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LESBISCHE SICHTBARKEIT: Jetzt sind wir dran


L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 28.06.2019

Lesbische Sichtbarkeit ist das Schlagwort der Stunde. Doch steckt wirklich L drin, wo L draufsteht? Was haben wir erreicht und was liegt noch vor uns? L-MAG schaut genau hin und begibt sich auf Spurensuche


Artikelbild für den Artikel "LESBISCHE SICHTBARKEIT: Jetzt sind wir dran" aus der Ausgabe 4/2019 von L-MAG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: L-MAG, Ausgabe 4/2019

Fotoshooting: Agnieszka Budek Model: Rebekka Leitlein


Motorräder knattern, Musik schallt in die Menge, politische Parolen werden angestimmt und riesige Regenbogenfahnen flattern im Wind. Immer mehr Lesben demonstrieren in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Dyke Marches für mehr lesbische Sichtbarkeit. Am Vorabend der CSDs nehmen mittlerweile in über zehn Städten Dykes die Straßen ein. „Wir ...

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Motorräder knattern, Musik schallt in die Menge, politische Parolen werden angestimmt und riesige Regenbogenfahnen flattern im Wind. Immer mehr Lesben demonstrieren in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit Dyke Marches für mehr lesbische Sichtbarkeit. Am Vorabend der CSDs nehmen mittlerweile in über zehn Städten Dykes die Straßen ein. „Wir wollen, dass unsere Interessen wahrgenommen werden“, erklären die Nürnberger Dyke-March-Organisatorinnen gegenüber L-MAG. Dort zieht der Protestmarsch mit Sprüchen wie „Allmächd(fränkisch für Allmächtiger, Anm. d. Red.) , die Lesben kommen“ und „Schaut mich an und lernt daraus – so sieht eine Lesbe aus“ durch die Innenstadt.
Auch in der niedersächsischen Stadt Oldenburg wünschen sich die Organisatorinnen des Dyke March mehr Raum für Lesben in der Gesellschaft. Stolz erzählen sie, dass die Berichterstattung in lokalen Medien und die Präsenz in einer Ausstellung im Stadtmuseum der lesbischen Sache zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffte. Doch viele Jüngere finden Repräsentanz und Identifikationsfiguren eher in den Sozialen Medien als auf der Straße. „Jüngere Lesben vernetzen sich eher online und brauchen anscheinend keine Stamm-tische oder Marches“, so Tanya Serdyu-kova aus dem Oldenburger Team. Trotzdem sollen gerade sie sowie Lesben of Color, Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit und nicht als cis identifizierte Menschen(cisgender – Menschen, die mit ihrem bei der Geburt zuge-wiesenen Geschlecht übereinstimmen, Anm. d. Red.) in Zukunft verstärkt in Oldenburg angesprochen werden.

Der Preis für lesbische Sichtbarkeit

Über zwanzig Jahre Geschäftsführerin der LAG Lesben in Nordrhein-Westfalen: Gabriele Bischoff


