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Li-La-Land


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 7/2020 vom 05.06.2020

Wenn es Hochsommer wird im Süden Frankreichs, legt sich ein betörender Duft über das Département Drôme, hübscht die Region ihr Gesicht mit frisch in Reihen gekämmten Lavendelfeldern verführerisch auf. Lars Wennersheide (Text & Fotos) und Marius Becker (Fotos) folgen der Lavendelroute zwischen den spektakulären Schluchten des Vercors im Norden und der Spitze des Mont Ventoux im Süden.


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Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 7/2020

Gestreift: Auf dem Plateau d’Albion bleiben nahe Ferrassières die »Bories«-Hütten im Hochsommer nicht die einzigen Blickfänge.


Schluchten-Schutzschild: Derbe Felsüberhänge werden zur etwas anderen Kopfbedeckung in den Gorges ...

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... de la Bourne.


Ein bescheidenes Sträßchen saugt uns hinein in eine Schlucht, die brachial durchs Gestein gemeißelt ist


Schönheit mit Hang: Montbrun-les-Bains zählt zu den als »Plus Beaux Villages de France« ausgezeichneten Dörfern.


Ein Terrassen-Dorf, an dessen südlichem Ortsrand uns der Schwefelgeruch fast aus den Sätteln wirft


Landschaftsleuchten: auf dem 820 m hohen Col de Pey ruergue gehört die Einsamkeit zur Dekoration.


Eine Hochebene, die ihr perfektes Make-up aufgelegt hat. Lila Lavendel brütet unter tiefem Lapislazuli-Blau


Seitensprünge: Am Serre de l’Âne erzählen Felsspalten von beeindruckenden geologischen Zeiten sprüngen.


Da wird die knackige Rechtskurve zu einem regelrechten Blindfl ug in eine senkrechte Felswand


Können Kurven Sünde sein? Wenn sie sich gar so vor uns dahinrekeln wie diese? Die feuerrote englische Lady unter mir macht den Tiger, legt einen Zahn zu, biegt sich mal nach links, mal nach rechts. Kurven zum Vernaschen, immer dicht an der Ideallinie. Anfangs dunkel vom Wald, wird es weiter oben immer lichter. Der Rhythmus passt, die Drehzahl steigert sich, die Raubkatze ist losgelassen. Und dazu diese Geräuschkulisse: oh, là, là. Kurz vor dem Höhe- Punkt wechselt ein grob gezimmerter, _ nsterer Tunnel unser Programm innerhalb von Sekunden von Rosamunde Pilcher zu einem Hitchcock-Thriller. Vorläu_ ges Ende eines Triumphzugs hinauf zum Combe Laval.

Der Hochsommer brütet mal wieder einen selbst für südfranzösische Verhältnisse geschichtsträchtigen Tag aus. Kurz nach Sonnenaufgang brodelte das Motorenöl bereits vor der frühmorgendlichen Abfahrt im nahen Romans-sur-Isère. Selbst der Schwung meines Auslegers über die Sitzbank zeigte mehr Hitzewallung als das Aufwärmprogramm von so manchem Pro_ sportler vor seinem Einsatz.

Zurück zum Combe Laval, einer der landschaftlichen Leuchttürme französischer Provinz. Direkt hinter besagtem Tunnel trifft uns der Vercors-Gong, grellt die Sonne meine vom Dunkel weiten Pupillen bis zum Overkill, wird die knackige Rechtskurve zum Blind_ ug in eine senkrechte kreidebleiche Felswand. Ein tollkühn hineingehämmerter Weg mit Aussichten, Abgründen und Galerien nimmt uns auf in die abgelegene Bergwelt des schroffen Massivs. Gefühlt schweben wir frei, aber nicht ganz schwindelfrei einige Hundert Meter oberhalb des sattgrünen Tals des Combe Laval.

Längst ist der Vercors für all die Motorradfahrer rund um Grenoble oder auch aus dem nahen Rhônetal kein Geheimtipp mehr, vielmehr an guten Wochenenden das Moto-Drôme eines perfekten Tagestrips. Kleine Yamahas und Kawasakis surren umher wie in einem Bienenstock. Knappe Jeans, Lederjacke und Halbschale samt Sonnenbrille sind ja schon, je nach Sichtweise, ausgesprochen ansehnlich.


