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LICHTFIGUREN IN EINER DUNKLEN WELT


Buchkultur - epaper ⋅ Ausgabe 197/2021 vom 25.08.2021

Artikelbild für den Artikel "LICHTFIGUREN IN EINER DUNKLEN WELT" aus der Ausgabe 197/2021 von Buchkultur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Buchkultur, Ausgabe 197/2021

Ein sprechender Hahn, den die abergläubischen Dorfbewohner für den Leibhaftigen halten. Ein Reiter im schwarzen Mantel, der die Kinder holt. Der Ruf der Kraniche, der die dunkle Zeit einläutet. Eine grausame Fürstin, die nicht altern will und auf einem Berg von Leichen thront. Dämonen und Geister, die über den Burghof jagen. Und überall Krieg und Verwüstung. Doch da ist das Kind, das ruhig und bedächtig inmitten des Grauens steht. Klüger und mutiger als die Erwachsenen, die es meiden wie der Teufel das Weihwasser, weil es an ihr schlechtes Gewissen rührt. Ohne Falsch und voller Mitleid für die, die noch weniger als es selbst am Leib tragen. Mit Augen, die vieles gesehen haben und dennoch rein geblieben sind.

Der elfjährige Martin ist die Lichtfigur in Stefanie vor Schultes Roman »Junge mit schwarzem Hahn«. Selbst noch ein Kind, eine Waise sogar, zieht er aus, die verschwundenen Kinder zu retten und ...

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... die in Furcht, Einfalt und Faulheit erstarrte Welt vom Fluch der ewigen Wiederkehr zu erlösen. Vor Schultes Roman schöpft aus den tiefsten Schwärzen der Romantik, aus Mythologie und Bibel, und ist dennoch ein hochaktuelles Stück Literatur für unsere Zeit. Ein modernes (Schauer-)Märchen in historischem Gewand, Parabel auf unsere Gegenwart und klassischer Entwicklungsroman zugleich. Ein außergewöhnliches Debüt von eigentümlichem Sog – wie ein Gemälde aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in der es zumindest lose verortet scheint. »Zuerst gab es nur das Bild des Jungen mit seinem Begleiter«, erzählt Stefanie vor Schulte, 47, im Interview, »und es stellte sich mir die Frage, in welcher Welt die beiden nun beweisen müssten, dass es gilt, sich unablässig dem Schlechten entgegenzustellen. Je lichter mir das Kind erschien, umso dunkler musste seine Umgebung sein. Die Verführbarkeit durch Aberglauben und Unhinterfragtes stellte da rasch den passenden Hintergrund. Aber es ging auch darum, eine Stimmung zu erzeugen, die den Lesenden derart an sich bindet, dass die üblichen Versuchungen hoffentlich nicht greifen würden. Es ging aber nie darum, einen tatsächlich historischen Hintergrund zu wählen. Es war eher der Wunsch, an einen vielleicht in der Kindheit durch Märchen vorbereiteten grundsätzlichen Schauer zu erinnern. So, als würde der Leser eingeladen, einer Geschichte zu folgen, die ihm schrecklich vertraut ist. Die fortführt, was ihn einst beschäftigte.«

Martin ist auf sich gestellt, seit sein Vater im Wahn die ganze Familie bis auf den damals Dreijährigen erschlug. Die dumpfen Dörfler behandeln ihn schlecht, weil er ihnen »das Zufriedensein mit sich selbst verdirbt«. Nur der schwarze Hahn weicht Martin seit dessen Geburt nicht von der Seite. Er ist Martins »Anker, Freund, Herz und Gewissen« und führt den Jungen konsequent in die Dunkelheit zu seiner Bestimmung, ein »schwieriger Freund, den nicht jeder ertragen würde. Natürlich finden sich Motive der Romantik, aber der Hahn ist für mich eher eine Art Anti-Bambi. In amerikanischen Zeichentrickfilmen steht den Hauptfiguren oft ein Geselle parat. Ein putziges Tierchen. Eine Grille oder Teekanne, Mäuse etc. In all diesen Filmen gibt es immer eine schwer aushaltbare Erschütterung. Den Tod einer zuvor eingeführten Figur. Einen Abschied für immer. Als Kind hat mich das wütend gemacht. Nun gibt es in meinem Roman ebenfalls Erschütterung und Tod, doch schien es mir unerlässlich, die Gefährten unbeschadet durch die Ereignisse zu lenken.«

