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LEUTE & KULTUR: WENDE-BILANZ: ANNE KASPRIK: „ICH WAR EINE GETRIEBENE“


SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 19/2019 vom 02.05.2019

1989 fiel die Mauer und dieDDRSchauspielerin aus ihrem privilegierten Leben. Heute hat sich die 55-Jährige beruflich wie privat wieder etabliert. Ein Gespräch über Wurzeln und Wandel


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Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 19/2019

Anne Kasprik 1990 beim Spaziergang an der Mauer mit ihrem Sohn Alexander


Sie ist Jahrgang 1963, erlebte in der DDR Kindheit, Jugend und den Beginn ihrer Filmkarriere – mit Rollen in den Serien „Einzug ins Paradies“, „Bereitschaft Dr. Federau“ und „Polizeiruf 110“. „Mir ging es sehr gut. Als die Mauer fiel, sah ich das als Chance, Wege zu gehen, die es vorher nicht gab.“ Dass sie bei ihrer ersten Filmarbeit im Westen 1991 ...

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... ihren Mann, den israelischen Regisseur Oren Schmuckler, kennenlernte, ist für Anne Kasprik die glücklichste Fügung.

Frau Kasprik, wie wichtig ist es Ihnen, als Ostfrau wahrgenommen zu werden?
Es ist für mich auch eine Solidarisierung mit den Menschen, die wie ich ihr Leben nach dem Verschwinden der DDR unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen neu organisieren mussten. Ich bin zwar ausgezogen, um die Welt zu erobern, aber nicht, um meine Wurzeln zu verleugnen. Ich fühle mich als Europäerin, aber ich komme aus dem Osten.

Ihr Vater, der bekannte Regisseur Hans-Joachim Kasprzik, hat sich in der DDR mit politischen und historischen Stoffen auseinandergesetzt. Geriet er da an Tabus?
Sehr oft. Es gab immer Diskussionen um Inhalte und es war für ihn jedes Mal ein Kampf. Bei „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ sollte er die historische Sicht komplett umarbeiten. Mit den Jahren machte ihn das immer unzufriedener. Ich erlebte die Entwicklung meines Vaters von einem überzeugten Sozialisten zu einem Menschen, der sagte: Ich gehe hier weg. Das hat mich sehr berührt.

Wann bekam Ihre Welt einen Bruch?
Durch den Beruf meines Vaters bin ich wie in einem Kokon groß geworden. Dennoch bekam ich als Teenager das Gefühl, dass es nicht mehr gut ist, so wie es ist. In der Schule immer darauf bedacht, zum Abitur zugelassen zu werden, studieren zu können, behielt man seine ehrliche Meinung zu politischen und gesellschaftlichen Fragen für sich. Insofern gab es keine echten Diskussionen. Es ging doktrinär zu. So empfand ich das.

Anne Kasprik, 55, strahlt Zufriedenheit aus. Sie hat mit ihrem Leben nie gehadert, die Herausforderungen aufrechten Gangs angenommen


Haben Sie an das Verschwinden der DDR geglaubt?
Nein, das haben die wenigsten. Nach dem 9. November schaute ich aber zuversichtlich in die Zukunft, weil ich meinte, alles würde sich zum Besseren wenden. Mein Optimismus speiste sich aus der Tatsache, dass ich weiterhin viel zu tun hatte. Mein Vater aber war sturzunglücklich. Er sagte damals: Jetzt kommt alles, was wir bekämpft haben, dieser ganze Kapitalismus, wieder hierher. Er begrüßte die Reisefreiheit, das System wollte er nicht, bis zum Schluss. Es hat ihn krank gemacht. Aus dem selbstbewussten Mann wurde ein verunsicherter Mensch. 1989 hat er mit dem Polizeiruf „Der Wahrheit verpflichtet“ seinen letzten Film gedreht. Geld zu erbetteln, um seine Stoffe zu realisieren, brachte er nicht über sich. Er starb 1997 an Krebs.


