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LET THERE BE PROG


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 30.09.2021

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 10/2021

Prog als Marke: Roger Deans Bandlogo

Der hüne steht, mit schulterlangem haar und in einem grellweißen Magier-Umhang, inmitten seiner Tasteninstrumenten-Festung und isst ein Curry. Rick Wakeman hatte es sich bei einem Roadie bestellt, der es ihm direkt an den Arbeitsplatz lieferte, während der Rest der Band sich in einer der ausufernden Instrumentalpassagen durch das Monstrum „Tales From Topographic Oceans“ arbeitete. Als Sänger Jon Anderson, wie üblich ergriffen von sich selbst und dem Geist des Universums, bemerkte, was Wakeman trieb, flüsterte er fassungslos: „Ich glaub es nicht! Der isst ein Curry!“ Es ist der 29. November 1973, und in diesem Moment in der Free Trade Hall in Manchester, in der schon Genesis, Pink Floyd, Frank Zappa und später die Sex Pistols spielten und die heute ein Hotel ist, wurde klar: Die klassische, die künstlerisch dominante Phase des Progressive Rock hatte ihren Höhepunkt überschritten und war beendet. ...

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Wakemans offen zur Schau getragener Abscheu gegen das 81 Minuten lange Album, dessen vier Songs sich über vier Plattenseiten ziehen, ist eine verbürgte Legende und in a nutshell die Story of Yes, jener Band, die sich öfter veränderte als jede andere, in der es mehr Streit und doch immer ein bisschen mehr Versöhnung gab. Und tatsächlich ist „Tales From Topographic Oceans“ auch das Werk, das als Nemesis und Auslöser der Punk-Bewegung gilt, die sich zur gleichen Zeit in den USA und in England entwickelte. Das lag auch an der Tournee, für die Yes unter anderem eine ganze Orgel von Stadt zu Stadt schleppten, ein rotierendes Drumset einsetzten, in einer Papp maschee-Kulisse Elemente des Albumcovers von Roger Dean nachstellten, darunter ein gewaltiger Tunnel, aus dem die Band auf die Bühne trippelte. In Kombination mit der weit ausschweifenden, von indischer Kunsthandwerk-Philosophie geprägten Musik und Andersons priesterhaftem Bühnenauftreten eher eine esoterische Messe als ein Rockkonzert. Rick Wakeman verließ die Band nach der Tour – zum ersten, aber nicht zum letzten Mal.

Kaum eine andere Band eignet sich wie Yes dazu, die Geschichte des Progressive Rock zu erzählen – von frühen Meisterwerken und satten Höhepunkten, Phasen der Orientierungslosigkeit, kommerziell erfolgreicher Minimalisierung, von den Clubs in die Stadien und wieder zurück. Die Geschichte von hochbegabten und höchst komplizierten Individualisten, und vor allem von fast fünfzig Jahren Resilienz. Gern machen sich die Kritiker (man kann auch sagen Feinde, denn es gibt wahrhaft leidenschaftliche und unversöhnliche Gegner) über den Begriff „Progressive“ lustig, eine Bezeichnung, für die heute niemand mehr verantwortlich gemacht werden mag, die zeitweilig so verbrannt war, dass selbst die Vertreter des Genres ihre musikalischen Wurzeln viele Jahre vehementer leugneten als der Apostel Petrus seine Gefolgschaft Christi.

Nur vier Jahre, von 1969 bis 1973, dauerte die klassische Phase des Progressive Rock. Nach dem Urknall von King Crimsons Gamechanger-Album „In The Court Of The Crimson King“, in dem das Grundmuster aus weiten, mellotrongesättigten Melodien, abwechselnd aggressiver und filigraner Gitarrenarbeit, einem komplett neuen Verständnis von Rhythmus und Tempowechseln sowie der Auflösung des klassischen Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Solo-Strophe gelegt und den Kompositionen grundsätzlich (und nicht nur immer mal wieder) mehr Zeit eingeräumt wurde, war das Rennen eröffnet. Vom Start weg Chart-erfolgreich war die Supergroup Emerson, Lake & Palmer, auch Gentle Giant legten ohne Umwege Klassiker hin, und Pink Floyd, eher Art-Rock als Prog, waren schon seit „The Piper At The Gates Of Dawn“ eine Kategorie für sich und komponierten 1971 mit „Meddle“ den frühen Karrierehöhepunkt.

