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Lily ist so frei


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 08.02.2022

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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 3/2022

Lily Rice saß am Rand einer Rampe in einem Skatepark in Cornwall, England, kurz geschorene, rosa gefärbte Haare unter dem Vollvisierhelm. Vor ihr gähnten vier Meter Tiefe, darunter Beton.

Sie gab ihrem neongrünen Rollstuhl einen Schubs – und fiel ins Leere.

Bis hierher war alles planmäßig gelaufen, es würde ein atemberaubender Stunt werden, diesmal für ein Fotoshooting.

Die Bilder würden ein Hammer sein … doch plötzlich bemerkte sie: Da ist ihr wohl ein winzig kleiner Fehler passiert – sie hatte das Gewicht ein paar Millimeter zu weit nach vorn verlagert. Es blieb keine Zeit zur Korrektur – Lily Rice kippte im Flug hilflos nach vorn. Sie krachte mit dem Gesicht voran auf den Boden, der Rollstuhl knallte auf ihren Rücken, sie schlug sich Zähne aus, verletzte sich am Hals. Sie konnte nicht mehr schlucken, sich nicht bewegen. Sie stöhnte, röchelte. Es waren furchtbare, animalische Laute, die sie ...

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... ausstieß.

Ihre beste Freundin kam angelaufen, die Skateboarderin Daisy da Gama Howells. „Ich war sicher, Lily ist schwer verletzt, vielleicht sogar tot“, sollte sie sich später an den Schrecken erinnern. „Diese Geräusche, die sie nach dem Unfall machte, werde ich nie vergessen.“

Lily war nicht tot, sie war bewusstlos. Dazwischen kam sie ein paar Sekunden lang zu Bewusstsein. Später sollte man sie fragen, woran sie dachte, in diesen kurzen wachen Momenten. „Wird meine Mutter mit mir schimpfen, weil ich keine Ellbogenschützer getragen habe? Solche Dinge schossen mir durch den Kopf“, erzählt sie von den bizarren Gedankengängen in dieser Ausnahmesituation.

Der Unfall liegt zwei Jahre zurück, Lily Rice war damals 15 Jahre alt. Wegen einer spastischen Lähmung sitzt sie seit ihrem zehnten Lebensjahr im Rollstuhl.

Spastische Lähmung bedeutet, dass die Muskeln in ihren Beinen sehr schwach sind, aber wenn sie sich anstrengt, kann sie ein paar Schritte gehen, sich sogar allein eine Treppe raufarbeiten.

Wenn sie und ihre beste Freundin, Daisy da Gama Howells, heute von dem Tag vor zwei Jahren erzählen, lachen sie, auch während sie von Blut und dem Geröchel und der Todesangst reden. „Das ist unsere Art, damit umzugehen“, sagt Rice. Sie erinnert sich noch gut an die Fahrt im Krankenwagen. „Ich habe dagegen angekämpft, dass meine Augen zufallen – ich dachte, sonst sterbe ich.“

Nach den Operationen konnte Rice im Krankenhaus nur Hühnersuppe essen, wobei „essen“ wohl nicht ganz der richtige Ausdruck ist: Die Suppe musste ihr mit einer Kanüle in den Mund verabreicht werden.

Sobald sich die Nahrungsaufnahme wieder halbwegs normal gestaltete, ging sie wieder zur Schule. Nach einem Monat war sie zurück im Skatepark.

Es war schwierig, nach diesem Unfall wieder mit dem Sport zu beginnen. Ihr Körper war tatsächlich traumatisiert, und er erstarrte, wenn sie nur in die Nähe einer Rampe kam. Aber Rice gab nicht auf. Sie begann mit einfachsten Übungen, ganz langsam, bis ihr Selbstvertrauen langsam zurückkam.

„Ich weiß nicht, wo ich ohne diesen Sport wäre. Er zeigt mir, wozu ich imstande bin.“

Lily Rice, 17, über die Bedeutung des Rollstuhlskatens für ihr Leben

Gut möglich, dass Lily Rice ihre Zähigkeit, die Härte zu sich selbst und ihre überbordende Lebensenergie zu einem Teil ihrem Vater Mark verdankt. Er ist Sanitäter und Surfer. Von klein auf nahm er sie mit in die Natur, so als ob da gar nichts wäre mit ihren Beinen. Er ließ sie auf Bäume klettern, brachte ihr das Fahrradfahren bei und spielte mit ihr am Strand – obwohl sich die Krankheit schon früh bemerkbar machte und sie zum Gehen Schienen und Krücken brauchte.

Lilys spastische Lähmung verschlimmerte sich mit der Zeit. Als sie zehn Jahre alt war, reichten Schienen und Krücken nicht mehr – sie begann, einen Rollstuhl zu verwenden. Aber sie hasste den Gedanken, den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen zu müssen. Um ihn möglichst wenig zu sehen, verräumte sie ihn in eine Ecke ihres Zimmers.

