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Liebe braucht kein intensives Hobby


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 31/2022 vom 30.07.2022

Der große abgeschlossene LIEBES-ROMAN

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Mit einem zufriedenen Lächeln betrachtete Katja den liebevoll gedeckten Tisch. Jetzt noch die Kerzen angezündet – und fertig war das Arrangement für einen perfekten romantischen Abend.

Sie hatte sich extra den Nachmittag freigenommen und sich viel Mühe gegeben: Das Kerzenlicht funkelte in den Weingläsern, die Flasche eines besonders guten Rotweins stand geöffnet daneben, das Besteck glänzte, und die Anzahl der Teller ließ auf ganzes Menü schließen. So wie Andreas es liebte. Bei mehreren Gängen konnte man angeregt plaudern und sich hin und wieder tief in die Augen schauen. Am Anfang ihrer Beziehung war kein Wochenende vergangen, an dem sie so ein Mahl nicht genossen hätten. Doch seit einigen Monaten war alles anders.

Katja sah auf die Uhr. Freitags kehrte Andreas immer etwas früher aus der Werkstatt heim. Er arbeitete als Möbeltischler und liebte seinen Beruf. ...

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... Aber was das Wichtigste war: An diesem Abend fand kein Training statt, hatte er ihr irgendwann mal gesagt. Sie hatte sich den Termin sofort aufgeschrieben.

Denn einen freien Abend ohne Fitnessübungen und Handballspiel, für das er zurzeit lichterloh brannte – das gab es nicht mehr oft.

Eigentlich gab es kaum einen Abend, geschweige denn ein ganzes Wochenende, an dem er sich nicht seine Sporttasche schnappte und für Stunden verschwand. Um seinen Körper zu formen, hatte er ihr erklärt. Er wolle auf keinen Fall eines dieser dicken Weicheier werden, die sich nicht im Griff hätten.

Für was denn, hätte Katja am liebsten gefragt. Ich liebe dich auch so und brauche keinen Adonis an meiner Seite. Stattdessen hatte sie lediglich brav genickt.

Anfangs hatte sie seine so unvermutet erwachte Begeisterung sogar begrüßt, denn als sie sich kennenlernten, war er nicht der Sportlichste gewesen. Sein kleiner Bauchansatz hatte sie allerdings nie gestört.

Doch nun, nach so vielen einsamen Abenden und Wochenenden. war sie nicht mehr sicher, ob es Andreas tatsächlich allein um den Sport ging. Nun ja, er war ein wenig älter als sie. Doch dieser Unterschied hatte nie zwischen ihnen gestanden. Bis jetzt. Nun achtete er genau darauf, was er aß, schluckte Protein-Drinks und hatte sich einen dieser Fitnesstracker zugelegt, die jeden Schritt zählten und über den Puls bis zu den verbrauchten Kalorien alles maßen, was es an einem Körper zu messen gab.

Manchmal beschlich Katja das dumpfe Gefühl, dass Andreas sich auf der Flucht befand. Vor dem Älterwerden? Das war, wie jeder wusste, ein ziemlich sinnloses Unterfangen. Vor ihr vielleicht?

Der Gedanke tat weh. Oder suchte er im Sport möglicherweise etwas, was er in ihrer kleinen gemeinsamen Wohnung und in ihrem Zusammenleben vermisste?

Sie zuckte zusammen, als der Schlüssel sich im Schloss drehte.

Doch dann gab sie sich einen Ruck und zauberte ein hoffnungsfrohes Lächeln auf ihr Gesicht. „Ich bin in der Küche, Andreas“, rief sie und blickte erwartungsvoll zur Tür.

Er würde Augen machen, wenn er den festlich gedeckten Tisch sah. „Ach du meine Güte“, sagte er laut und überdeutlich, während sein Blick über den Tisch glitt. „Was ist denn hier los? Hab ich ein Jubiläum vergessen? Unseren geheiligten Kennenlerntag vielleicht?“

Katjas Begrüßungslächeln verflüchtigte sich bei seinen groben Worten wie Nebel in der Sonne. „Nein“, erwiderte sie knapp.

„Na, unseren Hochzeitstag kann ich ja nicht versumpft haben.

Schließlich sind wir noch nicht verheiratet“, versuchte er es mit einem lahmen Witz. Unbehaglich äugte er zu ihr herüber.

