soziale Strukturen (Sportverein, Familie, Musikschule, Gemeinde, Freunde) muss weiterhin möglich sein – Leben und Lernen findet schließlich auch außerhalb von Schule statt.

Die Perspektive der Eltern

»Eltern, deren Kinder am Lübzer Gymnasium lernen, haben tatsächlich Feierabend, wenn er ansteht. Denn die Kinder kommen ohne schriftliche Hausaufgaben nach Hause, was noch vielerorts nicht selbstverständlich ist.

Nicht, dass die Kinder keine Aufgaben zur selbstständigen Bearbeitung bekommen haben, die zur Vertiefung des Lernstoffes notwendig sind, aber sie haben diese bereits in der Schule erledigt. Am Lübzer Gymnasium wird ihnen bereits seit Jahren stundenweise der Raum geboten, alle Wochenaufgaben individuell oder im Klassenverband unter pädagogischer Anleitung zu erledigen.

Das Konzept des selbstständigen Lernens im Rahmen der Ganztagsschule, in dem die Studienorientierte Lernzeit (kurz SOL) eingebunden ist, ist in vielerlei Hinsicht ein Gewinn für die Eltern und die Kinder. Dass die Kinder ihre Aufgaben nicht mit nach Hause bringen, schafft Entlastung im Familienalltag. Es ist für beide Seiten die Chance für mehr gemeinsame und individuelle Freizeit gegeben. Sportvereine können etwa besucht werden, es bleibt mehr Zeit für musische Aktivitäten, für das Treffen von Freunden oder auch einfach nur für das Chillen. Denn Kinder wollen neben der Schule noch anderes erleben, genauso wie die Eltern nach ihrem Job. Ebenso wichtig ist, dass die Freizeit durch das Konzept planbar wird. Hinzu kommt, dass wir Eltern nach einem langen Arbeitsalltag nicht mehr die Antreiber sein müssen, unsere manchmal erschöpften Kinder zur Erledigung der Hausaufgaben zu motivieren. Das erspart auch Konflikte. Ohne Frage mag nicht allen Kindern diese Art des Hausaufgabenmachens sofort liegen, denn die Lernatmosphäre kann in Räumen, wo kooperativ gearbeitet wird, manchmal auch unruhig sein.

Und noch etwas anderes ist von Bedeutung: Die Kinder machen die Erfahrung, ihre Lernprozesse selbst zu organisieren, was ihre Eigenverantwortung und Selbstdisziplin fördert. Außerdem wird die Chancengleichheit erhöht, denn die Begleitung in der Schule ist vor allem für die Kinder elementar, deren Eltern im Schichtdienst arbeiten, sprachlich gehandicapt sind oder mit dem Lernstoff in Mathematik, Biologie, Französisch oder Deutsch kaum noch etwas anfangen können. Wichtig ist, dass wir Eltern bei den Kindern aktiv nachfragen, welche Stoffinhalte gerade behandelt werden, was schon gut gelingt oder wo das eigene Kind noch Lernlücken hat. Und noch etwas bleibt:

Vokabeln und der Stoff für Klassenarbeiten muss weiter zu Hause gepaukt werden. Da sind wir Eltern dann doch manchmal wieder gefragt.«

SANDRA PINGEL SCHLIEMANN (SOHN IN KLASSENSTUFE 7, TOCHTER ABITUR 2020)

»Mit Eintritt der Kinder in die gymnasiale Schullaufbahn findet eine große Veränderung im Tagesablauf und der Persönlichkeitsentwicklung statt. Sie haben einen langen Schultag und sind manchmal erst um 16.30 Uhr zu Hause.

Die Arbeitszeit eines Erwachsenen liegt hinter ihnen. Nun bleiben noch ein paar Stunden für Lernaufgaben und Vorbereitung. Ankommen, abschalten und den Kopf frei kriegen wäre jetzt wichtig. Sport, Musik und andere Termine stehen noch auf dem Plan. Hobbys, die geliebt werden und auch Pflege der Freundschaften bedeuten. Sie sind nur in einer gut strukturierten Woche zu realisieren. Das erfordert von uns Eltern ein Umdenken und die Akzeptanz, dass die Nachmittage der Schulkinder anders aussehen als zur eigenen Schulzeit. Die Interessen und Bedürfnisse haben sich kaum geändert, erfordern aber heute eine andere Organisation. Die Erledigung der schriftlichen Aufgaben in der Schule ist dabei der wichtigste Baustein. Das heißt für die Eltern allerdings auch, keinen direkten Einblick in die Aufgabenbewältigung zu haben – auf dem Weg zur Selbstständigkeit der Kinder genau richtig. Sie haben in der Schule die Zeit, die Möglichkeit und auch den gewissen Druck, sich die Aufgaben zu strukturieren, sich auszutauschen, im Team zu arbeiten, und können die Lernmittel vor Ort nutzen. Die Aufgaben werden dadurch nicht »auf die lange Bank geschoben«, wie es zu Hause sein könnte.

