Lesezeit ca. 13 Min.
arrow_back

LORDE DAVID BYRNE


Logo von Rolling Stone
Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 23.12.2021

ES DAUERT NUR WENIGE minuten, bis der popstar (24) und der avantgardist (69) auf einer Wellenlänge liegen. Es ist ein windiger Sonntagnachmittag, als sich Lorde und David Byrne auf dem Dach eines Fotostudios in Greenpoint/Brooklyn erstmals begegnen. Beide sind in modischem Schwarz gekleidet, er in einem Hermès-Rollkragenpulli, sie in einem legeren Anzug von Saint Laurent. Beide stehen zunächst steif und stumm nebeneinander, bis Byrne beginnt, sich im Rhythmus der Reggae-Nummer zu bewegen, die nebenan aus einem Ghettoblaster rumst. Wie auf Knopfdruck werfen sie die angeborene Reserviertheit über Bord, lachen entspannt, werfen sich spielerisch in Pose und tun fast so, als wäre ihnen das Schaulaufen in Fleisch und Blut übergegangen.

„Ein Traum wird Wirklichkeit!“, flüstert sie mir zu, als wir wieder zum Studio hinunter gehen, wo das Interview stattfinden soll. Lorde hat ein Handy in der Hand, auf dem ...

Artikelbild für den Artikel "LORDE DAVID BYRNE" aus der Ausgabe 1/2022 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 1/2022

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Rolling Stone. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Alle Jahre wieder. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Alle Jahre wieder
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Beweglich. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Beweglich
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Missys Mädchen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Missys Mädchen
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Rekorde zum Jahresende. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rekorde zum Jahresende
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
MADONNA MALUMA
Vorheriger Artikel
MADONNA MALUMA
BILL CALLAHAN WILL OLDHAM
Nächster Artikel
BILL CALLAHAN WILL OLDHAM
Mehr Lesetipps

... sie sich die Fragen notiert hat, die sie ihrem musikalischen Vorbild stellen will. Die radikale Indie-Attitüde, die schon „Royals“, ihren Übernachterfolg von 2013, auszeichnete, hat sie sich jedenfalls bis heute bewahrt. Für „Solar Power“, ihr jüngstes Album, nahm sie sich vier Jahre Zeit, um wieder den Einklang mit „der Macht der Natur“ zu finden. Sie nutzte die Funkstille sogar für einen Trip in die Antarktis, ist nun aber Feuer und Flamme, endlich das Idol ihrer Jugend kennenzulernen.

LORDE: Dann findest du also einen Weg, dich aus dieser emotionalen Isolation zu befreien?

BYRNE: Ja. Wie du vielleicht gerade beobachten konntest, spreche ich heute mit allen möglichen Menschen. Es gibt sogar ein paar Freunde, die sagen: „Du brauchst nicht mit all diesen Menschen zu sprechen. Die Leute kennen dich doch gar nicht!“

LORDE: Nein, ich empfinde es als positiv, auch wildfremden Menschen die Hand zu schütteln.

BYRNE: Ich schätze sogar die Gespräche, die man mit jemandem wie, sagen wir, der Kassiererin im Supermarkt führt. Wenn man etwas Witziges sagt, das sie zum Lachen bringt, hat man an diesem Tag schon was Positives getan. Aber davon abgesehen: Gewisse Aspekte der Introvertiertheit sind sicher noch immer vorhanden. Ich habe keine Probleme, mit mir allein zu sein. Ich führe manchmal sogar Gespräche mit mir selbst. Und das sind keine abgehobenen Themen, die dabei zur Sprache kommen, sondern ganz banale Dinge.

LORDE: Sprichst du dann auch laut mit dir selbst?

BYRNE: Manchmal. Ich arbeite nun mal gern allein, egal ob an einem Song oder irgendwas anderem. Ich erinnere mich, dass ich, noch vor Covid, gern allein in ein Restaurant ging und mich mit der Zeitung an den Tresen setzte.

LORDE: Das mache ich auch. Ich habe den Eindruck, dass das Personal dann besonders zuvorkommend ist. Sie mögen Menschen, die allein essen gehen. Die machen weniger Probleme als Gäste, die in Gruppen kommen.

