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LOSLASSEN IST DIE BASIS: LOSLASSEN SCHAFFT FREIHEIT


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 35/2019 vom 07.06.2019

In der täglichen Arbeit von Jenny Wild und Peer Claaßen ist der Wunsch nach mehr Freiheit mit dem Pferd ein großes Thema. Die wenigsten Pferdebesitzer können sich jedoch vorstellen, dass der Schlüssel zu echter Freiheit nicht das Loslassen des Seils ist, sondern unsere innere Einstellung. Damit Freiheit in Harmonie möglich wird, erklären Jenny und Peer, wie diese innere Einstellung sein sollte.


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Aus freien Stücken gemeinsam unterwegs sein fühlt sich so viel besser an als erzwungener Gehorsam.


(Foto: Jasmin Bojé)

Lass doch mal los – ein einfacher Satz, der allerdings für Reiter im wahren Leben sehr schwierig ...

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... in die Tat umzusetzen ist. Den wenigsten fällt es leicht, wirklich einmal loszulassen und zwar ganz gleich in welcher Situation oder unter welchen Lebensumständen das gerade nötig sein sollte. Unvorstellbar ist es für uns, loszulassen, wenn wir am Abgrund hängen, etwa wenn wir Sorge haben, dass der Partner uns hintergehen oder verlassen könnte, wenn unsere Gedanken mal wieder verrückt spielen oder wenn unser Pferdchen beginnt nervös zu werden. Selbst in einer entspannten, sicheren Situation kann sich kaum ein Reiter vorstellen, sein Pferd einfach loszulassen. Es erscheint uns doch immer sinnvoller, die Kontrolle zu behalten und die Situation genauestens im Blick zu haben. Denn das Problem mit dem Loslassen hat seine Wurzeln in elementaren Ängsten, wie Verlustangst und ganz besonders der Angst, Kontrolle zu verlieren. Dieses Problem ist heute weitestgehend bekannt und beschränkt sich nicht auf die Reiterwelt. Ängste sind in unserer Gesellschaft und in unserem tagtäglichen Alltag allgemein ein zentrales Thema und werden deswegen auch immer häufig in den Medien und in Ratgebern thematisiert. Warum auch nicht? Die schon buddhistisch anmutende Idee vom Loslassen nimmt in der Arbeit an der Angst einen großen Stellenwert ein. Loslassen umfasst nämlich nicht nur den physischen Teil, beim Reiten, also vor allem unsere Hände, sondern insbesondere auch unseren mentalen und emotionalen Bereich, wie in den eingangs erwähnten Beispielen schon deutlich wird. Um auch innerlich wirklich loslassen zu können, benötigt man Eigenschaften, die in so mancher Lebenssituation äußerst hilfreich sind, wie zum Beispiel innere Ruhe, positive Stärke, Vertrauen und ehrlichen Respekt anderen gegenüber. All diese Wesensmerkmale sind elementar wichtig für ein tiefes Miteinander und eine wahre Verbindung. An dieser Stelle zeigt sich, dass wir auf der Suche nach einem harmonischen Miteinander in einem Dilemma stecken. Es sind dafür zwei eigentlich gegensätzliche Handlungen nötig, die sich doch gegenseitig bedingen: Loslassen und Verbinden. Wie kann uns dieser Spagat mit und für unsere Pferde gelingen?

Wie schaffe ich es, wirklich loszulassen?