„Nein, sind wir nicht“, bestätigte Katja leise. Früher hätte er sie in den Arm genommen und schwungvoll geküsst. Und dann hätten sie vielleicht ein bisschen später mit dem Essen anfangen müssen …

„Also, was hab ich vergessen?“, fragte Andreas ruppig

Jetzt hingegen seufzte er so laut und vor allem genervt, dass sie es unweigerlich hören musste. „Also, was habe ich vergessen?“, fragte er provozierend. „Sag’s mir.“

„Oh, gar nichts“, entgegnete Katja scharf. Sie war maßlos enttäuscht von seiner Reaktion. Und traurig. Doch tief in ihrem Inneren spürte sie auch, wie sich langsam heiße Wut in ihr ausbreitete. Was dachte er sich wohl dabei, sich derart ruppig zu benehmen? Dass sie sich so viel Mühe machte, um ihn zu überraschen, und er dann den Daumen so beliebig heben oder senken konnte wie ein römischer Kaiser im Kolosseum? Und wenn der ihn senkte, war es um den armen Gladiator in der Arena geschehen. So wie sie dann eben mit all den Köstlichkeiten allein dasaß?

Okay, das Bild war ein bisschen schief. Aber ein besseres fiel ihr vor lauter Zorn nicht ein. „Ich hatte gehofft, wir könnten uns wieder mal gemeinsam einen gemütlichen Abend machen“, stieß sie hervor. „Heute ist doch Freitag. Aber da habe ich mich wohl geirrt.“

„So ist es.“ Andreas zuckte ungeduldig die Achseln. „Ich habe mich mit Tom im Fitnesscenter verabredet. Wir wollen etwas für unsere Trizepsmuskeln tun.“

„Davon hast du mir aber nichts erzählt“, konterte Katja. Sie musste sich höllisch darauf konzentrieren, nicht in Tränen auszubrechen.

Aber diese Genugtuung würde sie ihm keinesfalls gönnen.

„Nein?“ Er klang gleichgültig, was sie mehr schmerzte, als wenn er sie angebrüllt hätte. „Ich bin dir ja wohl keine Rechenschaft schuldig, oder?“ Das klang patzig, so wie ein kleiner Junge, der sich ungerecht behandelt fühlt. Wie weit waren sie bloß gekommen!

„Nein“, stimmte Katja beklommen zu. „Das bist du nicht.“

Stumm starrten sie sich an, und irgendetwas ging in diesem Moment zwischen ihnen kaputt. Sie spürte es und nickte entschlossen. „Allerdings gilt das auch für mich.

Ich bin dir ebenfalls keine Rechenschaft schuldig, Andreas Schäfer.“

Nach diesen Worten hatte er seine Sporttasche geschnappt und war ohne ein weiteres Wort verschwunden. Katja hatte sich wie betäubt an den Tisch gesetzt und die Kerzen ausgeblasen. Jeglicher Appetit war ihr gründlich vergangen.

Dann hatte sie den Kopf in die Hände gestützt und nachgedacht.

So ging das auf keinen Fall weiter.

Wenn Andreas tatsächlich meinte, sein Leben ganz und gar seinem Körper widmen zu müssen, dann war das seine Sache. Ihre Vorstellung von einem erfüllten Dasein sah anders aus! Und sie war auch nicht länger gewillt, sein Verhalten zu tolerieren. Liebe hin, Liebe her.

Irgendwo, das erkannte sie in diesem Moment schmerzhaft, stießen auch ihre Gefühle für ihn an Grenzen. Sie griff zum Telefon.

„Katja!“ Die Stimme ihres Jugendfreunds Jörg Milko klang noch einen Tick dunkler als früher.

Ein wohliger Schauer rann über Katjas Rücken. „Was für eine Überraschung. Sag bloß, du hast Andreas in die Wüste gejagt und willst endlich mich heiraten.“

„So in etwa“, sagte Katja bedrückt, ohne auf seinen Scherz einzugehen. „Kannst du zu mir kommen, Jörg?“, bat sie. „Ich habe etwas zu essen gemacht und …“

„… dieser Schuft hat dich mit den Delikatessen sitzenlassen. Ich verstehe und bin gleich bei dir.“

Jörg war schon immer ein sensibler Mensch gewesen. In den letzten Schuljahren waren sie unzertrennlich und beste Kumpel gewesen. Drei Jahre hatten sie fast alles miteinander geteilt. Katja hatte sich nicht vorstellen können, dass es jemals anders kommen könnte. Und dann war Andreas auf der Bildfläche erschienen und hatte ihr Herz im Sturm erobert.