Drei Jahre später – Lily war gerade dreizehn geworden – sah sie im Internet ein Video von Aaron Fotheringham. Und damit veränderte sich schlagartig ihre Beziehung zum Rollstuhl.

Aaron „Wheelz“ Fotheringham wurde in Los Angeles mit einer gespaltenen Wirbelsäule geboren, dem schweren Fall einer sogenannten Spina bifida.

Sein älterer Bruder war ein begeisterter BMX‐Fahrer. Die beiden verbrachten als Kinder viel Zeit miteinander, und als Aaron acht Jahre alt war, kam er auf die Idee, mit seinem Rollstuhl über eine BMX-Rampe zu fahren und Stunts zu probieren – Drehungen, Sprünge. Bald nahm er an BMX-Wettbewerben teil, die Videos von seinen Stunts gingen im Internet viral.

2006 schaffte er als erster Mensch überhaupt einen Rückwärtssalto im Rollstuhl. Zwei Jahre später tourte er mit dem „Nitro Circus“ um die Welt, der durchgeknallten Action-Show mit Freestyle-Motocross-Superstar Travis Pastrana. 2012 fuhr Fotheringham mit seinem Rollstuhl in Kalifornien über eine acht Meter hohe Megarampe und sprang dabei 21 Meter weit.

Was Fotheringham tat, hatte, als er anfing, noch keinen Namen. Man nannte es „Wheelchair Motocross“, kurz WCMX. 2015 fanden im Alliance Skatepark in Grand Prairie, Texas, die allerersten Weltmeisterschaften im WCMX statt; auch Skateboarder und BMX-Fahrer mit verschiedenen Behinderungen nahmen teil. Fotheringham holte Gold – wie bei jeder WM seither.

Lily Rice steckte ihren Vater mit ihrer Begeisterung für Fotheringham und dessen Videos an. Die Tochter eines seiner Freunde hatte auch gerade mit dem Skaten begonnen, die Väter stellten den Kontakt zwischen den Mädchen her.

Lily Rice und Daisy da Gama Howells trafen sich im Skatepark. Am Anfang war es für viele der anderen Skater noch ungewohnt, jemanden in einem Rollstuhl über die Rampen fahren zu sehen. Doch schon bald war Rice ein fester Teil der Community im Skatepark.

An einem Juli-Abend des Vorjahres hängen Rice und da Gama Howells wie so oft im Skatepark ab. Zu hören sind die typischen Skatepark-Geräusche:

Musik aus mit Stickern verzierten Lautsprechern, das Rollen der Hartgummiräder auf Beton, Anfeuerungen, Jubel, Abklatschen. Einer der vielen Skater im Park an dem Abend ist der Postbote Craig Brown, ein Freund von Lilys Vater, Mark. Er fährt über die Skatebowl, scherzt mit Kindern, feuert Rice an, als sie gerade über eine steile Passage fährt.

Ein paar Stunden später sitzt Brown auf seinem Skateboard. „Die Atmosphäre im Skatepark ist komplett inklusiv“, sagt er. Woran das liegt? „Ich glaube, wir Skater sind hier auf eine gewisse Art zu Hause. Außerhalb dieses Parks fühlen wir uns alle ein bisschen verloren. Wir gehören irgendwie zusammen. Wir unterstützen einander, sind füreinander da. So sollte es doch überall sein, oder?“

Schon als Lily Rice das erste Mal über eine Minirampe fuhr, wusste sie, dass WCMX ihr Sport ist. Sie schrieb Fotheringham eine Nachricht auf Instagram, er schickte ihr einen seiner gebrauchten WCMX-Stühle. Später traf sie ihn persönlich, als er mit dem Nitro Circus nach Großbritannien kam. „Es war der Wahnsinn, jemandem persönlich zu begegnen, den man so oft im Internet gesehen hat“, sagt Lily. „Ihn live skaten zu sehen war einfach das Größte.“

Die beiden blieben in Kontakt und nahmen vor der Pandemie gemeinsam bei einigen Wettbewerben in den USA teil. „Lilys Entwicklung ist unfassbar“, lobt Fotheringham. Tatsächlich hat sie besonderes Talent: Schon nach sieben Monaten gelang ihr ein Rückwärtssalto – als erster Frau in Großbritannien.

Das Training für das Kunststück war hart: Stundenlang sprang sie mit ihrem Rollstuhl in eine mit Schaumstoff ausgepolsterte Grube. Später trainierte sie auf einer weichen, federnden Rampe.

Irgend wann schaffte sie es, nach der Drehung auf den Rädern zu landen und weiter über die Rampe zu fahren.

