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Letzter Akt


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 14.10.2021

THE BEATLES

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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 11/2021

Die Antwort lautet wieder einmal: 42. Nur hatte Sci-Fi-Autor Douglas Adams nachweislich nichts damit zu tun, dass der letzte gemeinsame Auftritt der Beatles exakt so viele Minuten dauerte. Es war die Londoner Polizei, die das Treiben auf dem Dach des Apple-Gebäudes vorzeitig beendete. Zumal unten mittlerweile der Verkehr stockte und ein paar – fraglos verachtungswürdige – Anwohner über die „Lärmbelästigung“ am frühen Nachmittag geklagt hatten. Dabei sollte der PR-Coup doch lauter frohe Botschaften verkünden: Dass The Beatles, einschließlich des von Verschwörungstheoretikern notorisch totgesagten Paul McCartney, bei stabiler Gesundheit sind. Dass sie sogar wieder live spielen. Und dass demnächst ein neues Album namens GET BACK erscheinen wird. Das kam dann allerdings doch nicht – dafür alles anders.

Warum? Weil der juvenil-unbekümmerte „laddism“ unserer vier Helden, die von der ...

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... Öffentlichkeit allzu gerne als unzertrennliche Einheit wahrgenommen wurden, im wahren Leben längst an Bindungskraft eingebüßt hatte. Naturgemäß, muss man anmerken, denn mittlerweile gab es im Leben der Beatles nicht nur Frauen und Kinder, sondern auch individuelle Emanzipationsbestrebungen, beruflich wie privat. Ihre Beziehungen wurden noch zusätzlich durch die Notwendigkeit getrübt, geschäftliche Entscheidungen treffen zu müssen – nicht gerade die Kernkompetenz der vier Kre-ativen, die derlei Aktivitäten bislang gerne delegiert hatten, wenn auch nicht unbedingt zu ihrem Vorteil. Das Ende ihrer gemeinsamen Coming-of-Age-Geschichte rückte immer näher, natürlich unter reger Anteilnahme der Medien und einer Millionen zählenden Fan-Gefolgschaft. Dabei hatte das Jahr 1969 durchaus vielversprechend begonnen.

TEXT: UWE SCHLEIFENBAUM

ERSTER AKT: Twickenham Studios, Richmond

Im November 1968 war THE BEATLES erschienen, dass die Band bereits im folgenden Januar an GET BACK zu laborieren begann, wirkt aus heutiger Sicht wie blanker Aktionismus. Die alte Doktrin, pro Jahr zwei reguläre Alben zu veröffentlichen, war immerhin 1966 – als auch die finale Tournee über die Bühne ging – aufgegeben worden. The Beatles hatten theoretisch Zeit. Die Erfahrungen der vergangenen Monate drängten gefühlt dennoch zur Eile: THE BEATLES war das Werk dreier Solisten und ihres mitunter genervten Schlagzeugers gewesen, es ging also darum, die lädierte Beziehung zu kitten und den gemeinsamen kreativen Schwung der frühen Jahre wieder zu beleben, bevor der ganze Laden doch noch auseinanderfliegt. Der Legende nach wird dieser angeblich einsame Entschluss immer Paul McCartney zugeschrieben, was allerdings nicht der vollen Wahrheit entspricht. Zwar war er es, der die Idee zuerst propagierte, live im Studio – und begleitet von Kameras – an neuen Songs zu arbeiten, um den alten Geist zu wecken, doch die anderen drei stimmten sofort zu. Lennon ging sogar noch einen Schritt weiter, wollte auf Overdubs verzichten und den ruppigen Sound jener Tage zitieren, als man noch im Liverpooler „Cavern Club“ rauen Rock’n’Roll für schwitzende Teenies fabriziert hatte. Harrison, der während eines US-Aufenthaltes einige neue Songs komponiert hatte, schlug vor, den hochtalentierten Keyboarder Billy Preston zu engagieren. Einerseits, um den Live-Songs weitere Klangfarben zu verpassen, ohne auf nachträgliche Overdubs angewiesen zu sein, andererseits als soziales Korrektiv mit unverbrauchtem Blick aufs große Ganze. Starr wollte seine alten Freunde natürlich nicht hängen lassen – obwohl seine Schauspielambitionen jenseits der Beatles-Filme damals konkrete Gestalt annahmen.