Dabei war er einfach nur dagewesen, hatte sie intensiv angeschaut und allein durch seine Präsenz gewirkt. Und Katja meinte, noch nie so einer ausgereiften Persönlichkeit begegnet zu sein.

Spontan hatte Katja ausgerechnet Jörg angerufen – seltsam!

Jörg war der Erste, der trocken festgestellt hatte: „Du bist bis über beide Ohren verliebt, Katja!“

Danach waren Jörg und sie auseinandergedriftet. Das war einfach so geschehen. Katja war mit Andreas zusammengezogen, und Jörg hatte Claudia aus der Parallelklasse geheiratet. Mittlerweile war er allerdings wieder geschieden, wie er ihr irgendwann einmal bei einem ihrer selten gewordenen Telefongespräche mitgeteilt hatte.

Nun ja, auch das war in der heutigen Zeit ziemlich normal. Nicht normal war allerdings, dass Jörg Milko jetzt gleich höchstpersönlich vor ihrer Tür stehen würde!

Bei dieser Vorstellung klopfte Katjas Herz etwas heftiger. Und ja, es war schon seltsam, fand sie, dass sie in dieser Situation spontan ausgerechnet ihn angerufen hatte …

Wenig später wurde stürmisch geklingelt. „Jörg!“, rief Katja und stürzte sich ohne nachzudenken in seine Arme. Himmel, er fühlte sich so vertraut an. Und er roch noch genauso gut wie früher!

„Hier bin ich, mein Mädchen“, murmelte Jörg rau in ihr Haar. „Soll ich diesen Mistkerl umbringen? Kein Problem, wenn ich dir damit einen Gefallen tun kann.“

Katja löste sich von ihm, schob ihn auf Armeslänge von sich und betrachtete ihn zärtlich. Er war älter geworden. Doch die Fältchen um seine Augen und die vertieften Linien um seinen Mund standen ihm wirklich gut. Und Jörgs Humor war schon immer etwas speziell gewesen. Gerade deshalb hatte sie ihn ja so geschätzt.

„Später“, gab sie ungerührt zurück. „Komm erst mal rein. Wir essen etwas zusammen, und dann kannst du Andreas ins Jenseits befördern, wenn du magst.“

„Einverstanden.“ Jörg trat ein und sah sich neugierig um. „Schön hast du es hier. Es ist eine richtig gemütliche Wohnung für zwei.“

Das traf den Nagel auf den Kopf – und war auch so eine Sache zwischen Andreas und ihr. Katja wollte liebend gern umziehen, weil sie sich von Herzen Kinder wünschte, während Andreas noch nicht so weit war, wie er stets beteuerte, wenn sie vorsichtig das Gespräch auf dieses Thema brachte.

Sie nahmen Platz, und bereits nach wenigen Minuten schien es Katja so, als hätte es nie eine Trennung gegeben. Die alte Vertrautheit und Verbundenheit hatte sich einfach wieder eingestellt. Oder?

Katja zögerte, bevor sie sich überrascht eingestand: Ganz so wie früher war es nicht. Denn Jörg war nicht einfach der Kumpel, mit dem man Pferde stehlen konnte. Nein, aus Jörg Milko war ein Mann geworden, der eindeutig das gewisse Etwas besaß. Wie damals Andreas, als sie ihn kennenlernte …

Spontan griff Katja nach Jörgs Hand und drückte sie fest, als plötzlich die Haustür geöffnet wurde. „Andreas kommt“, flüsterte sie.

„Soll ich besser verschwinden?“, bot Jörg an, entzog ihr seine Hand und erhob sich halb.

„Nein. Nein. Du bleibst! Bitte.“

Also setzte er sich wieder.

Im Flur rumorte es. Dann erschien Andreas in der Tür, in der Hand hielt er eine rote Rose. Seine Augen weiteten sich, als er Katja und Jörg so vertraut in der Küche sitzen sah. „Guten Abend“, grüßte er nach einer Schrecksekunde höflich. Aber seine Miene hatte sich schlagartig verschlossen.

„Hallo Andreas“, sagte Jörg lässig. „Na, gut geturnt und die Muckis in Schwung gebracht?“ Katja verbiss sich ein Lachen.

