Lesezeit ca. 6 Min.
arrow_back

Let´s fetz!


Logo von Cosmopolitan
Cosmopolitan - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 09.11.2022

DIE TRADITION DES STREITENS…

Artikelbild für den Artikel "Let´s fetz!" aus der Ausgabe 12/2022 von Cosmopolitan. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Cosmopolitan, Ausgabe 12/2022

DICKE LUFT ZUM FETTEN BRATEN

Streit mit den Eltern oder dem*der Partner*in gehört zum festen Bestandteil der Feiertage. Das gaben zumindest 36 Prozent der Befragten einer Studie von YouGov an. 18 Prozent haben bei Familienzusammenkünften regelmäßig Zoff mit den Geschwistern. Was die Diskussionen befeuert: Alkohol!

8 Min. Lesedauer

diePandemie hatte auch eine gute Seite: Große Familienfeste fielen vorübergehend aus. Man gewöhnte sich irgendwie an Weihnachten allein oder zu zweit. Und nun? Seit wieder gefeiert werden darf, ist auch wieder Anwesenheitspflicht bei Omis Geburtstag oder der obligatorischen Gans am 1. Feiertag. Damit ist auch das Eskalationsrisiko zurück, denn sobald mehr als drei Familienmitglieder zusammenkommen, gibt’s regelmäßig Streit. Zoff mit den Eltern, die nicht kapieren wollen, dass man keine fünf Jahre mehr alt ist. Stress, weil der Partner die ganze ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Cosmopolitan. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 12/2022 von HALLO, LIEBE COSMO-LESERINNEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HALLO, LIEBE COSMO-LESERINNEN
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von UNSER COSMOS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
UNSER COSMOS
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von „ FETT IST KEIN BÖSES WORT “. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„ FETT IST KEIN BÖSES WORT “
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von JETZT STELLEN SIE SICH MAL VOR…. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
JETZT STELLEN SIE SICH MAL VOR…
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
DIE BEIDEN SIND TOP
Vorheriger Artikel
DIE BEIDEN SIND TOP
Geht’ s noch, Oma?!
Nächster Artikel
Geht’ s noch, Oma?!
Mehr Lesetipps

... Zeit nur aufs Handy guckt, endlose Diskussionen mit dem Onkel, der AfD wählt. Ein Viertel der Deutschen streitet sich immer oder gelegentlich an Weihnachten, hat eine YouGov-Umfrage ergeben. Und warum? Weil unsere sogenannten „Liebsten“ uns in den Wahnsinn treiben, weil wir auf Menschen treffen, mit denen wir vielleicht nicht viel zu tun hätten, wenn sie nicht unsere Familie wären. Man ist dem aber nicht hilflos ausgeliefert, man kann sich schützen vor weiteren Desastern. Wie, das erklärt die Psychotherapeutin Janina Limbrock aus München, spezialisiert auf systemische Familienmediation. Zum Beispiel, indem man sich vorstellt, man ginge ins Theater.

„Stellt man s ichvo rhervor, wie es l aufe nwird, kann m anseineve rletzlichenA nte ileinSicherheit bringen.“

JANINA LIMBROCK, FAMILIENTHERAPEUTIN

Bald stehen wieder die großen Familienfeste an. Kann man sich dafür jetzt schon eine Art „mentale Rüstung“ zulegen?

Es hilft, sich vorher vorzustellen, wie es verlaufen kann. So ist man vorbereitet und kann seine verletzlichen Anteile rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Wie geht das genau?

Ein Beispiel: Wenn der Großvater Frauen gegenüber eine sehr konservative Einstellung hat, die einen regelmäßig auf die Palme bringt, kann man sich vorher schon vor Augen halten: „Es hat nichts mit mir persönlich zu tun. Er hat nicht die Absicht, mich als Frau abzuwerten. Er ist einfach ganz anders sozialisiert worden als ich.“ Oder wenn man auf den Vater trifft, bei dem man das Gefühl hat, man wird seinen Erwartungen nie gerecht. Dann sagt man sich schon vorher: „Ich führe ein Leben, das für mich zufriedenstellend ist, und ich bin stolz auf mich.“ Damit versucht man, sich die Unsicherheit, die wiederkehrend bei Kontakten mit dem Vater auftritt, vorher bewusst zu machen und sich innerlich zu stärken, um mit einem Gefühl von Stolz zur Feier zu gehen.