„Im Skatepark fühle ich mich ganz frei. Da sagt dir keiner, wie du sein musst.“

Der gelungene Rückwärtssalto machte Rice in Großbritannien zu einer kleinen Berühmtheit: Sie spielte in Musikvideos mit, schloss Werbeverträge ab, reiste zu Meisterschaften. Der schottische Schauspieler James McAvoy, der in den „X-Men“-Filmen einen Rollstuhlfahrer spielt, spendete 5000 Pfund für einen maßgeschneiderten Rollstuhl. Später lief er Rice zufällig auf einem Flughafen in L. A. über den Weg und lud sie zur Premiere des neuen „X-Men“-Films ein.

Rice er innert sich, wie unwirklich der Abend war: „Ich traf Katy Perry auf dem Klo und machte Selfies mit Jennifer Lawrence und Orlando Bloom.“

Obwohl seit ihrem schweren Unfall erst wenige Monate vergangen waren, gewann Rice 2019 die WCMX World Championships. Nebenbei bemühte sie sich um den Auf bau der WCMX-Szene in Großbritannien. Sie ermutigte junge Rollstuhlfahrer, ebenfalls mit dem Sport zu beginnen, veranstaltete den ersten WCMX-Jam in Northamptonshire.

Auch die neunjährige Imogen Ashwell-Lewis, die wegen einer vom Großhirn ausgehenden Lähmung im Rollstuhl sitzt, war dabei. Genau wie Rice war auch Ashwell- Lewis sofort begeistert von dem Sport. Bei den anderen Sportarten, die sie davor probiert hatte, waren Menschen mit Behinderung von Menschen ohne Behinderung getrennt. Hier ist das anders:

Rollstuhlfahrer fahren gemeinsam mit anderen Skatern über die gleichen Rampen. Keine Barrieren, keine Vorurteile.

Imogen probiert einen besonders wilden Sprung – sie stürzt, fällt aus ihrem Rollstuhl. Sofort kommen einige Skater angelaufen, um ihr zu helfen. Aber sie bleibt ganz ruhig: „Alles gut! Helft mir bitte einfach zurück in den Rollstuhl.

Ich will’s noch einmal probieren.“

Rice weiß, dass sie das Leben von Kindern wie Imogen Ashwell-Lewis verändern kann. Und sie nimmt diese Möglichkeit sehr ernst. Sie geht in Schulen, um über WCMX zu erzählen und dar über, was der Sport auch für das Zusammenleben bedeutet. Sie gibt Tipps, wie Skateparks zugänglicher für Rollstuhlfahrer gemacht werden können. Arbeitet mit einem Produzenten an Rollstühlen, die für das Fahren auf der Rampe besser geeignet sind.

Als sie mit dem Sport begann, war sie die einzige WCMX-Fahrerin in Großbritannien – heute umfasst die Community ungefähr fünfzig Leute.

Rice möchte auch durchsetzen, dass WCMX eine Disziplin bei den Paralympischen Spielen wird. 2021 in Tokio waren Skateboarden und BMX erstmals Teil der Olympischen Spiele. Es wäre also nur logisch, eine ähnliche Disziplin bei den Paralympics einzuführen. Laut Rice ist es eventuell schon in Paris 2024 so weit; spätestens aber 2028 in Los Angeles – der Stadt, in der das Skateboarden seinen Anfang genommen hat. Das genaue Regulativ muss noch festgelegt werden, aber es ist gut möglich, dass wir Athletinnen wie Rice und Ashwell-Lewis schon bald bei den Paralympics sehen.

Lily Rice trainiert hart: Sie verbringt Stunden im Skatepark, fährt an freien Tagen zu besonderen Skate-Spots in ganz England, fliegt für Wettbewerbe nach Amerika. Aber es ist nicht die Sehnsucht nach Erfolg oder Anerkennung, die Rice antreibt. Sie liebt den Sport einfach von ganzem Herzen. „Er tut mir gut – nicht nur körperlich. Mir hat es mental sehr geholfen, zu sehen, wozu ich imstande bin“, sagt sie. „Ich weiß gar nicht, wo ich ohne WCMX wäre.“

Lily Rice springt eine Stunde lang für The Red Bulletin in eine mit Schaumstoff gefüllte Grube und macht dabei Rückwärtssalti, wieder und wieder, unermüdlich, bis das Foto endlich perfekt passt.

Als sie danach die Knieschoner abnimmt, sagt sie: „Hier fühle ich mich ganz frei. Im Skatepark sagt dir niemand, was du tun musst oder wie du sein sollst. Ich kann meine Gefühle mit meinen Bewegungen ausdrücken. Die anderen Skater motivieren mich, mein Bestes zu geben und dabei ich selbst zu sein.

Hier gehöre ich her.“

Instagram: @lilyrice_wcmx