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Liebe in Zeiten des Krieges


Die Mediation - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 26.12.2019

Kriege und gewalttätige Auseinandersetzungen haben einen großen Einfluss auf die Gesellschaft im Allgemeinen und individuelle Paarbeziehungen im Besonderen. Die gängigen Stereotype von Männlichkeit und Weiblichkeit werden in solchen Krisenzeiten bis ins Extreme ausgelebt. Dabei wird den Frauen lediglich eine untergeordnete Rolle zugesprochen und ihr Leben wie auch ihre Persönlichkeit auf die Inhalte Küche, Kindererziehung und Sexualität beschränkt. Von Männern wird wiederum erwartet, Härte zu zeigen und sich heldenhaft aufzuopfern. Das sind Rollenmuster, die großes Konfliktpotenzial bergen und jedem ...

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Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 1/2020

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„Mit Gott für König und Vaterland“ hieß es in preußischen Zeiten. „Für Führer, Volk und Vaterland“ sind Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg gestorben. Heute wird vom „Heiligen Krieg“ gesprochen oder vom „Kampf gegen den Terrorismus“, je nachdem. Kriege haben großen Einfluss auf Liebe, Partnerschaft, Sexualität und Familie. Die Bezüge von Krieg und Liebe sind äußerst vielfältig. Die gesamte Lebensweise, Normen und Werte sind davon bestimmt.

Der Held

Kriegerische Elemente bestimmten in allen Zeiten und Gesellschaften wesentlich das Männerleitbild. Die Kraft des Siegers zog an. Helden wurden bewundert, Heerführer gefeiert.

Der erfolgreiche Krieger, mutig und stark, repräsentierte das Männliche schlechthin. Dies hat uralte Wurzeln: Helden, die den Kampf gegen Drachen bestanden und Böses abwehrten. Häuptlinge, die in Stammesfehden ihre Sippe verteidigten oder neuen Lebensraum eroberten. Märchenprinzen, die Königstöchter raubten. Strahlende Sieger, die stolz ihre Narben zeigten und Orden blinken ließen. Ihnen lagen die Frauen zu Füßen – die Gründe dafür sind vielfältig. Die Heldenpose ist inzwischen ins Wanken geraten, nach verheerenden Kriegen und infolge pazifistischer Strömungen, verbunden mit der Friedenssehnsucht der Menschen. Aber vor allem unter unsicheren gesellschaftlichen Umständen lebt die machtmännliche Kriegerpose (leider) immer mal wieder auf, der Softie wird zum Schlappschwanz, der Pazifizist zum Drückeberger oder zum Spießgesellen des Feindes, der Differenzierer zum Zauderer. Endlich wieder stark und dabei sein dürfen, Ordnung schaffen mit unseren Waffen. Überlegen sein – das steigert (scheinbar) das eigene Selbstwertgefühl.

Die Uniform

Allem Militärischen wird oft gemeinhin eine erotische Anziehungskraft zugesprochen. Paraden und Aufzüge mit klingendem Spiel finden auch deswegen immer wieder großen Zulauf. In der kitschigen Literatur, in Operetten und Filmen sind die männlichen Helden häufig Offiziere oder Militärärzte. Uniformen, Waffen, Sieg und Unterwerfung sowie militärische Symbole sind wichtige Elemente der Pornografie. Auch sadomasochistische Techniken nutzen solche Details. Die Uniform liefert Symbolkraft für Männlichkeit und Kraft, ganz abgesehen davon, dass die militärische Laufbahn oder die Heirat mit einem Militär in bestimmten Zeiten höchst attraktiv war. Die positiv besetzte Einstellung – insbesondere seitens der Frauen und Kinder – zu allem Militärischen war für den Soldatenstand, den Wehrdienst, die Institution Armee, für die Landesverteidigung sowie für Kriegsvorbereitung und Kriegsführung unerlässlich und wurde daher in jeder Weise staatlich und propagandistisch gefördert.

