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Lunch mit FRIEDRICH MÜCKE


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 17.08.2022

REFLEXION

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Bildquelle: Madame, Ausgabe 9/2022

M ünchenleuchtet. Die Sonne kitzelt noch das letzte Fitzelchen Blau aus dem himmlischen Farbspektrum. Mein Gast ist mit dem Fahrrad zum Restaurant gekommen. Wir haben einen schattigen Tisch draußen mit gepolsterter Bank und umgeben von duftendem Lavendel. Mücke hatte sich das „Käfer“ gewünscht, ein ungewöhnlich traditioneller Ort für einen Schauspieler von 41 Jahren, der vor 13 Jahren aus Berlin zugezogen ist. Am Vorabend ist er noch bis drei Uhr morgens mit seinen Kolleg*innen um die Häuser gezogen, um die Premiere der sechsteiligen Serie „Liberame – Nach dem Sturm“ (ab 29. August um 20.15

Uhr im ZDF und ab 30. Juli in der ZDF-Mediathek) auf dem Münchner Filmfest zu feiern. Gelandet sind sie mit 20 Leuten „in der sehr kleinen Bar eines Freundes, ,The High‘ im Glockenbachviertel. Man trinkt da vorrangig nur so kleine Portiönchen Highballs“, erzählt er mit unverkennbarem Berliner ...

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... Zungenschlag. Beendet hätten sie den Abend tanzend in der Hochschule für Film und Fernsehen.

Wir bestellen beim weiß livrierten Kellner, der uns schon mit Wasser und einer Ingwer-Basilikum-Limonade versorgt hat, beide das Gleiche: einen Mozzarella-Salat mit Tomaten und Basilikum-Apfel-Fond als Vorspeise, eine Gazpacho mit Tomate, Gurke, Paprika und Erdbeere als Zwischengang und im Hauptgang gerösteten Blumenkohl mit Chili, Gelbwurzel, Minze, Granatapfel und Pistazie. Friedrich Mücke wählt dazu einen Chardonnay aus der Bourgogne, ich bestelle einen Riesling aus dem Rheingau.

„Ich mag das Wort Schakalität, was so viel heißt wie Street-Smartness, die Fähigkeit, Leute zu erschnuppern.“

Nachdem ich am Vorabend „Liberame“ angeschaut hatte, habe ich Mücke kaum erkannt, als er vor ein paar Minuten an den Tisch getreten ist. Seine lockigen Haare und der Vollbart sind verschwunden. Er trägt jetzt Schnauzer und geglättete Mähne. Seine aktuelle Rolle als Kaufhaus-Erpresser Dagobert verlangt den neuen Look. Sein heutiges Outfit zeigt die genau richtige Dosis von Chic und Lässigkeit für unser Lunch und unsere Umgebung: ein locker sitzendes Hemd-Sakko über einem weißen T-Shirt, schwarze Hose und dunkelblaue Espadrilles. In „Liberame“ spielt er einen Hamburger Familienvater, Unternehmer und Hobbysegler. Auf einem Mittelmeer-Segeltörn helfen er und seine Freunde einem in Seenot geratenen Flüchtlingsboot. Doch in einem Sturm reißt die Abschleppleine. Absicht oder Unfall? Sieben Menschen sterben. Die Schuldfrage verfolgt die Protagonisten bis zum Finale. Denn in Hamburg begegnen sich Helfer und Gerettete nach Jahren wieder. „Ein verstörendes Thema und eine verstörende Erfahrung“, resümiert Mücke, vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingswelle aus der Ukraine. „Ich träume davon, dass die Kunst es schafft, mehr Menschen für das Thema Flucht und Migration zu interessieren.

