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Liebe, Lügen, Leidenschaften


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blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 31.01.2022

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?Monika? ? Freddy (David Jakobs, Mitte mit Ensemble) Foto: Jörn Hartmann / Dominic Ernst

Bereits 2016 erschien mit »Ku’damm 56« der erste Teil der dreiteiligen Fernsehfi lmreihe nach der Idee und dem Drehbuch von Annette Hess. Der Kinofi lm von Sven Bohse handelt von einer konservativen Mutter und ihren drei Töchtern im heiratsfähigen Alter sowie der familieneigenen Tanzschule. Anhand der jungen Frauen rankt sich die Geschichte in den 1950er Jahren um den Auf bruch der Jugend in der Nachkriegszeit, das Wirtschaftswunder sowie um die prüden Moralvorstellungen, die Sehnsucht nach Werten und die Entdeckung der Sexualität im geteilten Berlin.

Am 28. November 2021 feierte die Bühnenadaption unter Regie von Christoph Drewitz im Berliner Theater des Westens Uraufführung. Annette Hess verantwortet auch hier das Buch. Musik und Liedtexte schrieben Peter Plate und Ulf Leo Sommer, ergänzende Kompositionen stammen von Daniel Faust und Joshua Lange.

Auf einer spartanisch eingerichteten Bühne, die ...

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... mittels einer beweglichen und von allen Seiten bespielbaren Metallkonstruktion in verschiedene Handlungsorte verwandelt wird, kommt die Handlung anfangs etwas schleppend in Fahrt: In der Traditionstanzschule Galant am Berliner Kurfürstendamm 56, die von Inhaberin Caterina Schöllack (herrisch bis aufopferungsvoll gespielt von Katja Uhlig) mit strenger Hand geführt wird, stehen perfekte Manieren auf der Tagesordnung. Dass ausgerechnet ihre eigene Tochter ›Monika‹ mit ihrem ungenügenden Verhalten stets auffällt, ist Caterina ein Dorn im Auge, setzt sie doch alles daran, dass ihre Töchter als Ehefrauen an der Seite erfolgreicher Männer in der Gesellschaft etabliert werden. Völlig ›Führerlos‹, sind ihre Töchter Eva und Helga bereit, den Wunsch der Mutter zu erfüllen. Doch Monika (von naiv-schüchtern, trotzig rebellierend bis selbstbestimmt verkörpert von Sandra Leitner) fühlt sich von allen missverstanden und stets wie eine Außenseiterin, die nicht in die »perfekte« Familie oder die Moral vorgebende Gesellschaft zu passen scheint. Wegen ungebührlichen Benehmens der Hauswirtschaftsschule verwiesen, hat sie erst Schwierigkeiten, sich ihrer Mutter anzuvertrauen: ›Liebes Universum‹.

Eva (Isabel Waltsgott als weißblonde Stilikone), die mit ihrer vorgeblichen Naivität den Männern den Kopf verdreht, umwirbt als Krankenschwester Oberarzt Fassbender (resolut Holger Hauer), der gerade frisch geschieden ist und eine Frau an seiner Seite als Verjüngungskur akzeptieren mag. Ihrer Wirkung auf Männer bewusst, lädt sie ihn zur Hochzeit ihrer Schwester Helga ein: ›Das kann nur die Rumba‹. Für Helga (liebreizend: Tamara Pascual), herzensgut und stets darum bemüht, den Anforderungen und Ansichten ihrer Mutter und der Gesellschaft zu entsprechen, wird mit der Heirat ein langgehegter Traum wahr.

Sie schwört ihrem Mann Wolfgang (Dennis Hupka), einem aufstrebenden Staatsanwalt, immer eine treusorgende Ehefrau zu sein. Caterina Schöllack könnte nicht glücklicher über die Wahl ihrer Tochter sein: ›Aus 2 wird 1‹. Auch die Aussicht, dass Eva bald Frau Doktor sein könnte, versetzt sie in Euphorie. Wäre da nicht Monika. Doch auch sie wird, nach Ansicht von Assmann (Thorsten Tinney) – Freund der Familie und Tanzlehrer im Galant –, ihren Weg fi nden. Joachim Franck (David Nádvornik), Sohn des angesehenen Rüstungsfabrikanten Otto Franck, würde Caterina als Partie für Monika gefallen. Als sich dieser hemmungslos betrinkt, muss Monika – auf Drängen ihrer Mutter hin – ihn umsorgen. Doch Wolfgang wird übergriffig und nimmt dem Mädchen die Jungfräulichkeit.