BYRNE: Gut möglich.

LORDE: Hier ist eine Frage, die ich aus ganz privater Neugier stelle: Ich habe zum ersten Mal mit deiner Musik Bekanntschaft gemacht, weil mir meine Mutter den Tipp gab. Ich hatte wohl gerade was gehört, das mir gar nicht gefiel, woraufhin sie sagte: „Ich spiele dir jetzt mal richtige Musik vor.“ Und sie zeigte mir eine Performance, in der du „Take Me To The River“ singst. Ich hatte so was noch nie in meinem Leben gehört. Ich schaute mir das Video immer und immer wieder an und bemerkte dabei etwas, das diese etwas peinliche Frage auslöste – für die ich mich noch mal entschuldige: Es sieht so aus, als würdest du die ganze Zeit nicht ein einziges Mal blinzeln! War das Theater? War das Show?

BYRNE: Es liegt jedenfalls nicht in der Natur des Menschen, nie zu blinzeln. Ich vermute, dass ich in diesem Moment panische Angst hatte. Und all meine Bewegungen waren hochgradig zappelig. Was aber völlig okay ist. Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müsste. So bewege ich mich nun mal.

LORDE: Ich war jedenfalls tief beeindruckt. Wenn das eine bewusste schauspielerische Leistung war, kann ich nur meinen Hut ziehen. Absolut cool!

BYRNE: Es ist schon Ewigkeiten her, seit ich deine Musik zum ersten Mal gehört habe. Ich war überrascht, wie minimalistisch sie war. Was die Gesangsharmonien angeht, ist sie durchaus komplex, ansonsten aber radikal reduziert. Ein paar Beats, Keyboards – gerade genug, um das zu transportieren, was du transportieren wolltest. Ich erinnere mich noch, dass ich völlig perplex war und dachte: Hey, davon kannst du dir noch eine Scheibe abschneiden!

LORDE: Danke für das Kompliment! Ich glaube allerdings, dass die Zeit des Minimalismus vorbei ist, seit ich mehr vom Produzieren verstehe.

BYRNE: Gab es anfangs denn kritische Stimmen wie: „Du solltest dieses oder jenes zusätzliche Element noch in die Produktion einarbeiten“?

LORDE: Lustig, dass du mich danach fragst! Als ich „Royals“ kostenlos auf meinem SoundCloud-Account veröffentlicht habe, hörte ich sofort von einem amerikanischen Label: „Für die endgültige Version wirst du sicher noch einige Ebenen drüberlegen wollen, oder?“ – „Nein“, sagte ich, „das ist die endgültige Version.“

BYRNE: Du hattest also von vornherein das Gefühl, dass das genau die Form war, nach der der Inhalt des Songs verlangt?

LORDE: Absolut. Ich habe immer diesen Gedankengang von Ira Glass geschätzt: Man hat Geschmack, aber nicht die Erfahrung, seine Ideen adäquat umzusetzen. Man macht Sachen, von denen man weiß, dass sie nicht optimal sind, ist sich aber sicher, dass einen der eigene gute Geschmack eines Tages ans Ziel bringen wird. Ich bin eine misera ble Musikerin und spiele kein Instrument, aber ich habe immer meine Ohren gehabt.

„ICH LENKE MICH VOR KONZER- TEN MIT PUZZLES AB. WAS ABER AUCH NACHTEILE HAT, WEIL ICH NOCH AN DAS FEHLENDE PUZZLETEIL DENKE, WÄHREND ICH DEN ERSTEN SONG SINGE“

LORDE

BYRNE: Ich habe eine Frage für dich: Ich bin immer neidisch auf Songschreiber, die es schaffen, etwas Konkretes in einen Song zu packen. In „Cali fornia“ von deinem neuen Album erwähnst du den Laurel Canyon Country Store. Ich habe Mitte der Achtziger dort gelebt und konnte mich gleich plastisch daran erinnern. Alle kauften dort ihre Lebensmittel. Und Pizza.

LORDE: Gute Pizza!