Die ersten Proben begannen kurz nach dem Jahreswechsel in der winterlichen Kälte der ohnehin eher unwirtlichen Twickenham Studios, wobei eine kreative Stimmung nicht so recht aufkommen wollte. Die Kameras von Michael Lindsay- Hoggs Filmteam wurden als eher störend empfunden, lediglich McCartney schien dank eines leichten Anfalls von Gefallsucht regelrecht aufzublühen. Lennon und Starr ignorierten seine Selbstinszenierung als heimlicher Chef, Harrison reagierte hingegen mit Sarkasmus: „Wenn ich es so spielen soll, spiele ich es eben so, wenn ich es anders spielen soll, spiele ich es eben anders, ganz wie du willst, Paul.“ Was die Balance innerhalb der Band betraf, war die Dauerpräsenz von Yoko Ono gewiss auch nicht gerade hilfreich. Wie Lennon später behauptete, war nur Ringo freundlich wie immer, während die anderen kaum einen Hehl aus ihrer relativen Abneigung machten. Die Stimmung kippte endgültig am 10. Januar, als Harrison und Lennon in der Mittagspause aneinandergerieten. Harrison hatte ihm mangelndes Engagement vorgeworfen, woraufhin ein heftiger Streit ausbrach, bei dem es angeblich sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen sein soll. Harrison verließ die Band im Zorn, Lennon schlug – so schnell wie unsentimental und unrealistisch – Eric Clapton als Ersatz vor. Fünf Tage später endeten die Aufnahmen in Twickenham. Der erste Versuch, die Kameraderie und den produktiven Geist der frühen Jahre zu revitalisieren, war also ziemlich kläglich gescheitert.

ZWEITER AKT: Apple-Gebäude, Savile Row

Am 21. Januar waren die Fab Four zwar wieder komplett, Harrison bestand allerdings darauf, dass – anders als zuvor angedacht – keine offiziellen Konzerte mehr vor großem Publikum bestritten werden sollten. McCartney, der GET BACK auch als Vehikel betrachtet hatte, die Beatles zurück auf die Bühne zu bringen, stimmte letztlich zu. Im Apple- Gebäude wurden in ihren Grundzügen zehn der zwölf Songs aufgezeichnet, die letztlich auf LET IT BE landen sollten, sieben davon im Kellerstudio, weitere drei – „One After 909“, „I’ve Got A Feeling“ und „Dig A Pony“ – während des Dachkonzerts am 30. Januar. Nur wenige Menschen haben Letzteres tatsächlich live erlebt, doch dank der Filmaufnahmen ist das „rooftop concert“ zweifellos einer jener ikonischen und inspirierenden Momente, die das popkulturelle Kollektivbewusstsein bis heute beflügeln. Wer das bezweifelt, dem sei etwa die „Simpsons“-Folge „Homer’s Barbershop Quartet“ von 1993 ans Herz gelegt ...

TIME LINE

1969

2. Januar: Beginn der Probesessions in den Twickenham Studios. 10. Januar: Nach einem Streit mit Lennon verlässt Harrison die Band. 13. Januar: Das Soundtrack-Album YELLOW SUBMARINE erscheint. 15. Januar: Ende der Aufnahmen in Twickenham. 21. Januar: Harrison kehrt zurück, Umzug ins Kellerstudio von Apple. 30. Januar: unangekündigtes Konzert auf dem Dach des Apple-Gebäudes. 31. Januar: vorerst letzte Aufnahmesession. 3. Februar: Lennon, Harrison und Starr kontaktieren US-Manager Allen Klein. McCartney spricht sich stattdessen für seinen Schwiegervater Lee Eastman aus. 22. Februar: Mit „I Want You (She’s So Heavy)“ beginnen die Aufnahmen für ABBEY ROAD. 10. März: Glyn Johns beginnt im Olympic Studio mit dem Abmischen und erstellt ein Mastertape. 8. Mai: Lennon, Harrison und Starr unterzeichnen einen Managementvertrag mit Allen Klein. McCartney verweigert die Unterschrift. 26. September: ABBEY ROAD wird veröffentlicht. 15. Dezember: Die Band beauftragt Johns, einen neuen GET-BACK-Mix für den geplanten Film zu erstellen.