Sicherheit hat bei unserer Arbeit mit Pferden und Menschen immer höchste Priorität. So weiß jeder, der schon einmal an einem unserer Kurse teilgenommen oder unsere Bücher gelesen hat, dass wir stets mit dem Thema Sicherheit beginnen und es immer wieder in den Vordergrund stellen. Vielen Menschen erscheint es in diesem Zusammenhang zunächst paradox, dass wir von ihnen verlangen ihr Pferd eben nicht noch fester und kürzer zu halten, sondern stattdessen zu entspannen und loszulassen. Mit Loslassen meinen wir natürlich nicht, dass der Mensch sein Seil einfach fallen lassen soll. Vielmehr geht es um die Fähigkeit, weich zu werden und weiterhin flüssige Bewegungen auszuführen, selbst wenn man tatsächlich einmal festhalten muss. Dazu gehört zum Beispiel auch, Seil oder Zügel beim Führen möglichst lang zu lassen, damit das Pferd sich nicht eingeengt und gefangen fühlt. Für ein Fluchttier ist das eine der wichtigsten Aspekte für seine Sicherheit und wir müssen uns bewusst sein, dass wir, ob wir es wollen oder nicht, ständig großen Einfluss auf diesen und viele andere Aspekte des Pferdeempfindens haben. Das betrifft nicht nur das Seil oder die Zügel, sondern vor allem auch, wie wir mental „drauf sind“. Dem Pferd ist immer bewusst, mit welcher Art von Mensch es gerade zu tun hat. Es spielt dabei eine große Rolle, welche Energie der Mensch ausstrahlt und welche Intention hinter seinen Handlungen steckt. Menschen, die Pferde kurz und fest halten, versuchen so die Kontrolle über die Situation und über das Pferd zu bewahren. Das ist ganz natürlich, weil es für jeden Menschen selbstverständlich ist, Dinge festzuhalten, die er nicht verlieren möchte, die er kontrollieren oder beschützen will. Das Pferd nimmt dieses Festgehalten werden jedoch als Gefahr wahr, statt sich beschützt zu fühlen. Kein Wunder: Kontrolle möchte der Mensch im Grunde ja nur aus Angst, diese zu verlieren. Ein Mensch, der Angst hat, strahlt aber für das Pferd nicht mehr die Ruhe und Stärke aus, die es sich in einer ohnehin schon unsicheren Situation wünscht. Das Pferd ist von Natur aus ein wachsames Wesen, das als Flucht- und Beutetier ständig Gefahr laufen würde angegriffen und gefressen zu werden. Daher muss es immer auf der Hut sein. Die Fähigkeit, Gefahren wahrzunehmen und jederzeit zur Flucht bereit zu sein, sichert ihm das Überleben. Trifft ein unsicherer Mensch auf das unsichere, fluchtbereite Pferd und versucht er, das Pferd auf oben genannte Art zu kontrollieren, ist es oft reine Glückssache, dass das nicht in einer Katastrophe endet. Wir Menschen sind allerdings sehr einfallsreich und haben viele Hilfsmittel erfunden, mit deren Hilfe wir scheinbar die Kontrolle behalten. „Scheinbar“ deshalb, weil solche Hilfsmittel, das Pferd lediglich über Schmerzen oder Fixierung daran hindern zu flüchten. Derartiges Equipment hilft eigentlich nur effektiver festzuhalten. Die Krux daran: Gerade das Festhalten ist eine der Ursachen der Unsicherheit des Pferdes. Die Angst des Pferdes wird so nicht gemindert, sondern nur verstärkt. Eine weitaus sinnvollere Lösung wäre es, Hilfsmittel zu erfinden, die uns das Loslassen erleichtern, denn das würde dazu führen, dass sich Pferde langfristig viel sicherer fühlen.
Stattdessen sehen wir häufig, dass die aufgeregtesten Pferde, die auf unseren Kursen in die Halle geführt werden, am kürzesten gehalten werden. Die damit verbundenen negativen Emotionen sind fast greifbar und es ist häufig gar nicht zu erkennen, wer unsicherer ist, das Pferd oder der Mensch.
Wenn wir solche Pferde übernehmen, können wir, von ihnen in dieser Situation nur positiv wahrgenommen zu werden, wenn wir erstens in der Lage sind, unseren Raum freundlich, aber wenn nötig auch effektiv zu beanspruchen und wenn wir es zweitens schaffen, die Aufmerksamkeit des Pferdes und damit eine Verbindung zu ihm zu bekommen. Diese beiden Aspekte machen uns handlungsfähig. Gelingt es uns so, einen Zugang zu dem Pferd zu bekommen, können wir ruhiger, souveräner und auch konzentrierter und gleichzeitig entspannter auf Situationen reagieren. Unsere Energie ist dann ruhig, aber doch gleichzeitig stark, wodurch wir besser beobachten und auch gezielter reagieren können. Gelingen kann das nur, weil wir loslassen. Und natürlich spüren das auch die Pferde. Kleinliche Kontrollen und Überwachung werden ersetzt durch mehr Vertrauen und Entscheidungsfreiheit.