Ein überragendes Stück Frankreich, um die Reifenmitte zu schonen und sich die Pneus rund zu fahren


Am Combe Laval sollen drollige Fahrbahnbegrenzer vor dem Absturz schützen


Unvergessenes Glamping in den Bergen bei Montbrun-les- Bains


Bei Hitze wird der morbide Charme von Pont-en-Royans zur Kulisse Badewütiger


Pont-en-Royans. Lautes Wasser-Platschen Abkühlungswütiger, reflektiert von pastellfarbenen Häusern, ein bescheidenes Sträßchen saugt uns hinein in den Gorges de la Bourne. Eine Schlucht, bis Villardde- Lans brachial durch Felsen gemeißelt, mit derben Überhängen, Tunneln und drolligen Mäuerchen am Abgrund. Die Umgebungstemperatur- Anzeige der XCA bekommt zur späten Mittagszeit zunehmend hohes Fieber. Lüftungsöffnungen unserer Sommerkombi stehen auf größtmöglichen Durchzug. Und das in einem als eisig bekannten Massiv, in dem die Winter nicht selten Ende September beginnen und bis in den Mai reichen können. Unsere Kondition sackt wieder hinab auf die eines McDonalds-VIP-Mitglieds. Statt kalter Wadenwickel wählen wir Höhenmeter und einen großen schattigen Baum, etwas abseits auf einer blühenden Sommerwiese in Saint-Julien-en-Vercors bei knapp 1000 Metern über dem Meeresspiegel. Luft! Wir lassen die Hosen runter - nur die Schutzkleidung! - sagen es trotzdem niemanden weiter

Mit dem Col de Rousset gleitet die Hochfläche in knackigen Kehren nach Südfrankreich ab. Stillstehende Skilifte wirken momentan wie Transportmittel in fremde Galaxien. Dieses wunderbar weiche Nachmittagslicht übernimmt, ein feuriges Durcheinander verschiedener Düfte durchdringt eine Natur, die in Ekstase geraten scheint und sich immer unbändiger austobt. Mehr und mehr Schmetterlinge schwirren durch die Luft. Schmale Wege kneifen sich nördlich des Ortes Die durch dürre Hügel. Dann endlich sind wir nahe Chamaloc am Ziel. Frisch gekämmt liegt es vor uns - lila leuchtend, Lavendelland.

Ein Hahn kräht, als wir auf den Hof der »Distillerie des 4 Vallées« einbiegen. Rechts flankiert von einer grün-weißen Ente, einem Citroën 2CV, links von einem alten Alembik, Großvaters Brennhut auf einem Kutschengestell. »In Chamaloc kommen vier Täler zusammen, 4 Vallées, die seit Generationen Rohstoffe für unsere ätherischen Lavendelöle liefern.« Guide Hissette verabschiedet wiederholt die Vorgängergruppe. Der Busfahrer am Rand des Parkplatzes ruft sie bereits nachdrücklicher zum Aufbruch. Chinesinnen sehen seit Beginn ihrer Ankunft gedankenverloren das, was die Bildschirme ihrer Smartphones erleuchten. Französische Lavendel-Verarbeitung in Chamaloc wird sicher bald ganz groß in Chinas sozialen Medien rauskommen.

»Von rund 600 verschiedenen Lavendelsorten gedeihen drei unterschiedliche Arten wild im Süden Frankreichs. Rund um Die vor allem Echter Lavendel und Lavandin, ein Hybrid.« Ihre Verarbeitung unterscheidet sich hier erheblich. »Mit Echtem, also Feinlavendel, gehen wir behutsamer um«, so Hisette. »Die Blüten werden draußen auf dem Feld geschnitten, dort zum Trocknen ausgelegt, dann auf unserem Hof in einem Alembik, einem Brennhut, vorsichtig von unten mit Heißdampf durchströmt. Die Blüten öffnen sich, der Dampf nimmt beim Aufsteigen die Lavendel-Moleküle auf. Wieder abgekühlt trennt eine Art Koaleszenzabscheider das Wasser vom Öl.«

Dachten wir bei Ankunft auf dem Hof, noch im vergangenen Jahrhundert gelandet zu sein, ist der Blick hinter die Kulissen der Brennerei genau das Gegenteil. »Jeder Destillationsprozess, auch der für Lavandin, dauert jeweils 40 Minuten. Nur bei Lavandin fällt die Trocknungszeit der Blüten auf den Feldern weg, alles geht maschineller, schneller und weniger behutsam.«

Bis Die, bekannt für seinen in Flaschen gereiften Schaumwein Clairette de Die, rotieren die Räder nur wenige Umdrehungen. Im hellen Kiesbett fließt das Flüsschen Drôme und lehnt sich an eine gemütlich- überschaubare Bilderbuchstadt mit standhaften Mauern, betagten Häusern, engen Gassen, und verkehrsberuhigenden Einbahnstraßen. Am Horizont ein Himmel wie Altöl, der schneller abdunkelt, als der Abend hereinbricht. Fern bollert lautes Grummeln heran, das meinen Vorstellungen der Teufelshölle nahekommt. Blitze zucken wie Stroboskope in einem wilden Stakkato am Himmel, Platanen biegen sich vor unseren Augen in den vorauseilenden Böen zu einem knackigen C.