Für das genre bis heute prägend waren aber drei Bands, die sich ab 1970 von den vermeintlichen Zwängen befreiten, die auf ihren Debüts noch deutlich zu hören waren. Van Der Graaf Generator lieferten mit „The Least We Can Do Is Wave To Each Other“, „H To He, Who Am The Only One“ und „Pawn Hearts“ innerhalb gut eines Jahres stilprägende Meilensteine, blieben aber zu rau, zu unversöhnlich und düster, um den Durchbruch in den Mainstream zu schaffen. Genesis schufen mit „Trespass“, „Nursery Cryme“, „Foxtrot“ und „Selling England By The Pound“ (1970–73) vier makellose Alben – Letzteres verpasste nur knapp den Einstieg in die Charts.

Yes standen 1970 bei ihrem Label ganz kurz vor dem Rauswurf, weil die beiden ersten Alben zwar nett, aber weit jenseits jeder Erfolgsaussicht waren. Nur weil ihr neuer Manager 5000 Pfund aus eigener Tasche für die Aufnahmen investierte, kam „The Yes Album“ zustande, das im UK auf Platz 4 der Charts kletterte und der Band die Freiheiten sicherte, die sie brauchte, um noch im selben Jahr „Fragile“ und im darauffolgenden „Close To The Edge“ zu produzieren – für viele der beste Beitrag in diesem Genre. Doch dann entschieden sich Yes, alles bisher Dagewesene mit dem auf einem Doppelalbum geviertelten 81‐Minuten-Stück „Tales …“ zu toppen. Höher, schneller, länger. Das ultimative Progressive-Rock-Album sollte es werden, und es übertraf dann tatsächlich alle kommerziellen Erwartungen, als es auf Platz 1 der Charts schoss. Alles schien perfekt – bis Rick Wake man seinen Roadie bat, ihm ein Curry zu holen.

„Yes folgt keinen strengen Regeln, wir machen unser Ding“, sagt Jon Davison, Sänger der aktuellen Inkarnation von Yes. Das ist gut eingeübtes PR-Sprech, keine Frage, hat aber durchaus seinen wahren Kern. Das neue Album, „The Quest“, ist eine Weiterentwicklung nach dem grandios gescheiterten Vorgänger, „Heaven & Earth“ (2014), auf dem manches erschreckend nach mühsam angerocktem Schlager klang. „The Quest“ ist selbstbewusster, selbstbestimmter. Das liegt auch daran, dass Gitarrist Steve Howe selbst produziert hat. „Wahrscheinlich macht das den Unterschied“, sagt Davison und nickt: „ein Bandmitglied, das in den gesamten Aufnahmeprozess involviert und auch mit dem Herzen absolut bei der Sache ist.“

Auch Inside Out, das neue Label der Band, unterstützte Howe bei seinem Plan, selbst zu produzieren. Tatsächlich reiht sich „The Quest“ deutlich in die Reihe der besseren Alben der letzten vierzig Jahre ein, man könnte es als eine zeitgemäße und etwas altersmilde Variante von „Tormato“ (1978) charakterisieren. Schon der Einstieg, „The Ice Bridge“, ist prototypische Yes-Musik: Geoff Downes’ fanfarenartige Keyboards setzen ein, werden sofort von Billy Sherwoods fulminantem Bass, ganz in der Tradition von Bandgründer Chris Squire, ergänzt, dazu kommt Alan Whites sehr knackiges und wenig verspieltes Schlagzeug, schließlich ein unverwechselbares Steve-Howe-Riff. Kurzer Break. Dann treten die Musiker in den Hintergrund und der für Yes so typische Engelsgesang tritt strahlend in den Vordergrund. Der 50‐jährige Davison klingt dabei im Falsett exakt wie sein Vorgänger, Benoît David, und dessen Vorgänger, Jon Anderson. Eine andere Stimmfarbe ist bei Yes nicht denkbar. Zwar gab es im Vorfeld der Veröffentlichung einige Irritationen – Geoff Downes hatte bei der Inspirationssuche in uralten Tapes wohl eine Komposition seines Kumpels Francis Monkman von Curved Air mit einer eigenen verwechselt –, aber so auf den Punkt war die Band seit vielen Jahren nicht mehr. „Ja, da sind Schattierungen der klassischen Yes“, sagt Davison. „Aber das Album steht ganz klar für die Band von heute.“

Die Schritte, mit denen Yes in den vergangenen 53 Jahren unterwegs waren, gingen immer zwei vor und einen zurück, oder auch zwei zurück und drei vor. Bis auf Deep Purple gibt es keine andere bekannte Band, die von den 1960ern bis in die 20er‐Jahre des neuen Jahrhunderts mindestens ein reguläres Studioalbum pro Jahrzehnt veröffentlicht hat. Keine Selbstverständlichkeit für eine Gruppe, für die der Tanz am Abgrund fast Konzept und zugleich Antriebsfeder zu sein scheint, denn auch den Rekord an Besetzungswechseln halten Yes. Die Frage des ROLLING STONE, ob er wisse, wie oft sich die Formation geändert habe, konnte oder mochte Davison genauso wenig beantworten wie die, ob er sich eine Supervereinigung der beiden parallel existierenden Yes-Formationen vorstellen könne. Denn tatsächlich sind „seine“ Yes nicht die einzigen Verwalter des gewaltigen Erbes.