Sein Pferd tatsächlich (fast) vergessen zu können, ist eine Eigenschaft, die auf Pferde einen sehr attraktiven Effekt hat.


(Foto: Madith Pauwels)

Loslassen und verbinden

Nur wenn wir ein Tier oder einen Menschen wirklich loslassen, kann sich derjenige freiwillig entscheiden, mit uns zusammen zu sein und bei uns zu bleiben. Auf unseren Kursen hat es schon viele – vorwiegend weibliche – Teilnehmer zu Tränen gerührt, wenn wir deren Pferd frei gelassen haben und es sich nach einiger Zeit von selbst dazu entschieden hat, bei uns zu sein und uns zu folgen. Nicht nur bei der Verbindung zu Pferden kennt und fühlt jeder den großen Unterschied, ob jemand bei einem bleibt, weil er keine andere Wahl sieht, oder ob dies seine eigene Entscheidung aus freien Stücken ist, weil es einfach gut und richtig erscheint. Uns geht es vor allem darum, Menschen beizubringen, sich zu entspannen, innere Stärke zu entwickeln, ihr Pferd offen und ehrlich wahrzunehmen und ihm zu vertrauen. Sobald sich diese Qualitäten entwickeln, ist es ganz natürlich für das Pferd, die Nähe eines solchen Menschen zu suchen und ihm zu folgen. Natürlich kann kaum jemand diese Ruhe und Stärke permanent ausstrahlen, doch er kann diese Ausstrahlung trainieren und wird dann immer öfter darauf zurückgreifen können, wenn er mit Pferden zusammen ist. Merkt man erst einmal, welchen Unterschied diese Eigenschaften für die Pferde machen, steigt die Motivation, sie zu erlangen, enorm und es fühlt sich nach und nach immer natürlicher an. Vollkommen fremde Pferde schließen sich uns oft schneller an als ihren teilweise langjährigen Besitzern, weil wir diese Energie in unserer Arbeit mit den Pferden so häufig nutzen. Das ist für die Besitzer sicher im ersten Moment schmerzhaft, jedoch beweist es, dass jedes Pferd sich diese Energie bei seinem Menschen wünscht. Jeder kann diese Qualitäten entwickeln und eine tiefgreifende und echte Verbindung zu seinem Pferd aufbauen. Den Weg dahin zeigen wir gerne.

Vergiss dein Pferd

Die Aussage: „Vergiss dein Pferd!“ klingt für die meisten Menschen sicherlich sehr abwegig. Was soll dieser Satz bedeuten und vor allem, wie soll er uns in der Beziehung zu unserem Pferd weiter bringen? Für einen unserer wichtigsten Lehrer, Jean-François Pignon und mittlerweile auch für uns, sind diese drei Worte weder aus dem Unterricht noch aus unserem täglichen Umgang mit den Pferden wegzu- denken. Das Geheimnis dieser Aussage liegt in der Feinfühligkeit und der Sensibilität der Pferde. Schon unsere Körperausrichtung, unser Blick, ja sogar unser bloßer Gedanke hat unter Umständen großen Einfluss auf das Verhalten und Befinden unseres Pferdes. Können wir unser Pferd weder mit unseren Blicken noch mit unseren Gedanken loslassen, fühlt es sich weiterhin angesprochen. Es liegt noch so viel fordernde Energie im Raum, dass es sich nicht wirklich entspannen kann. Wir stellen fest, dass es für Pferde wirklich kaum eine größere und echtere Belohnung geben kann, als sämtliche Energie von ihnen weg zu nehmen. In vielen Situationen macht es sogar Sinn, tatsächlich vom Pferd wegzugehen und seine Gedanken in eine ganz andere Richtung schweifen zu lassen. Und dann passiert es eben tatsächlich oft, dass ein Pferd sich freiwillig dazu entscheidet, sich seinem Menschen anzuschließen, einfach weil es statt Zwang jetzt eine Möglichkeit es statt Druck jetzt Raum gibt. Diese nicht fordernde, entspannte Energie ist so attraktiv, dass das Pferd sich förmlich davon angezogen fühlt. Und welches größere Geschenk für unser Loslassen kann es geben als ein Pferd, das gerne und von sich aus die Nähe seines Menschen sucht.