Die Pizzen auf unseren Tellern erfahren schlagartig Querbeschleunigung. Das ehemalige Tankstellendach der heutigen Pizzeria »La Stazione« rappelt über unseren Köpfen wie ein loses Segel im Sturm. Im einstigen Kassenhäuschen fließt am offenen Feuer des Ofens Schweiß in Strömen bei Kreationen namens Diavel, Desmo, Quadrifoglio, Vespa, Guzzi oder Panigale.

Viel Wind sollte noch um diese Nacht gemacht werden, nur Wasser ist nicht vom Himmel gefallen. Ein brillant schöner Sommermorgen eröffnet den kommenden Tag, als sei nichts gewesen. Allein die dicke Staubschicht auf Cockpit, Rückspiegeln oder Sitzbank erweckt den Eindruck, mitten in einem Wüstensturm übernachtet zu haben. Von jeder kleinen kurvigen Straße scheint auf dem Weg gen Süden eine noch kleinere kurvigere abzuzweigen. So werden wir hineingetragen in den Parc naturel régional des Baronnies provençales, einem Mittelgebirge ohne grelle Schminke touristischer Hotspots. Dafür explodieren die Düfte wild wuchernder Kräuter bis unter das Visier. Ein überragendes Stück Frankreich, um die Reifenmitte zu schonen und sich die Pneus rund zu fahren. Über das der französische Schriftsteller Jean Giono (1885-1970) einst schrieb: »All dieses wundervolle Land glückseliger Hügel berührt mich tief in meinem Herzen. Es scheint mir das Paradies auf Erden zu sein. Wir befinden uns … im trockenen Voralpengebiet das gut geschützt vor den vorherrschenden Winden liegt.«

Baden mit Ausguck in den Thermen von Valvital mit Montbrun-les-Bains am Horizont.


Die Lavendel-Duft-Ensembles der »Distillerie des 4 Vallées« verführen farbenfroh.


Verzaubert: Inès sortiert verträumt Lavendel-Bouquets im Château de la Gabelle bei Ferrassières.



Wer beim Wort Öl nicht gleich an 10W-40 denkt, ist in der Vignolis-Genossenschaft sicher richtig


Spätestens als wir in die D 61 bei Lucen- Diois einbiegen, erhält der Begriff Verkehrsberuhigung einen doppelsinnigen Charakter. Zivilisation verliert sich, kaum mehr als ein Traktor in der halben Stunde kreuzt die Wege. Bis Rémuzat zieht es uns über den knapp 1000 Meter hohen Col de Prémol und vorbei am Serre de l’Âne, einem geologischen Phänomen senkrecht gestrippter Kalksteinvorkommen, Millionen von Jahren alt. Als auch noch Geier über uns verdächtige Kreise ziehen, wird uns auf dem immer dünner werdenden Asphaltband Richtung Bellecombe-Tarendol bei so viel Einsamkeit doch leicht mulmig. Nicht, dass wir uns falsch verstehen! Es sind die Kurven und Kehren, das Alleinsein und die Ereignislosigkeit, die die Baronnies so unerwartet reizvoll machen und uns beinahe verführen, dem Lavendel oben am 820 Meter hohen Col de Peyruergue in Allerseelenruhe beim Trocknen zusehen.

Durch den Gorges d’Aulan und die Montagne du Buc zielen wir stattdessen auf Montbrun-les-Bains. Ein Terrassen- Dorf, eine der als Plus Beaux Villages de France ausgezeichnete Landschönheit, an deren südlichem Ortsrand Schwefelgeruch uns fast aus den Sätteln wirft. Seit Römerzeiten sprudeln im heutigen Valvital Thermalquellen und sollen Rheuma oder Atemwegsprobleme lindern. Wir legen uns lieber ins Zeug, quetschen die Triumph in saftigen Kurven durch den Gour des Oules, der engsten Stelle zwischen Ventoux und Albion-Gebirge, einer Art Kessel, hinauf zum Plateau d’Albion bei Ferrassières.