Ku’damm 56

Peter Plate / Ulf Leo Sommer / Daniel Faust / Joshua Lange / Annette Hess

BMG und UFA Fiction Theater des Westens Berlin Uraufführung: 28. November 2021

Regie ..................... Christoph Drewitz

Musikal. Leitung ........ Caspar Hachfeld

Musikal. Beratung ......... Joshua Lange

Live-Arrangements ....... Joshua Lange, Peter Plate, Ulf Leo

Sommer Score Arrangements ... Caspar Hachfeld, Damian Omansen, Joshua Lange, Peter Plate, Ulf Leo Sommer

Choreographie ............ Jonathan Huor

Kampf-Coaching ........... Rudi Resch

ke Bühnenbild, Kostüme, Haare & Maske .... Andrew D. Edwards

Lichtdesign ....................... Tim Deiling

Sounddesign ................. Cedric Beatty

Monika ....................... Sandra Leitner

Freddy .......................... David Jakobs

Caterina ........................... Katja Uhlig

Joachim Franck ....... David Nádvornik

Helga ........................ Tamara Pascual

Eva ............................ Isabel Waltsgott

Wolfgang .................... Dennis Hupka

Otto Franck .................. Rudi Reschke

Dr. Fassbender ............. Holger Hauer

Assmann .................. Thorsten Tinney

Gerd Schöllack ......... Marco A. Billep

In weiteren Rollen: Kiara Brunken, Patrik Cieslik, Florian Heinke, Albert-Jan Kingma, Hannah Leser, Kate Moss, Nele Neugebauer, Philipp Nowicki, Sophia Riedl, Dominik Schulz, Lisa-Marie Sumner, Shari Lynn Stewen, Wolfgang Türks, Nico Went, Alexander Wilbert, Vanessa Alexandra Wilcek

Inzwischen endet Helgas Hochzeitsnacht ernüchternd, während Eva hoffnungsvoll einer Beziehung mit dem Oberarzt entgegenblickt. Als Monika sich ihrer Mutter anvertraut, bagatellisiert diese das verstörende Erlebnis ihrer Tochter, sieht sie doch darin die Chance, Monika mit Joachim zu verheiraten. Otto Franck (herrisch: Rudi Reschke) jedoch wirft Monika vor, ›Zügellos‹ gewesen zu sein und seinen Sohn verführt zu haben. Sich beschmutzt fühlend, will sich Monika im Wasser das Leben nehmen, um der Schmach zu entgehen. In der kalten Nacht des ruhigen ›Berlin, Berlin‹ (gesungen von David Jakobs) geht sie ihren Weg, wird aber in letzter Sekunde von ihren Schwestern, in Begleitung von Assmann, gefunden und heimgebracht. Assmann vermittelt zwischen Monika und ihrer Mutter, sodass sie fortan als Tanzlehrerin im Galant arbeiten darf. Es will ihr jedoch nicht gelingen, sich bei ihren Schülern den notwendigen Respekt zu verschaffen. Es werden ohnehin immer weniger Tanzschüler, was Caterina mit Sorge betrachtet. Dennoch wehrt sie sich dagegen, moderne Tänze ins Repertoire aufzunehmen, und pocht darauf, dass nur klassische Tänze ein Aushängeschild für guten Geschmack sind. Inzwischen rebelliert Joachim gegen seinen Vater, dessen Arbeit als Rüstungsfabrikant er verurteilt: ›Ich will nicht werden wie mein Vater‹. Seinen »Fehler« jedoch will er wieder gut machen und lädt Monika zu einer Verabredung ein. Obwohl sie sich weigert, sich mit ihrem Peiniger zu treffen, drängt ihre Mutter sie dazu: ›Ich lass nicht zu, lässt du dich geh’n‹. Bewusst lässt sie ihre Tochter an ihren eigenen Erlebnissen teilhaben, um ihr die Position als untergeordnete Frau in einer von Männern dominierten Welt zu verdeutlichen. So fügt sich Monika in ihr Schicksal und entdeckt auf dem Weg ihren Schwager Wolfgang, wie er einen Mann küsst. In der gleichen Nacht stößt Eva auf ihren Vater, welcher vor Jahren für tot erklärt wurde. Bei ›Mutter Brause‹ trifft Monika auf Freddy (David Jakobs), der mit seiner Band öfter in der Tanzschule spielen durfte. Er bringt ihr den Rock’n’Roll näher und erregt ihr Interesse, während Joachim von ihr missachtet auf Vergebung hofft.

Helga wahrt den Schein, leidet aber zunehmend darunter, dass ihr Mann jede Intimität mit ihr ablehnt. Ein gemeinsames Familienessen soll die Wogen glätten: ›Alles wird gut‹. Doch das Ganze eskaliert: Während Wolfgang die Behandlung bei Dr. Fassbender nicht die gewünschten Resultate zur Unterdrückung seiner Homosexualität bringt, weigert sich Joachim, die Firma zu übernehmen, und Freddy hadert mit seinem Dasein: ›Herzlichen Glückwunsch‹. Caterina hält trotz sinkender Gewinne an ihrer Philosophie fest (›Früher‹), bis sie einen Zusammenbruch erleidet.