Die Beute

Frauen waren zu allen Zeiten eine wichtige Beute der Sieger. Einwanderer führten Kriege, um die Weiber der Ureinwohner zu rauben. Sieger machten Frauen aus den besiegten Ländern zu Sklavinnen und zwangen sie in ihre Bordelle. Den Kolonisatoren waren die weiblichen Dienste der Eingeborenen angenehm. In vielen Feldzügen, so auch im Verlauf der beiden Weltkriege, gehörte die Vereinnahmung der Frauen eroberter Gebiete zu den ungeschriebenen Rechten der Besatzer. Sexuelle Übergriffe gehörten zum Kriegsalltag. Die siegreiche Soldateska vergewaltigte Frauen und tötete die missbrauchten Opfer. Auf manchen Kriegsschauplätzen, so im Dreißigjährigen Krieg, wurden auch Frauenleichen geschändet.

Die Soldatin

Ein eigenartiges Verhältnis zwischen den Geschlechtern, das die gewöhnlichen Formen der Partnerbeziehungen sprengt, ergibt sich durch die Anwesenheit von Frauen in der Truppe. Oftmals, zum Beispiel auf Kriegsschiffen oder bei besonderen Einsätzen, entstehen dabei schwierige sozialpsychologische Konstellationen, darunter von Eifersucht geprägte Auseinandersetzungen. Früher wurden Frauen eigens zu sexuellen Zwecken mitgeführt, sogenannte Landsknechts- oder Trossweiber wie auch Marketenderinnen und Dienstmägde übernahmen diese Funktion. Es finden sich viele Berichte über Liebes- und Sexualbeziehungen zwischen Soldaten und Krankenschwestern – insbesondere aus den letzten großen Kriegen. Das Lazarett war gelegentlich auch der Startplatz für eine dauerhafte Liebesbeziehung, für manche Frauen in den dezimierten Männerjahrgängen oftmals die einzige Gelegenheit, überhaupt einen Mann zu finden.

Neue Aspekte ergeben sich daraus, dass Frauen in unserer Zeit selbst Armeeangehörige werden. An der Front führt dies angesichts der Nähe des Todes oftmals zu spontanflüchtigen, aber auch intensiven Verbindungen.

Die Prostitution

Herrscht Krieg, dann verändert sich das Geschäft mit dem Sex, die Prostitution. Kommt es in dem einen Bordell zu Geschäftseinbußen, weil die Männer im Felde sind und niemand mehr feiert, so blüht in dem anderen das Gewerbe, weil Soldaten dankbare Besucher sind. Gelegentlich werden bis heute Militärbordelle eingerichtet, um die Söldner bei guter Laune zu halten. Im Umfeld von Kasernen und in besetzten Städten gedeiht die Prostitution.

Die Partnerbeziehung

Der Krieg greift tief in bestehende und künftige Partnerbeziehungen ein und schafft besondere Lebensschicksale, allein schon dadurch, dass Familien auseinandergerissen werden und Angehörige sterben. Der liebende Mensch gerät in den Schlamm und den Schlammassel des Krieges. Angst und Hass obsiegen. Die Stimme der Liebe wird zum Schweigen gezwungen, weil sie auf Verständigung aus ist. Krieg extremisiert und polarisiert. Die einen sind die Guten, die anderen die Bösen. Im Siegen versiegt die Liebe, die keinen Sieger und keinen Verlierer kennt. Bis sich die Liebenden wehren.

