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Lieber ANDERS ALS ARTIG


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Cosmopolitan - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 12.10.2022

ESSAY

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I AM WHAT I AM Kommentare bekommt man ohnehin. Egal ob man seinen Körper mit natürlicher Behaarung zeigt ? so wie Rebecca Chelbea. Oder ob man ihn verändert, wie er einem gefällt. Also: drauf pfeifen, was die anderen sagen!

WIE LANGWEILIG, WENN ALLE GLEICH AUSSÄHEN –BEACH-WAVES, LIPGLOSS, NORM-MASSE. DIE ZEIT IST REIF FÜR EINE STYLE-REVOLUTION! WARUM ES SO GUTTUT, SICH WAS ZU TRAUEN. PLUS: VIER MUTIGE VORBILDER

Glitzer-Fake-Lashes, Hotpants, aus denen der halbe Po rausguckt, Fishnet Tights und Plateaus. So laufen die Leute in New York und London rum. Und? Juckt das irgendjemanden? Nein. Oder im Griechenland-Urlaub: Hat da jemand was gesagt, als man mit verschmierter Mascara und im durchsichtigen Häkeldress Lukumades essen gegangen ist? Ebenfalls nein. Aber hierzulande muss man nur mal roten Lippenstift auftragen und die Arbeitskolleg*innen rufen: „Naaaa, was hast du denn heute noch vor?“ Die beste Freundin raunt: „Kennen wir uns?“ Und der Barista im Coffeeshop glaubt, ein „Oh, là, là, Madame“ sei eine angemessene Reaktion auf ein absolutes Standard-Make-up. Als hätte man gerade ohne Unterhose den Rock gelüftet. ...

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KOMMENTARE OFF

Im Ausland sind alle viel offener, denken wir und manifestieren, dass wir bald ein lukratives Jobangebot aus New York bekommen. Allerdings würden wir dort nach einiger Zeit wahrscheinlich vor dem gleichen Problem stehen: Denn die vermeintliche Offenheit liegt vor allem daran, dass wir im Urlaub auf Unbekannte treffen. „Während hier in meinem Job oder meiner Nachbarschaft die Leute wissen, was sie erwartet, wenn sie mich sehen, haben Fremde noch gar kein Bild von mir“, erklärt die Psychotherapeutin Nesibe Özdemir (@ psychologin_nesibe). Es ist menschlich, irritiert zu sein, wenn sich dieses Bild verändert. Aber muss man das immer verbalisieren? Die Welt wäre eine bessere, wenn wir uns das verkneifen würden, meint Nesibe Özdemir: „Wir sollten aussehensbezogene Kommentare generell für uns behalten. Bodyshaming kann verheerende Folgen für die psychische Gesundheit und damit auch für das alltägliche Leben von Menschen haben.“ Das kann man den Kolleg*innen ja mal nahelegen. Noch besser: mit gutem Beispiel vorangehen.

Aber warum ist es uns eigentlich so unangenehm, mit einem neuen Look im Mittelpunkt zu stehen? „Wer es wagt, anders auszusehen, riskiert Isolation und Ablehnung. Das flößt vielen Leuten Furcht ein“, erklärt die Psychologin und Stylistin Dr. Sarah Seung-McFarland auf ihrem Blog . Tatsächlich ist die Panik vorm Anecken evolutionär bedingt. Für unsere Vorfahr*innen waren der Schutz und die Fürsorge der Gruppe überlebensnotwendig – und obwohl wir heute, streng genommen, auf den Support anderer pfeifen könnten, löst Zurückweisung tief sitzende Ängste in uns aus.

ZEIT FÜR EINEN MUTAUSBRUCH

Gleichzeitig sehnen sich aber viele von uns danach, sich mit Make-up und Styling auszudrücken, so, wie wir es in den sozialen Medien sehen. Wie zum Beispiel bei der Unternehmerin Fränzi Kühne, die ihre Haare halb abrasierte (siehe nächste Seite). Oder bei der malaysisch-kanadischen Visagistin und Beauty-Vloggerin Mei Pang, die sich Sterne, Blumen oder Wolken ins Gesicht schminkt. Solche Menschen inspirieren uns. Es ist ja kein Zufall, dass die US-Verkäufe selbstklebender Face-Jewels (laut dem „2022 Spring Summer Global Trend Report“ des Finanztechnologieunternehmens Afterpay) um fast 90 Prozent gestiegen sind. Auf eine andere Art radikal und mindestens genauso rebellisch wie „Paradiesvogel“-Make-up ist es, mit veralteten Beauty-Standards zu brechen und sich und seinen Körper dabei zu feiern. Wie die Schwedin Sofia Grahn, die sich nach unzähligen Kosmetikbehandlungen mit ihrer Akne versöhnt hat und sie nicht mehr unter einer Make-up-Schicht versteckt (siehe nächste Seite). Oder Rebecca Chelbea, die ihre Körperbehaarung stolz auf Instagram zeigt (siehe vorherige Seite).

