Lesezeit ca. 7 Min.
arrow_back

Liebe und Macht


Logo von G Geschichte
G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 14.10.2022

3. KAPITEL TRIUMPH

Artikelbild für den Artikel "Liebe und Macht" aus der Ausgabe 11/2022 von G Geschichte. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 11/2022

Power-Paar: Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon. Wegen ihres rigorosen Umgangs mit Andersgläubigen verleiht ihnen der Papst den Titel »Katholische Könige«

Es ist eine merkwürdige Reise, zu der im Oktober 1469 sechs Männer in Zaragoza, der Hauptstadt Aragons, aufbrechen. Kleidung und Lastesel weisen sie als Kleinhändler aus. Ihr Auftreten passt aber nicht recht zu Männern aus dem Volk und auch nicht der Respekt, den die Älteren gegenüber dem Jüngsten zeigen. Dabei übernimmt der gut aussehende junge Mann eifrig die Pflichten eines Stallknechts, striegelt und versorgt die Reittiere, füttert die Lastesel.

Das ist alles höchst merkwürdig, so merkwürdig, dass die Torhüter des Marktfleckens Burgo de Osman die verdächtige Gesellschaft mit Steinwürfen vertreiben. Im Städtchen Dueñas ist die Aufnahme durch den örtlichen Grafen sehr viel freundlicher. Die Reisenden können sich erholen und neu einkleiden, ehe sie am 14. Oktober zu ihrem eigentlichen Ziel, die kastilische Residenzstadt Valladolid, aufbrechen. Obwohl es schon spät in der Nacht ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von G Geschichte. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2022 von Tage des Schwertes. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Tage des Schwertes
Titelbild der Ausgabe 11/2022 von Das Spiel mit der Atombombe. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Spiel mit der Atombombe
Titelbild der Ausgabe 11/2022 von Der König wird zum Gummiball. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der König wird zum Gummiball
Titelbild der Ausgabe 11/2022 von Von Emiraten zu Königreichen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Von Emiraten zu Königreichen
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Lieder für die Ewigkeit
Vorheriger Artikel
Lieder für die Ewigkeit
Kurze Zeit große Macht
Nächster Artikel
Kurze Zeit große Macht
Mehr Lesetipps

... ist, öffnet man ihnen die Stadttore und auch die Türe zum Haus des Edelmannes Juan de Viero. Der beherbergt einen hohen Gast, Kastiliens Thronprinzessin Isabella, und der junge »Stallbursche« kann seine Verkleidung fallen lassen: Zum ersten Mal tritt Aragons Thronfolger Ferdinand seiner zukünftigen Braut gegenüber.

Woher kommt die Bezeichnung Isabell-Farbe?

Ein Natur-Farbton, der an Milchkaffee erinnert, trägt den Namen Isabell. Angeblich hat Königin Isabella geschworen, ihr Hemd so lange nicht zu wechseln, bis Granada gefallen ist. Da sich die Eroberung jahrelang hinzog, habe der Stoff diese Verfärbung angenommen. Als Namensgeberin infrage kommt aber auch die spanische Infantin Isabella Clara Eugenia. Die Ururenkelin Isabellas war Statthalterin der Niederlande. Sie legte 1601 das gleiche Gelübde ab, als sie die rebellische Stadt Ostende belagern ließ. Es dauerte mehr als drei Jahre, ehe die Hafenstadt kapitulierte.

»Wo so viel Arglist ist, kann sich kein Königreich entfalten«

Anonymes Flugblatt gegen Ferdinand, 1472

Eine romantisierende Geschichtsschreibung erzählt von einer Liebe auf den ersten Blick. Die beiden jungen Leute – er ist 17, sie 18 Jahre alt – hätten auch jeden Grund dafür: Isabellas grüne Augen harmonieren mit ihren rotblonden Haaren; Ferdinand hat, wie es ein Zeitgenosse beschreibt, »wunderbare, schöne Augen, groß, mandelförmig und immer lachend.« Dazu haben beide eine ausgezeichnete, umfassende Ausbildung erfahren und sind hervorragende Reiter.

All dies wird sich auf ihre gemeinsame Herrschaft auswirken. Die Ehe kommt jedoch aus politischem Kalkül zustande. Denn etwas, das Isabella und Ferdinand ebenfalls verbindet, ist, dass beider Aussicht auf Thron und Krone infrage gestellt wird und sie als Schachfiguren im Machtspiel der Monarchen verwendet werden.

Beide müssen sich ihren Platz als Thronfolger erkämpfen

Isabella ist die Schwester des seit 1454 regierenden Heinrichs IV. von Kastilien, der als eine seiner ersten Amtshandlungen die Schwester und seinen Bruder Alfons vom Hof vertreibt. Letzterer bleibt allerdings Thronfolger, da Heinrich, genannt »der Impotente«, keine Erben zeugt. Als seine zweite Gattin dann doch ein Mädchen – Johanna – zur Welt bringt, wird Heinrichs Vaterschaft umgehend angezweifelt.

