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Lichtgestalt aus der Finsternis


Spiegel Biografie - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 23.05.2018

Nelson Mandela fand den Weg vom Bürgerkrieg zum Frieden und zur Versöhnung. Doch er liebte Glamour und enttäuschte manche seiner Genossen. Ein Nachruf des SPIEGEL-Afrika-Korrespondenten Bartholomäus Grill.


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Bildquelle: Spiegel Biografie, Ausgabe 2/2018

Mandela hatte in seinem jahrzehntelangen Kampf gegen die Apartheid eine der größten Menschenrechts bewegungen aller Zeiten ausgelöst.


AUS: DER SPIEGEL 50/2013

Genadendal, die Residenz des südafrikanischen Präsidenten in Kapstadt. Der Herr des Hauses betrat den Salon. Ging er nicht ein bisschen gebückter? Sah er nicht älter, grauer aus? Wirkte er nicht erschöpft? Er trug, leger wie meistens, eine weiße ...

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... Leinenhose, dazu eines seiner Ethnohemden, erdnussbraun mit schwarzen Ornamenten. Ein fester Druck einer großen Maurerhand, ein hinreißendes Lächeln. Dann saß er im Sessel unter einem Gemälde, das indische Frauen im zinnoberroten Sari zeigt: Nelson Mandela, Präsident des neuen Südafrika, bereit zum Interview. Wir hatten uns schon früher getroffen. Aber diesmal war ich zunächst so befangen, dass mir die erste Frage nicht gleich einfiel. Also fragte Mandela:

»Wie alt war eigentlich Adenauer, als er Bundeskanzler wurde?«

»Ich glaube, er war über 70.«

»Aha.«

Mandela war damals, im September 1995, 77 Jahre alt. Er suchte den Vergleich mit greisen Staatsmännern. Denn Skeptiker im Lande meinten, er sei zu alt für das kraftraubende Amt des Staatschefs.

Er schaute versonnen durch die offene Flügeltür in den Garten, auf die Bougainvilleen, Frangipani und Flammenbäume, die in den prächtigsten Frühlingsfarben blühten. Eine seltsame Aura umgab diesen Menschen. Es war, als würde man ihn schon lange kennen, als wäre er einem nahe wie ein väterlicher Freund. Zugleich aber tat sich in diesem Kraftfeld eine ebenso merkwürdige Distanz auf, Mandela wirkte sternenfern und fremd. Ein Mythos, unwirklich, erstarrt zu einer Ikone der Geschichte.

Nelson Rolihlahla Mandela, der erste schwarze Präsident Südafrikas, war in jenen Tagen auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er wurde verehrt, ja vergöttert. Viele Landsleute nahmen ihn als Erlöser und Heilsbringer wahr, die Schwarzen, weil er sie aus der Knechtschaft in die Freiheit geführt hatte, die Weißen, weil er auf Rache verzichtete und ihnen die Hand zur Versöhnung reichte.

Am 5. Dezember 2013, kurz vor 21 Uhr Ortszeit, ist Nelson Mandela in seinem Haus im Johannesburger Viertel Houghton gestorben. Er wurde 95 Jahre alt.


Er war eine Projektionsfigur, in der viele Menschen ihre Ideale erkannten, die Utopie von der Weltfamilie.


Am Morgen danach strömten die Menschen in die St.-George’s-Kathedrale in Kapstadt. Jeden Freitag um sieben Uhr morgens findet hier die Frühmesse statt, normalerweise besuchen sie nur ein paar alte Leute. Doch diesmal war das Kirchenschiff voll, und den Gottesdienst zelebrierte der ehemalige Erzbischof Desmond Tutu persönlich.

Die Gläubigen, Schwarze und Weiße bunt gemischt, repräsentierten einen Querschnitt der multi ethnischen Regenbogennation, die sich Mandela immer erträumt hat. Sie beteten gemeinsam für ihren Ex-Präsidenten. Viele hatten Tränen in den Augen, als die Orgel die Nationalhymne spielte: Nkosi sikelel’ iAfrika. Gott schütze Afrika.

