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LOSLASSEN als SCHLÜSSEL zu FEINEN HILFEN


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 35/2019 vom 07.06.2019
Artikelbild für den Artikel "LOSLASSEN als SCHLÜSSEL zu FEINEN HILFEN" aus der Ausgabe 35/2019 von Feine Hilfen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Agnes Trosse führt ihre Stute Rapunzel im Spanischen Schritt einhändig an der Hand.


(Foto: Sabrina Koston)

Die Idee für das Thema dieses Heftes kam mir beim Unterrichten. Bei der klassischen Arbeit an der Hand kann sich der Schüler stärker auf die Einwirkung über die Zügel und die Wirkung seines Körpers im Raum konzentrieren. Häufig ist der Zügelkontakt hier zu fest.

Bei vorsichtigen Kandidaten ist er oft gar nicht vorhanden. Reitern, die ihr Pferd mit relativ starkem Zügeldruck lenken, fehlt oft das Vorwärts, da sich das Pferd durch die Zügel konstant gebremst fühlt. Bei der zweiten Gruppe herrscht ...

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... aufseiten des Pferdes Orientierungslosigkeit. Es kann nur erahnen, was der Reiter möchte. Das gilt vor allem bei Anfängern, die noch nicht gelernt haben, wie viel Einfluss ihr Körper auf das Pferd hat. Das Loslassen kann aber genau dieses so wichtige Körpergefühl des Reiters schulen.

Verschiedene Aspekte

Tatsächlich zieht sich das Thema „Loslassen“ für meine Begriffe durch alle Ebenen des Kontakts mit dem Pferd. Das fängt schon beim Führen des Pferdes an. Ein Pferd, das ich beim Führen festhalte, wird mir nicht folgen, sondern im Gegenteil sich befreien wollen und Gegendruck aufbauen. Das geht uns Menschen nicht anders. Fühlen wir uns eingeengt oder bedrängt, versuchen wir uns zu befreien. Druck erzeugt Gegendruck. Ziel muss es also sein, mit dem Pferd zu kommunizieren und Strick, Halfter, Kappzaum, Longe, Gerte oder was auch immer wir gerade nutzen, lediglich als Hilfsmittel zu sehen, das, sollte unsere Körpersprache Unterstützung benötigen, eingesetzt werden kann. Dem Reiter muss klar sein, dass sein Körper in jedem Moment mit dem Pferd kommuniziert und dass wir als Menschen lernen müssen, diese Kommunikation bewusst zu steuern, um die Antwort vom Pferd zu bekommen, die wir uns wünschen. Aber auch, um dem Pferd keine widersprüchlichen oder unsinnigen Informationen zu geben oder es abzustumpfen durch eine körpersprachliche Dauerbeschallung. Am Boden haben wir also schon reichlich zu tun mit unserem Körper im Raum. Kommen dann beispielsweise in der Handarbeit noch die Zügel hinzu wird es noch komplizierter. Mir persönlich ist es deshalb sehr wichtig, dass meine Schüler für die klassische Arbeit an der Hand zunächst eine Grundposition am Pferd erlernen, die zugegebenermaßen anfangs für viele anstrengend umzusetzen ist. Beherrschen sie diese Grundposition und die damit verbundene Zügel- und Gertenführung aber in Schritt und Trab, können sie anfangen, wie immer sicherer werdenende Tänzer, ihre Position zum Pferd zu verändern, der Situation anzupassen oder auch der Lektion, die sie erarbeiten möchten. Geht ein Pferd in der Handarbeit gegen den Zügel oder verwirft sich, sind dies meist Zeichen dafür, dass die Zügelfüh rung nicht korrekt und das bedeutet meist zu stark ist. Interessanterweise ist das Annehmen des Zügels bei vielen feinen Pferden nicht der Moment, auf den sie reagieren, sondern eher das Nachgeben. Und auch ansonsten kann man den Grundsatz „Hands off“ anwenden. Schnell sind wir verleitet, das Pferd an der Schulter oder am Hals in eine Position zu drücken. Wirklich weit kommt man damit allerdings nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Geben wir dem Pferd Raum, wird es plötzlich ganz leicht, es zu führen.

Rehatraining: Auf diesem Bild sitze ich leicht entlastend und nutze einen Springsattel. Rapunzel kann sich mit hier noch sehr offenem Genick gut ausbalancieren.