Das Warten

Die Trennung vom geliebten und vertrauten Partner infolge des Kriegsdienstes ist nur schwer ertragbar. Briefe werden geschrieben, Tagebücher geführt. Während des Zweiten Weltkrieges haben Mütter Tagebücher über das Gedeihen der Kinder geführt, um den Vätern, die fern der Heimat kämpften, ein nachträgliches Anteilnehmen zu ermöglichen. Soldaten tragen oft ein Foto von Mutter, Frau und Kind bei sich. Die Frauen warten auf ihre Rückkehr. Die Gewissheit, dass zu Hause jemand wartet, ist ein wichtiger psychologischer Faktor bei der Soldatenführung und wird bewusst genutzt, selbst wenn ein jahrelanges treues Warten sinnlos und jedes normale Liebesund Sexualleben ausgeschlossen ist. „Wart auf mich, ich komm zurück, aber warte sehr …“, wie es in dem Lied von Konstantin Simonow heißt, „warte – bis auf Erden nichts deinem Warten gleicht.“

Die Treue

Von den Frauen in der Heimat wird absolute Treue erwartet, wenn der Mann hinaus muss oder will. Die Kreuzfahrer legten ihren Frauen Keuschheitsgürtel an – ja so warn’s, die alten Rittersleut’. „Ging ein Ritter mal auf Reisen, legt er seine Frau in Eisen, doch der Knappe Friederich hatte einen Dieterich“, wie es im Spottlied von Karl Valentin heißt. Tatsächlich wurden die Treueschwüre in vielen Fällen nicht gehalten, von beiden Seiten nicht. Der Krieger hatte seine sexuellen Abenteuer, die Ehefrau die ihrigen. „Die untreue Kriegerfrau war eine soziale Erscheinung der ganzen kriegführenden Welt.“ (Bilder-Lexikon 1932: 371) Gelegentlich waren auch Kriegsgefangene, die in Dörfern und Städten arbeiteten, oder Kriegskameraden, die Grüße überbrachten, die Ersatzgatten.

Das eheliche Durcheinander

In den Kriegswirren wurden durch außereheliche Kontakte Kinder gezeugt, deren Väter oft nicht bekannt waren oder die nur Männer für eine Nacht blieben. Manchmal entwickelten sich in der Heimat wie im fremden Land feste Liebesbeziehungen, einige Soldaten kehrten aus diesem Grunde niemals zurück. Andere fanden bei ihrer Rückkehr einen anderen Mann vor, von dem sich die Frau nicht mehr trennen wollte. Die sonst verbotene Bigamie (Doppelehe) ist in Kriegszeiten nicht selten. Manche Ehepartner entfremden sich durch die lange Trennung, durch die neuen Erfahrungen und die damit verbundenen Persönlichkeitsveränderungen so sehr, dass die Ehe nach der Heimkehr des Soldaten scheitert (Nachkriegsscheidungen). Das trifft besonders auf die eigenartige Einrichtung der Kriegsehen und Ferntrauungen zu, die oft übereilte, unsinnige Eheschließungen sind. Insbesondere jungen Menschen werden durch lange Kriege die üblichen Möglichkeiten der Partnerwahl genommen.

Der Tod

Aufgrund von Kriegen werden viele Ehen, Verlobungen und andere Partnerbeziehungen vorzeitig durch den Tod eines Partners, meist des Mannes, beendet. In manchen Jahrgängen in Deutschland und osteuropäischen Ländern traf dies infolge des Zweiten Weltkrieges auf über 50 Prozent der Partnerbeziehungen zu. Ebenso wuchs in einzelnen Jahrgängen die Hälfte aller Kinder ohne Vater auf – als Kriegswaisen oder Halbwaisen. Viele Ehefrauen fanden niemals wieder einen Partner, blieben Kriegerwitwen und lebten oft jahrzehntelang bis zu ihrem Tod allein – eine der bitteren Nachwirkungen des Krieges. Besonders tragisch war das Schicksal der Frauen, deren Männer vermisst oder in Gefangenschaft waren. Sie warteten Tag für Tag, jahrelang, oft vergeblich – bis sie es über das Herz brachten, den verschollenen Mann für tot erklären zu lassen.