„Danke, ja“, entgegnete Andreas eisig. Er sah aus, als habe er auf eine Zitrone gebissen. Wortlos ging er zum Schrank hinüber und riss eine Vase heraus. Dann stopfte er die Rose brutal hinein und knallte das lieblose Arrangement direkt vor Katja auf den Tisch. „Ich gehe dann mal ins Bett.“

„Ja, tu das“, meinte sie gleichgültig. „Du hast das Wasser für die Blume vergessen. Aber du bist sicher sehr müde. Wie ist es, Jörg, soll ich noch diese gute Flasche Wein für uns aufmachen?“

„Aber immer gerne, mein Schatz. Denn so jung sehen wir uns bekanntlich niemals wieder!“

Es verletzte Andreas, dass Katja jetzt im Gästezimmer schlief

Seit diesem Abend schlief sie in dem kleinen Gästezimmer. Andreas kommentierte ihren Auszug aus dem gemeinsamen Schlafzimmer nicht, doch sie sah ihm an, wie verletzt er sich fühlte. Sei’s drum.

Das war nicht ihr Problem.

Gleich am Wochenende verabredete sie sich mit Jörg zu einem ausgedehnten Shopping-Bummel in der Stadt. Schaufenster gucken, Eis essen, einen Cappuccino trinken, wie sie es früher oft gemacht und genossen hatten. Und dabei hatten sie herumgealbert, dass ihnen manchmal vor Gekicher die Luft weggeblieben war. Und tatsächlich wurde es ein wirklich schöner Nachmittag, der Katja an ihre gemeinsame, unbeschwerte Vergangenheit erinnerte.

Einmal hatte sie laut losgeprustet, als Jörg wieder einmal vor einem Schaufenster Faxen machte. „Ach Jörg, du bringst mich wirklich immer wieder zum Lachen.“ „Das ist doch schön, oder?“ „Aber ja“, hatte sie ihm versichert. „Mit Andreas geht das schon lange nicht mehr.“ Sie zuckte die Achseln. „Also eigentlich habe ich nie so mit ihm herumgeblödelt. Mit ihm war schon immer alles irgendwie ernsthafter. Erwachsener. Und jetzt sehen wir uns ja kaum noch.“

Daraufhin hatte Jörg sie für den nächsten Abend zum Essen in ein teures, gerade angesagtes Restaurant eingeladen. Sie hatte nur kurz gezögert und dann eingewilligt. „Oh, du gehst aus?“

Katja drehte sich halb zu Andreas um, der im Türrahmen lehnte und sie nachdenklich anschaute, während sie vor dem Spiegel stand und sich in dem roten Kleid betrachtete. Es war wirklich verführerisch und stand ihr immer noch gut, fand sie. Und damit war es genau das richtige für einen Abend wie diesen. „Ja“, sagte sie knapp.

„Darf ich fragen, mit wem?“

Ihre Blicke trafen sich im Spiegel.

Sein Gesichtsausdruck zeigte keine Regung, trotzdem ging von ihm eine eigentümliche Spannung aus.

„Eigentlich nicht“, antwortete Katja. Die Worte hingen im Raum, machten ihr das Atmen schwer.

Erst nach einer Weile nickte er müde. „Weil es mich nichts mehr angeht. Ja, ich habe verstanden.“

„Genau.“ Jetzt wandte sie sich ganz zu ihm um und blickte ihm direkt in die Augen. „Vielleicht schaffst du es ja, dir irgendwann ein paar Stunden vom Sport freizuschaufeln, damit wir in Ruhe darüber reden können, wie wir unsere Trennung regeln.“ Sie hatte einen Kloß im Hals, als sie das sagte, doch es gab keinen anderen Weg mehr. Ihr Zusammenleben war unmöglich geworden. Allerdings entging ihr nicht, dass er bei ihren Worten leichenblass wurde.

Schwer stützte er sich am Türrahmen ab. „Oh Gott, Katja, was ist bloß mit uns und unserer Liebe geschehen?“, fragte er hilflos. „Wir gehören doch zusammen.“

Sie biss sich auf die Lippen. Wie er so dastand, tat er ihr auf einmal schrecklich leid. Ihr wurde das Herz schwer. „Ich weiß es nicht“, gestand sie kaum vernehmbar. „Unsere Lebensziele scheinen plötzlich nicht mehr zueinanderzupassen. Du hast deinen Sport und vergisst darüber alles andere. Und ich habe momentan … nichts.“

Der Abend mit Jörg begann wie ein romantischer Liebesfilm. Er erwartete sie bereits, als sie vom Kellner quer durch das Restaurant an seinen Tisch geführt wurde und in ihrem Kleid sämtliche Blicke der anderen Gäste auf sich zog.