1970

3. Januar: „I Me Mine“ wird in den Abbey Road Studios aufgenommen. Es ist der letzte Beatles-Song, der zu Lebzeiten der Band entsteht. Aus GET BACK wird LET IT BE. 23. März: Phil Spector beginnt mit dem Remix. 10. April: Paul McCartney verkündet das Ende der Beatles. 8. Mai: LET IT BE wird veröffentlicht. 13. Mai: Der Film „Let It Be“ feiert in New York Premiere. 31. Dezember: McCartney beantragt vor Gericht die Auflösung der Beatles-Partnerschaft. Es ist das offizielle Ende der gemeinsamen Karriere.

PETER JACKSON UND DIE VIER WEGGEFÄHRTEN

„GET BACK“

Sir Paul McCartney und Ringo Starr sind Realisten. Sie wissen, dass die Welt die Beatles gerne als ziemlich beste Freunde sehen will – und nicht als drei tendenziell missgelaunte Typen und einen aufgekratzten Möchtegern-Zampano, die sich einst im Twickenham Studio beträchtlich auf die Nerven gingen. McCartney dürfte sich keinen Illusionen darüber hingeben, in Michael Lindsay-Hoggs „Let It Be“ auch nur ansatzweise bella figura gemacht zu haben – dass der Film Anfang der Achtziger auf VHS erschien, die Transformation auf DVD jedoch ausblieb, obwohl die Beatles bekanntlich gerne und oft Material wiederveröffentlichen, hat sicher seine Gründe.

Die ursprünglich fürs Fernsehen geplante Kinoversion von 1970 hatte eine Laufzeit von rund 80 Minuten, doch Lindsay-Hogg hat seinerzeit wesentlich mehr Material gedreht: 55 Stunden, wie die Ankündigung der dreiteiligen Dokumentation „The Beatles – Get Back“ nahelegt. Regisseur Peter Jackson hat daraus rund sechs Stunden destilliert, inklusive des kompletten „rooftop concerts“. Premiere feiert die Trilogie am 25. November auf Disney+.

Natürlich ist die Gefahr gegeben, dass der Dreiteiler ein allzu harmonisches Bild zeichnen wird, inklusive der Ehrenrettung für Paul und einer Betonung fröhlicher Kumpeligkeit. Anderseits sind bislang weder Starr und McCartney, noch Yoko Ono und Olivia Harrison als bösartige Geschichtsfälscher bar jeder Selbstkritik in selbige eingegangen. Also: erst gucken, dann urteilen. Zumal bislang unveröffentlichtes Beatles- Material natürlich immer reizvoll ist.

Gute Ideen haben bekanntlich viele Urheber. Laut Billy Preston war es John Lennon, der das Dach als Konzert-Location vorschlug, Apple-Mitarbeiter Ken Mansfield tippt hingegen auf Regisseur Michael Lindsay-Hogg, während Glyn Johns behauptet, er selbst sei es gewesen. Kleiner Exkurs in die Welt der Mode: Gut, dass Yoko Ono und Ringos Angetraute Maureen Starkey anwesend waren, die ihre Schutzbefohlenen noch schnell mit dickem Pelz und rotem Funktions-Regenmantel ausrüsteten, um in luftiger Höhe den ungemütlichen Januartemperaturen zu trotzen. Kind, zieh dir was Warmes an!

Aber zurück ins Studio: Am 31. Januar wurde noch an „Two Of Us“ und „Let It Be“ gearbeitet, ebenso an „The Long And Winding Road“, wobei dieser Take nicht auf dem Album landete. Danach trennten sich die Wege. Auf der Habenseite standen Ende Januar einige Filmaufnahmen sowie ein paar mehr oder minder fertige Songs – für Beatles-Verhältnisse eine extrem dürre Bilanz. Weshalb bereits drei Wochen später die Arbeiten an ABBEY ROAD beginnen sollten. Im dortigen EMI-Studio, also auf bekanntem Terrain, produziert von George Martin, einem bekannten Gesicht. War das Projekt GET BACK damit gestorben? Noch nicht ganz, der Albumtitel war weiterhin gesetzt, zudem wurde Glyn Johns beauftragt, das vorhandene Material neu abzumischen und ein Mastertape zu erstellen. Für das passende Coverfoto engagierte man Angus McBean, der die Beatles an gleicher Stelle – dem EMI-Hauptquartier am Manchester Square – sechs Jahre zuvor für das Debüt PLEASE PLEASE ME abgelichtet hatte. Seine beiden Fotos, später für die Compilations 1962 – 1966 und 1967 – 1970 zweitverwertet, sagen vermutlich mehr über die ästhetische Revolution der Sechzigerjahre aus als so mancher gelehrte Aufsatz.