SO EMPÖRT JON ANDERSON 1973 über Wakemans Currypause während des Konzerts war, so wenig nachhaltig war sein Zorn. Kaum vier Jahre später, 1977, stieg der Mann im Magiermantel in der Endphase der Aufnahmen zu „Going For The One“ wieder ein, auch weil die Band sich kompositorisch von einigem Ballast befreit hatte. Wie bei anderen Prog-Giganten wurden die Yes-Stücke ab Mitte der 70er-Jahre kürzer, fokussierter, eingänglicher, versöhnlicher – Genesis waren spätestens nach dem Ausstieg von Steve Hackett eine Pop-Rock-Band geworden, und Pink Floyd boten Lagerfeuermusik für alte und neue Hippies und Hymnen für lehrerhassende Mittelschüler. Schließlich verließen Anderson und Wakeman Yes gemeinsam, weil die Band 1979 an den Aufnahmen eines neuen Albums (Arbeitstitel: „The Paris Sessions“) gescheitert war. Ersetzt wurden sie, zum großen Entsetzen der Fans, ausgerechnet von Geoff Downes und Trevor Horn, besser bekannt als das muntere New-Wave-Pop-Duo The Buggles, das mit „Video Killed The Radio Star“ einen frühen Synthiepop-Hit geschrieben hatte. „Drama“ hieß das daraus resultierende Yes-Album, einst innig gehasst, heute zumindest respektiert, von einigen sogar geliebt. Aber auch diese Formation blieb Episode.

Kleiner Service für Jon Davison: 15 bedeutende Besetzungswechsel hat es bei Yes gegeben, nicht mit eingerechnet die Musiker, die nur ein paar Monate auf Tourneen eingesetzt wurden oder die Band im Streit verließen, bevor man etwas zustande gebracht hatte. All diese Line-ups rekrutierten sich aus 18 Musikern. Allein Bandgründer und Mastermind Chris Squire hat bis zu seinem tragischen Tod 2015 immer und durchgehend bei Yes gespielt. Curry, Streit und Missgunst waren stets im Spiel – doch sollten fünf Wechsel betrachtet werden, die die Band wirklich voranbrachten, also tatsächlich „pro gres sive“ waren und den Sound von Yes deutlich schärften.

1970 war Peter Banks gefeuert worden. Sein Gitarrenspiel schien zu altbacken. Ersetzt wurde er von Steve Howe, der filigraner und vielseitiger klang, mit seiner schwingenden Country-Note ein ganz neues, heute nicht mehr wegzudenkendes Element hinzufügte. Ein Jahr später musste Tony Kaye gehen (um 1983 wieder einzusteigen), weil er sich nicht von seiner Hammondorgel trennen wollte und die Band einen virtuoseren, von der Klassik geprägten Keyboardsound wünschte. Der Neue an den Tasten hieß Rick Wakeman. 1972 verließ Drummer Bill Bruford Yes in Richtung King Crimson (mit denen er 1974 das überragende Album „Red“ aufnahm) und wurde durch Alan White ersetzt, dessen Schlagzeugspiel die Band wieder rockiger wirken ließ. Dann der Einstieg der Buggles 1980, der langfristig betrachtet alles, was vorher gewesen war, auf den Kopf stellte und trotz des Scheiterns völlig neue Wege öffnete.

„THE QUEST“ REIHT SICH DEUTLICH IN DIE REIHE DER BESSEREN ALBEN DER VERGANGENEN 40 JAHRE EIN. MAN KÖNNTE ES ALS EINE ZEITGEMÄSSE UND ALTERSMILDE VARIANTE VON „TORMATO“

