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Letzte Tage: Ab jetzt regieren andere


G Geschichte Porträt - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 22.05.2020

Napoleon steht vor den Toren: Der Doge dankt ab, der Große Rat beschließt seine eigene Auflösung. Venedig blutet - und wird niemals wieder eigenständig sein


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Bildquelle: G Geschichte Porträt, Ausgabe 2/2020

Selbstbewusster Stolz Angelo Giustiniani, Inspektor der Republik Venedig, widersetzt sich in Treviso Bonapartes Forderungen. Gemälde von 1871


Entschlossen greift Ludovico Manin nach der altehrwürdigen Dogenmütze auf seinem Kopf. Setzt dieses Symbol seiner Herrschaft ab und reicht es dem Diener mit den Worten: »Leg sie weg, ich werde sie nicht mehr brauchen.« Es ist der 12. Mai 1797, und Venedigs 120. Doge ist zugleich der letzte. Denn draußen vor dem ...

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... Lidowartet eine Flotte des französischen Generals Napoleon Bonaparte.

Als der Große Rat an diesem Tag im Mai seine Auflösung beschließt, gibt er damit die uralte Staatsordnung der Seerepublik preis. Gegen das militärische Aufgebot Bonapartes, der seit März 1796 den Oberbefehl über Frankreichs Italienarmee innehat, sind die venezianischen Truppen chancenlos. Ganz be- wusst hatte die Republik eine neutrale Position in dem Krieg gewählt, den Österreich und das revolutionäre Frankreich in Italien führen - vergeblich.

Venedig wird verschachert und gegen Belgien getauscht

Im April 1797 waren in geheimer Absprache zwischen Napoleon und Österreich bereits die Würfel gefallen. In einem Vorvertrag wurde das noch gar nicht von den Franzosen eroberte Venedig samt seinem Staatsgebiet gegen Belgien an Österreich getauscht. Mit diesem Länderschacher setzte sich Napoleon über die Weisungen des Direktoriums in Paris hinweg.

Es ist seine Entscheidung, den Kleinstaat Venedig zu vernichten. Zynisch wirft er der Republik einen angeblichen Bruch ihrer Neutralität vor, be vor am 1. Mai die förmliche Kriegserklärung ergeht. Zermürbt knicken die regierenden Nobili ein, um unnötiges Blutvergießen und Venedigs Zerstörung zu vermeiden. Zudem befürchten sie eine Revolte der einfachen Stadtbevölkerung.

Als sich der Große Rat im Dogenpalast zu jener denkwürdigen Versammlung am 12. Mai einfindet, sieht die Mehrheit der Anwesenden keinen anderen Ausweg, als sich Napoleons Ultimatum zu beugen. Im Grunde ist der Rat gar nicht beschlussfähig, da nicht die notwendige Anzahl von 600 Stimmberechtigten zugegen ist. Nach Ludovico Manins Abdankung kommt es vor dem Palast zu einer kurzen Revolte, allerdings zugunsten der alten Patrizierherrschaft. Einige Kanonenschüsse sorgen rasch für Ruhe.

Der Abschied der Markusrepublikaus der großen Politik hatte schon im 17. Jahrhundert begonnen. Aus einer europäischen wurde eine lokale Macht, aus einem internationalen Warenumschlagplatz ein Hafen von regionaler Bedeutung. Nur bei Luxusgütern konnte man den europäischen Konkurrenten Paroli bieten. Um den Handel nicht zu gefährden, nahm Venedig politisch einen neutralen Standpunkt ein. Im 18. Jahrhundert genoss die Stadt den Ruf eines führenden Zentrums der Künste und dazu einer schillernden Vergnügungsmetropole. Zum Ende des 18. Jahrhunderts galt die Verfassung der Serenissima mit ihrer Ausrichtung auf eine privilegierte Patrizierschicht zwar nicht mehr als zeitgemäß, trotzdem blieb das traditionsbewusste Venedig ein lebensfähiges Gemeinwesen.

Nun, mit der Besetzung durch französische Soldaten, ist Venedigs staatliche Unabhängigkeit faktisch zu Ende. Dass die glorreichen Zeiten vorbei sind, demonstrieren die neuen Herren deutlich. Nach französisch-revolutionärem Vorbild wird ein Freiheitsbaum auf dem Markusplatz aufgestellt. Die Herrschaftsinsignien des Dogen und eine Kopie des »Goldenen Buchs«, in dem die Familien des Regierungsadels verzeichnet sind, werden öffentlich verbrannt. Das Interesse der Venezianer an diesen Befreiungsfeierlichkeiten ist jedoch gering.

Die Franzosen plündern und ruinieren die Stadt

Die Beseitigung des alten Verwaltungsapparats sorgt für chaotische Zustände. Großzügig bedienen sich die Franzosen an Venedigs Kunstwerken und ziehen das in der staatlichen Münze deponierte Barvermögen der Bürger ein. Die Steuerlast steigt enorm, vor allem für Wohlhabende. Um den finanziellen Forderungen der Besatzer genügen zu können, werden Teile des Kirchenschatzes von San Marco eingeschmolzen. Innerhalb weniger Monate verschlechtert sich Venedigs, aber auch ganz Venetiens wirtschaftliche Lage dramatisch. Die einst reiche Stadt ist ruiniert. Im Februar 1802 vermerkt der deutsche Schriftsteller Johann Gottfried Seume bei seinem Aufenthalt: »Das Traurigste ist in Venedig die Armut und die Betteley.«

Der Republik von französischen Gnaden ist nur eine kurze Lebenszeit beschieden. Gemäß dem am 17. Oktober 1797 in Campo Formio geschlossenen Friedensvertrag fallen Venedig und sein vormaliges Herrschaftsgebiet an Österreich. Die Serenissima sieht sich zur Provinzstadt eines fremden Imperiums herabgewürdigt. Vor ihrem Abzug plündern die Franzosen noch Venedigs Arsenal und rauben weitere Kunstwerke und Schätze. Vor allem lassen sie die über dem Hauptportal von San Marco befindliche berühmte antike Quadriga mitgehen. Der Verlust dieser vier vergoldeten Kupferpferde, die die Venezianer 1204 selbst aus Konstantinopel geraubt hatten, ist besonders schmerzlich, da sie ein Symbol für Venedigs Triumph und Glanz sind. Zudem verbrennen die Franzosen die vergoldete Prunkgaleere der Dogen.

Die österreichische Herrschaft währt bloß wenige Jahre. 1805 kommt Venedig an das von Napoleon kreierte Königreich Italien, das 1814 von der politischen Bühne verschwindet. 1815 schlägt der Wiener Kongress Venedig wieder dem Kaiserreich Österreich zu, bevor es 1866 in den italienischen Nationalstaat eingegliedert wird.

LESETIPP

Arne Karsten: »Geschichte Venedigs«. C. H. Beck 2012, € 8,95


BILDNACHWEIS: AKG/CAMERAPHOTO