REBECCA CHELBEA, INFLUENCERIN

"Ich bin MEHR ALS MEIN KÖRPER“

„Mit 13 fingen die Selbstzweifel an: Bin ich nicht schön genug? Zu dunkel? Und vor allem: zu behaart? Schon in der Schule musste ich mir sagen lassen, dass ich wie ein Gorilla aussehe. Erst in den letzten Jahren ist mir bewusst geworden, wie verrückt es ist, dass unrasierte Frauen in unserer Gesellschaft als ‚männlich‘ wahrgenommen werden. Warum gelten buschige Augenbrauen als schön, ein Flaum über den Lippen aber nicht? Wieso wünschen wir uns volle Wimpern und schämen uns für Achselhaare? Nicht unser Aussehen ist optimierungsbedürftig, sondern unser Mindset. Deswegen enthaare ich mich nicht mehr regelmäßig – nicht für andere, nicht, um ins Schwimmbad zu gehen, sondern nur noch, wenn ich Lust drauf habe. Manche Menschen – meist sind es Männer – hinterlassen mir deswegen verachtende Kommentare auf Instagram, bezeichnen mich als ‚unhygienische Bitch‘ oder schicken mir unaufgefordert Tipps für hormonregulierende Medikamente. An manchen Tagen beschäftigt mich das, aber ich habe gelernt, Beleidigungen nicht mehr persönlich zu nehmen, mich abzugrenzen. Weil ich verstanden habe, dass ich mehr bin. Mehr als mein Körper und mehr als das, was andere über mich denken.“

]FRÄNZI KÜHNE, UNTERNEHMERIN

"Ich bleibe MEINEM UNDERCUT TREU“

„Meine Liebe zum Undercut verdanke ich der südafrikanischen Band Die Antwoord. Und einer extremen Lebensphase. 2010, kurz nach der Gründung meiner Social-Media-Agentur TLGG und ein Jahr nachdem mein Vater gestorben war, hatte ich viel wegzustecken. Die Musik von Die Antwoord hat mir geholfen – und mich dazu inspiriert, mir exakt so einen Haarschnitt wie deren Sängerin Yolandi Visser verpassen zu lassen. Obwohl das inzwischen mehr als zehn Jahre her ist, erinnere ich mich genau an den Tag, als ich mit platinblondem, halb abrasiertem Mullet vom Friseur kam. Ich hatte das Gefühl, genauso auszusehen, wie ich mich fühlte: überwältigt. Dass ich ab 2017, nachdem ich zu Deutschlands jüngster Aufsichtsrätin gewählt wurde, ständig gefragt wurde, ob man mit meinem Look überhaupt ernst genommen wird, hat mich genervt, aber nicht verunsichert. Im Gegenteil! Mir war wichtig, dem Undercut treu zu bleiben. Weil er mich an eine besondere Zeit erinnert und ich finde, dass es Dringenderes zu diskutieren gibt als nonkonforme Haarschnitte.”

SICH TRAUEN – UND WIE?

Auch wenn es sich „nur“ um Äußerlichkeiten handelt, lohnt sich der Mut, zu sich selbst zu stehen. Er kann nämlich nachhaltige Folgen für uns haben. „Es pusht unseren Selbstwert. Wir lernen neue Anteile von uns kennen, entfalten uns neu und brechen aus dem alltäglichen Trott aus“, erklärt Nesibe Özdemir. Und: Wenn wir das oft genug tun, kommt uns dieser Mut auch in Zeiten, in denen es nicht so rosig läuft, wieder zugute. „Bei neuen Herausforderungen – sei es im Job oder im Privatleben sind wir dann optimistischer.“