Da sich Heinrich auch politisch als unfähig erweist, versinkt Kastilien zunehmend im Chaos rivalisierender Adelscliquen. Eine Fraktion möchte Heinrich durch seinen Bruder Alfons ersetzen. Der junge Prinz gewinnt auch rasch die militärische Oberhand, stirbt aber plötzlich unter mysteriösen Umständen. Damit ist Isabella Thronerbin, jedenfalls in den Augen der Kastilier, die Heinrichs Vaterschaft von Johanna anzweifeln. Heinrich versucht dennoch seine angebliche Tochter zur Thronerbin aufzubauen, und dazu muss er Isabella wegheiraten. An Bew erbern ist kein Mangel. Als besonders hartnäckig erweist sich der 20 Jahre ältere König Alfons V. von Portugal.

Isabella beschließt, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen und knüpft geheime Kontakte zum aragonesischen Hof. Dort hat sich nach ebenfalls familiären Querelen Ferdinand als Thronfolger durchgesetzt. Er passt nicht nur altersmäßig zur kastilischen Erbin; eine Verbindung von Kastilien und Aragon ergibt politisch w ie ökonomisch Sinn: Das Königreich Kastilien ist größer, wohlhabender, bevölkerungsreicher und moderner, da zentral regiert. Das kleinere Aragon besteht dagegen aus drei Einheiten – Aragon, Katalonien und Valencia –, die ihre Eigenständigkeit verteidigen. Es herrscht aber auch über die Balearen, Sardinien, Korsika und mit einer Seitenlinie über Sizilien und Neapel. Aragon ist eine Seemacht, die im europäisch–mediterranen Machtspiel eine wichtige Rolle spielen kann.

Als Eselstreiber verkleidet gelangt Ferdinand zu seiner Zukünftigen

Auch aus diesem Grund möchte König Johann II. seinen Sohn Ferdinand mit einer französischen Prinzessin verheiraten. Der ist sich aber inzwischen mit Isabella einig und trickst den Vater mit der Eselstreiber-Reise aus. Am 19. Oktober 1469 heiraten Isabella und Ferdinand, wobei die Rechte und Pflichten der Eheleute bezüglich des angeheirateten Königreichs vertraglich genau festgelegt werden.

Kaum ist die Hochzeit bekannt, bricht offener Bürgerkrieg zwischen den Anhängern des jungen Paares und jenen Johannas aus, die von ihren Gefolgsleuten als wahre Erbin Kastiliens proklamiert wird. 1474 stirbt König Heinrich, und Isabella reagiert rasch und entschlossen: Sie wartet nicht auf die Rückkehr ihres gerade abwesenden Gatten und Mit-Herrschers Ferdinand, sondern lässt sich umgehend zur Königin ausrufen. Der Thronstreit zieht sich noch fünf lange Jahre hin, da Alfons von Portugal Johanna heiratet und ihren Anspruch durchzusetzen sucht. Nach einem militärischen Sieg ist ab 1480 die Herrschaft der Doppel-Monarchen aber endgültig gesichert. Ferdinand und Isabella können sich nun dem Umbau ihrer Reiche nach ihren Vorstellungen widmen.

Impotent oder nicht?

Isabellas Bruder Heinrich IV. von Kastilien wird unterstellt, zeugungsunfähig zu sein. Die Bevölkerung bezweifelt, dass das Kind seiner zweiten Ehefrau von ihm ist. Das ebnet Isabella den Weg auf den Thron.

Sponsoren für Kolumbus

Zunächst lehnt das spanische Königspaar es ab, Christoph Kolumbus’ Expedition zu finanzieren. Als der Genuese aber nach Frankreich fährt, um dort Unterstützung zu erhalten, willigen Isabella und Ferdinand doch ein. 1492 bricht Kolumbus auf, um einen westlichen Seeweg nach Indien zu finden — mit bekanntem Ausgang.

Die erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung nach Jahrzehnten der Anarchie. In kastilischen Städten gibt es dafür seit Längerem eine Art Bürgerwehr, »Bruderschaft« (Hermandad) genannt. Das Königspaar weitet dieses Konzept unter dem Titel Santa Hermandad auf den ganzen Herrschaftsbereich aus und unterstellt es gleichzeitig der königlichen Kontrolle. Bis ins 19. Jahrhundert werden Teile dieser Milizen in Spanien agieren.