Auf der Suche nach den verschwundenen Kindern schließt sich Martin einem Maler an und wandert mit ihm durch das von Krieg und Hunger, Dürre und Elend verwüstete Land. Leichen tropfen von den Bäumen wie vergorene Äpfel. Heimatlose stolpern durch die Wälder, aus denen die Tiere geflohen sind. Und Martin erkennt, dass die Menschen »schlimmer sind als alle Dämonen, vor denen sie sich grausen«.

Und dann erreicht er die Burg, wo die Fürstin wie eine Spinne im Netz auf die Rückkehr der schwarzen Reiter wartet. Jeden Herbst, wenn die Kraniche in den Süden fliegen, schwärmen sie aus, die Kinder zu rauben, und das Burgtor wird geschlossen. Das Volk darbt derweil in Hunger und Dunkelheit. Nur die Fürstin nicht, die die Zeit anhalten möchte und als immergleiches Stillleben posiert, obwohl sie längst Großmutter sein könnte: als ewig frisch Entbundene, links und rechts zwei Kinder, die nicht ihre sind. Eine tyrannische Hexe, die keine Jüngere und Schönere neben sich erträgt (wie die böse Königin im »Schneewittchen«) und sich Bleiweiß ins Gesicht schmiert (wie die englische Königin Elizabeth I., die daran gestorben sein soll). Die Figur der Fürstin ist dabei weniger als Kritik an einer Art Jugendwahn zu verstehen, sondern meint eine saturierte Eitelkeit, das einmal von sich selbst entworfene Bild nie wieder zu hinterfragen. Leben wir in einer Zeit, in der wir uns von alten Vorstellungen lösen und neue Wege gehen müssen, um drohende Katastrophen zu verhindern? »Die Fürstin ist erstarrt in der Annahme ihrer selbst. Sie hat aus der Summe ihrer Jahre nichts gelernt. Und ja, oft verhalten sich die Menschen so. Sie entscheiden sich für Wege, die sie nicht hinterfragen, weil die Mehrheit diese Wege geht. Sie kennen sich früher denn je mit sich selber aus, sind mit sich zufrieden, verteidigen ihre Vorstellung von sich selbst. Es scheint beinahe ein Makel zu sein, seine Haltung, seine Werte immer wieder zu reaktivieren, denn manchmal müssen sie einfach angepasst werden.«

Erwachsene halten die Ausbildung ethischen Bewusstseins für ein in der Kindheit abgeschlossenes Geschäft. Ist es aber nicht. Stefanie vor Schulte

Der Spiegel – das ist seit jeher ein viel zitiertes Motiv in Märchen und Psychoanalyse. Damit die Fürstin ihm einen Wunsch erfüllt, muss Martin das Schlafspiel bestehen, über das schon manche den Verstand verloren haben. Wer am längsten wach bleibt, der darf vorsprechen. Im Spiegelkabinett, der letzten Station, riskiert Martin – um mit C. G. Jung zu sprechen – die Begegnung mit sich selbst. Hier kann ihm niemand mehr helfen. Hier ist er allein mit sich und seinen Dämonen. Vor Schulte: »Das Spiegelkabinett ist Martins letzte Versuchung. Hier treten noch einmal jene Wunden zutage, die ihm unterwegs geschlagen wurden. Sie werden ihm in seinem schwächsten Moment gespiegelt. Aber er widersteht. Er durchbricht die kalte Anrufung und bleibt unantastbar.«