„Wer eine solche Verbindung zu Pferden haben möchte, muss in erster Linie loslassen können.“


(Foto: Peer Claßen)

Die Einstellung ändern

Loszulassen bedeutet, wie schon erwähnt, nicht zwangsläufig, dass man das Seil oder die Zügel aus der Hand geben soll. Es ist für uns eine innere Einstellung. Es hat sehr viel mit unseren Gedanken, aber natürlich auch mit unserer Energie zu tun. Kein Mensch kann nur so tun, als ob er innerlich loslässt. Dem Pferd ist sofort klar, ob man es meint oder nicht, ob man ihm vertraut oder nicht, ob man es kontrollieren möchte oder nicht. Wie bei so vielen Dingen, die schwierig sind im Leben, heißt es also auch bei diesem Thema, dass man nicht vom anderen erwarten kann, dass er sein Verhalten ändert, sondern es kann nur ehrliche und tiefgreifende Arbeit an sich selbst bedeuten. Das Pferd ist hierfür ein wundervoller Lehrer, weil es seinem Menschen ein unmittelbares und durch und durch ehrliches Feedback darüber gibt, ob er wirklich loslassen kann oder doch nicht.

Loslassen heißt Freiheit schenken

Wir lieben die Freiheit mit unseren Pferden sehr und versuchen, ihnen so viel wie nur möglich zurück zu schenken. Das ist nicht immer leicht und auch nicht immer möglich, aber es lohnt sich jedes Mal umso mehr, wenn wir es schaffen. Dass wir in der Lage sind, unsere Pferde tatsächlich loszulassen und sie nicht pausenlos über das Seil zu kontrollieren, ist kein Zufall. Es ist nur möglich, weil wir unsere Pferde sehr gut einschätzen können und wir sie aber auch sehr gut erzogen haben, denn auch das Zusammenspiel von Disziplin und Freiheit ist eine Gratwanderung, die für das große Ziel der Losgelassenheit gemeistert werden will. Das eine kann nicht ohne das andere funktionieren. Zumindest nicht in unserer Welt. Wir arbeiten permanent und teilweise hart an diesen und an anderen Eigenschaften, die dadurch aber auch immer selbstverständlicher für uns werden. Wir können jedem Pferdemenschen nur raten, das ebenfalls zu tun: so viel wie möglich an der eigenen Kompetenz, aber auch an der Beziehung zu seinem Pferd zu arbeiten, denn nur dann können wir loslassen und unseren Pferden das zurückgegeben, was sie sich, wie jedes Lebewesen auf dieser Erde, wirklich wünschen: frei zu sein!

„Gerade in kniffligen Situationen gilt es, dem Pferd Führung anzubieten. Mit einem starken Fokus, aber einer weichen Hand.“


(Foto: Madith Pauwels)

JENNY WILD UND PEER CLASSEN

… sind Lehrer für Natural Horsemanship, deren oberstes Ziel Leichtigkeit im Umgang mit Pferden ist. Indem sie das Verständnis von Mensch und Pferd füreinander vergrößern, stärken sie auch deren Beziehung zueinander. Jenny und Peer zeigen, wie jeder mit viel Gefühl und kompetentem Handeln seinem Pferd die Sicherheit geben kann, die es braucht, um gern mit seinem Menschen zu interagieren. Das Resultat sind motivierte Pferde und Menschen, die miteinander entspannt und zufrieden alles erreichen können.

Weitere Infos: www.peerundjenny.de

BUCHTIPP:
Jenny Wild und Peer Claßen
Die Persönlichkeit meines Pferdes
Kosmos Verlag
ISBN 978-3-440-15717-6 26,99 €