Die Südafrikaner hatten zwar täglich mit dem Tod Mandelas gerechnet, nachdem er im Sommer wochenlang im Krankenhaus gelegen und sich von einer schweren Lungenentzündung nie mehr richtig erholt hatte. Aber als sich die Nachricht von seinem endgültigen Abschied verbreitete, versank die Nation in Trauer.

In den Postämtern, Banken, Behörden und Cafés der Kapstädter Innenstadt liefen TV-Übertragungen, aus der ganzen Welt gingen Beileidsbekundungen ein, von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, Barack Obama. Der USPräsident sagte: »Ich kann mir mein eigenes Leben ohne Mandelas Beispiel nicht vorstellen.« Die nationalen und internationalen Fernsehsender hatten sich seit Jahren auf den Tag X vorbereitet, denn sie wussten, eine Milliarde Menschen oder vielleicht auch noch mehr rund um den Globus würden die Totenfeier verfolgen.

Mandela hatte in seinem jahrzehntelangen Kampf gegen die Apartheid die größte Menschenrechts bewegung aller Zeiten ausgelöst, die weltweite Kampagne gegen die Apartheid. Er beendete die Kolonialära in Afrika, indem er der schwarzen Bevölkerungsmehrheit ihre Bürgerrechte gab und zugleich das Land einte. Er war eine Projektionsfigur, in der viele Menschen ihre universellen Ideale erkannten, die Gleichheit aller, die Utopie von der großen Welt familie.

Der Freiheitskämpfer wurde als archetypische Heldengestalt wahrgenommen, die das Böse bezwingt, noch klarer, noch reiner als die wenigen anderen Heroen der jüngeren Geschichte, John F. Kennedy etwa oder Che Guevara. Anthony Sampson, einer seiner Biografen, vergleicht ihn mit Odysseus: Mandela verkörpere den »universalen Mythos vom Triumph des menschlichen Willens«. Weltberühmt wurde Mandela am 20. April 1964.

Es war der Tag, an dem er eine fulminante Verteidigungsrede im Obersten Gerichtshof zu Pretoria hielt. Das weiße Regime hatte ihn und sieben Mitstreiter wegen Sabotage und Verschwörung angeklagt. Nach einem monatelangen Schauprozess drohte den Männern die Todesstrafe.

Nelson Mandela war damals Staatsfeind Nummer eins. Er führte den Widerstand des ANC gegen das weiße Rassenregime an. Zunächst hatte sich die Befreiungsbewegung mit friedlichen Mitteln gewehrt. Mandela hatte sich intensiv mit »Satyagraha« beschäftigt, mit Mahatma Gandhis Prinzip des gewaltfreien Widerstands. Aber angesichts der Brutalität des Staatsapparats kam er bald zu der Überzeugung, dass Feuer nur mit Feuer bekämpft werden könne. »Sebatana ha se bokwe ka diatla«, lehrt ein Sprichwort seines Volkes, der Xhosa: Den Angriff eines Raubtiers kann man nicht mit bloßen Händen abwehren.

TRAUER
»Madiba«, wie Mandela nach seinem adligen Clan genannt wurde, war am Ende für Schwarze und Weiße ein Held. Gemeinsam beklagten sie seinen Tod.


Nach dem Massaker von Sharpeville im März 1960, bei dem die Polizei 69 Menschen erschossen hatte, die meisten von hinten, hatte der ANC einen militärischen Flügel, den »Speer der Nation«, gegründet.

Und um dessen Anschläge ging es nun. Im Gerichtssaal wurde es stiller und stiller, je länger der Hauptangeklagte redete. Am Ende seiner vierstündigen Ausführungen legte Nelson Mandela das Manuskript zur Seite, fixierte den Richter und sprach die letzten Sätze frei.