Aber nicht nur für die Organisatorinnen der Dyke Marches scheint lesbische Sichtbarkeit das Gebot der Stunde zu sein: Auch die Berliner Landespolitikerinnen und -politiker von SPD, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen nahmen das Schlagwort nach der Abgeord netenhauswahl 2016 in den Koalitionsvertrag auf. Unter dem Label „Regenbogenhaupt stadt Berlin“ und mit dem Ziel „Diversity -Kompetenzen“ auszubauen, wurde ein entsprechender Leitsatz aufgenommen: „Die Koalition wird dafür sorgen, dass lesbische Projekte nicht im Hintergrund bleiben, und lesbische Sichtbarkeit erhöhen.“ Es scheint, als würde sich in Sachen Gleich-stellung von lesbischen Frauen einiges tun. Aber wie sieht es mit der Umsetzung dieses Anspruches aus? Steckt wirklich viel L drin, wo L draufsteht? Ein Beispiel aus Berlin zeigt, dass die Forderung nach lesbischer Sichtbarkeit nicht immer leicht umzusetzen ist. 2018 wurde vom Berliner Justizsenator Dirk Behrendt (Bündnis 90/Die Grünen) der „Berliner Preis für lesbische* Sichtbarkeit“ ausgelobt, der im ersten Jahr an die LGBT-Aktivistin und bedeutende Autorin Dr. Ilse Kokula ging. Nominiert waren auch die DJ und Produzentin İpek İpekçioğlu sowie Schauspielerin und Kabarettistin Sigrid Grajek.
In einem im Vorfeld der Preisverleihung an Behrendt gerichteten Brief bemän-gelte der Geschäftsführer der Berliner Schwulenberatung, Marcel de Groot, mit dem Preis würde ein „Ziel-gruppenranking“ durch-geführt, das Lesben auf Kosten der Sichtbarkeit von Trans-und Inter-menschen auszeichne. Auch wenn er später sein vorschnelles Urteil zurück-zog – dass sich gerade die Schwulenberatung gegen einen Preis für lesbische Sichtbarkeit aussprach, gibt zu denken. Denn sie sorgte schon zuvor für negative Schlagzeilen: Bei dem Wettbewerb um ein Grundstück in der Hauptstadt hatte sie sich gegen die kleine lesbische Initiative „Rad und Tat“ (RuT) auf unsolidarische Weise durchgesetzt und somit lesbischer Teilhabe einen klaren Riegel vorgeschoben.
Für Grajek ist der Preis trotz der Kritik ein Fortschritt, gerade wegen seines offiziellen Charakters. Damit, findet sie, erkenne das Land Berlin an, dass es noch immer keine Selbstverständlichkeit sei, als lesbische Frau sichtbar zu sein. Zudem fördere der Preis lesbische Ver-netzung – die Kabarettistin verrät gegenüber L-MAG, dass sie noch am Abend der Preisverlei-hung zusammen mit Autorin und Jury-Mitglied Stephanie Kuhnen („Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit“, Querverlag 2017) sowie anderen Aktivistinnen die „Butch Barflys“ gegründet habe. Ein Bar-Kollektiv, das seitdem lesbische Kneipen-abende in wechselnden Szene-Lokalitäten in Berlin veranstaltet und sich damit bei Lesben unterschiedlichen Alters großer Beliebtheit erfreut. Auch habe die Kritik am Preis schlussendlich die Kommunikation innerhalb der Community gestärkt: „Viele schwule Männer schauen jetzt etwas genauer hin. Bisher hatten sie sich keine Gedanken über die Realitäten lesbischen Lebens gemacht“, gibt sich Sigrid optimistisch.


„Heute ist es viel selbstverständlicher, dass Lesben in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden“


Ein Blick zurück: Was wurde erreicht?

Marion Lüttig vom Regenbogen-familienzentrum München


Auch in Nordrhein-Westfalen zeichnet die Landesarbeitsgemeinschaft Lesben (LAG) seit 2009 jährlich „couragierte Lesben“ aus. Mit dem CouLe Preis (ehemals Augspurg-Heymann-Preis) wurden unter anderen Journalistin und Schriftstellerin Mirjam Müntefering (2009), Bundesverfassungsrichterin Susanne Baer (2013) oder auch die LMAG- Verlegerinnen Gudrun Fertig und Manuela Kay (2015) geehrt. „Vor 35 Jahren gab es Hella von Sinnen, Cornelia Scheel und Maren Kroy mann, sonst keine“, erinnert sich Geschäftsführerin Gabriele Bischoff. „Da hatte sich bis 1998, als ich meine Arbeit in der LAG aufnahm, nicht viel geändert. Heute ist es viel selbstver-ständlicher, dass Lesben in der Öffentlichkeit wahr-genommen werden.“ Über 20 Jahre war Gabriele Bischoff als Geschäftsführerin Kopf und Herz der LAG Lesben. Im August verlässt sie nun ihren Posten. Auf einige vergangene Entwicklungen blickt sie positiv zurück. So habe das Inkrafttreten des Allgemeinen Gleichbehandlungs-gesetzes (AGG, umgangssprachlich Antidiskriminierungsgesetz) von 2006, das die Benachteiligungen unter anderem wegen ethnischer Herkunft, Geschlecht, Behinderung und sexueller Identität verhindern und beseitigen soll, bereits eine Menge verändert. Und auch das Konzept „Diversity Management“, das Vielfalt in Bezug auf Geschlecht, Herkunft, Alter, Behinderung und auch sexuelle Orientierung in Unternehmen etablieren will, sorge immer stärker dafür, dass Menschen sich mit ihren Vor urteilen auseinandersetzten. Andererseits sieht Bischoff besonders in kleineren Städten und ländlichen Gemeinden eine Ignoranz gegenüber lesbischen Lebensweisen. Dieses „Stadt-Land-Gefälle“ bestätigt auch Marion Lüttig. Sie ist Mitglied der LAG Queer der Grünen in Bayern und Mitarbeiterin im Regenbogenzentrum München. „Ich stam me aus einem Dorf im ziemlich ‚schwarzen‘ Ostwestfalen-Lippe“, berichtet sie. „Hier kostet es weiterhin enorm viel Kraft, sich selbst sicht bar zu machen als häufig einzige ‚Landlesbe’.“