Der fotografischen Reminiszenz an vergangene Zeiten zum Trotz: Die Entfremdung der vier alten Freunde war nicht mehr aufzuhalten und erhielt bereits Anfang Februar neue Nahrung. Lennon, Starr und Harrison kontaktierten Allen Klein, einen New Yorker Manager, der für die Rolling Stones einen extrem lukrativen Plattenvertrag herausverhandelt hatte. Vor allem Lennon schien vom robusten Charme des mit allen Wassern gewaschenen Geschäftsmannes hellauf begeistert zu sein. McCartney empfand ihn hingegen als windig und bevorzugte Lee Eastman, seinen Schwiegervater in spe – und einen Vertreter des amerikanischen Ostküsten-Geldadels. Der wiederum dem „Working Class Hero“ Lennon viel zu snobistisch war, zudem befürchteten die drei Klein-Follower, aufgrund Pauls familiärer Verbindung über kurz oder lang übervorteilt zu werden. Misstrauen auf allen Seiten. Mochte es vorher um persönliche Befindlichkeiten, kreative Unstimmigkeiten und Fragen des gegenseitigen Respekts gegangen sein – jetzt ging es ums Geld. Am Ende machte Klein das Rennen, McCartney wurde überstimmt.

DRITTER AKT: Abbey Road Studios, St. John’s Wood

Am 26. September 1969 erschien ABBEY ROAD, das – wie erwartet – nahezu überall auf der Welt Platz 1 der Charts erreichte und auch die Kritiker überzeugte. Ein weiteres Meisterwerk der Beatles, also eigentlich der Normalfall. Quod erat demonstrandum. Etwa zeitgleich unterrichtete Lennon Allen Klein darüber, dass er die Band verlassen wolle. Um dessen laufende Verhandlungen mit der Plattenfirma EMI nicht zu stören, vereinbarte man vorerst Stillschweigen, zumal EMIs amerikanischer Vertriebspartner Capitol Records aufgrund des Erfolges von ABBEY ROAD gerade Spendierhosen mit extra großen Taschen trug.

Lennon hatte offen ausgesprochen, was prinzipiell – allerdings in unterschiedlicher Dringlichkeit – wohl auch die Gemütslage seiner Kollegen beschrieb: Dass man am Ende des gemeinsamen Weges angekommen war und sein Glück fortan besser im Alleingang suchen sollte. Für Harrison, künstlerisch selbstbewusster denn je, eröffnete sich die Chance, endlich aus dem Schatten des übermächtigen Komponistenduos zu treten. Auch McCartney, also jener Kraft, die bislang eher für Zusammenhalt und Fortbestand um jeden Preis plädiert hatte, dämmerte langsam, dass sich die großen Gemeinsamkeiten erledigt hatten – nicht zuletzt in geschäftlicher Hinsicht. Lediglich Starr, als Sänger, Komponist und Texter noch ohne große Expertise, war kein sicherer Kandidat für eine ganz wunderbare musikalische Solo-Karriere. Aber Filmkritiker hatten ihm stets komödiantisches Talent attestiert, und die Schauspielerei war und ist ja auch eine ehrenwerte Kunst.

Erneut wurde Glyn Johns beauftragt, das Material von GET BACK zu überarbeiten – diesmal allerdings für den geplanten Film. Zu Beginn des neuen Jahres wurde der Titel kassiert, GET BACK mutierte zu LET IT BE. Am 3. Januar entstand in der Abbey Road schließlich der letzte Beatles- Song, der zu Lebzeiten der Band aufgenommen wurde: Harrisons „I Me Mine“, zuvor von Lennon und McCartney abgelehnt, sollte jetzt doch auf dem neuen Werk landen; ebenso „Across The Universe“, das bislang nur als Anfang 1968 entstandener Demo-Take mit ein paar Overdubs vorlag. Lennon selbst war bei der finalen Session übrigens gar nicht mehr anwesend, er hatte den „inneren Abschied“ also bereits in der Praxis vollzogen.