SOFIA GRAHN, AKTIVISTIN

"Ich traue MICH, LAUT ZU SEIN“

„Ich hab alles versucht: Cremes, Medikamente, Diäten, Make-up. Aber je mehr ich gegen meine Akne ankämpfte, desto mehr emotionalen Raum nahm sie ein. Obwohl mich in meinem Bekanntenkreis nie jemand wegen meiner Haut ausgegrenzt hat, war ich lange davon überzeugt, nicht liebenswert zu sein. 2018, als ich einen absoluten Tiefpunkt erreichte und kaum noch meine Wohnung verließ, entdeckte ich auf Instagram Frauen, die aussahen wie ich und offen damit umgingen. In der Hoffnung, emotionalen Beistand zu finden, fing ich ebenfalls damit an, unbearbeitete Fotos von mir zu veröffentlichen. Ich hatte panische Angst vor den Reaktionen, aber das Feedback war überwältigend. Seit ich weiß, dass ich auf diese Rückendeckung zählen kann und ich mir keinen Kopf mehr darum mache, ob ich morgen mit mehr oder weniger Pickeln aufwache, bin ich ein neuer Mensch. Ich traue mich, sichtbar und laut zu sein. Und die Erleichterung darüber ist immer noch überwältigend. Ich habe so viel Energie darauf verschwendet, einem bestimmten Bild zu entsprechen und dabei übersehen, worum es wirklich geht: Unsere Körper leisten Großartiges für uns. Nur danach sollten wir sie beurteilen.”

NILAY WITTE, E RZIEHERIN

"Ich fühle MICH FREIER DENN JE”

„‚Das kannst du nicht bringen, das sieht doch abgewrackt aus!‘ Dass die Idee, meine Stirn tätowieren zu lassen, in meinem Freundeskreis nicht gut ankam, hat mich erst mal schockiert – und mich dann motiviert, es trotzdem zu tun. Heute, zwei Jahre später, bereue ich mein Tattoo immer noch nicht, ich bin froh, dass ich mich getraut habe. Mein Umfeld gibt mir mittlerweile aber auch positives Feedback: Ich bekomme Komplimente in der Kita, in der ich arbeite, und meiner muslimischen Mama gefällt’s auch. Ich fand Tätowierungen schon immer ästhetisch und habe nie verstanden, warum sie hinter dem Ohr oder auf dem Dekolleté klargehen, aber im Gesicht für Entsetzen sorgen. Erlaubt ist, was gefällt. Und niemand, außer uns selbst, hat das Recht, uns die Grenzen guten Geschmacks vorzugeben. Eine Message, die mir wichtig ist und die ich auch als Erzieherin vermitteln will: je bunter, desto besser! Und seit ich mich nicht mehr für mein Aussehen rechtfertige, fühle ich mich freier denn je.“

Wie können wir also die Angst vor Ablehnung überwinden? Und Kommentare an uns abprallen lassen? Eine Möglichkeit ist laut unserer Expertin, sich Schritt für Schritt heranzutasten: etwa, indem man sich zunächst in seiner Beauty-interessierten Bubble die Likes für einen neuen Look abholt. Den kann man dann langsam in den Alltag integrieren. „Wer sich nicht sofort traut, den neuen knallpinken Lippenstift aufzutragen, der mischt ihn erst mal unter den Alltags-Lippenstift und erhöht die Dosis jeden Tag ein bisschen mehr“, rät Nesibe Özdemir. Noch ein Trick für mehr Mut: Die Freund*innen oder Lieblings-Kolleg*innen überreden, mitzumachen! „In einer Gruppe fühlen wir uns wohl und sicher und können auch Blicke und Kommentare von außen viel besser aushalten: Was die eigene Gruppe tut, wird viel eher als richtig und gut wahrgenommen, und was alle anderen außerhalb der Gruppe dazu sagen, verliert an Bedeutung.“

Manche entscheiden sich auch für den Sprung ins kalte Wasser. Einfach nicht mehr rasieren, einfach den Lidschatten, den Lippenstift ausprobieren, ein paarmal Blicke, Kommentare, Fragen aushalten – sich den Spaß von Miesepetern und -petras nicht verderben lassen. Egal, welche Variante: Die Hauptsache ist, dass die Bedenken in den Hintergrund treten und wir endlich wieder Spaß haben am Knaller-Lippenstift, an den Face-Stickern und den Glitzer-Lashes. Egal, ob hier oder in New York.