»Ich habe mein ganzes Leben dem Kampf des afrikanischen Volkes geweiht … Ich habe das Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft hochgehalten, in der alle Menschen friedlich und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben. Wenn es sein muss, Euer Ehren, bin ich auch bereit, für dieses Ideal zu sterben.«

Der Richter sprach sieben der acht Angeklagten schuldig und verurteilte sie zu lebenslanger Kerker- haft. Beamte führten Mandela ab. Er sollte erst zweieinhalb Jahrzehnte später wieder freikommen.

Das Burenregime ließ ihn wegsperren auf Robben Island, einer Insel im Atlantik, auf die früher Leprakranke verbannt worden waren. Er war wie ein Aussätziger, den die Welt vergessen sollte. Selbst die Veröffentlichung von Fotos des »Terroristen« stand unter Strafe. Doch gerade dieses archaische Bilderverbot stärkte den Mythos Mandela. Er sollte zum berühmtesten Gefangenen des 20. Jahrhunderts werden.

Am 11. Februar 1990, nach 10000 Hafttagen, beugte sich das Apartheidregime internationalem Druck und ließ Mandela frei. »Ich hatte trotz meiner 71 Jahre das Gefühl, ein neues Leben zu beginnen.« In seiner ersten Ansprache vor 100000 Anhängern in Kapstadt versuchte er, sich selbst zu entmystifizieren: »Ich sprach von Herzen. Zuerst wollte ich den Leuten sagen, dass ich kein Messias war.«

Südafrika stand nun ein Umbruch bevor, in dem beinahe ein Bürgerkrieg zwischen den Kräften der alten Ordnung und radikalen Schwarzen ausgebrochen wäre. In dieser kritischen Phase traf ich Nelson Mandela zum ersten Mal.

In KwaXimba, einem armseligen Nest im Zululand, waren im März 1993 sechs Schulkinder massakriert worden, Opfer der Kämpfe zwischen Anhängern und Gegnern des ANC. Mandela fuhr in das abgelegene Dorf, um die Rachsüchtigen zu zügeln. Er kam ohne Leibgarde.

Die dunkelblaue Limousine hielt auf einem Feld am Ortsrand. Ein hochgewachsener, kräftiger Mann stieg aus, strahlte und ging mit lockerem Schritt auf die wartende Menge zu. Ganz vorn stand ein kleiner Junge, der gerade ein Eis lutschte. Mandela nahm ihn lachend auf den Arm, der Knirps schaute den Fremden unverwandt an. Ein magischer Augenblick.

Rundherum begannen Tausende Menschen zu tanzen: Toyi-toyi, den Stampftanz des Widerstands. Als Mandela die Faust hochreckte, schwoll der Jubel zum Orkan an.

Erst dann begrüßte er die Lokalhonoratioren und Parteifreunde. Als er mir mit den Worten »How are you today, Sir?« die Hand gab, hatte ich den Eindruck, dass mir für wenige Sekunden seine ganze Aufmerksamkeit zuteilwurde.

Der Wahlkampf im April 1994 bot des Öfteren Gelegenheit, den ANC-Spitzenkandidaten in die hintersten Winkel der Republik zu begleiten. Die Stimmung war manchmal ausgelassen wie auf einer Klassenfahrt. Zur Begrüßung sagte Mandela: »Willkommen, ich frage mich, ob Sie wissen, wer ich bin.« Oder: »Ich fürchte, Sie werden sich nicht an mich erinnern. « Er kokettierte gern mit seinem Ruhm.

Wo immer er hinkam, glühten die Menschen vor Glück. Wenn er durch eine Menge schritt, öffneten sich Schneisen. Manchmal trat Mandela betont aristokratisch auf, er war an einem traditionellen Königshof erzogen worden. Aber schon im nächsten Moment wirkte er wieder volksnah, ein Held zum Anfassen. In den Townships, den Gettos der Schwarzen, wurde er nur Madiba gerufen, das ist der Name seines adligen Clans.


Woher nahm er die Zuversicht? Woher die Kraft zur Versöhnung? Warum haben ihn nicht Hass und Rachsucht zerfressen?