„Wir sind alle Einzelkämpfer geworden.“


1992 zogen Sie vorübergehend nach Köln. Wie hat man auf Sie reagiert?
Ich war damals dort noch ein Exot. Man wollte wissen, wie es war in der DDR und mit dem Mauerfall. Viele haben damals verschwiegen, dass sie aus dem Osten kommen. Heute ist die Situation eine andere. Das Selbstbewusstsein der Menschen hier ist gestiegen. 30 Jahre nach dem Fall der Mauer haben sich Ost und West angenähert, aber wir sind alle Einzelkämpfer geworden. Jeder kann frei für sich entscheiden, doch man hat kein Netz mehr, das einen auffängt. Das haben wir alle mehr oder weniger schmerzhaft lernen müssen. Interessant ist, dass man sich heute in der Öffentlichkeit wieder genau überlegt, was man sagt. Es könnte einem ja an dem einen oder anderen Punkt schaden. Man hat also wieder oder immer noch eine Schere im Kopf.

Hochzeit in Amerika mit Terence Hill als Trauzeuge

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1. Für Baby Anne unterbrach Regisseur Hans-Joachim Kasprzik gern mal die Arbeit
2. Anne Kasprik und Oren Schmuckler heirateten 1994 auf der Bonanza Creek Ranch
3. Als Oberschülerin spielte sie 1979 – 83 ihre ersten Rollen am Arbeitertheater Teltow
4. Terence Hill führte seine Filmpartnerin Anne Kasprik bei ihrer Eheschließung als Trauzeuge vor den Friedensrichter

Im Mai feiern Sie und Ihr Mann Oren Schmuckler Silberhochzeit. Geheiratet haben Sie in Santa Fe, wo Sie mit Terence Hill und Bud Spencer „Die Troublemaker“ drehten. Hill war Ihr Trauzeuge. Erzählen Sie doch, wie es dazu kam …
Es war für mich schon erstaunlich, dass Terence Hill ausgerechnet mich für die Rolle der Tierärztin Bridget wollte. Im Gegensatz zu meinem Vater kannte ich keinen seiner Filme. Ich sah mir einige an und dachte „warum nicht“ und flog im Frühjahr 1994 nach New Mexico. Es gab am Set wegen eines Streiks gerade etwas Stress, als Oren anrief und sich nicht abwimmeln ließ. „Willst du mich heiraten?“, brüllte er ins Telefon, weil ich ihn kaum hören konnte. „Ja“, rief ich so laut, dass alle es hörten. Aber wie sollte das gehen? Terence’ Frau Lori beruhigte mich: Keine Sorge, my dear, das machen wir schon. Es bildete sich ein Hochzeitskomitee, im Courthouse von Santa Fe erfolgte das Aufgebot. Oren und unsere Kinder reisten an. Die Kostümbildnerin nähte mir ein Brautkleid im Flair der Zeit, kleidete Alex und Roni im Westernstil an. Die Idee, dass Terence mein Trauzeuge wurde, kam wohl von Lori. Am 28. Mai hat uns der Friedensrichter von Santa Fe in Bridget House auf der Bonanza Creek Ranch getraut.

Seit 1965 ist sie in Kleinmachnow zu Hause. Mit ihrem Mann rettete sie das Haus ihrer Eltern vor Restitutionsansprüchen einer westdeutschen Erbengemeinschaft


Anne Kaspriks Buch „Ich aus dem Osten“ erschien im Verlag „Neues Leben“


Wie ist Ihr persönliches Resümee der 30 Jahre nach dem Mauerfall? Sehen Sie sich als Gewinnerin?
Ja. Ich bin privilegiert aufgewachsen und wollte auch wieder hin auf die schöne Seite des Lebens. Dafür habe ich gerackert, war eine Getriebene. Ich habe so vieles auf einmal gemacht. Die Kinder waren klein, wir hatten nicht viel Geld. Das hat sich mittlerweile geändert. Ich bin nicht mehr so viel in der Welt unterwegs, arbeite in Hamburg, Leipzig und Berlin für Serien, die die Zuschauer mögen.

Profitiert Ihr Privatleben davon?
Ja, wir sind öfter gemeinsam zu Hause. Das tut unserer Beziehung gut. Oren und ich sind jetzt in einer sehr tiefen Partnerschaft. Es macht mich glücklich, dass meine Familie gesund ist, dass wir ein schönes Leben führen können. Mit Orens Tochter Roni, die Regisseurin geworden ist, habe ich in Israel die schwarze Komödie „Chanel Chance“ gedreht, in der ich erstmals eine Szene mit meinem Sohn Alexander hatte. Er ist in meine Fußstapfen getreten.


FOTOS: Nikola Kuzmanic für SUPERillu, privat

FOTOS: Nikola Kuzmanic für SUPERillu, privat (4), PR