Und dann … explodieren die Sinne auf einer Hochebene, die ihr perfektes Makeup aufgelegt hat. Lila leuchtender Lavendel brütet unter tiefem Lapislazuli-Blau. Wir reißen die Visiere auf, ziehen eine, zwei, drei Nasen voll. Besser und intensiver kann kein Fahrtwind transpirieren. Doch wir sind nicht allein. Instagrammerinnen streunen in weißen Sommerkleidern unter weiten Sommerhüten samt Crew, Stativen, Aufhellern und Studioblitzen durch die Reihen. Ein spanischer Kleinbus schüttet Teilnehmer einer Fotografenreise ins Lavendel. Natürlich gleich passend nahe der »Bories«, der typischen Trockenstein- Rundhütten, die einst Feldwächtern zum Schutz zugedacht waren.

Duftwolken verzaubern die Aussicht auf Château de Grignan


Spontantänzchen auf dem Place du Marché in Nyons


Die Einfahrt zur »Distillerie des 4 Vallées« wird zur Geschichtsstunde Lavendel-Frankreichs (g. r.).


»Eine Hochebene mit idealen Böden und besten, weil harten klimatischen Bedingungen für den Anbau.« Inès’ unschuldig rehbrauner Augenaufschlag und ihr natürlicher Haute-Couture-Charme einer Südfranzösin könnte sicher nicht nur die Steine von Château de la Gabelle zum Schmelzen bringen. »Seit 1838 befindet sich das Schloss im Familienbesitz«, wurde damals von ihren Vorfahren, einer Bauernfamilie, übernommen. Heute kümmert Inès sich um Gîte, Verkaufsorganisation und den kleinen Laden nebenan. »Spezialisiert haben wir uns auf Bouquets, kleine blumige Lavendelsträußchen oder -blüten, dekorativ eingenäht als Duftkissen oder Stoffbeutel.« Sortiert und gereinigt werden letztere noch heute mit Opas selbst entwickelter Rüttelmaschine gleich um die Ecke in der Scheune, die »nach drei Durchgängen die Blüten von den Überresten der getrockneten Ernte getrennt hat.«

Wichtig sei vor allem der richtige Erntezeitpunkt. »Wenn die Felder Blau schimmern und der Calyx, der Blütenkelch, anfängt, sich zu öffnen, beginnen wir, für die Bouquets zu schneiden, etwas reifer folgt die Einholung für die reinen Blüten und zuletzt die Ernte für die Rohstoffe für die Öle.« Lavendel-Schokolade, Lavendel-Macarons, Aprikosen-Lavendel-Marmelade, Tomatenkaviar mit Lavendel - das Angebot im Lädchen ist extravagant. »Nur Echter Lavendel ist zum Verzehr geeignet. Das günstigere Lavandin enthält zu viel Kampfer, schmeckt nicht.« Gleich nach Abkehr vom Plateau gibt sich die Landschaft rund um Sault wieder abenteuerlustiger. Während die gesamte Region unter rekordverdächtiger Hitze ächzt, toben bedrohlich dicke Schattenwolken um den Kahlkopf des Mont Ventoux, werfen wir uns schnellstmöglich am Westhang in unzähligen Kurven und Kehren hinab bis Nyons.

Das Zentrum der Drôme provençale begrüßt uns mit einem der größten Wochenmärkte Südfrankreichs, mit den Turbulenzen eines typischen Donnerstags, mit knapp 500 Ausstellern, Gemüse-, Honig-, Frucht-, Kleidungs-, Kunst-, Wurst- oder Handwerkshändlern und mit einem unmissverständlichen Hinweis auf »die Stadt für die einzigartige schwarze Olive«. Wer beim Stichwort Öl nicht gleich an 10W-40 denkt, ist bei Bernadette in der Vignolis-Genossenschaft sicher richtig. Mehrsprachig führt Madame Gäste durch das kleine Museum mit dem Nachbau einer Olivenölmühle samt traditionellen Scourtins (Fasermatten) aus Kokosfaser, erklärt die Besonderheiten der Nyons Olive AOC.