BYRNE: Der Song erweckte jedenfalls die Atmo sphäre des Ladens für mich sofort wieder zum Leben. Ich habe Ähnliches versucht, aber bald festgestellt, dass ich dazu kein Talent habe. Das, worüber ich schreibe, hat automatisch einen verallgemeinernden Charakter.

LORDE: Ja, das trifft auf deine Songs wohl tatsächlich zu. Ich verwende gern konkrete Anspielungen, weil sie mir eine Art Landkarte meiner bisherigen Arbeit liefern. Ich kann darin Elemente einfügen, die nur für mich eine Bedeutung haben. Das ist fast so was wie ein Tagebuch.

BYRNE: Was besagten Song über den Laurel Canyon betrifft: Es klingt fast so, als hättest du dich von dort für immer verabschiedet.

LORDE: Ja, ich fühlte mich dort einfach nicht wohl. Das war meine erste Station in Amerika. Das war wie ein Strudel, in den ich hineingezogen wurde.

BYRNE: Ich kenne solche Situationen. Aber es gab in Los Angeles auch Phasen, in denen ich angenehm überrascht war. Man steht morgens auf, die Sonne strahlt, man geht raus, trinkt seinen Kaffee und denkt: Hey, hier lässt es sich leben!

LORDE: Zeit für ein Geständnis: Ich habe „American Utopia“ (Byrnes Rockmusical, das von Spike Lee verfilmt wurde, zurzeit aber auch am Broadway läuft) noch nicht gesehen, weil ich es unbedingt auf der Bühne erleben will. Aber ich weiß, dass du Songs von verschiedenen, unterschiedlichen Alben verwendest und dass diese Vorgehensweise offensichtlich hervorragend funktioniert. War es einfach, diese Auswahl zu treffen?

BYRNE: Das war jedenfalls kein Problem. Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass man für sein Publikum immer ein paar Hits in der Show haben sollte.

LORDE: Hattest du sie in der Vergangenheit denn überhaupt nicht mehr gespielt?

BYRNE: Nur auf einer Tournee. Ich hatte gerade begonnen, mit einer vielköpfigen Latin-Band aufzutreten. Ich baute eine Handvoll älterer Hits ein, musste aber schnell feststellen, dass das musikalisch nicht passte. Was zur Folge hatte, dass das Repertoire zu achtzig Prozent aus Material bestand, das die Zuhörer noch nie gehört hatten. Das ist ein Aspekt des Musikgeschäfts, den ich nie verstehen werde. Von einem Film erwartet man ja auch nicht, dass er eine alte Szene noch mal wiederholt. „Deinen letzten Film haben wir wirklich gemocht. Kannst du nicht wenigstens diese eine Szene auch in den neuen einbauen?“

LORDE: Stimmt. Das ist eine lustige Perspektive auf dieses Phänomen.

BYRNE: Aber es stimmt natürlich auch, dass Musik nach anderen Gesetzen funktioniert. Man kann eine Nummer ständig reproduzieren und gerade dadurch die Zuhörer begeistern.

LORDE: Ich habe eine Frage, die das Verhältnis von Eindeutigkeit und Rätselhaftigkeit in deiner Arbeit betrifft. Als Teenager hatte ich viele Freunde, die später auf die Kunsthochschule gingen. Sie hatten einen avantgardistischen Geschmack und wollten mich von ihren kreativen Favoriten überzeugen. Aber wenn ich mir vertrackte polyphonische Werke anhörte, konnte ich mich ihren Superlativen beim besten Willen nicht anschließen. Ich verstand später, dass das nicht unbedingt mein persönliches Manko war – anderen ging es genauso. Ich bemühte mich wirklich, es zu verstehen, bekam aber nur einen Krampf im Kopf. Wenn ich dagegen deine Musik höre, ist da eine geheimnisvolle Sphäre, die ich schätze, aber gleichzeitig auch die kreative Klarheit, die ich brauche. Hast du persönlich eine größere Affinität zu der einen oder anderen Seite?

BYRNE: Was die Lyrics angeht, tendiere ich wohl unbewusst immer zu der vieldeutigen, abstrakteren Alternative. Mir wurde auch klar, wie sehr ich einen Song schätze, der nur aus Fragen besteht – obwohl ich selbst nur selten einen geschrieben habe.

LORDE: Ich liebe Songs, bei denen eine Frage im Mittelpunkt steht.

BYRNE: Ich las neulich etwas, das sinngemäß diese Fragen stellte: Ist das wirklich mein wahres Ich oder alles nur Maskerade? Und wenn ich dir etwas vorspiele, bedeutet das automatisch, dass du mir auch etwas vorspielst? Und was passiert, wenn ich in deine Rolle schlüpfe und du in meine? Es waren einfach nur Fragen, die aneinandergereiht waren, ohne eine konkrete Botschaft zu haben.

LORDE: Cool! Du hast aber gleichzeitig auch ein Talent für das, was ich eine Pop-Melodie nenne. Hast du immer einen Hang zu diesen Melodien gehabt, oder ist das etwas, das du dir als Songschreiber erst erarbeiten musstest?

BYRNE: Nein, die habe ich immer gemocht. Ich habe keine Angst vor einer Pop-Melodie oder einem spontan zündenden Ohrwurm. Ich glaube aber, dass ich das in meinen frühen Jahren nicht konnte …

LORDE: Doch, das konntest du.

BYRNE: Na ja … Danke für das Kompliment! Wenn ich aber frühe Sachen von mir höre, klinge ich manchmal schon etwas gequält, als würde ich verzweifelt versuchen, meine Botschaft rüberzubringen. Ich erinnere mich auch noch, dass ich mir, wie viele Pop-Aspiranten, diese Songbooks erfolgreicher Künstler gekauft habe, um ihre Songs zu lernen. Das konnten durchaus auch Sachen sein, die mich inhaltlich nicht interessierten, aber ich dachte: Schauen wir doch mal, wie dieser Song funktioniert, lern doch einfach die Gitarrenakkorde und sing dazu – nur für dich. Und so lernte ich dann Sachen wie: Das ist ja interessant. Wenn ich diese Akkordprogression benutze, stellt sich automatisch dieses emotionale Hochgefühl ein. Den Trick sollte ich mir merken!

LORDE: Das ist eben der andere Teil deiner Persönlichkeit, der Teil, der zu seinem Zuhörer Willkommen sagt.

BYRNE: Ja, ich habe gelernt, dass eine hübsche Melodie keine Todsünde ist. Man kann etwas Substanzielles, ja sogar Radikales transportieren, indem man es in einen Ohrwurm verpackt, der den Hörer dann aber mit Ideen konfrontiert, die sein Denken grundlegend verändern können.

LORDE: Dann gab es also eine Zeit, als du um hübsche Melodien einen großen Bogen gemacht hast?

BYRNE: Ja, es gab eine Zeit, als es gar nicht schräg genug sein konnte. Ich hatte wohl Angst, dass eine hübsche Melodie zwangsläufig Oberflächlichkeit signalisiert. Sie ist so unpersönlich wie eine Grußkarte. Man kann so einfach nichts Substanzielles vermitteln. Doch dann hörte ich andere Songschreiber, deren Lieder tiefschürfende Gedanken transportierten, aber trotzdem sehr süffig waren. Und ich dachte: Okay, das funktioniert.

LORDE: Wobei Schönheit schon immer eine Eigenschaft war, die ich mit deiner Musik assoziiere.

BYRNE: Danke schön! In „The Man With The Axe“ erwähnst du einmal „hundreds of gowns“. Was hat es damit auf sich?

LORDE: Ich bin eines von vier Kindern und habe viele Sachen von meiner älteren Schwester aufgetragen. Ich hatte wenige eigene Sachen und auch wenig Taschengeld. Als ich 16 wurde, bekam ich eine Kreditkarte und – hallo! Die nächste Zeile lautet übrigens: „I have a throat that fills with panic every festival day.“ Mein Lampenfieber ist wirklich schlimm.

BYRNE: Was machst du dagegen?

LORDE: Ich habe keine überzeugende Antwort dar auf. Das ist ein echtes Problem, das ich noch immer in den Griff zu bekommen versuche. Manchmal schreibe ich mir irgendwelche Gedanken auf und klebe die Zettel an verschiedene Stellen der Bühne. Ich kann dann beim Auftritt zu der jeweiligen Stelle gehen und etwas lesen, das die Lorde der Vergangenheit an die Lorde der Zukunft geschrieben hat. Aber keine Frage, es ist ein innerer Kampf.