„Du bist eine richtige Schönheit, Katja“, hauchte Jörg bewundernd, als der Kellner ihr den Stuhl zurechtschob und sie sich setzte.

„Hast du das etwa nicht gewusst?“, neckte sie ihn.

„Doch. Selbstverständlich. Ich habe schließlich Augen im Kopf.

Aber in diesem Kleid siehst du einfach umwerfend attraktiv aus.“ „Danke“, sagte sie schlicht.

Jörg hatte Champagner bestellt.

Und danach begannen sie zu tafeln: Scampi in einem raffinierten Weißweinsud, Perlhuhnbrust mit grünen Nudeln an einer köstlichen Soße, dazu Wein, und zum Abschluss eine Crème brûlée und Mokka.

Ein perfekter Abend! Trotzdem muss Katja an Andreas denken

„Ich platze gleich aus allen Nähten“, stöhnte Katja genießerisch nach dieser Schlemmerei.

Er zwinkerte ihr verschmitzt zu. „Oh, dagegen hätte ich überhaupt nichts einzuwenden“, entgegnete er. „Allerdings müsste das nicht ausgerechnet hier passieren.

Schließlich sind wir nicht allein.“

„Du dummer Kerl“, sagte Katja liebevoll, während sie gleichzeitig versuchte, nicht ständig an Andreas zu denken. Er hatte so traurig und verletzt ausgesehen, als er da in der Tür gestanden hatte.

Ihre Worte hatten ihn zweifellos tief im Innersten getroffen. Doch was hatte er sich gedacht? Dass sie ewig auf dem Gästebett schlafen würde? Unmöglich! Es gab offenbar nur noch eine Lösung des Problems – die Trennung.

Er war auch heute Abend bestimmt zum Sport gegangen und saß jetzt nicht allein zu Hause herum, beruhigte sie sich und riss sich zusammen. Nicht nur ihr Leben zählte schließlich hier an diesem Tisch. „Hör mal, Jörg“, begann sie deshalb entschlossen. „Du musst nicht mit mir ausgehen und deine Zeit verschwenden. Du bist ein attraktiver Mann. Dir müssten die Frauen doch nachlaufen.“

Er lächelte sie an. „Tun sie natürlich. Sogar in Scharen. Aber ich hatte und habe eben immer nur Augen für die eine. Das habe ich mittlerweile erkannt.“ Mit diesen Worten griff er nach seinem Glas und leerte es mit einem Schluck. „Weißt du, ich habe Andreas schon immer glühend beneidet.“

Katja spürte, wie ihr Hals bei seinen so leichthin geworfenen Worten eng wurde. Er wollte doch nicht etwa sagen …? Doch ein Blick in sein Gesicht belehrte sie eines Besseren. „Oh Jörg“, murmelte sie erschüttert. „Das meinst du doch jetzt nicht ernst?“

Er beugte sich vor und nahm ihre Rechte in beide Hände. „Als du damals mit Andreas fortgegangen bist, habe ich geglaubt, ich würde niemals wieder glücklich werden, Katja. Nie wieder. Ich war am Boden zerstört. Erst da habe ich begriffen, dass ich dich mit Haut und Haaren liebe. Verlass diesen Andreas, Katja“, drängte er, „und komm zu mir. Lass uns noch einmal ganz von vorn anfangen!“

Seine Worte echoten immer noch in ihren Ohren, als sie zu Hause in ihrem Gästebett lag und an die Decke starrte. Natürlich konnte sie nach einer solchen Eröffnung nicht einschlafen. Jörg liebte sie, behauptete er! Sie setzte sich auf. Aber konnte das stimmen, oder machte er sich da etwas vor, weil er momentan allein und einsam war? Denn sie hätte das doch schon früher bemerken müssen, wenn seine Gefühle für sie derart leidenschaftlich gewesen wären.

Sie horchte angestrengt in sich hinein. Nein, da hallte nichts nach.

Sie mochten sich – sehr sogar, aber das war alles. Das hätte sie beschwören können. Jörg bog sich da die Vergangenheit ein Stück weit zurecht. Aber das war ja nur das eine, weitaus geringere Problem, erkannte sie glasklar. Denn wie sah es in der Gegenwart aus? Hatte er sich in den letzten Tagen etwa allen Ernstes in sie verliebt? Und sie sich möglicherweise auch in ihn?