RESPEKT
Mandelas Sarg wurde von einer Polizeieskorte begleitet. Er wollte nicht in der Hauptstadt Pretoria begraben werden, sondern in seiner Heimatstadt Mthatha.


Queen Elizabeth II., Bill Clinton, Michael Jackson, die mächtigsten Politiker und berühmtesten Künstler suchten Kontakt, um in Mandelas Glanz zu schillern. Man sprach von Madiba Magic, von seinem unwiderstehlichen Zauber.

Gestalt und Gangart. Mienenspiel, Gestik und Redeweise. Die Augen. Die Falten und Fäuste. Das heitere, weise Lächeln. Immer wieder wurde Nelson Mandela beschrieben, dennoch weiß man über seine Persönlichkeit recht wenig.

Was machte diesen Mann so furchtlos und unbeugsam? Woher nahm er die Zuversicht? Woher die Kraft zur Versöhnung? Warum haben ihn nicht Hass und Rachsucht zerfressen?

Der Schlüssel zu seinem Charakter liegt auf Robben Island, in einer kahlen Zelle, zwei mal zwei Meter eng, mintgrün gestrichene Betonwände, Lüftungsschlitz, Fäkalienkübel, Holzschemel, dünne Filzmatte. Durch das vergitterte Fenster fällt der Blick auf den Vorplatz, wo die Gefangenen Steine klopfen mussten. Ein trostloser Ort, auch heute noch.

Zwei einsame Fotos schmückten damals den Raum: ein Porträt seiner Frau Winnie und die Abbildung einer nackten schwarzen Schönheit von den Andamanen-Inseln, die Mandela aus einem Magazin gerissen hatte. Die Liebe und die Lust, zwei Sehnsuchtsbilder.

18 Jahre verbrachte er in dieser Zelle. Und dabei zog er die Mauer, die das weiße Regime um ihn errichtet hatte, unsichtbar immer höher. An ihr prallten alle Erniedrigungen und Beleidigungen ab. Die Mauer wuchs so hoch, dass niemand mehr darüberschauen konnte. In seiner Autobiografie »Der lange Weg zur Freiheit« deutet Mandela an, dass das, was dort zu sehen wäre, nicht so wichtig sei. Er trat hinter die Sache zurück, für die er sein Leben lang kämpfte: die Überwindung der Apartheid.

»Ich tat es einfach, weil ich nicht anders konnte«, schreibt er in seinen Memoiren. »Es war diese Sehnsucht nach der Freiheit meines Volkes, in Würde und Selbstachtung zu leben, die mein Leben beseelte.« Mandela empfand den Rassismus der weißen Herrenmenschen als schwere Kränkung. Er demonstrierte selbst in brenzligen Situationen seinen unerschütterlichen Stolz. Bei einer Straßenkontrolle brüllte ihn ein hellhäutiger Polizist in Afrikaans an, der Sprache der Buren: »Kaffer, jy sal kak vandag – Nigger, heute wirst du scheißen!« Mandela konterte kaltschnäuzig:

»Ich brauche keinen Polizisten, der mir sagt, wann ich scheiße!«

Der Häftling Nr. 466/64, mit 45 Jahren eingeliefert, mit 71 Jahren entlassen, überstand die Kerkerzeit, weil er nie an sich und seiner Mission zweifelte: »Wir betrachteten den Kampf im Gefängnis als Mikrokosmos des Kampfes insgesamt.«

»Er war der Inbegriff unseres Widerstands«, erzählte mir Indres Naidoo einmal, der als Häftling Nr. 885/63 zehn Jahre auf der Insel verbrachte. »Wir haben uns an Madiba aufgerichtet.« Er sei eine natürliche Autorität gewesen, bewundert, aber wegen seiner moralischen Unerbittlichkeit auch gefürchtet. Und dennoch reinigte er wie jeder andere Insasse die Nachttöpfe von Wärtern und Häftlingen, wenn er dran war.