Wie sein heiliger Namensvetter schaut Martin nicht weg, wenn jemand in noch größerer Not ist als er. Durch Mitleid wissend, reinen Herzens, aber kein Tor. Wie gelingt es Martin, das Grauen rings um ihn unbeschadet zu überstehen? Martins Ideale, sagt vor Schulte, weisen weit über sein Alter hinaus: »Er ist nicht besser, weil er ein Kind ist, sondern obwohl. Es ist seinem Verstand zu verdanken, dass er nicht verrückt wird.«

Jemand wie Martin täte auch heute Not. Wie bleibt man menschlich in unmenschlichen Zeiten? Was bedeutet es in der heutigen Welt, ein so sensibler Mensch wie Martin zu sein? »Ich habe oft den Eindruck, dass zwischen legal und legitim nicht mehr unterschieden wird. Dass die Menschen alles ausreizen. Es ist erlaubt, bis zehn Uhr den Staubsauger zu bedienen, aber muss ich das dann auch tun? Natürlich müssen immer die Gesamtsituationen betrachtet werden. Das macht es wiederum kompliziert. Aber es wäre schön, wenn die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, nicht verloren ginge. Wobei sensible Menschen ganz sicher von den komplizierten Kommunikationssystemen ausgebremst werden.«

Wir leben, nicht erst seit dem Ausbruch der Pandemie, wieder in angstbesetzten Zeiten. Verschwörungsmythen und Fake News florieren – und das, obwohl wir über mehr Wissen verfügen als je zuvor. »Mehr Wissen führt ja nicht bei jedem automatisch zu einem größeren Sicherheitsgefühl. Nehmen Sie nur das Krankheitsbild des Hypochonders. Für einen daran Leidenden gibt es doch gewiss wenig Schlimmeres als die Fülle an potenziellen Symptomen, die das Internet bietet. Die Menschen wollen viel, haben viel, horten viel. Ihre Angriffsfläche ist groß. Und ein Werteverlust, wie er heutzutage überall zu spüren ist, führt in Verbindung mit Ängsten sehr gern zu Aberglauben und Verschwörungstheorien. Auch hier täte Verstand, aber auch Empathie Not. Dann wären solche, die bislang niemals ihre Freiheit in Gefahr sehen mussten, vielleicht nicht ausgerechnet jene, die sich partout nicht einschränken wollen. Wo doch in anderen Ländern, in anderen Schichten Freiheitseinbußen entsetzlich normal sind.«

»Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, dann könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen«, heißt es in der Bibel. Im Buch übernimmt ein Kind die Aufgabe der Erwachsenen und erhebt sich gegen die selbstherrliche Fürstin. Der Wille zum Guten, der Martin antreibt – das erinnert fast ein wenig an Kant. Kann man Zivilcourage, Empathie lernen? Vor Schulte: »Die Burgbewohner schämen sich. Sie haben über Jahre das Treiben der Fürstin gedeckt, zumindest nicht hinterfragt, obwohl sie alle unter ihr gelitten haben. Dann ausgerechnet erleben zu müssen, wie ein Junge die Tyrannin außer Gefecht setzt, erinnert sie an all die Male, da sie es nicht taten. Der Wille zum Guten muss gepflegt und immer wieder reaktiviert werden. Auch im Kind kann der Wille zum Guten versiegen. Auch ein Kind kann korrumpiert werden. Es ist nicht automatisch gut. Als Elternteil versucht man Kindern doch Tag um Tag – vereinfacht – den Unterschied zwischen Gut und Böse zu erklären. Und trotzdem fühlen sich Erwachsene in der dazwischen liegenden Grauzone erstaunlich wohl. Warum? Weil sie die Ausbildung ethischen Bewusstseins für ein in der Kindheit abgeschlossenes Geschäft halten. Ist es aber nicht.«