Die Wohnungstür klappte. Aha, Andreas kam vom Sport nach Hause. Sie sank zurück aufs Kopfkissen und lauschte gebannt, als sie seine Schritte im Wohnzimmer und im Flur vernahm. Vor ihrer Tür blieb er stehen. „Katja?“, erklang es leise. „Bist du noch wach?“

Sie antwortete nicht. Sie konnte es nicht. In ihrem Inneren sah es aus, als wäre ein Hurrikan durchgezogen, der alle sicher geglaubten Gewissheiten durcheinandergewirbelt hatte. Nichts in ihrem Leben schien mehr an seinem Platz zu sein, alles war irgendwie anders.

Schließlich entfernte Andreas sich leise, und Katja atmete auf.

Am nächsten Morgen rief sie noch vor dem Frühstück Jörg an – um ihn zu bitten, ihr mehr Zeit zu geben. Sie wolle nichts überstürzen, sondern erst einmal in Ruhe ihre Gefühle sortieren, die er mit seinem Geständnis völlig in Unordnung gebracht habe, teilte sie ihm mit. Deshalb würde sie sich vorerst auch nicht mehr mit ihm treffen. Sie brauche einfach Abstand. Zu ihm, zu Andreas, ja, zu ihrem bisherigen Leben. Widerstrebend gab er seine Zustimmung.

„Ich könnte uns ein Omelett machen“, schlug Andreas vor

„Ach, du bleibst heute zu Hause?“, fragte Katja überrascht, als Andreas am Abend nicht wie gewöhnlich nach seiner Sporttasche griff, sondern auf der Couch im Wohnzimmer saß und unkonzentriert in der Zeitung blätterte.

Er hob den Kopf. „Ja. Und du?

Gehst du nicht mit Jörg weg?“ „Nein, heute nicht“, sagte Katja.

Schweigend blickten sie sich an.

Am liebsten wäre Katja auf der Stelle ausgewandert. Am besten gleich an den äußersten Zipfel Südamerikas, nach Patagonien, wo sie ganz allein mit ein paar Nandus und dem ewigen Wind wäre.

„Wollen wir vielleicht etwas zusammen essen?“, schlug Andreas fast schüchtern vor. „Ich könnte ein Omelett mit Pilzen machen.“

Das war sein Spezialgericht. Sie liebte es. „Ja, das wäre lecker“, sagte sie. „Komisch, trotz allem habe ich nämlich Hunger.“

Wortlos gingen sie in die Küche, und Katja deckte den Tisch, während Andreas die Eier aufschlug.

Du meine Güte, war ihr diese Rückenlinie vertraut! Sie musste schlucken. Und erst dieser Bogen Haaransatzes, den sie so gut kannte. Wie oft war sie ihn zärtlich mit dem Zeigefinger nachgefahren, wenn sie im Bett lagen.

„Jörg möchte, dass ich dich verlasse“, sagte sie leise. Der Rücken erstarrte und die Hand hörte auf, die Eier zu schlagen, doch Andreas drehte sich nicht zu ihr um.

„Und du? Was möchtest du?“

Seine Stimme klang heiser und irgendwie so, als litte er Schmerzen.

Und so war es ja wohl auch.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte Katja ehrlich. „Ich bin völlig durcheinander.“

Jetzt endlich wandte er sich zu ihr um. Unwillkürlich entfuhr ihr ein erschrockener Laut. Andreas sah wirklich mitleiderregend aus, ganz so, als habe er einen gewaltigen Boxhieb abbekommen. Sie musste sich regelrecht zwingen, nicht zu ihm zu eilen und ihn in die Arme zu schließen, wie sie es früher instinktiv gemacht hätte.

„Hast du diesen Samstag Zeit, Katja?“ Flehentlich sah er sie an. „Wofür?“ Ihre Stimme zitterte.

Er holte tief Luft. „Das wirst du dann schon sehen. Bitte.“

Am Samstag stiegen sie gegen zehn Uhr in Andreas’ Wagen, nachdem sie kurz zusammen gefrühstückt hatten. Dabei gingen sie höflich, aber distanziert miteinander um, sodass eine angespannte Ruhe zwischen ihnen herrschte.

Andreas verriet nichts von seinen Plänen, und Katja fragte nicht nach, obwohl sie merkte, dass er immer nervöser wurde.