»Die späte Lese ist wichtig. Die Früchte müssen nach dem ersten Frost im späten Dezember oder Januar überreif und schwarz wie Ebenholz geworden sein. Nur so sind sie aromareich mild, nicht trocken und mit einer schrumpeligen Haut versehen wie ein frisch geborenes Baby.« Die endemische Sorte heißt »Tanche, eine Frucht aus mehr als zwei Jahrtausenden natürlicher Selektion, die sich dem Terroir wie auch dem sehr speziellen Mikroklima der Landschaft Baronnies provençale bestens angepasst hat und nur auf diesem Boden die ganz typische Olive hervorbringt.«

Himmelbett: Im Château de Grignan geht es um mehr als französische Korrespondenz-Tradition.


Picknick à la française auf der Sitzbank nach »Plünderung« eines Tante-Emma- Ladens in Sahune.


Schrumpelig: Auch deshalb, weil die Nyonser Olive so zerknautscht ist, schmeckt sie besonders mild.



Grelle Straßen laden den hellen Stein zum Turbobräuner auf. Aus der Ferne erklingt ein Piano


Kahlkopf:Die Auffahrt ins Schneeweiße des Mont Ventoux ist immer wieder ein Sonnen-Blender.


Bald können wir Xavier nicht mehr folgen. Aber »wisst ihr, dass die meisten Kleinproduzenten sich nebenher auch Schafe halten? Die Vierbeiner fressen all das Unkraut, das zwischen dem Lavendel sprießt, ihn selbst verschmähen sie aber. So werden die Felder organisch sauber gehalten und mit Naturdünger versorgt.«

Zum Abschied kreisen wir noch einmal durch das Hinterland der Baronnies, zwischen Fels und Wald. Vorbei an Lavendelreihen und Aprikosen- oder Olivenbäumchen, durch die schattigen Gorges de l’Eygues oder die aufstrebenden Gorges de l’Arnayon. Klettern über Eyroles nach Saint- Ferréol-Trente-Pas, schmatzen über aufgeweichten Teer, der frisch im Sonnenlicht der Gorges de Trente-Pas brodelt. Kreuzen den Col la Sausse, kehren zurück über den Col de Valouse, um westlich von Nyons auf die »Route Touristique des Côtes du Rhône« Richtung Vinsobres einzubiegen. Ein gewagtes Patchwork aus edlen Weinreben und Lavendel sticht ins Auge.

Im etwas abgelegenen Venterol wird nicht nur das »Café de la Poste« zu einer Retro-Reise in die Fünfzigerjahre. Taulignan blockt uns gleich mit seinen wuchtigen Stadtmauern und wir berühren eine Grenze, die noch heute spürbar ist. Im Zuge des avignonesischen Papsttums, also jener Zeit im späten Mittelalter, als die Päpste nicht in Rom, sondern in Avignon residierten, gingen für einige Jahrhunderte Dörfer rund um Valréas mit ihrem hervorragenden Weinvorkommen an den Kirchenstaat über, wurden zur »L’Enclave des Papes« aus Frankreich herausschält.

Letztlich lockt Grignan. Verführung pur. Eine Burg, ein Schloss, eingenebelt, umnebelt vom Duft des Lavendels. Großgeschrieben in so manchem Geschichtsbuch wegen einer gewissen Françoise-Marguerite de Sévigné, die mit ihrer in Paris lebenden Mutter Marquise de Sévigné »über Jahre der räumlichen Distanz unzählige Briefe wechselte, die bis heute als wichtige Zeugnisse des (royalen) Lebens Frankreichs im 17. Jahrhundert dienen.«

Gemeinsam mit Stéphane gehen wir hinaus auf die Terrasse, die mit ihren wuchtigen Ausmaßen »gleichzeitig Dach der hofeigenen Kirche ist.« Grelle Sonnenstraßen laden den hellen Stein zum Turbobräuner auf. Pianoklänge aus der Ferne. Vor uns breitet sich ein Stück Land mit wohlsortierten und fein gekämmten Reihen aus Lavendel aus. Ein Moment, der nicht mal in der traditionellen Nougaterie »Arnaud Soubeyran« in Montélimar süßer sein könnte. Zum Festhalten. Zum Nicht-Vergessen. Höhepunkt einer farbenfröhlichen Reise ins Li-La-Land.

Lavendelroute in der Drôme

Weltweit gibt es über 30 verschiedene Lavendelarten. Davon begegnet man im Süden Frankreichs vorwiegend dreien. Auf höchster Qualitätsstufe wächst dabei der Feinlavendel - oder auch Echter Lavendel genannt - in eher höheren Lagen zwischen 900 und 1800 Metern und wird aufgrund seiner feineren Duftstoffe hauptsächlich für Parfüms oder andere hochwertige kosmetische Produkte gewonnen. Zudem sind seine Blüten genießbar und sein vom Öl abgeschiedenes Wasser kann nach einer Destillation anders als bei Lavandin weiter Verwendung fi nden.