Man redet drüber, aber dann ist meistens Schluss. Das ist so normal wie erschreckend zugleich.“

Unsere Mozzarelle werden serviert, der Fond angegossen und der Wein nachgeschenkt. Bon Appetit! Flucht und Migration sind Themen, mit denen Mücke schon als Kind im Berlin der Wendezeit konfrontiert war. Geboren wurde er in Prenzlauer Berg, dann zog er mit seinen Eltern, der Vater Bühnenbildner, die Mutter tätig im internationalen Büro der Humboldt-Universität, und seiner ein Jahr älteren Schwester nach Schöneweide und weiter nach Köpenick. „Auf unserem Fußballplatz haben wir Anfang der 90er mit den Kindern bosnischer, serbischer und kroatischer Flüchtlinge gekickt und uns angefreundet. Wir haben viel voneinander gelernt. In meiner kindlichen Wahrnehmung habe ich sicher nicht verstanden, was Krieg bedeutet, aber was es heißt, wenn man sich fremd fühlt, die Sprache nicht spricht.“ In seiner jugendlichen Findungsphase habe er sich oft die Frage gestellt: Bin ich links oder rechts? Ist man Hip-Hopper oder Techno? Mücke entscheid sich für links. „Meine Eltern haben mir Werte wie Akzeptanz, Toleranz und Nächstenliebe mitgegeben, da war die Sache klar.“ Von seiner Schauspielkollegin Kenda Hmeidan stamme das Wort „Schakalität“, erzählt er, das er so liebe. Es heißt so viel wie street-smart sein, Leute erkennen, Menschen erschnuppern. „Ich glaube, dass ich das gelernt habe auf der Straße.“ Eine „blöde Drogenerfahrung“ brachte er mit 13 Jahren hinter sich und ließ seitdem die Finger davon. Mücke stürzte sich auf die Musik, vor allem mochte er Acid Jazz. In der Band Lensflare spielte er mit sieben anderen Bandmitgliedern zusammen; Mücke am Keyboard. „Wir wollten Musik machen wie Jamiroquai.“ Später faszinierten ihn dann die Studenten der Ernst-Busch-Schauspielschule, die in seinem Wohnviertel beheimatet war. „Die tanzten auf ihrem Weg zur Schule immer so über die Straße. Das war schon ’ne komische Mischung damals in Schöneweide. Da waren entweder die Alkis oder die Künstler.“ Als Kind faszinierten ihn die Bühnenbilder, die der Vater zu Hause baute. Natürlich ging er mit ins Theater und schaute zu. Auch die Familie seiner Mutter, die Oma, die Tanten, Cousinen, waren in der DDR und später Film- und Theaterleute gewesen. Der Impuls, selbst vor einer Kamera zu stehen, sei durch eine Cousine gekommen. „Ich bin jemand, der immer erst ein bisschen geschoben werden muss.“ Warum? „Die Angst vor dem Scheitern schwingt ja immer mit.“

„Ich bin jemand, der immer geschoben werden muss. Die Angst vor dem Scheitern schwingt mit.“

Rückschläge in seiner Karriere hat es dennoch nicht gegeben. Nach einigen Jahren am Münchner Volkstheater, wo er seine Frau Barbara Romaner, die ebenfalls Schauspielerin ist, kennenlernte, spielte er sich 2010 an der Seite von Matthias Schweighöfer in der romantischen Komödie „Friendship“ in die Herzen der Kinozuschauer. „In 40 Drehtagen hat Matthias mich zu einem Filmschauspieler gecoacht. Was ich sehr an ihm mag: Er träumt groß und er macht sein Ding. Wer der Masse hinterherrennt und keine Risiken eingeht, macht eben nichts Neues.“

Kurz-Bio

Friedrich Mücke, genannt Fiete, wurde am 12. März 1981 in Ost-Berlin geboren. Er absolvierte nach der Realschule die Schauspielschule Ernst Busch. Seinen Durchbruch hatte er mit dem Kinofilm „Friendship“ an der Seite von Matthias Schweighöfer. Zuletzt war er in der Sky-Serie „Funeral for a Dog“ zu sehen und in Karoline Herfurths „Wunderschön“.