Einige ihrer Einheiten sind noch am nächsten Großprojekt Isabellas und Ferdinands beteiligt – die endgültige Vereinigung Spaniens. Schritt eins dazu ist die Eroberung Granadas (siehe Beitrag ab Seite 56), gefolgt von der Unterwerfung Navarras. Das durch globalen Handel reich gewordene Portugal kann seine Selbstständigkeit bewahren. Hier wirft Isabella den Fehdehandschuh, als sie 1492 die Entdeckungsfahrt des Genuesen Kolumbus finanziert. Nur zwei Jahre später sieht sich Portugal gezwungen, einer Aufteilung der Neuen Welt durch den Papst zuzustimmen. Mit der Hinwendung zum Atlantik wird aus dem spanischen Doppelreich eine Weltmacht.

Taufen lassen oder auswandern? Juden und Muslime müssen sich entscheiden

Waren die Untertanen Isabellas und Ferdinands aber tatsächlich eine Einheit? Kastilier und Aragonesen würden wohl als Spanier zusammenwachsen – mit Vorbehalt, wie die heutige Katalonien-Krise belegt. Aber wie steht es mit der Religion? Neben Christen leben auch viele Juden und Muslime in Iberien, denen bei der Kapitulation Granadas Glaubensfreiheit zugesichert worden war. Fanatischen Kirchenfürsten, allen voran Tomás de Torquemada, dem ersten Vorsitzenden der 1487 etablierten Spanischen Inquisition, sind die vielen »Ungläubigen« im Lande ein Dorn im Auge. Isabella und Ferdinand lassen sich tatsächlich zum Wortbruch überreden. Zuerst werden die Juden, dann die Muslime vor die Wahl gestellt, sich taufen zu lassen oder auszuwandern. Der Exodus Zehntausender mag dem Herrscherpaar den päpstlichen Ehrentitel »Katholische Könige« einbringen – verliehen vom Aragonesen Alexander VI. Borgia –, ist aber ein schwerer Schlag für die Wirtschaft.

»Ferdinand und Isabella verstanden es, günstige Umstände zu nutzen, um aus Spanien eine Weltmacht zu machen«

Historiker Joseph Pérez

Eine Frau, die dem Wahnsinn verfällt, und eine Vision, die sich erfüllt

Die kann es verkraften, da dank der Reformen des Herrscherpaares der Staatsschatz wohl gefüllt ist. Es dauert auch nicht lange, bis in Sevilla die ersten Schiffsladungen mit dem Gold eintreffen, das von den Eingeborenen Amerikas erpresst wurde.

Das Doppelreich wird so für die anderen Monarchien Europas interessant. Der Habsburger Maximilian I. sieht die Möglichkeit, durch einen Schulterschluss mit den Spaniern den französischen Erzfeind in die Zange zu nehmen. Deshalb greift Maximilian auf das bewährte Hausmittel der Habsburger zurück – dynastische Eheschließung mit doppelter Absicherung.

So heiratet am 21. August 1496 Isabellas und Ferdinands Sohn Johann – Thronerbe beider Königreiche – Maximilians Tochter Margarete, während Philipp, der Sohn des Kaisers, die spanische Prinzessin Johanna ehelicht. Den Festivitäten folgt bald tiefe Trauer: Kronprinz Johann stirbt 1497, sodass der Thronanspruch auf Johanna und ihren Gatten Philipp übergeht.

Auch dieser Ehe ist kein langes Glück beschieden: Philipp stirbt 1506, und Johanna reagiert auf den Verlust des geliebten Gatten so extrem, dass sie für wahnsinnig erklärt wird und ihr langes Leben – sie stirbt 1555 – hinter Klostermauern verbringt. Dem Ehevertrag ihrer Eltern entsprechend, trägt sie seit Isabellas Tod 1504 weiterhin die Krone Kastiliens.

Ferdinand, der noch eine zweite Ehe mit einer französischen Prinzessin eingeht, regiert Kastilien daher als Stellvertreter Johannas, ebenso wie sein Enkel Karl nach dem Tod des Großvaters 1516. Unter dem Habsburger wird Spanien von seinen Bewohnern wie von seinen Nachbarn und den anderen Mächten zunehmend als Einheit begriffen – die Vision Isabellas und Ferdinands hat sich erfüllt.

LESETIPP

Joseph Pérez: »Ferdinand und Isabella. Spanien zur Zeit der Katholischen Könige«. Callwey 1989, antiquarisch

46 Jahre hinter Mauern

Johanna von Kastilien ist das dritte Kind der Katholischen Könige. 1496 heiratet sie den Habsburger Philipp »den Schönen«. Der streitet sich nach dem Tod ihrer Mutter Isabella mit Johannas Vater Ferdinand um die Macht in Kastilien. Philipp kann sich durchsetzen, stirbt jedoch schon 18 Tage nach der Krönung. Johannas psychischer Zustand verschlechtert sich, woraufhin ihr Vater sie in einem Kloster festsetzt. Dort bleibt sie 46 Jahre lang, bis zu ihrem Tod 1555. In die Geschichte geht sie ein unter dem Beinamen »die Wahnsinnige«.