Wortlos kurvte er aus der Stadt heraus. Die Sonne schien, nur einzelne weiße Wolken zogen über den Himmel. Ob er mit ihr spazieren gehen und dabei alles besprechen wollte, überlegte Katja, während sie aus den Augenwinkeln seine angespannten und doch so vertrauten Züge betrachtete.

Nein. Sie kannte seine Verhaltensweise schließlich gut genug – darum ging es bestimmt nicht. Er hatte irgendetwas anderes vor. Irgendetwas, was sie wahrscheinlich total überraschen würde.

Endlich bog er in einen schmalen Feldweg ein. Eine kurze Zeit rumpelten sie durch Schlaglöcher, dann stoppte Andreas das Auto.

Verwundert blickte Katja auf ein zweistöckiges Reetdachhaus, das von zwei Stallgebäuden flankiert wurde. Der runde Hof davor war einladend groß. Und direkt hinter dem Haus standen Bäume dicht an dicht. Zweifellos ein Wald oder zumindest Wäldchen. „Oh, ist das schön“, entfuhr es ihr spontan. „Ja, findest du?“ „Das fragst du ja wohl nicht ernsthaft.“ Von so einem Haus hatte sie immer geträumt. Das wusste Andreas doch ganz genau. Katja stieg aus. Der Schornstein war ein bisschen schief, und die Fensterläden hätten frische Farbe gebraucht. Aber die Holzbank vor der Tür war schon jetzt einfach zauberhaft, denn sie wurde von zwei mächtigen alten Rosenstöcken eingerahmt. Dort müsste man mit einem Kaffee wunderbar in der Vormittagssonne sitzen können, durchfuhr es Katja entzückt.

Wie in Trance ging sie auf das Haus zu. Andreas folgte ihr mit einigem Abstand, bis sie stehen blieb und überwältigt blinzelte.

Nach dem Rundgang wiederholte Katja: „Oh, ist das schön!“

Dieser Garten war ja eine Pracht.

Momentan machte er zwar einen etwas verwilderten Eindruck, aber mit ein bisschen Mühe würde er garantiert bald hinreißend aussehen. Mehr als das – es könnte ein wahres Paradies werden.

„Oh, ist das schön“, wiederholte Katja andächtig, als sie nach dem Rundgang wieder an der Vorderseite des Hauses angekommen waren. Andreas lächelte das erste Mal an diesem Morgen. Das fiel ihr auf.

„Fein, dass es dir so gut gefällt“, bemerkte er, während er in seiner Tasche kramte. Zu ihrer Überraschung zog er einen Schlüssel heraus. „Was meinst du, soll ich?“, fragte er und deutete auf die Tür.

„Dürfen wir das denn?“, erkundigte sich Katja verwirrt.

Er nickte nur, schloss die Tür auf und ließ ihr höflich den Vortritt.

Auch das Innere des Hauses gefiel Katja auf Anhieb. Es roch ein bisschen muffig, weil wohl längere Zeit nicht gelüftet worden war, doch die Decken mit den dunklen Holzbalken erzeugten eine urgemütliche Atmosphäre. Dieses Haus bezog man nicht einfach für ein paar Jahre, nein, das war zweifellos ein Zuhause für die Ewigkeit.

War es da ein Wunder, dass sie vor ihrem inneren Auge gleich ihren großen alten Eichenholztisch vor sich sah, als sie in der geräumigen Küche standen? Dieses Erbstück von ihrer Tante Helga schien wie für diese Küche geschaffen worden zu sein. Für einen Moment lang meinte Katja sogar, das fröhliche Lachen ihrer Freunde zu hören, die sich nach einem leckeren Essen hier an diesem Tisch einen geselligen Abend machten.

Andreas folgte ihr schweigend durch alle Räume. Er beobachtete sie zwar genau, das war ihr durchaus bewusst, doch er versuchte nicht, sie irgendwie zu beeinflussen, sondern überließ sie völlig ihren Gedanken und Gefühlen.

Was sie ihm hoch anrechnete.

Schließlich standen sie wieder in der Diele, und Katja atmete tief durch, bevor sie fragte: „Wem gehört das alles, Andreas?“ „Uns“, erwiderte er ruhig.

Sie hielt die Luft an. „Andreas!

Hast du etwa …?“, stotterte sie. „Ich habe mich zwar auf den ersten Blick in dieses Haus verliebt …“

„Das ist gut. Und genau das hatte ich sehr gehofft“, murmelte er mit fast schüchternem Lächeln.