(Foto: Sabrina Koston)

Sitzschulung

Auch für einen korrekten Reitersitz ist das Loslassen essenziell. Loslassen im Sinne von „Zügel loslassen“, aber damit verbunden auch das Loslassen im Sinne von innerlicher Entspannung. Diese muss sowohl beim Reiter als auch beim Pferd oberstes Ziel sein. Als Menschen neigen wir dazu, alles mit den Händen begreifen zu wollen. Wer genau hinspürt merkt, dass Pferde uns zeigen, wie sehr uns unsere Hände oftmals in der Kommunikation mit dem Pferd im Weg stehen. Ein gutes Beispiel ist für mich das Thema Sitzschulung. In dem Moment, in dem ich Reiter bitte, die Zügel lang zu lassen und sich nur auf Sitz und Gleichgewicht zu konzentrieren, kann auch das Pferd sich entspannen und auch eine positive Körperspannung entwickeln, die für das Tragen des Reitergewichtes nötig ist. Häufig reichen einige wenige Bilder im Kopf des Reiters, um seinen Sitz so ins Lot zu bringen, dass das Pferd sich zufrieden selbst zu tragen bereit ist. In anderen Fällen helfen Hilfsmittel oder bestimmte Übungen dem Reiter die richtige Körperspannung oder das richtige Gefühl für die Bewegung zu enwickeln. Veränderungen im Sitz können in kürzester Zeit aus dem verspannten Reittier mit weggedrücktem Rücken ein losgelassenes Reitpferd mit locker pendelndem Schweif und zufriedener Kopfhaltung machen.

Überstreichen

Das Überstreichen kann ebenfalls Aha-Momente für den Reiter bereithalten. Diese Übung sorgt dafür, dass er sich nicht mehr so leicht am Zügel festhalten oder die Hände verkrampfen kann, denn er muss sie aktiv nach vorne strecken und dabei das Gleichgewicht halten. Schnell zeigt sich so, wie gut es um die Balance des Reiters wirklich bestellt ist. Aber auch ob das Pferd sich aufgrund eines Sitzfehlers oder einer zu festen Zügelführung festhält, kann man auf diese Weise leichter erkennen.

Mit einer Hand

Ähnliches gilt für das Reiten mit nur einer Hand. Es kann insbesondere zum Einsatz kommen, wenn dem Schüler das Verständnis für die diagonalen Hilfen noch fehlt oder wenn er zu stark auf den inneren Zügel fokussiert ist. Letzterer Fehler kann dazu führen, dass sich das Pferd verwirft oder den Kopf nach außen dreht. Der Kontakt am äußeren Zügel fehlt dann. Der Reiter weiß aber nicht, wie er dieses Problem lösen kann. Lasse ich den Schüler dann die Zügel nur in die äußere Hand nehmen, muss er das Pferd über die Gewichts- und Schenkelhilfen reiten. Der Druck, der am inneren Zügel das Pferd dazu verleitet hat Gegendruck aufzubauen, ist nicht mehr da. Jetzt kann der Reiter erspüren, dass Stellung und Biegung nicht über die Zügel erritten werden und wie wichtig es ist, immer zu überprüfen, ob nicht das eigene Empfinden für den Zügeldruck fehlerhaft ist und das Pferd in der Bewegung behindert.

Die Bewegung zulassen

Die Bewegung des Pferdes behindern kann auch der Wille des Reiters, das Pferd mit seinen Kreuz- und Schenkelhilfen zu beeinflussen. Falsch verstandener Körpereinsatz ist dann das Problem. Um die Bewegung des Pferdes wirklich spüren und zulassen zu können, muss der Reiter in das Pferd hineinhorchen und auch mal bereit sein, nichts zu tun, außer sich darum zu bemühen, das Pferd nicht zu stören. Das ist oft schwieriger gesagt als getan. Wir bewegen uns auch auf dem Pferd häufig unbewusst, versuchen beispielsweise das Pferd vorwärtszuschieben. Es kann sehr schwer sein, diese Bewegungsmuster zu verlassen.

Fazit

Loslassen lernen ist der Schlüssel zu feiner Hilfengebung, zu einem zufriedenen Pferd und zur Entdeckung eines Gefühls für die Bewegungen des Pferdes. Loslassen lernen müssen wir beim Reiten und im Umgang mit dem Pferd auf vielen Ebenen. Es lohnt sich!

AGNES TROSSE

… lebt im Westen von Köln und reitet seit ihrem fünften Lebensjahr. Sie ist vom Bundesverband für klassisch barocke Reiterei (BfkbR) und von der FN lizenzierte Trainerin C klassisch-barocke Reiterei und bildet sich aktuell zum Rider Ability Coach nach Elaine Butler fort. Außerdem arbeitet Agnes Trosse als Journalistin, Lektorin und Fachbuchautorin. Seit 2018 ist sie Chefredakteurin der FEINEN HILFEN. Sie gibt mobilen Unterricht in klassischer Reitkunst und bietet deutschlandweit Seminare an.

Weitere Infos:
www.motivierte-pferde.de