ABSCHIED
In langen Schlangen warteten die Südafrikaner darauf, mit Bussen zur aufgebahrten Leiche des ehemaligen Präsidenten gefahren zu werden (u.).


Das Gefängnisregime wandte alle Schikanen an, um ihn körperlich und seelisch zu brechen und, so Mandela, »jenen Funken auszutreten, der uns zu Menschen macht«. Als die Regierung erkannte, dass man diesen Baum nicht biegen kann, beschloss sie, ihn zu fällen. Ein Geheimagent sollte einen Ausbruch inszenieren, bei dem die Wachmänner den Flüchtigen hätten erschießen können. Die Gefangenen aber durchschauten den Plan.

James Gregory, ein Wächter, der Mandelas Briefe zensierte, erinnert sich, dass der Gefangene niemals Schwäche gezeigt und mit stoischer Selbstdisziplin Trauer, Schmerz, Zorn, Angst oder Bitterkeit verborgen habe. Die seelische Panzerung war seine Überlebensstrategie. Eines Tages aber schaute er in den Abgrund der Verzweiflung: Im Juli 1969, er trauerte noch um seine verstorbene Mutter, kam sein ers ter Sohn Madiba Thembekile bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Mandela durfte natürlich nicht zur Beerdigung. In der Rückschau auf sein Leben klagt er: »In meinem Herzen blieb eine innere Leere zurück, die sich nie mehr ausfüllen lässt.«

Im Widerstand hatte Mandela gelernt, in militärischen Kategorien zu denken. Er studierte Schriften, die mit Revolution und Kriegführung zu tun hatten: Clausewitz, Mao, Che Guevara. Eines seiner Lieblingsbücher war »Die Kunst des Krieges« des chinesischen Feldherrn Sun Tzi. Darin findet sich einer seiner Leitgedanken: »Wenn du den Feind und dich selbst kennst, brauchst du das Ergebnis von hundert Schlachten nicht zu fürchten.«

Mandela kannte seine Feinde genau. Er versetzte sich in sie hinein, er analysierte ihre Mentalität, ihre Sitten, und er lernte Afrikaans, die Sprache der Unterdrücker. Du musst deinen Gegner genau lesen – diesen taktischen Grundsatz hatte er bereits als junger Amateurboxer in Soweto verinnerlicht.

Seine ärgsten Widersacher, die maßgeblichen Politiker und Generäle der Apartheid, kapitulierten schließlich vor diesem Zeitgenossen, der ihnen so kenntnisreich und hoheitsvoll, ja gebieterisch entgegentrat und dennoch eine entwaffnende Menschlichkeit ausstrahlte.

Schon als kleiner Junge habe er beim Stockkampf gelernt, seine Gegner zu bezwingen, ohne sie zu entehren, schreibt Mandela in seinen Erinnerungen. Er wurde 1918 im Gebiet Transkei geboren, man gab ihm den Namen Rolihlahla. Das bedeutet wörtlich »der, der am Zweig eines Baumes reißt« und im übertragenen Sinn »Unruhestifter«.

Die Erziehung an einem traditionellen Königshof prägte sein aristokratisches Selbstwertgefühl, er fühlt sich schon früh zum Herrscher geboren. Das spürten auch die weißen Gefängniswärter, die ihn anfänglich als »Kaffer« beschimpft hatten. Am Ende redeten sie ihn mit »Mister Mandela« an. Selbst Piet Badenhorst, der brutale Kommandant der Haftanstalt, streckte vor ihm die Waffen. »Er benahm sich wie eine Bestie, weil er für bestialisches Verhalten belohnt wurde«, so Mandela. Auch Badenhorst habe einen »anständigen Kern« gehabt. Mandela sprach vom »Schimmer der Humanität« in jedem Menschen.

HEIMKEHR
Die Menschen tanzten und sangen entlang der Straßen von Mthatha, die der Wagen mit Mandelas Sarg passierte (rechte Seite).