Was sind denn die klassischen Konflikte in Familien?

Politik und unterschiedliche Wertvorstellungen, klar. Aber die richtig heftigen Konflikte sind in der Regel persönlicher Natur. Zum Beispiel das Gefühl: Ich bin immer noch die Kleine, ich werde nicht ernst genommen.

Warum triggern uns Familienkonflikte so?

Personen, die uns besonders nahestehen, können uns viel eher verletzen. Wenn uns der Bäckereifachverkäufer mal blöd kommt, ist das nicht tragisch, wohingegen man in der Familie gleich denkt: „Jetzt wird mir schon wieder nicht zugehört.“ Oder: „Ich habe immer noch das Gefühl, dass Erwartungen an mich gestellt werden, denen ich nie gerecht werden kann.“ Das sind über Jahre gewachsene, tiefe Wunden, die immer wieder aufgerissen werden. Darauf reagiert man dementsprechend empfindlich. Die Familie kennt unsere wunden Punkte. Dinge, die uns unangenehm sind, Momente, wo wir schwach waren. Und in Familien, die eine ungünstige Dynamik haben, wird das ausgenutzt. Dann werden die alten Geschichten in großer Runde erzählt:

„Haha, weißt du noch damals, das war so lustig!“ Und man selber schämt sich in Grund und Boden. Man denkt oft: Das ist doch meine Familie, die müssen doch wissen, dass mich das kränkt. Deswegen ist es so wichtig, es anzusprechen, wenn einen etwas stört, dann können die anderen ihr Verhalten ändern und Rücksicht nehmen. Meist tun sie das aber nicht so schnell, und dann kommt nur ein „Ach, stell dich nicht so an!“. Auch wenn es schwerfällt, da sollte man hart bleiben und sagen: „Nein, auch nach zehn Jahren finde ich die Geschichte immer noch nicht lustig, und ich würde euch bitten, sie nicht mehr zu erwähnen.“Was, wenn man nicht so ruhig bleiben kann?Emotionen kommen wie eine Welle. Sie bauen sich auf, dann erreichen sie ihren Höhepunkt, flachen dann aber wieder ab. Merkt man, dass man ungehalten wird, würde ich empfehlen, die Situation zu verlassen. Es kann auch helfen, innerlich ein Bild abzurufen, das man mit Stolz oder Stärke verbindet – eine Lotusblüte, an der alles abperlt, eine Königin, die würdevoll ist –, und sich sagt: „Ich lasse mich jetzt nicht auf die Stufe dieser Provokation herab, ich bleibe gelassen.“ Was spricht dagegen, einfach zu explodieren?Ein emotionaler Ausbruch ist nicht konstruktiv. Was natürlich nicht heißt, dass man sich alles gefallen lassen sollte. Wenn man sich beruhigt hat, kann man in einem sachlichen Ton sagen: „Hey, das hat mich gerade verletzt, ich möchte, dass du wertschätzend mit mir sprichst.“ Im besten Fall antwortet der- oder diejenige: „Das tut mir leid.“ Sollte da trotz aller Bemühungen nichts Konstruktives zustande kommen, würde ich den Gesprächspartner wechseln. Manchen Menschen geht es nur darum, eine Bühne zu bekommen. Wie reagiert man auf gezielte Provokation?Gar nicht. Vor allem Geschwister wissen häufig genau, welche Knöpfe sie drücken müssen, damit man sich aufregt. Die Frage ist: Will man seinem Gegenüber die Macht geben, mit den eigenen Gefühlen zu spielen? Hier wird keine Diskussion auf Augenhöhe geführt, hier hat das Gegenüber einfach nur Spaß daran zu sehen, wie man in die Luft geht. Dem entgeht man am besten, indem man den anderen auflaufen lässt. Man muss also nicht alles ausdiskutieren.Es ist immer eine Kosten-Nutzen-Analyse. Bei der entfernten Tante, die man alle fünf Jahre mal sieht, Position zu beziehen – bringt das was? Lohnt es sich, das Familienfest in den Schatten dieser Diskussion zu stellen? Genauso bei älteren Leuten, die aus einer anderen Generation stammen, die andere Werte haben und von bestimmten Themen auch nicht mehr zu überzeugen sind. Sich daran abzuarbeiten, ist Energieverschwendung. Das Wichtigste ist immer, dass man selber in den Spiegel schauen und sagen kann: Ich lebe nach meinen Werten und folge meinem moralischen Kompass. Einer der meistgesagten Sätze auf Familienfeiern: „Jetzt sag doch auch mal was dazu!“ Was ist mit den Leuten los, die immer neutral bleiben?Sie machen uns Angst, weil wir sie nicht einschätzen können.