Monika verabredet sich mit Freddy, der mit ihr tanzen geht (›Heute Nacht‹) und ihr anschließend von seiner Verfolgung als Jude während des Nationalsozialismus erzählt. Ein Kuss führt zu mehr. Derweil verzweifelt Wolfgang an seinen zwiespältigen Gefühlen: Er fühlt sich Helga gegenüber verpflichtet, kann ihre Liebe aber nicht erwidern: ›Ein besserer Mensch‹. Auch Caterina tut sich schwer damit, Gefühle für Assmann zuzulassen, obwohl beide ein Geheimnis aus der Vergangenheit verbindet. Eva berichtet ihrer Mutter, ihren totgeglaubten Vater gesehen zu haben und erfährt, dass die Mutter zum Schutz ihrer Töchter sein Überleben verschwiegen hat. Caterina macht sich auf den Weg, ihren Mann Gerd (Marco Billep) zur Rede zu stellen.

Nach einer Ohrfeige von Wolfgang kehrt Helga heim und Monika erklärt, dass sie den Schwager für homosexuell hält. Obwohl Helga die Wahrheit kennt, dementiert sie dies. Monika indes erkennt, dass Joachim ihr ähnlicher ist als gedacht, als dieser nach einem Unfall im Krankenhaus ist: ›Wenn du dich auflöst‹. Als sie herausfindet, dass sie schwanger ist, erlebt sie, dass Freddy davon nichts wissen will: ›Wer war nochmal Annika?‹ Caterina möchte, dass Monika Joachim das Kind unterschiebt. Fast schon bereit dazu, trifft das Mädchen sich mit ihrem Vater (›Ich werd’ mich nur umdreh’n‹), danach bringt sie die Lüge nicht mehr übers Herz. Stattdessen trifft sie eine mutige Entscheidung. Sie lehnt den Antrag von Joachim ab, obwohl dieser ihr seine Liebe gesteht und auch das Kind als sein eigenes annehmen würde: ›Was wäre wenn‹. Monika entscheidet sich für ihr eigenes Leben ohne die von der Moral aufgelegten Zwänge: ›Ich tanz allein‹.

Die Darsteller/innen tragen erdfarbene Kostüme, von denen sich nur wenige Kleider wie Helgas Brautkleid abheben. Lederjacken, Karo-Röcke, weiße Blusen/Hemden und Bundhosen (Kostüme: Andrew D. Edwards) deuten auf die 50er Jahre hin, die auch musikalisch aufgegriffen werden. Mit ›Berlin, Berlin‹ haben Plate und Sommer der Hauptstadt eine Liebeshymne gewidmet, die einem neben anderen Titeln aus der gelungenen Show auch nach der Premiere im Ohr bleibt und von den ausgelassenen Zuschauern mit gebührendem Applaus gefeiert wurde. Die schwungvolle Umsetzung übernimmt eine Band unter musikalischer Leitung von Caspar Hachfeld an den Drums und Damian Omansen am Keyboard, beide sind auch an den Arrangements des Score beteiligt.

Hauptschauplatz ist die Tanzschule, welche durch angeschnittene choreographierte Sequenzen symbolisiert wird. Einen durchgetanzten Walzer oder ähnliches erwartet man dagegen vergebens. Auch die von den Töchtern zelebrierten Tänze Rumba und Rock’n’Roll, gegen die sich Caterina vehement wehrt, sind nur wenig zu sehen, was schade ist, dreht sich doch alles um die Tanzschule. Und auch die verbalen Hinweise, dass Freddy und Monika gemeinsam an Tanzwettbewerben teilnehmen, hätten szenisch aufgegriffen werden können. Dagegen stehen die großen Ensembleeinlagen, die Jonathan Hour mit schwungvollen Choreographien belebt.

Daneben gibt es ansprechende visuelle Darstellungen: Tim Deiling erzeugt durch farbenfrohes Scheinwerferlicht eine Discokulisse, die sich lebendig von den Momenten in der Tanzschule abhebt. Rockige Momente werden durch leise Töne kontrastiert. Die Darsteller/innen verharren einige Male durch Freeze wie in einem Schockzustand, der sich erst allmählich wieder auflöst und so beim Publikum den Eindruck eines Zeitraffers erzeugt. In jenen Momenten treffen Monikas Erkenntnisse ein, die ihr Leben positiv beeinflussen.

Für Fans der Filmreihe, Rock’n’Roll-Liebhaber und Zeitzeugen liefert »Ku’damm 56 – Das Musical« eine charmante Zeitreise in das Jahrzehnt, in dem die Frau noch als Hausfrau ihr Dasein fristete und nur wenige wie Monika den Mut besaßen, sich von den gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Ob sich die Geschichte jenen Zuschauern erschließt, die vorab nicht die ZDF-Filmreihe verfolgten, sei dahingestellt. Zusammenfassend gilt dennoch der Dank Annette Hess, Peter Plate und Ulf Leo Sommer, die das Theater des Westens in ›Berlin, Berlin‹ nach der coronabedingten Schließung endlich wieder mit Leben füllen.

Sandy Kolbuch