Hitzig wurde es erneut, als sich die Produzentenfrage stellte. Glyn Johns’ Mixe, bearbeitet vom Toningenieur Alan Parsons, hätten eigentlich die Basis für George Martins „final touch“ stellen können, doch vor allem Lennon bestand darauf, eine externe Kraft zu engagieren: Phil Spector. Das amerikanische „Wall Of Sound“-Hitwunder der frühen bis mittleren Sechzigerjahre war damals drauf und dran, in der Rubrik „Was macht eigentlich...?“ zu landen, seine große Zeit schien bereits vorbei. Aber wie auch immer: Ende März 1970 begann der exzentrische Maestro mit der Überarbeitung, fügte Chöre und Orchester-Arrangements hinzu, an denen sich fortan die Geister schieden. McCartney fand vor allem „The Long And Winding Road“ grauenhaft und versuchte die gesamte Veröffentlichung zu stoppen. Vergeblich. Lennon verteidigte Spectors Aktivitäten später als „gute Arbeit“, zumal ihm „die beschissenste Ladung von schlecht aufgenommenem Scheißdreck präsentiert“ worden war, wie er 1971 dem „Rolling Stone“ anvertraute. Spector habe immerhin „etwas daraus gemacht“. Lennon war es auch, der Produktions-Credits für Glyn Johns und George Martin torpedierte, trotz ihrer zweifelsfrei wichtigen Vorarbeiten. Letzterer nahm es mit lakonischem Humor: „Produziert von George Martin. Überproduziert von Phil Spector.“

Für weltweite Schlagzeilen sorgte schließlich Paul McCartneys Statement am 10. April 1970, mit dem er seine Trennung von den Beatles bekannt gab. Die damit einhergehende Auflösung der Band nicht gemeinsam zu formulieren, war auch kein feiner Zug, zumal Lennon intern ja bereits Monate zuvor seinen Abschied angekündigt hatte. Jetzt behielt also McCartney das letzte Wort, und genau das war wohl auch seine Absicht. Ein weiterer Schienbeintritt in der an Schienbeintritten reichen Endphase der fabulösen Vier. Eine Woche darauf veröffentlichte McCartney sein Solodebüt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

LET IT BE erschien am 8. Mai 1970 und erreichte umgehend Platz 1 der britischen und amerikanischen Charts. Der Film, fünf Tage später uraufgeführt, wurde mit einem Grammy Award in der Kategorie „best original score“ und einem Oscar für den „original song score“ ausgezeichnet – zweifellos Ausweise ihrer noch immer ungebrochenen Popularität. Und noch dazu Begebenheiten, die gewiss jeder einzelne Ex-Beatle sehr gerne, nun ja ... geschehen ließ.

ALLEN KLEIN

BÖSER BUBE

In der Beatles-Geschichtsschreibung herrscht nahezu Konsens: Manager Allen Klein spielte die Schurkenrolle – ein großspuriger Typ mit Pomade im Haar und „dem Charme einer kaputten Klobrille“, wie es Alistair Taylor, einst Brian Epsteins Assistent, prosaisch ausdrückte. Dass er auf Empfehlung Mick Jaggers Zutritt zum Beatles-Kosmos erhalten hatte – die Rache der Rolling Stones? – und bei John und Yoko eine Schleimspur hinterließ, wurde oft kolportiert.

Fakt ist: Die Vorschüsse der Stones hatte er vervierfacht und ihnen einen Platten-Deal über die rekordverdächtige Garantiesumme von 2,6 Mio. Dollar verschafft. Fakt ist auch: Beatles- Manager Brian Epstein hatte oft glücklos agiert, als die Managementrechte nach seinem Tod veräußert wurden, war es Klein, der den Beatles den Zugriff sicherte. Der Rückkauf der Verlagsrechte von „Northern Songs“ scheiterte nur am Streit zwischen Lennon und McCartney. Bei der Neuverhandlung ihres Plattenvertrags holte er allerdings das Maximum heraus, was sogar McCartney beeindruckte. Also alles gut? Nicht ganz.

Klein hatte die Einkünfte der Stones vervielfacht, sich aber als Treuhänder installiert, der das Geld nur in Raten auszahlte, weshalb ihn die Band 1970 feuerte. Lennon, Harrison und Starr – die nach dem Beatles-Split von ihm vertreten wurden – waren alarmiert, als er einen Teil der Einkünfte für das CONCERT FOR BANGLADESH in die eigene Tasche abzweigte. Klein wurde gefeuert, Lennon ließ Anfang 1973 wissen: „Vielleicht war Pauls Misstrauen gerechtfertigt.“ Allen Klein starb 2009 im Alter von 77 Jahren.