Ein wichtiger Vorteil ist die fachliche Begleitung durch die Lehrer, direkte Hilfe für die Kinder auf Nachfrage. Einige Aufgaben können mit zunehmendem Alter im häuslichen Umfeld auch gar nicht mehr bewältigt werden. Auch ist es den Eltern nicht immer möglich, die Kinder der Lerngruppen zeitlich und örtlich zusammen an einen Tisch zu bringen. Das bedeutet aber nicht, als Eltern von den Aufgaben ausgeschlossen zu sein. Auch das Erzählen über die Ereignisse des Tages kann z. B. eine Beteiligung sein. Je nach Stimmung erfährt man viel, es entwickeln sich Ideen, oder Hinweise werden angenommen. Und wenn nicht, nimmt es die Spannung aus der Situation, wenn ich weiß, die schriftlichen Aufgaben sind in der Schule zu erledigen und nicht in meiner Verantwortung. Und dennoch bedarf es der Begleitung und Aufmerksamkeit der Eltern. Allein der elterliche Blick ins SOL-Heft wird schon mal zur Grundlage angeregter Diskussionen.

Fazit aus Elternsicht: Kinder lernen, sich die Zeit effektiv einzuteilen, haben fachliche Betreuung, Teamarbeit ist möglich, Freizeit und Hobbys haben Raum, Elternbegleitung ist weiterhin möglich und nötig, die Zeit für mündliches Lernen bleibt für zu Hause, und die Schüler:innen haben in der Schule gleiche Rahmenbedingungen beim Lernen.«

GRIT KÜCHLER (TÖCHTER IN DEN KLASSENSTUFEN 7 UND 11 SOWIE ABITUR 2021)

Traditionelle Hausaufgaben erfüllen die mit ihnen verbundenen pädagogischen Erwartungen nicht.

LERNZEITEN STATT SCHRIFTLICHER HAUSAUFGABEN

Als Gymnasium und gebundene Ganztagsschule war und ist es unser Anspruch, dass unsere Lernenden aus den oben angeführten Gründen ohne schriftliche Hausaufgaben nach Hause gehen und stattdessen die Möglichkeit erhalten, Lernzeiten wahrzunehmen, die wir in den Schultag der Klasse integrieren. Dazu hat unser Kollegium bereits 2010 ein Rhythmisierungsmodell (Blockunterricht, 80 + 10 min, Einbettung Lernzeiten in den Tag) entwickelt und in den Folgejahren wiederholt angepasst.

Konzeptionelle Kernfragen waren für uns:

■ Wie gelingt es uns, dass unsere Schüler:innen ohne schriftliche Hausaufgaben nach Hause gehen? Wie können alternative Lernmöglichkeiten/Lernzeiten aussehen?

■ Welche pädagogischen und inhaltlichen Ziele sollen Lernzeiten erfüllen?

■ Wie können wir Schüler:innen unabhängig vom sozialen Status in Übungs-/Anwendungsphasen begleiten und zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortung erziehen?

■ Wie gelingt es uns, Lernzeiten in den Schultag zu integrieren? Wie offen/eng soll der »Rahmen« gesetzt werden? Wie stellen wir Verbindlichkeiten her? In welchen Jahrgängen soll es Lernzeiten geben? Woher/von wem kommen die Inhalte?

■ Wie stark steuern wir, wenn es einigen Schüler:innen noch nicht gelingt, selbstständig zu lernen?

■ Wie organisieren wir den zeitlichen/räumlichen Rahmen und die pädagogische Lernbegleitung?

■ Wie gelingt es, die inhaltlichen und zeitlichen Anforderungen des Gymnasiums mit dem sozialen Umfeld der Schüler:innen und deren Familien in Einklang zu bringen?

Im Ergebnis entstand ein Lernzeitenmodell, welches es ermöglicht, dass Schüler:innen – eingebettet in den Schultag – individuell oder kooperativ an ihren Aufgaben arbeiten oder Stoffinhalte bewusst üben können. Hierfür stehen verschiedene Räume, Zeiten und begleitende Lehrer zur Verfügung. Die Lernenden müssen sich ihren Arbeitsprozess selbstständig strukturieren und pro Woche je 100 Minuten Lernzeit (Klassenstufen 7 bis 10) nachweisen.

»ABER DER GANZE SCHÖNE STOFF«

Die anfängliche Sorge einiger Kolleg:innen, dass sie ihren »Stoffinhalt« nicht mehr schaffen und unsere Schüler:innen dadurch weniger lernen, hat sich so nicht bestätigt. Schaut man auf die Ergebnisse der vergangenen Jahre, so ist festzuhalten, dass der Verzicht auf schriftliche Hausaufgaben keinen erkennbar negativen Effekt hat. Vielmehr wird im Gesamtpaket verschiedener Bausteine der Unterrichtsentwicklung sichtbar, dass die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung der Schüler:innen eher zugenommen hat, dass nur wenige Schüler:innen eine Klasse wiederholen beziehungsweise die Schule verlassen müssen und dass die Leistungen der Abschlussklassen sich kontinuierlich verbessert haben. Als Herausforderungen bleiben mit Blick auf die kognitive Aktivierung der Lernenden weiterhin die Arbeit an der Qualität der Aufgaben für die Lernzeit (Herausforderungen), die aktive Begleitung der Lernprozesse sowie die Frage, inwieweit digitale Lernformate (z. B. Lernpfade) hier lernwirksam eingebunden werden können. Es wird weiterhin maßgeblich auf die Expertise der Lehrkräfte ankommen – wir bleiben dran!

LITERATUR

Hattie, John/Zierer, Klaus (2016): Kenne deinen Einfluss! »Visible Learning« für die Unterrichtspraxis. Baltmannsweiler.

TORSTEN SCHWARZ ist seit 2014 Schulleiter des Eldenburg-Gymnasiums Lübz.

↗ torsten.schwarz@eldenburg-gymnasium.de