Das weitaus kampferhaltigere und leicht hölzerne Lavandin strahlt hingegen farblich viel intensiver und einheitlicher in dem typisch bekannten Blau-Lila. Im Anbau ist Lavandin am wenigsten anspruchsvoll. Hanglagen sind ebenso möglich wie Felder zwischen Meeresspiegel und 1200 Metern. Seine Blüten sind im Ergebnis bis zu zehnfach ertragreicher als die des Echten Lavendels. Entsprechend günstiger ist er zu haben. Auch aus Lavandin werden ätherische Öle gewonnen, die Aromen beispielsweise für Wasch- und Putzmittel eingesetzt. Aufgrund seiner Ergiebigkeit dominieren seine Anbaufl ächen oftmals das Landschaftsbild. Lavandin ist ein Hybrid, eine Kreuzung aus Echtem Lavendel und dem sogenannten Speik-Lavendel.

Letzterer kommt in reiner Form vor allem im tro cken-heißen Luberon vor, wird auch als Breitblättriger Lavendel oder Gewürz-Lavendel bezeichnet und aufgrund seines extrem hohen Kampferanteils als medizinische Pfl anze eingesetzt. Er wächst ausschließlich zwischen Meerespiegel und 700 Metern.

Je trockener, nährstoffärmer und durchlässiger die Böden der Anbaufl ächen sind, desto intensiver werden die ätherischen Öle. Für die Lavendelroute eignet sich je nach Anbaugebiet der Reisezeitraum zwischen Juni und August. Bestenfalls ist man in den ersten beiden Juliwochen unterwegs, um die volle Blütenpracht genießen oder gar an der »Fête de la Lavande«, einem Lavendelfestival in Ferrassières, jährlich am ersten Sonntag im Juli, teilnehmen zu können.

INFOS ONLINE Alle Kontaktdaten und vieles mehr fi nden Sie unter bit.ly/tfl inks


Haltepunkte

Unterwegs im Drôme besuchten wir folgende, reizvolle Haltepunkte: »Distillerie de 4 Vallées« in Chamaloc: englischsprachige Führungen vorab bitte anfragen »Château de la Gabelle« in Ferrassières »Coopérative Vignolis« in Nyons »Distillerie Bleu Provence« in Nyons: englischsprachige Führungen vorab bitte anfragen »Château de Grignan« in Grignan: für deutschsprachige Führungen vorab erkundigen »Musée du Nougat - Fabrique Arnaud- Soubeyran« in Montélimar: wundervolles Museum mit englischsprachigem Audioguide

Anreise und Reisedauer

Für alle, die - gerade an heißen Hochsommertagen - die lange Anfahrt mit Pkw und Anhänger antreten möchten, bietet sich das »Hôtel l’Orée du Parc« in Romans-sur-Isère nahe der Nord-Süd-Hauptverbindung Frankreichs an, der A 7 / E 15 zwischen Lyon und Valence, Abfahrt 13 »Romans« via D 532. Sichere Parkplätze für das Gespann an der Unterkunft auf Anfrage. Die Autoren waren ca. eine Woche in Südfrankreich unterwegs.

Unterkünfte

An der Route befi ndet sich das TF-Partnerhaus »Hôtel le Marronnier« in Rencurel - weitere Infos unter www. tourenfahrer-hotels.de. Die Autoren empfehlen außerdem die folgenden Unterkünfte: »Hôtel l’Orée du Parc« in Romans-sur-Isère, Hotel-Restaurant »La Petite Auberge« in Die, »L’Osclaye Ecolodges« in Montbrun-les-Bains (Übernachtung in einer der Zelt-Lodges als eine Art Glamping außerhalb in den Bergen mit allerdings schwieriger Zufahrt), »Hôtel La Picholine« in Nyons und Hotel »La Bastide de Grignan« in Grignan.

Karte

Michelin Lokalkarte, Blatt 332: Provence / Vaucluse, M.: 1:150.000, 1. Aufl age (2016), ISBN: 978-2-06- 721053-0, 8,99 Euro.

Sonstige Infos

»Atout France« / Französische Zentrale für Tourismus in Frankfurt a. M. »Drôme Tourisme« in Valence Cedex / France