BYRNE: In jüngeren Jahren war ich extrem unsicher, wenn ich in der Öffentlichkeit auftreten musste. Ich habe mich regelrecht zwingen müssen, auf die Bühne zu gehen, habe irgendeinen Blödsinn erzählt oder eine verrückte Performance abgeliefert – um mich dann gleich wieder in meine Blase zurückzuziehen.

LORDE: Und heute?

BYRNE: Es gibt noch immer einen Rest davon, aber nicht mehr mit der gleichen Intensität.

LORDE: Dann geht dir also nie ein Gedanke durch den Kopf wie: Vielleicht könnte ich ja durch diese Tür da abhauen, auf die Straße laufen und dann komplett untertauchen? Dieses Gefühl überfällt mich nämlich von Zeit zu Zeit. Oder: Vielleicht könnte der Wagen mich ja vier Stunden lang um den Block fahren, bis ich die Show verpasst habe.

BYRNE: Nein, da kann ich nicht mithalten.

LORDE: Ich bin mir nicht sicher, ob es mit meinem Lampenfieber durch die Pandemie besser oder schlimmer geworden ist. Weil ich nicht touren konnte, steht der große Test noch aus. Ich denke aber, dass mein neues Album etwas ruhiger und entspannter ausgefallen ist – was dann vielleicht insgesamt eine heilsame Wirkung hat. Vielleicht hilft mir die Musik ja, besser mit der Panik umzugehen. Hast du irgendwelche Tricks oder Rituale, um vor einer Show das Lampenfieber zu bekämpfen?

BYRNE: So was wie ein Ritual habe ich nicht. Ich versuche mich mit banalen Beschäftigungen abzulenken. Ich mache mir einen Ingwertee, schäle die Wurzel, schneide sie in dünne Scheiben, werfe sie in die Thermoskanne, schütte kochendes Wasser darüber, gebe vielleicht etwas Zitronensaft dazu … Das nimmt mich fünfzehn, zwanzig Minuten in Anspruch. Hauptsache, es lenkt mich von dem Gedanken ab, dass ich gleich auf die Bühne gehen muss.

LORDE: Das gefällt mir. Ich lenke mich auf Tour gern mit Puzzles ab, oft bis zur allerletzten Sekunde. Was aber auch seine Nachteile hat, weil ich noch an das fehlende Puzzleteil denke, während ich schon den ersten Song singe.

BYRNE: Seit dem Ausbruch der Pandemie habe ich mich verstärkt mit Malen beschäftigt – was vielleicht auch so was wie eine Therapie ist. Malen und Kochen.

LORDE: Danach wollte ich dich schon fragen. Stimmt es wirklich, dass du ein echter Foodie geworden bist?

BYRNE: Ich bin ein begeisterter Koch. Kochen wird als kreative Kunstform definitiv unterschätzt!

LORDE: Volle Zustimmung!

BYRNE: Wenn man angefangen hat, nach Rezepten zu kochen, kommt irgendwann der Punkt, an dem man anfängt zu improvisieren. Man lernt zum Beispiel, eine saure Zutat durch eine andere saure Zutat zu ersetzen, was dem Gericht eine neue Note gibt. In gewisser Weise ist das beim Musikmachen ja ganz ähnlich, fällt mir auf. Man weiß, dass noch irgendwas fehlt – aber was genau könnte das sein? Und beim Kochen fragt man dann etwa seine Freunde: Was haltet ihr denn davon? Wobei solche Fälle in der Pandemie allerdings eher seltener waren. Ich bin auf einer Menge Reste sitzen geblieben, die ich alle einfrieren musste.

LORDE: Ich koche auch eine Menge, aber nicht nach Rezepten. Ich koche, was mir gerade in den Sinn kommt. Ich habe mir allerdings eine Menge eigene Gewürze gemacht.