Er sah auch die Weißen, die Rassisten, die Ausbeuter, die Folterknechte als Opfer einer verblendeten Ideologie: »Der Unterdrücker und der Unterdrückte sind gleichermaßen ihrer Freiheit beraubt.«

Irgendwann in den Kerkerjahren führten die Gefangenen die »Antigone« des Sophokles auf, ein Lehrstück über den Aufstand des Individuums gegen den ungerechten Staat: Der weise König Kreon wird im Ringen um Thebens Thron zum Tyrannen. Antigone lehnt sich gegen den Herrscher auf.

»Antigone widersetzt sich, weil es ein höheres Gesetz als das des Staates gibt«, schrieb Mandela, »sie war das Symbol für unseren Kampf.« Die ungebildeten Wärter auf Robben Island begriffen nicht, dass die Häftlinge hinter dem Paravent der griechischen Tragödie über das System der Apartheid richteten. Mandela spielte den Kreon – eine Rolle über die Fehlbarkeit der Macht.

Im wirklichen Staat erprobte er sich erstmals Ostern 1993. Nach der Ermordung des Kommunistenführers Chris Hani durch einen rechtsextremen Weißen waren in den Townships Unruhen ausgebrochen. Hunderttausende Schwarze riefen nach Rache, die ersten Weißen wurden gelyncht. Frederik Willem de Klerk, der letzte weiße Präsident Südafrikas, wirkte konfus und ratlos.


Weil ihnen die Versöhnungspolitik des Präsidenten auch noch das Gefühl der Schuld abnahm, betrachteten ihn viele Weiße bald gar als eine Art Schutzpatron.


Am Abend trat ANC-Chef Mandela im Fernsehen vor die Nation. »Heute spreche ich aus tiefstem Herzen zu jedem einzelnen Südafrikaner, schwarzen und weißen«, sagte er. Die Zeit sei gekommen, um zusammenzuhalten gegen die Kräfte, die die Freiheit zerstören wollen.

Es war eine der eindringlichsten Reden, die Mandela je gehalten hat. Es gelang ihm, den drohenden Rassenkrieg abzuwenden. An diesem Abend wurde er zum wahren Präsidenten des neuen Südafrika, noch ehe ein einziger Wähler für ihn gestimmt hatte. Im April 1994, in der Endphase des Wahlkampfs, hatte Mandela seinen letzten großen Auftritt in Kwa-Mashu, einer gewaltgeplagten Township bei Durban. Auf dem Weg dorthin fuhr ich zu schnell und geriet in eine Radarfalle.

»Wohin so eilig?«, fragte der Polizist, ein Bure.

»Zu Präsident Mandela«, sagte ich.

»Was sagen Sie da? Mandela? Präsident?«

Dann öffnete er ganz langsam sein Halfter, zog die Dienstpistole – und reichte sie mir durch das Autofenster. »Hier. Nehmen Sie die Waffe. Erledigen Sie die Sache für mich!«

Das Ergebnis der ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes, an denen alle Bürger teilnehmen durften, stand von vornherein fest: Am 27. April 1994 bescherte die schwarze Bevölkerungsmehrheit Nelson Mandela einen überwältigenden Sieg. Die letzte Bastion der Kolonialherrschaft in Afrika war gefallen.

Nelson Mandela vermied es aber, als Triumphator aufzutreten. Er beschwor vielmehr den Traum von der Regenbogennation, von einer multiethnischen Gesellschaft, in der niemand mehr diskriminiert werden dürfe. Auch nicht die Weißen. Dennoch blieben viele Weiße zunächst argwöhnisch.

Schon bald aber merkten sie, dass die neue Regierung sogar ihren im Unrechtssystem angehäuften Wohlstand und ihre Privilegien unangetastet ließ. Und weil ihnen die Versöhnungspolitik des Präsi denten auch noch das Gefühl der Schuld abnahm, betrachteten ihn viele Weiße bald gar als eine Art Schutzpatron.

»Wat is verby, is verby«, sagte Mandela am Tage seiner Amtseinführung in Afrikaans: Vorbei ist vorbei.