Die Sitten

Sofern der Krieg mit fortschreitender Dauer und Grausamkeit die Sitten verdirbt, Kultur zerstört, die Gefühle verroht und Normen des Zusammenlebens außer Kraft setzt, verändern sich auch Bedingungen von Verhaltensweisen im sexuellen Bereich. Er ist insofern ein dynamisches Element der Sittengeschichte. Die Lust auf sexuelle Abenteuer, die Möglichkeit, dem Alltagstrott zu entkommen und einer vielleicht unerträglichen Paarbeziehung zu entfliehen, sind wichtige Motive der individuellen Bereitschaft, Soldat zu sein.

Die Partnermobilität erhöht sich, die Partnerwahl wird beliebiger und anspruchsloser, der sexuelle Vollzug einerseits roher, andererseits durch neue Erfahrungen vielfältiger. Eine Gewöhnung an schnelle sexuelle Vollzüge mit beliebigen Frauen oder durch Selbstbefriedigung, an Gespräche sexuellen Inhalts auf der Stube und in der Schänke setzt ein. Bei längerer Enthaltsamkeit wirken sexuelle Anregungen sehr schnell, zum Beispiel der bloße Anblick einer Frau. Andererseits müssen bei Gefühlsabstumpfung sexuelle Reize gefunden werden, die die des Kriegsgeschehens übertreffen.

Infolge schlechter Ernährung, Kälte, Krankheiten, Seuchen oder Verletzungen kann es zu Potenzschwierigkeiten bis zum Potenzverlust kommen. Zu körperlichen Schädigungen gesellen sich psychische Faktoren, etwa bei traumatischen Erlebnissen oder beim Wiedersehen der Frau nach langer Trennung (Urlaubsimpotenz). Auf der Siegerstraße nimmt andererseits Schritt für Schritt der sexuelle Drang zu. Unbekümmerte und unreflektierte Naturen fühlen sich dann wohl und genießen alles, was ihnen geboten wird oder was sie sich nehmen. Viele Soldaten leiden allerdings unter der allgemeinen Verrohung und dem Militärsex. Es entsteht bei vielen die Sehnsucht nach Nähe, Zärtlichkeit, Weichheit, Gefahrlosigkeit, Friedfertigkeit, nach dem dauerhaften Zusammensein mit einem geliebten Menschen. Diese Erfahrung wird oft in die Nachkriegszeit mitgenommen. Sie ist ein bedeutsames Motiv für die Ablehnung von Krieg und Gewalt.

Der Friedenswille

In unserem Land – wie auch in vielen anderen Ländern – hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg und nicht zuletzt nach dem Vietnamkrieg ein kritisches Verhältnis zu Kriegen aller Art herausgebildet. Frieden gilt als hohes, wenn nicht als das höchste Gut im internationalen Miteinander. Das hat sich auch in meinen empirischen Untersuchungen immer wieder bestätigt. Die sogenannten einfachen Leute verstehen, was Benjamin Franklin 1773 so formulierte: „There never was a good war or a bad peace“ („Es gab nie einen guten Krieg oder einen schlechten Frieden“). Oder was Euripides mehr als 2.250 Jahre zuvor anmahnte: „Den Krieg vermeiden muss jedweder kluge Mann.“

Die Menschen schätzen es, in einem Land zu leben, das keinen Krieg führt. Und bis heute sind die meisten skeptisch, wenn sich Deutschland an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligen soll. Dieser vitale Friedenswille ist kostbar und stabilisiert nicht nur unser Land nach innen und außen, sondern fördert auch das individuelle Zukunftsbewusstsein und das private Zusammenleben.

Literatur

Institut für Sexualforschung (Hrsg.) (1932): Bilder-Lexikon. Ergänzungsband A–K. Wien: Verlag für Kulturforschung.

Prof. Dr. habil. Kurt Starke

Soziologe, Sexualwissenschaftler und Partnerschaftsforscher. Er war Forschungsleiter am Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig und hat in großen empirischen Untersuchungen an die 70.000 Personen befragt.


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