CHARAKTERISIEREN

Die Explosion Punk, so wird es gern erzählt, blies mit einem Schlag die Dinosaurierbands vom Antlitz des Planeten. Doch das ist so nicht richtig. Dass Punk Mode, Stil, vielleicht sogar die Gesellschaft mehr beeinflusste als alle musikalischen Genres, bis Techno und HipHop kamen, steht außer Frage. Die Verkaufszahlen, die Charts, die Stadien aber wurden in den frühen 80er- Jahren von den überlebenden Großbands der 60er- und 70er- Jahre dominiert: den Stones, Queen, AC/DC, Kiss – und auch die Progrock-Veteranen zogen von den Hallen in die Arenen. Genesis, mittlerweile komplett entkernt, wurden die umsatzträchtigste Band der Welt, und Yes landeten mit „Owner Of A Lone ly Heart“ den einen Überhit, der alles veränderte. Chris Squire hatte in der Phase nach dem gescheiterten „Drama“ den südafrikanischen Gitarristen Trevor Rabin kennengelernt und diesen samt einer ganzen Tasche voller Songs für ein Projekt angeheuert, aus dem, als auch Anderson ein weiteres Mal neu eingestiegen war, wieder Yes wurden. Das Album „90125“ wurde 1983 ein Welterfolg, Yes gewannen einen Grammy, die Singles daraus sind im Formatradio heute noch auf Heavy Rotation. Alle wurden reich. Aber niemand glücklich.

Während Genesis ihren Erfolg halten und ausbauen konnten, wurde der „90125“-Nachfolger, „Big Generator“, 1987 bloß ein mäßiger Erfolg. Anderson, auch unzufrieden damit, dass Rabin ihm seine Rolle als Bandleader in der Yes-Hierarchie streitig gemacht hatte, verließ die Band erneut. Schon Anfang der 80er-Jahre hatte sich in den britischen Clubs, vor allem im legendären Marquee in London, eine neue Generation von Progressive-Rock-Bands ein neues, junges Publikum erspielt – an der Spitze Marillion mit ihrer dem Konzept album „Mis placed Childhood“ rüde entrissenen Schnulze „Kayleigh“. Prog war plötzlich wieder salonfähig, und so scharte Anderson seine ehemaligen Kameraden Wake man, Bru ford und Howe um sich und veröffentlichte mit ihnen 1989 als eine Art Gegen-Yes mit „ABWH“ ein der Tradition verpflichtetes Album. Und wie so oft: Kurzer, heftiger Streit, große Versöhnung. Die beiden Formationen vereinigten sich zur „Union“ (so hieß ihr 1991 veröffentlichtes gemeinsames Yes-Album), gingen zu acht auf eine Tournee, gegen die die „Tales“-Konzerte ausstattungsmäßig Schülertheater waren – und trennten sich wieder.

Sehr kompliziert bis hierin? Von wegen! Um die Geschichte von Yes in den Neunzigern und Nullern zu erzählen, in denen Wechsel, Nebenprojekte, Wiederveröffentlichungen und vergebens einberufene Sessions an der Tagesordnung waren, bräuchte man drei ROLLING-STONE-Ausgaben. Und es wäre der Mühe nicht wert: Bis auf das formidable „Talk“ (1994) unter der Leitung Rabins und das nette „Fly From Here“ (2011) in der – Überraschung! – „Drama“-Besetzung kam nichts Nennenswertes zustande. Das war auch insofern enttäuschend, als das Genre immer breiteren Zuspruch fand: Mit einer Spannbreite von Radiohead über Dream Theater bis Porcupine Tree, von den großartigen Überlebenden Marillion und auf kleinerer Ebene Spock’s Beard und IQ bis zu der größenwahnsinnigsten Live-Band der Welt, Muse, bediente Progressive Rock zunehmend drei Generationen von Fans – in Clubs, Hallen, Arenen, Stadien.

Ihre Wiederauferstehung feierten Yes schließlich vor etwas mehr als einem halben Jahrzehnt auf der Bühne, und das gleich in doppelter Ausführung. Nach Squires Tod hatte sich mit Davison, White, Howe, Downes und Billy Sherwood eine stabile Besetzung zusammengefunden, die die klassischen Alben der 70er-Jahre in kompletter Länge spielte, ein Konzept, mit dem viele andere Bands bereits Erfolg hatten. Parallel formierten Anderson, Wakeman und Rabin, also die absurdestmögliche Kombination, eine eigene Band, die ebenfalls und vor allem in den USA tourte. Obwohl ohne Namensrechte, wurde dem Trio mehr Yes zugetraut als der Band, die mit „Heaven & Earth“ gescheitert war.

Doch wieder umarmten sich Vergangenheit und Zukunft. Als Steve Howe Inside-Out- Manager Thomas Waber bei einem Besuch erzählte, dass er über ein neues Yes-Album nachdenke, nahm Waber seine Kindheitshelden prompt unter Vertrag. Das erste Ergebnis ist ein durchaus eindrucksvolles Lebenszeichen. Nächstes Jahr geht es auf Tour, gespielt werden neue Songs und „Relayer“ en suite. Auf die Frage, ob es ein weiteres Album geben werde, antwortet Sänger Davison – na, was wohl? – natürlich: „YES.“