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LESER FRAGEN – EXPERTEN ANTWORTEN


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Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 08.10.2021

Adaptionshilfen für das Auge?

Zunächst herzlichen Dank für den Artikel von Michael Fritz in SuW 6/2021, S. 66, über das Auge als natürliches Fenster zum Weltall und den Beitrag von Ulrich Finkenzeller in SuW 9/2021, S. 8. Dazu würde ich gern die folgenden Fragen stellen.

1) Für manchen Leser, der am Abend nur mal schnell »zwischendurch« zu den Sternen schauen möchte, da er noch andere, zum Beispiel familiäre Aufgaben erledigen muss, ist das Problem der Adaptation des Auges von besonderer Bedeutung. Es ist bekannt, dass zum Beispiel die Besatzungen der Nachtjäger im Zweiten Weltkrieg vor dem Start in ihren Warteräumen rundum geschlossene Brillen mit roten Gläsern trugen, um die Augen zu adaptieren. Das findet man beispielsweise in einem alten Physiologielehrbuch von C. A. Keele und E. Neil (Samson Wright’s Applied Physiology, Oxford University Press, London 1965). Wäre dies eine Option für den Gelegenheitsbetrachter der Sterne?

2) Gelegentlich las ich, dass Hobbyastronomen behaupten, nach einigen Atemzügen von reinem Sauerstoff schwächere Sterne besser erkennen zu können. Ist daran etwas Wahres?

RALPH T. SCHWARZ, WETTENBERG

Zu (1): Die beschriebene Verwendung von rotdurchlässigen, möglichst geschlossenen Brillen als Adaptionshilfe ist richtig und bekannt – es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel hierzu: https://en.wikipedia.org/wiki/Dark_adaptor_goggles. Erfinder war Wilhelm Trendelenburg im Jahr 1916. Die Brille war ursprünglich für Röntgenärzte gedacht, wurde später auch von Astronomen und Meteorologen benutzt und ist etwa zehn Minuten vor dem Aufenthalt in der Dunkelheit aufzusetzen.

Sinnesphysiologisch beruht der Effekt auf der so genannten Purkinje-Verschiebung, der spektralen Verschiebung der Empfindlichkeit zwischen Tag- und Nachtsehen des menschlichen Auges (siehe auch SuW 9/2021, S. 66). Das Nachtsehen erfolgt mit den Stäbchen; sie sind nur für Licht zwischen 420 und 600 Nanometer empfindlich, mit einem Maximum bei etwa 507 Nanometer im Blau-Grünen.

Artikelbild für den Artikel "LESER FRAGEN – EXPERTEN ANTWORTEN" aus der Ausgabe 11/2021 von Sterne und Weltraum. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 11/2021

Man sieht rot: Rote Brillen für Adaptionszwecke wurden vor gut 100 Jahren für Radiologen erfunden, die sich damit für die Betrachtung sehr schwach leuchtender Röntgenbilder direkt auf Fluoreszenzschirmen vorbereiteten. Das gezeigte Modell wurde von Meteorologen verwendet.

Durch den Einsatz von Filtergläsern, die nur Licht längerwellig als 600 Nanometer durchlassen, wird das für den Sehvorgang mit den Stäbchen verantwortliche Rhodopsin-Molekül nicht angeregt und benötigt daher auch keine längere Adaptionsphase. Dies ist auch der Grund, weshalb oft Rot als Beleuchtung von astronomischen Kuppeln, militärischen Kommandoständen, Schiffs- oder U-Boot-Brücken verwendet wird, wenn der Beobachter zwischen hohem und niedrigem Lichtniveau wechseln muss. Aus dem gleichen Grunde sind die Anzeigen von Instrumenten in der Luftfahrt oft rot. Ob sich nachts bei Pkws eine rote Armaturenbeleuchtung – wie bei einigen Herstellern üblich – vorteilhaft auf die Sicherheit beim Fahren auswirkt, ist allerdings zweifelhaft.

Eine gute Quelle für viele Aspekte des Sehens unter extremen Bedingungen wie diesen ist https://www.skybrary.aero/index. php/Vision_(OGHFA_BN). Diese offizielle Seite wird unter anderem von der International Civil Aviation Organisation (ICAO) und von Eurocontrol betrieben.

Zu (2): Hinweise darauf, dass das Einatmen von Sauerstoff zu einer schnellen Adaption führen soll, habe ich in der Literatur nicht gefunden. Es ist physiologisch wegen der damit verbundenen Zeitskalen und Prozesse unwahrscheinlich und vermutlich Wunschdenken. Andererseits ist aber bekannt, dass bei Piloten, die einem geringem Luftdruck (Höhen von mehr als 1500 Meter) über längere Zeiten ausgesetzt sind, ohne zusätzlichen Sauerstoff die Sehleistung nachts abnehmen kann – ein Effekt, der vielleicht auch für visuelle Beobachter auf hohen Bergen (Mauna Kea, La Silla und so weiter) gilt.

Umgekehrt können aber selbstverantwortete Belastungen wie Alkohol- oder Tabakgenuss, Unterzuckerung, Müdigkeit, falsche Selbstmedikation oder ungeeignete Brillen die Sehleistung am Nachthimmel verringern.

ULRICH FINKENZELLER hat Physik und Astronomie an der Universität Heidelberg studiert und an der Landessternwarte Heidelberg promoviert. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Aspekten des natürlichen Sehens und deren Bedeutung im Alltag.

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