DOG-MATISCH

Vor allem Hunde spüren, wenn es zu Hause Anspannungen gibt. Sie versuchen dann entweder durch Bellen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und so zu deeskalieren – oder sie verkriechen sich unter den Tisch

„Emotionan aleAusbrüche sind nicht konstrukt iv. We n nm anmerkt, d ass es eskaliert, s ollte m andieSituation verlassen.“

JANINA LIMBROCK, FAMILIENTHERAPEUTIN

Ist die Person auf meiner Seite? Oder auf der anderen? Ein Gefühl, das dann häufig von Wut überdeckt wird, darum ärgern wir uns über solche Menschen. Statt in der großen Runde sollte man darüber besser unter vier Augen sprechen. Manchmal steckt dahinter die Strategie, Streit zu vermeiden, oder schlicht und ergreifend Unsicherheit.Was halten Sie von dieser Strategie?Wenn man möglichst wenig Angriffsfläche bieten will und keine Ambitionen hat, ein bestimmtes Bild von sich zu vermitteln, ist das eine sehr ressourcenschonende Strategie. Vielleicht will die Person einfach nur den Abend hinter sich bringen. Warum auch nicht? Für den Fall empfehle ich den Trick, die ganze Zusammenkunft wie ein Theaterstück zu betrachten, in dem man nur eine Rolle spielt. So kann man über Dinge schmunzeln, bei denen man sonst an die Decke gehen würde. Wann lohnt sich ein Ausfechten?Je häufiger man zusammentrifft, desto wichtiger, dass andere einen so sehen, wie man wirklich ist und fühlt. Falls man auf keinen grünen Zweig kommt, sich aber sehr nahesteht, muss man einen anderen Umgang damit finden. Loslassen ist dann oft die nervenschonendste Methode: Ich muss akzeptieren, dass ich etwas unbedingt will, ich es aber nicht bekommen werde.

„Ich liebe den Kampf der Argumente“

JEDEM ZOFF AUS DEM WEG GEHEN? AUF GAR KEINEN FALL, SAGT UNSERE AUTORIN.STREITMUSSSEIN:ERISTGUTFÜRSDENKENUND BRINGT WEITER

Der Standardspruch in meiner Familie lautet: „Egal, was du sagst, Sabine ist sowieso dagegen.“ Das stimmt. Ich liebe es, mein Gegenüber herauszufordern. Ich mag den Kampf der Argumente, egal zu welchem Thema – schließlich ist unser Kopf rund, damit die Gedanken die Richtung wechseln können. Schon in der Schule war ich bekannt dafür, Meinungen zu vertreten, die nicht mehrheitsfähig waren – einfach deshalb, weil Denken für mich ein Sport ist. Und weil ich, frei nach Schriftsteller Arno Schmidt, wie jeder anständige Mensch meiner Ansichten oftmals müde bin. Nichts ist langweiliger, als dem zu folgen, was alle sagen oder denken. Es gibt so viele Perspektiven wie Meinungen, und die dürfen ruhig mal gründlich durchgeschüttelt werden, sobald man miteinander rauft. Das ist unterhaltsam, witzig, klug – und sorgt immer für Gesprächsstoff. Auch wenn sich einige meiner Kontrahent*innen gelegentlich auf den Schlips getreten fühlen, würde ich nie jemanden wissentlich verletzen oder erst dann auf hören, wenn ich recht bekommen habe. Niemals würde ich mich über so langweilige Dinge streiten wie „Du machst nie den Abwasch…“ oder „Immer nimmst du das größte Stück vom Kuchen…“.

Für mich geht es immer um die Sache. Läuft mal eine Diskussion aus dem Ruder – was schon mal der Fall sein kann –, werde ich sofort versöhnlich und glätte die Wogen mit meinem Lieblingssatz des Mystikers Rumi: „Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort, dort treffen wir uns.“