Schließlich konnte er sogar viele jener Weißen für sich einnehmen, die in Südafrika »verkrampt« genannt werden: Ewiggestrige, die davon überzeugt waren, dass ihr schönes Land untergehen werde, sobald die Schwarzen die Macht übernehmen würden. Wieder schlug er den ehemaligen Feind mit den eigenen Waffen. Er gewann die Schlacht auf dem Rugbyfeld, beim Weltcup in Südafrika.

»Der Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern …Er ist mächtiger als Regierungen, wenn es darum geht, Rassenschranken niederzureißen«, erklärte Mandela. Er hatte sich auf das Endspiel gegen Neuseeland am 24. Juni 1995 vorbereitet, denn er wusste, dass ihm an diesem Tag die Herzen aller Landsleute zufliegen könnten. So kam es dann auch.

SOLIDARITÄT
Mit einer Lungenentzündung lag Mandela im Juni 2013 im Krankenhaus. Seine Fans schickten ihm Genesungswünsche und Luftballons.


Das Rugby-Team von Südafrika wurde Weltmeister. In den Townships jubelten Millionen Schwarze den einst so verhassten weißen Nationalspielern zu – und die Weißen im Stadion feierten zum ersten Mal frenetisch ihren Präsidenten, der im gold-grünen Trikot der Nationalmannschaft die Trophäe überreichte.

Mandelas Nachsicht mit Tätern der Apartheid verstörte allerdings seine radikalen Weggefährten, und sein Schmusekurs nach dem Machtwechsel ging auch gemäßigten Freunden manchmal zu weit. Er lud sogar Percy Yutar zum Essen ein, den Staats anwalt, der 1964 seinen Tod durch den Strang gefordert hatte.

Mandela sagte mir bei unserem Gespräch in Genadendal: »Wir brauchen die Weißen für den Wiederaufbau und wollen ihnen die Unsicherheit nehmen.« Er machte deutlich, wie prekär die Lage vor der Wende war. »Wir mussten unbedingt verhindern, dass die rechten Weißen einen Bürgerkrieg entfachen. Es ist daher von höchster Wichtigkeit, die Frage der Versöhnung immer wieder zu betonen.«

Vermutlich gibt es nur einen Menschen, dem der alte Mann nicht verzeihen konnte – es war ausgerechnet jener Mensch, den er einst abgöttisch geliebt hatte: seine Ehefrau Winnie Madikizela-Mandela.

Im Allmachtswahn hatte sie in der blutigsten Phase des Widerstandskampfs zur Lynchjustiz aufgerufen und eine Schlägerbande um sich geschart. Mandela warf Winnie »mangelhafte Urteilskraft« vor, hielt aber an ihrer Unschuld fest. Erst beim Scheidungsprozess im März 1996 bekannte er: »Selbst wenn das gesamte Universum versuchen würde, mich zu überreden, mich mit der Beklagten zu versöhnen, ich würde es nicht.«

War die größte Liebe seines Lebens am Ende die bitterste Enttäuschung? Winnie Mandela hatte mehrere Affären, als ihr Mann im Gefängnis saß. Nach seiner Freilassung schliefen sie in getrennten Betten, hieß es. Mandela hat nicht mehr über dieses Thema geredet, auch in seiner Autobiografie schweigt er darüber.

Beim Begräbnis seines Freundes Oliver Tambo machte er eine Andeutung über seinen Gram. »Wir bluten aus unsichtbaren Wunden, die so schwer zu heilen sind.« Bei solchen Gelegenheiten wirkte sein Lächeln wie eine Maske.

Bis heute gibt es keinen kritischen Rückblick auf das Leben Mandelas, die meisten Biografen bewunderten ihn. Aber der Heilige, Unfehlbare, den manche aus ihm machten, war Mandela nie. Er konnte dickköpfig, selbstgerecht und uneinsichtig sein, auch von Wutausbrüchen berichten Mitarbeiter. Mandela war in jungen Jahren ein Feuerkopf, aufbrausend, wildentschlossen, kompromisslos, gelegentlich brachen diese Charakterzüge noch im alten Mann durch.