„IN JÜNGEREN JAHREN WAR ICH EXTREM UNSICHER, WENN ICH IN DER ÖFFENTLICHKEIT AUFTRETEN MUSSTE. ICH HABE MICH ZWINGEN MÜSSEN, AUF DIE BÜHNE ZU GEHEN“

DAVID BYRNE

BYRNE: So was wie Chutney?

LORDE: Chutney, Konfitüren, verschiedene pikante und herzhafte Saucen.

BYRNE: Damit kann man Freunden immer eine Freude machen.

LORDE: Was mich zu einer anderen Art Frage führt, die möglicherweise schwer zu beantworten ist: Hast du im Laufe deines Lebens etwas gelernt, das du anderen Leuten vermitteln kannst? Ein kleines Bröckchen Weisheit?

BYRNE: Das ist eine schwierige Frage.

LORDE: Auf die es vielleicht keine Antwort gibt.

BYRNE: Manchmal verspüre ich tatsächlich den Impuls, dass ich die Einblicke, die ich in meinem Leben gewonnen habe, an andere weitergeben sollte. Aber dann frage ich mich unweigerlich: Wer bin ich eigentlich, mir anzumaßen, anderen Leuten Vorschriften zu machen? Und dann lasse ich es meist lieber bleiben. Warum sollte ich mehr wissen als meine Mitmenschen? Ist es nicht besser, dass sie die Erfahrung selbst machen? Dass sie sich mit ihren eigenen Augen überzeugen, statt sich von mir irgendwas erzählen zu lassen?

LORDE: Ich hätte noch eine weitere Frage, die mich persönlich interessiert: In meinen Augen bist du ein Künstler, der das gesamte kulturelle und gesellschaftliche Umfeld reflektiert wie kaum ein anderer. Ist das eine Position, in der du dich wohlfühlst, oder empfindest du das eher als Verpflichtung?

BYRNE: In den sozialen Medien bin ich jedenfalls nicht vertreten. Ich habe ein kleines Büro, das Anweisung hat, Fotos von mir zu posten, aber nicht mehr. Und ich verfolge dann auch nicht, was danach passiert.

LORDE: Ich auch nicht.

BYRNE: Als das Social-Media-Phänomen noch in den Kinderschuhen steckte, dachte ich: Ich habe alle Hände voll zu tun, warum sollte ich meine Zeit für etwas vergeuden, das sich nur um die Reaktionen auf meine Arbeit dreht? Wie hältst du es damit? Verlässt du dich ausschließlich auf das Feedback, das du von Freunden bekommst?

LORDE: Ich erfahre noch viel über neue Entwicklungen in traditionellen Zeitungen, wenn auch online auf meinem Handy, jedenfalls mehr als auf Twitter oder ähnlichen Diensten. Ich bekomme aber vieles schon gar nicht mehr mit. Als Teenager war ich noch über jedes kleine Subgenre informiert, das in der Musik passierte. Mich bewusst davon zu verabschieden ist mir nicht leichtgefallen.

BYRNE: Ich habe festgestellt, dass ich von gewissen Dingen, zum Beispiel einer Protestdemo in der Nachbarschaft, nichts erfahren würde, wenn ich nicht von einem Freund informiert würde. Und wenn ich dann meinen Freund frage, woher er die Info hat, heißt es: Social Media. Das ist wirklich ein Informationssegment, das an mir vorübergeht.

LORDE: Ja, mir geht es genauso. Es ist ein vertrackter Balanceakt.

BYRNE: Wenn ich morgens aufwache, meine Grapefruit esse und Kaffee trinke, lese ich mindestens zwei Zeitungen online. In diesem Zeitraum, in dieser Stunde, bin ich noch immer ein echter News-Junkie.

LORDE: Grapefruit-Essen ist cool. Hast du auch so ein spitzes Grapefruitlöffelchen?

BYRNE: Jetzt wird’s aber wirklich intim! Nein, ich löse die Schale einfach mit den Fingern und teile dann die Grapefruit in zwei Teile.

LORDE: Wow, David, das ist ja sensationell! Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Grapefruit mit den Händen geschält!

BYRNE: Das ist ganz einfach.

LORDE: Leute! Vergesst nie, dass ihr diese Enthüllungen hier zum ersten Mal gelesen habt!