„Bezeichnend“ findet sie auch die Fälle, bei denen lesbischen Frauen noch bis Anfang der 1990er Jahre das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen wurde. Und dass es bis jetzt dauerte, um davon nach und nach zu erfahren. „Auch, dass es in den Debatten rund um eine Reform des Abstammungsrechts(Seite 14) , welche insbesondere Regenbogen familien mit zwei lesbischen Müttern zugutekommen würde, so häufig um Väter geht, statt um Lesben und ihre Kinder, hat viel mit unserer Sichtbarkeit zu tun und gleichzeitig damit, ob eine Frau ohne Mann sein darf und Frauen selbstbestimmt Familien gründen dürfen“, gibt die Regen-bogenfamilien-Expertin zu bedenken.
Außerdem bekräftigt sie, dass Lesben zwar zuhauf in feministischen Bewegungen zu finden seien, in feministischen Debatten aber oft noch immer nicht mitgedacht würden. Dass es beim Frauenkonzentrations-lager Ravensbrück und Jugendlager Ucker-mark bis heute kein Gedenkzeichen für die verfolgten lesbischen Frauen und Mädchen gibt, ist für sie ein weiteres Beispiel mangeln-der Gleich berechtigung von Lesben. Seit den 1980er Jahren kämpfen Aktivistinnen für eine Gedenkkugel, die die lesbischen Opfer der NS-Diktatur mit einer Inschrift in der Mahn-stätte in Brandenburg hervorheben soll, doch nicht nur der Beirat und die Fachkommission der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten waren und bleiben skeptisch. Auch Vertre ter der Berlin-Brandenburg-Sektion des Lesben-und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD) sprachen sich gegen ein klares Erinnern an die Verfolgung von Lesben im National-sozialismus aus(Ausgabe Juli/August 2017) . Für die grüne Aktivistin ist klar, dass noch viel aufgearbeitet werden muss.

Oft als Claire Waldoff auf der Bühne: Schauspielerin und Kabarettistin Sigrid Grajek


Wer ist gemeint bei LGBT?

In vielen Debatten sind für Lüttig am Ende Lesben nicht immer mitgemeint, wenn von homosexuellen oder queeren Menschen die Rede ist: „Es kommt darauf an, immer wieder zu zeigen, wie vielfältig die lesbische Community ist.“ Dennoch sieht auch sie Verbesserungsbedarf: „Dass etwa Fördermittel nun nicht mehr allgemein an homo sexuelle Organisationen verge ben werden, sondern genau geschaut wird, wie viel an Lesben, Bisexuelle, Trans-und Intergeschlechtliche oder schwule Männer geht, ist ein Gewinn. Denn in der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass ein Gros der Mittel eben nicht unbedingt lesbischen Gruppierungen oder Initiativen zugutegekommen ist. Da ist es gut, dass nun auch die geldgebende Seite genauer hinschaut, ob ein entsprechender Anteil auch lesbischen Frauen und Mädchen zugutekommt.“
Es ist also einiges in Bewegung im Kampf um lesbische Teilhabe. Dennoch gibt es noch viel zu tun, wie beim Abstammungsrecht, der Verteilung von Geldern, dem schwul-lesbischen Zusammenhalt und den Vorbildern in Medien und Öffentlichkeit. Für Schauspielerin Sigrid Grajek ist deshalb klar: „Wir müssen an allen Ecken und Enden anwesend und sichtbar sein. Nur so werden wir selbstverständlich.“ Aus Nordrhein-Westfalen ergänzt Gabriele Bi schoff überzeugt: „Lesbisches Leben ist so sichtbar wie die Frauen, die sich als Lesben zu erkennen geben.“ Ob privat, auf der Arbeit, in Vereinen, Medien oder auch beim Dyke March.

//Anette Stührmann, HG, DM


„Es kommt darauf an, immer wieder zu zeigen, wie vielfältig die lesbische Community ist“


Foto: Agnieszka Budek

Fotos: ARCUS-Stiftung; Privat; Dorothea Tuch