„Aber … aber du hast es doch etwa nicht schon gekauft?“ 

Er räusperte sich. „Du wolltest doch ein größeres Zuhause irgendwo draußen außerhalb der Stadt, hast du immer wieder gesagt. Wo unsere Kinder toben und wo wir auch Tiere halten können. Ich habe sehr lange danach gesucht.“

„Oh Andreas. Dieses Haus ist wunderschön und absolut nach meinem Geschmack. Aber du hättest mich doch fragen müssen.“

Sie fühlte sich hilflos in diesem Moment. Er konnte doch nicht einfach über ihr Leben bestimmen!

Ein Grinsen huschte über seine Züge. „Das tue ich doch gerade.“

„Du … du hast den Kaufvertrag also noch nicht unterschrieben?“, wollte Katja atemlos wissen.

Andreas runzelte die Stirn. „Für was hältst du mich denn? Nein, natürlich nicht. Die Entscheidung liegt ganz allein bei dir.“

„Danke“, entfuhr es ihr aus tiefstem Herzen. Dann schwieg sie. „Katja?“, sagte er zaghaft. „Na ja, es ist doch nicht mit dem Haus getan, Andreas. Ich meine, wenn wir umziehen, nehmen wir unsere Probleme doch quasi wie in einem Rucksack mit.“

Er trat auf sie zu und sah ihr tief in die Augen. „Du meinst meinen Sport?“, fragte er mit fester Stimme, während ein Schmunzeln seine Lippen zu umspielen begann. „Das ist vorbei. Da werde ich nur noch gelegentlich hingehen. Hier gibt es schließlich Arbeit genug.“

„Das stimmt“, sagte Katja zweifelnd. Erkannte er denn nicht, wo die wirklichen Schwierigkeiten lagen? Sie öffnete den Mund.

„Moment“, sagte er und hob die Hand. „Ich bin noch nicht fertig.

Außerdem denke ich nämlich mittlerweile, dass es wirklich sinnvoller ist, innerlich reifer zu werden, als permanent Hanteln für den perfekten Körper zu stemmen. Du müsstest also mit meinem kleinen Bauch leben.“ Andreas lachte leise.

„Ist das ein Antrag, Andreas?“, hauchte Katja überrascht

„Das kann ich sehr gut, wie du weißt“, entgegnete Katja wie aus der Pistole geschossen, während sie ein unbändiges Glücksgefühl durchströmte. Endlich hatte er begriffen, worauf es im Leben tatsächlich ankam! Er trat noch ein Stück dichter an sie heran und strich ihr zart über das Haar. „Und Jörg?“, fragte er rau. „Nein“, Katja schüttelte entschieden den Kopf. Urplötzlich war sie sich ihrer Gefühle wieder vollkommen sicher. „Ich liebe ihn nicht. Ich mag ihn sehr, ja. Aber Liebe ist bei mir da nicht im Spiel.

Und er, glaube ich, wird sich schon bald in eine andere Frau verlieben, wenn sein Herz frei ist.“

Einen Moment standen sie einfach nur da und genossen das Gefühl der vertrauten Nähe des Anderen. Dann nahm Andreas ihre Hände und sank auf die Knie. „Willst du mich heiraten, Katja?“

„Andreas!“, hauchte sie völlig überrascht. „Ist das ein Antrag?“

Er grinste. Doch seine Augen strahlten. „So nennt man das gemeinhin. Ich glaube, ja.“

„Ich … also, ich … du lieber Himmel!“, stammelte sie.

„Heißt das Ja oder Nein? Ich liebe dich, Katja. Hab ich das schon gesagt? Ich liebe dich und werde das mein ganzes Leben lang tun.“

„Bitte, steh auf, Andreas“, sagte Katja völlig durcheinander.

„Weil du meinen Antrag ablehnst?“, fragte er entsetzt.

„Nein, weil ein kniender Bräutigam die Braut nun mal nicht richtig küssen kann“, erklärte sie mit tränenerstickter Stimme.

Andreas erhob sich auf der Stelle, nahm sie fest in den Arm und sah ihr zärtlich in die Augen, die ebenfalls tränenfeucht schimmerten. „Heißt das, du nimmst meinen Antrag an?“, vergewisserte er sich.

„Ja, ich will dich heiraten.“ Katja streckte ihm ihren Mund entgegen. „Und jetzt dürfen, nein, müssen Sie endlich ihre Braut küssen, Herr Schäfer, sonst vergeht die nämlich noch vor Sehnsucht!“

ENDE

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