Das Versagen der Elterngeneration – das gemahnt auch an gegenwärtige Krisen. Naturkatastrophen, Krieg, Terror und Hunger: Was für eine Welt hinterlassen wir unseren Kindern und Kindeskindern? – 2018 stellte sich ein fünfzehnjähriges Mädchen vor das schwedische Parlament, um für eine sozial gerechtere Klimapolitik zu streiken. Hundertausende Schülerinnen und Schüler auf der ganzen Welt folgten ihrem Beispiel. Macht das Hoffnung? »Es ist diese einmalige Fassungslosigkeit, die Kindern eigen ist, welche faszinieren kann, aber mitunter auch belächelt wird. Sie wollen etwas verändern, prangern etwas an und scheren sich nicht um die ›Abers‹, ›Obwohl‹ und ›Weils‹ der Erwachsenen. Sie glauben, ihr Anliegen durchsetzen zu können, und sie sollten es unbedingt glauben. Kinder dürfen ohne die ›Abers‹, ›Obwohls‹ und ›Weils‹ agieren. Jedoch ist es unbestreitbar, dass die Erwachsenen gut daran tun, sich ausbremsen zu können. Nur so geht Zivilisation, geht Demokratie. Allerdings scheint nichts mehr zueinander zu passen. Gleichwohl Kinder und Jugendliche z. B. während der Pandemie alles gegeben haben, gibt es nach wie vor keine Luftfilter in Schulen. Gibt es Aussicht auf weiteren Lockdown für den Herbst. Wurden über Monate Kinder und Jugendliche als Pandemietreiber dämonisiert. Es gibt keine Lobby für Kinder. Und also scheint es wenig Mut zu geben, ihrer gerechtfertigten Fassungslosigkeit Raum und Chance zu geben.« Es ist doch »fast schon lächerlich«, empört sich die vierfache Mutter, »wie viel Stärke und Hingabe ein einzelnes Kind wie Greta Thunberg beweisen muss, um sich Gehör zu verschaffen. Aber warum muss sie überhaupt kämpfen? Warum machen sich Erwachsene über sie lustig? Warum drängen Erwachsene jetzt auf Flugreisen und gefährden alle nicht geimpften Kinder? Wer die Rechte von Kindern negiert, negiert die Zukunft.«

Martins Schicksal rührt an unser Herz und an unser Gewissen. Stefanie vor Schulte hat dafür einen eigenen Ton gefunden. In knappen, atmosphärisch dichten Sätzen, dabei ungeheuer plastisch und voller Metaphern, aber nie altertümelnd, lässt sie Martins Suche und die schauerliche Welt, die er dabei durchwandert, vor unseren Augen lebendig werden. Vielleicht hat es mit ihrem erlernten Beruf zu tun – sie ist studierte Bühnen- und Kostümbildnerin –, dass sie ihre Romane (der nächste ist in Arbeit) zuerst in Bildern denkt. Das Zeichnen, erzählt sie, wurde zunächst sehr viel mehr anerkannt als ihre Schreibversuche. Aber ihre Liebe galt immer der Literatur. Nichts, sagt sie, habe sie glücklicher gemacht als ein Stapel Papier oder ein Buch mit leeren Seiten. Angst vor einem weißen Blatt? – Die kennt sie nicht. Und dennoch war es ein langer Weg, gepflastert mit Rückschlägen, Absagen und gescheiterten Projekten. »Nach der Schule habe ich viele Jahre in intensiven kreativen Prozessen gelebt. Theater. Illustration. Drehbuch. Kinderromane, Krimi. Aber es hat nie gereicht. Und dann kam mir die Idee zum Jungen, und vielleicht habe ich gedacht: jetzt oder nie.«

Aus der Finsternis des Aberglaubens ins Licht der Aufklärung: Martin folgt seiner Bestimmung und findet darüber die Liebe. »Junge mit schwarzem Hahn« ist ein Plädoyer für Verstand und Empathie in ignoranten Zeiten. Eine literarische Rarität, wunderschön erzählt und kostbar wie die Hoffnung, die Martin nicht aufgibt.