Unvergesslich, wie er tobte, als Präsident de Klerk die Demokratieverhandlungen beinahe zum Scheitern brachte. Mandela konnte den kantigen Buren ohnehin nie leiden und empfand es offenbar als Zumutung, dass er den Friedensnobelpreis 1993 mit ihm teilen musste.

Mandela ließ zudem Leute kalt fallen, die nicht seine Ansichten goutierten. Er sprach gern von kollektiver Führung, regierte aber eigensinnig. Seine Genossen haben oft kritisiert, dass er etwa die Aufnahme von Geheimverhandlungen mit dem Apart heidregime im Juli 1986 ohne Absprache mit der ANC-Führung beschlossen hatte. Mandela verwendete dann gern das Sinnbild vom guten Hirten: »Es gibt Zeiten, in denen ein Führer der Herde vorangehen muss.«

Manchmal zweifelte er sogar an den Fähigkeiten der Afrikaner: Als er in ein Flugzeug der Ethiopian Air einsteigen sollte, das von einem schwarzen Piloten gesteuert wurde, überkam ihn ein Gefühl der Panik.

Der Superstar war empfänglich für Schmeicheleien und liebte glamouröse Ereignisse, bei denen er im Mittelpunkt stand. »Es ist gut zu wissen, dass er auch nur ein Mensch ist«, sagte Erzbischof Tutu einmal.


Am Abend seines Lebens wollte Mandela nur noch seine Ruhe haben. Die Massenhys terie, der Heiligenkult, es war ihm alles zu viel geworden.


Am Ende seiner Amtszeit im Juni 1999 setzte Präsident Mandela ein letztes politisches Zeichen gegen die autoritären Herrscher Afrikas, die üblicherweise bis zum Tod nicht von der Macht lassen: Er trat aus freien Stücken zurück.

Am Abend seines Lebens wollte Mandela nur noch seine Ruhe haben. Die Massenhysterie, der Heiligenkult, es sei ihm alles zu viel geworden, sagen Vertraute. Er saß im Garten seiner Villa in Johannesburg, las, spielte mit den Enkelkindern und schaute den Luftballons nach, die sie in die Wolken steigen ließen.

Oft zog es ihn in sein Heimatdorf in der Provinz Ostkap, nach Qunu: eine Streusiedlung, ringsum grüne Hügel – das alte Afrika, in dem es bis heute keine Zäune gibt.

Beim Anblick dieser elegischen Landschaft ahnt man, wie frei er sich als Junge gefühlt haben muss. Er hütete das Vieh, jagte Vögel mit der Steinschleuder, und da ist auch noch die spiegelglatte Rinne in einem Felsen, durch die er und seine Spielkameraden zu Tal rutschten.

In Qunu beginnt und endet Nelson Mandelas Lebenskreis, hier wollte er begraben werden, in dem Dorf seiner Ahnen.

Dieser Mann hat das Wunder vollbracht, sein hasszerfressenes Land gewaltfrei von der Apartheid in die Demokratie zu führen und den Rassenwahn zu überwinden. Er war für die Südafrikaner, was Simón Bolívar für die Lateinamerikaner, Mahatma Gandhi für die Inder oder Martin Luther King für die Afroamerikaner war – ein Freiheitskämpfer, der wie eine Lichtgestalt aus der Finsternis kam. Wie Barack Obama schenkte er den Schwarzen in aller Welt Selbstwertgefühl: Schaut her, wir können es auch.

»Ich nähere mich meinem Ende«, sagte er vor Jahren schon, »ich möchte bis in alle Ewigkeit mit einem Lächeln auf meinem Gesicht schlafen.«

STOLZ
Mit großen Porträts ehrten die Südafrikaner ihren verstorbenen Helden. Er hatte den Schwarzen in aller Welt Selbstwert gefühl geschenkt: Schaut her, wir können es auch.