Auf dem Teller leuchtet uns jetzt das Tiefrot der Gazpacho entgegen. Wir sprechen über „the next big thing“ in der Filmlandschaft, und da fällt ihm als Erstes Karoline Herfurth ein. Mit drei Regiearbeiten – zuletzt dem Film „Wunderschön“, in dem Mücke mitspielt – hat sie neben der Schauspielerei auch im Regiefach Fuß gefasst. „Karolin ist eine Wucht, als Frau, als Mensch. Sehr klar, sehr konsequent, hat sich ein sehr gutes Umfeld gebaut und ist deswegen künstlerisch absolut frei. Jeder möchte doch den Millionenseller machen mit Intellekt, so was wie ,Ziemlich beste Freunde‘. Das traue ich Karoline zu.“ Als der Kellner noch einmal den Wein nachschenkt, schaut Mücke auf die Uhr. Er müsse um 15 Uhr daheim sein, sagt er, weil er seine drei Kinder, 7, 10 und 11, dann übernehme, damit seine Frau aufs Filmfest gehen kann. „Mein Sohn will aufs Feuerwehrfest, und die Mädels haben auch was vor“, erklärt er. Barbara Romaner hat auf dem Filmfest eine eigene Premiere in dem Dominik-Graf-Film „Gesicht der Erinnerung“.

Trotzdem ist die Rollenverteilung zu Hause eher „klassisch“. Sie kümmert sich um die Kinder, wenn Mücke dreht. „Wenn ich weg bin, tauche ich gern völlig ab, trenne Privates und Beruf total“, erzählt er und ist sich gleichzeitig bewusst, was für ein Privileg es ist, sich komplett auf seine Arbeit konzentrieren beziehungsweise so viel arbeiten zu dürfen. „Männer in ihren 40ern im Filmbusiness laufen oft zur Karriere-Hochform auf, während für Frauen die Luft immer dünner wird.“ In dem Alter gebe es noch eine Handvoll Schauspielerinnen, die es geschafft haben und viele Angebote bekommen. Und selbst die werden oft schlechter bezahlt als die männlichen Hauptrollen. „Man spricht leider viel zu wenig darüber, selbst wenn man als Mann in der Lage wäre, die gleiche Gage für die Spielpartnerin einzufordern. Weil man vielleicht nicht als schwierig gelten möchte.“ Aber er nehme sich jetzt an dieser Stelle vor, in Zukunft mutiger zu sein – „damit sich hier weiter mehr tut und die Leistungen gerecht honoriert werden.“

Liebli nge

Unter einer Cloche wird der Blumenkohl präsentiert, beim Abnehmen steigt das rauchige Aroma in die Nase. Mückes Leib- und Magengericht, wenn er selbst kocht, sei Shakshuka, erzählt er.

Die israelische Frühstücksspeise aus Tomaten, Eiern, Paprika und Zwiebeln könne er zu jeder Tageszeit essen, vor allem als Hangover-Gericht. Wenn er Blumenkohl zubereitet, dann nach Ottolenghi – mit Cheddar und Jalepeno-Sauce. Und noch besser findet er ein indisches Ei-Curry. „Unfassbar lecker! Als ich es das erste Mal bei meiner Nachbarin auf dem Gartentisch gesehen habe, hab ich etwas gemacht, was ich sonst nie tun würde: Ich bin einfach mit den Händen in den Teller und hab mir ein Ei geschnappt. Wie peinlich, total übergriffig.“ Er verspricht, mir das Rezept zu schicken. Und für das Kochen für mehrere Kinder mit unterschiedlichen Geschmäckern hat er den ultimativen Tipp: „Ich schreibe mir auf, wenn es ein Gericht gibt, das ausnahmsweise mal alle mögen. Auf diese Notfall-Liste mit aktuell 13 Gerichten greife ich zurück, wenn mir mal nichts einfällt.“ Hochbeliebt im Hause Mücke/Romaner sei gerade Nudelsalat nach einem Rezept des Foodblogs Tiny Spoon. Den Rest unserer gemeinsamen Mahlzeit verplaudern wir, indem wir unsere Koch-Hacks teilen, er zeigt mir zum Beispiel, dass man Ingwer am besten mit einem Teelöffel schälen kann, weil da die Schale nur ganz dünn abgeschabt wird.

Die Zeit ist so locker luftig verflogen wie ein Zitronensoufflé, das wir dann nicht mehr zum Dessert hatten. Wir verabschieden uns vor unseren Fahrrädern und radeln in entgegengesetzter Richtung davon. zwölf Jahren: