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Lust und Frust der Astrofotografie


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Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 08.07.2022

ASTROFOTOGRAFIE

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Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 8/2022

Erste Gehversuche Mit einem Weitwinkelobjektiv lassen sich auf einfache Weise größere Himmelsfelder aufnehmen, wie diese Partie der Milchstraße im Sternbild Schütze. Das im Jahr 2002 am Gamsberg in Namibia mit dem Farbfilm Kodak Supra 400 belichtete Foto gelang mit einer Olympus OM-1 und einem Objektiv F.Zuiko Auto-S mit 50 Millimeter Brennweite bei Blende 2,8; die Belichtungszeit betrug zehn Minuten.

Im Herbst des Jahres 1985 kündigte der legendäre Komet Halley sein Erscheinen am Nachthimmel an, und im Novemberheft von »Sterne und Weltraum« gab der erfahrene Autor Edgar Mädlow beherzte Ratschläge, wie der seltene Gast wirkungsvoll auf Film gebannt werden könne. Schon einige Wochen später lieferten renommierte Astrofotografen beeindruckende Aufnahmen des Kometen, die einen prächtigen Schweif zeigten und in mir den Wunsch weckten, es ihnen gleichzutun. Obwohl ich mit der Selbstentwicklung von Film und Fotopapier vertraut war, stieß ich sehr schnell an die Grenzen meines fotografischen Könnens und musste einsehen, dass der Teufel häufig im Detail steckt. Es war die Zeit der reinen Analogfotografie, und die digitale CCD-Technik – wenngleich für die professionelle Astronomie bereits verfügbar – lag für den Amateurbereich noch in weiter Ferne.

Das analoge Zeitalter

Man begnügte sich, ...

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... wenn man es einfach haben wollte, mit Weitwinkelaufnahmen bei kurzer Brennweite, die keinen hohen Anforderungen an die Genauigkeit der Nachführung genügen mussten. Zudem konnte man sich bei den dabei eingesetzten Objektiven darauf verlassen, dass mit der Einstellung »Unendlich« auch wirklich der Fokus richtig getroffen war. Damit gelangen bereits ansehnliche Aufnahmen der Milchstraße, des Zodiakallichts oder größerer Sternfelder (siehe »Erste Gehversuche«).

Um jedoch Deep-Sky-Objekte wie Emissionsnebel, Galaxien, Planetarische Nebel oder Kugelsternhaufen formatfüllend aufzunehmen, bedarf es natürlich eines Teleskops mit größerer Brennweite, in dessen Fokus man damals üblicherweise eine mit Kleinbildfilm geladene Spiegelreflexkamera anbrachte. War mit dieser Ausrüstung schon das Aufsuchen eines lichtschwachen Objekts oft mit großer Mühe verbunden, so wurde diese noch übertroffen, wenn es darum ging, den exakten Fokus einzustellen.

Was heute mit einer modernen digitalen Spiegelreflexkamera (DSLR) durch Scharfstellen eines hellen Sterns im Live-View-Modus – vielleicht sogar mit Hilfe einer Bahtinov-Maske – ohne weiteres gelingt, war mit der alten Analogkamera häufig zum Scheitern verurteilt. Das Ergebnis einer Beobachtungsnacht war dann erst nach dem Entwickeln des Films sichtbar, wenn sich die eigentlich als punktförmig erwarteten Sterne auf der Filmemulsion als unansehnliche Zerstreuungsscheibchen zeigten (siehe »Enttäuschendes Resultat«). Über verschiedene Wege, diesen Schwierigkeiten abzuhelfen, wurde auch in dieser Zeitschrift intensiv diskutiert (siehe SuW 5/1991, S. 331, SuW 1/1992, S. 54, SuW 6/1992, S. 398, und SuW 6/1993, S. 472).

Die damals in der Astrofotografie verwendeten Filme litten allesamt an einer gravierenden Einschränkung, die im Zeitalter der digitalen Kameras keine Bedeutung mehr hat und damit auch weitgehend in Vergessenheit geriet. Wer heute beispielsweise mit einer CCD-Kamera ein beliebiges Himmelsobjekt ablichtet, darf davon ausgehen, dass die Anzahl der zum Bildauf bau beitragenden Photonen proportional zur Dauer der Belichtung anwächst, also eine lineare Funktion der Expositionszeit darstellt – ganz im Gegensatz zur analogen Fotografie, wo die Filmempfindlichkeit bei geringen Belichtungsintensitäten – vereinfacht ausgedrückt – umso mehr abnimmt, je länger das Objekt belichtet wird. Der Astrophysiker Karl Schwarzschild (1873–1916) hat diesen nach ihm benannten Effekt durch ein Exponentialgesetz beschrieben (siehe SuW 5/2016, S. 34). Dessen maßgeblicher Parameter, der Schwarzschild-Exponent, hätte im Idealfall den Wert eins; tatsächlich ist er jedoch bei fast allen Filmarten kleiner.

Der richtige Film

Ein in der Astrofotografie damals gerne verwendeter Schwarzweißfilm war der von Kodak hergestellte Technical Pan TP 2415, der sich durch eine ausgeprägte Rotempfindlichkeit über den H-Alpha-Bereich hinaus und durch ein relativ feines Korn auszeichnete. Er war daher prädestiniert für die Aufnahme von Gasnebeln, die im Licht der H-Alpha-Linie des Wasserstoffs leuchten, sowie für die Fotografie von Sonne, Mond und Planeten.

Der Film konnte sein Potenzial noch erheblich steigern, wenn man ihn einer Hypersensibilisierung unterzog. Hierbei wurde der Film in einem luftdichten Tank bei erhöhter Temperatur und leichtem Überdruck für einige Stunden einem Stickstoff-Wasserstoff-Gemisch, das auch als Forming-Gas bezeichnet wird, ausgesetzt (siehe »Empfindlichkeitssteigerung für Filme«). Diese Behandlung verbesserte die Empfindlichkeit des Films und sein Schwarzschild-Verhalten ganz erheblich, was gerade bei der Fotografie lichtschwacher galaktischer Emissionsnebel von großem Vorteil war.

Obwohl der Orionnebel Messier 42 ein sehr helles Himmelsobjekt ist, gilt er in der Astrofotografie als schwieriger Kandidat, da seine Wiedergabe einen hohen Dynamikumfang erfordert. Wird er lange genug belichtet, um auch die feinen Ausläufer des Nebels zu erfassen, ertrinken die Details der hellen Zentralregion in der Lichtfülle und sind überbelichtet. Fünf aus dem Jahr 1993 stammende Bilder des Orionnebels, die mit Belichtungszeiten zwischen einer Minute und zehn Minuten auf Technical Pan aufgenommen worden waren, habe ich später mit einem Filmscanner digitalisiert und zu einem Komposit überlagert (siehe »Schneller Stern im Orionnebel«). Nur durch eine nachträgliche Bearbeitung der Negative im PC konnte ich die unterschiedlich hellen Nebelanteile gleichberechtigt herausarbeiten, was mit analoger Technik kaum erreichbar wäre.

Es gibt jedoch einen weiteren Grund, weshalb es sich lohnen könnte, alte Aufnahmen sorgfältig zu archivieren und zu digitalisieren. Die Bilder des Orionnebels enthalten einen Stern, der Forschern durch seine große Eigenbewegung auffiel.

In einem Katalog, der Sterne mit hoher Eigenbewegung verzeichnet – dem »New Luyten Catalogue of Stars with Proper Motions Larger than Two Tenths of an Arcsecond« (NLTT) – wird dieses Objekt unter der Nummer 658-125 geführt, und in der astronomischen Datenbasis Simbad findet sich der Stern unter der Bezeichnung NLTT 15340. Er war schon vor fast 30 Jahren Gegenstand einer Publikation in dieser Zeitschrift (siehe SuW 5/1994, S. 388).

Die im NLTT-Katalog angegebene Eigenbewegung von 0,21 Bogensekunden pro Jahr wollte ich nun durch eigene Beobachtungen verifizieren und überlagerte dazu die im Januar 1993 entstandene Aufnahme pixelgenau mit einer aktuell gewonnenen digitalen Aufnahme. Dabei ergab sich, dass der Stern innerhalb von 29,07 Jahren eine Strecke von (3,6 0,6) Pixel zurückgelegt hatte, was bei einem Maßstab von 1,55 Bogensekunden pro Pixel einer jährlichen Eigenbewegung von (0,19 0,03) Bogensekunden entspricht, die auch recht gut mit dem Katalogwert übereinstimmt.

Doch der Film Technical Pan hatte noch weitere Vorzüge: Auf Grund seiner hohen Empfindlichkeit im Bereich der H-Alpha-Linie bei 656,3 Nanometern eignete er sich hervorragend, um Protuberanzen am Sonnenrand zu fotografieren. Da hochwertige Interferenzfilter mit Halbwertsbreiten unter einem Ångström (10 –10Meter = 1/10 Nanometer) noch unerschwinglich waren, musste man sich mit einer Lösung behelfen, wie sie schon der französische Astronom Bernard Lyot (1897 – 1952) durch die Erfindung des Koronografen vorweggenommen hat: Die gleißend helle Sonnenscheibe wird von einer im Fokus des Fernrohrs angebrachten Kegelblende abgedeckt, die wegen ihrer besonderen Formgebung den Großteil des einfallenden Lichts seitlich herausreflektiert. Die Kegelblende, wie auch der ganze für einen achromatischen Refraktor konzipierte Protuberanzenansatz, konnten von erfahrenen Amateurastronomen mit einer Heimwerkerausrüstung gefertigt und getestet werden (siehe »Sonnenprotuberanzen im Blick«). Wie bei einer Sonnenfinsternis erschienen nun am Rand der abgedunkelten Sonnenscheibe die Protuberanzen im H-Alpha-Licht, das vom Interferenzfilter mit einer Halbwertsbreite von einem Nanometer durchgelassen wurde.

Durchbruch mit CCD-Kameras

Geradezu eine Revolution kündigte sich in der Astrofotografie an, als zu Beginn der 1990er Jahre die ersten CCD-Kameras auf dem Markt erschienen, die auch für Amateure bezahlbar waren. Ein Vorreiter war dabei die von dem kalifornischen Hersteller SBIG (Santa Barbara Instrument Group) entwickelte Kamera ST-4. Diese CCD-Kamera war als eigenständiges Gerät konzipiert, mit dem sich die Nachführgenauigkeit eines Teleskops kontrollieren ließ (englisch: star tracker). In Verbindung mit einem Computer (siehe SuW 11/1992, S. 714) ließ sich die ST-4 aber auch als bildgebende Kamera (englisch: imaging camera) einsetzen (siehe »Beginn einer neuen Ära«). Nach heutigen Maßstäben war diese Kamera recht bescheiden ausgestattet: Der Chip hatte eine Größe von 2,64 × 2,64 Millimetern und enthielt nur 192 × 164 Pixel. Für ein typisches Schmidt-Cassegrain-Teleskop mit 20 Zentimeter Öffnung und einem Öffnungsverhältnis von 1:10 resultierte daraus ein quadratisches Gesichtsfeld von 4,5 Bogenminuten Seitenlänge – also nicht gerade üppig. Der Analog-Digital-Konverter der Kamera bot eine Datentiefe von nur acht Bit, was die Wiedergabe von gerade einmal 256 Graustufen ermöglichte.

Trotz dieser Einschränkungen eröffnete mir die ST-4 neue Möglichkeiten, denn mit ihr begann das Abenteuer der digitalen Astrofotografie, bei dem es bis hin zur Kunst der richtigen Bildverarbeitung vieles zu erlernen galt. Schon bald nahm ich damit Objekte geringer Winkelausdehnung aufs Korn, beispielsweise Galaxien, Kugelsternhaufen, Planetarische Nebel, den Krebsnebel Messier 1 oder auch Planeten wie Jupiter und Saturn. Im September 1996 zeigten sich am Kern des populären Kometen Hale-Bopp bemerkenswerte Strukturen, so genannte Streamer. Durch Aufnahmen mit der ST-4 und Anwendung des Larson-Sekanina-Algorithmus konnte ich die Streamer herausarbeiten (siehe »Geheimnisse von Hale-Bopp«). Bei dieser Methode wird das Bild ein wenig um den Ort des Kometenkerns gedreht und anschließend vom nicht gedrehten Originalbild abgezogen. Auf dem Differenzbild zeigen sich dann innerhalb der Koma und des Kometenschweifs zuvor ungesehene feine Strukturen.

Einige Monate später, im April 1997, ließen sich in der Koma von Hale-Bopp mehrere Enveloppen beobachten, die der Komet wie Bugwellen vor sich herschob. Sie entstehen dadurch, dass der Komet nicht an allen Stellen seines Kerns gleichermaßen aktiv ist: An seiner Oberfläche gibt es einzelne Gas- und Staubfontänen, so genannte Jets, die sich in die umgebende Koma hinein ausbreiten. Da der Kern – und mit ihm die Jets – rotieren, entsteht eine Art Rasensprenger, der in der Koma die beobachteten regelmäßigen Strukturen hervorruft.

Die hohe Empfindlichkeit des in der ST-4 verbauten CCD-Sensors TC 211 der Firma Texas Instruments, die sich bis in das nahe Infrarot fortsetzte, reizte mich zu Versuchen, auch in diesem Spektralbereich Bilder aufzunehmen. Mit einem Infrarotfilter RG 780, der nur Licht mit einer Wellenlänge oberhalb von 780 Nanometern passieren lässt, konnten beispielsweise Sterne des Trapezhaufens im Orionnebel nachgewiesen werden, die sonst im sichtbaren Licht hinter dichten Staubwolken verborgen bleiben (siehe SuW 3/1998, S. 271).

Kombinierte man andererseits die Kamera mit einem Polarisationsfilter, der nur Licht mit einer vorgegebenen Schwingungsebene hindurchlässt, so ließ sich bei dem berühmten Supernova-Überrest Messier 1, dem Krebsnebel im Sternbild Stier, der Polarisationsgrad in den verschiedenen Nebelanteilen darstellen – so, wie es einst der Astronom Walter Baade in seiner berühmt gewordenen Arbeit aus dem Jahr 1965 gezeigt hat (siehe SuW 11/1995, S. 853).

Nicht zuletzt trug die Einführung des Startrackers dazu bei, den Beobachter von der Sklavenarbeit des manuellen Nachführens in der Astrofotografie zu befreien. Es war also nicht länger erforderlich, zur Kontrolle der Nachführgenauigkeit einen Leitstern ununterbrochen im Blick zu behalten. Wenn ich nur daran zurückdenke, wie viele endlose Stunden ich bei Eiseskälte und in oft unbequemer Körperhaltung damit verbrachte, einen zur Nachführung bestimmten Stern anzustarren und auf den »rechten Weg« zu bringen, dann ist die Himmelsfotografie mit ihren heutigen technischen Möglichkeiten doch um einiges komfortabler.

Solchen Komfort habe ich auch gesucht, als ich mir eine Dachsternwarte einrichtete, die spontane Beobachtungen ermöglicht und einfach wieder geschlossen werden kann, wenn unverhofft Wolken aufziehen (siehe »Astronomie in der Dachkammer«).

Dass eine CCD-Kamera, die höheren Ansprüchen genügen soll, auch im Selbstbau entstehen kann, bewies der US-amerikanische Amateurastronom und Autor Richard Berry mit seiner preiswerten Cookbook-Kamera. Mitte der 1990er Jahre fand sein revolutionäres Projekt auch bei einigen deutschen Amateuren Anklang.

Ich hatte das große Glück, einen Sternfreund zu kennen, der diese Kamera vom Typ Cookbook TC 245 für mich anfertigte (siehe »Kochbuch-Kamera in Aktion«).

Der von Texas Instruments stammende CCD-Chip TC 245 bot eine lichtempfindliche Fläche von 6,43 × 4,78 Millimetern und wurde meist mit einer Auflösung von 378 × 242 Pixeln betrieben. Für seine niedrige Betriebstemperatur sorgte ein wassergekühltes Peltier-Element. In Verbindung mit einem Zwölf-Bit-Analog-digital-Konverter ermöglichte diese Kamera Aufnahmen sehr lichtschwacher Himmelsobjekte (siehe SuW 2/1996, S. 141).

Um Farbaufnahmen zu gewinnen, stattete ich meine Cookbook-Kamera mit einem CMY-Filtersatz aus (Cyan, Magenta und Yellow). Gegenüber den üblichen RGB-Filtern (Rot, Grün und Blau) bieten CMY-Filter den Vorteil, dass sie größere Spektralbereiche einbeziehen und damit wichtige Emissionslinien erfassen, die unter Umständen gerade in die Lücke zwischen zwei Durchgangsbändern eines RGB-Filtersatzes fallen.

In den vergangenen 20 Jahren haben die Vielfalt und Qualität der für den Amateurbereich verfügbaren Astrokameras eine beeindruckende Entwicklung erfahren.

Moderne CCD-Kameras bieten inzwischen Sensoren, deren Abmessungen dem Kleinbildformat klassischer Analogkameras von 24×36 Millimetern entsprechen, also mehr als dem Hundertfachen der bei der alten ST-4 vorhandenen Sensorfläche.

Zudem besitzen sie meist eine professionelle Ausstattung, die oft ein integriertes Filterrad, eine zweistufige Kühlung und die Möglichkeit der adaptiven Optik sowie des ferngesteuerten Betriebs umfasst (siehe SuW 1/2015, S. 82).

Zur ernsthaften Konkurrenz wurden dann bald die weit verbreiteten digitalen Spiegelreflexkameras (DSLR) mit CMOS-Sensor, als sie durch Verzicht auf den üblicherweise fest verbauten Infrarotsperrfilter Astrotauglichkeit erlangten (siehe SuW 2/2020, S. 72). Solche bereits werkseitig astromodifizierten Kameras, die im roten Spektralbereich, bei der Wellenlänge der H-Alpha-Linie, noch eine relativ hohe Empfindlichkeit aufweisen, werden beispielsweise von Canon angeboten. Seit einiger Zeit führt dieser Hersteller unter der Bezeichnung EOS Ra auch eine spiegellose Vollformatkamera für die Astrofotografie im Programm (siehe SuW 6/2020, S. 72). Die mit solchen Kameras erzielten Aufnahmen waren noch vor nicht allzu langer Zeit nur gut ausgestatteten Profisternwarten vorbehalten.

Darüber hinaus wirbt der Fachhandel mit Komplettsystemen aus Teleskop, Kamera und integrierter Nachführung, die über ein Smartphone durch eine App gesteuert automatisch farbige Himmelsbilder mit minimalem Aufwand liefern (siehe SuW 10/2020, S. 70, und SuW 1/2021, S. 82). Wer sich aber in der Astrofotografie gerne mit kreativen Lösungen auseinandersetzt, wird mit derlei »Fotoautomaten« keine allzu große Freude haben – beispielsweise, wenn es darum geht, die eigenen Astrofotos mit den Beobachtungen professioneller Observatorien in anderen Spektralbereichen zu vergleichen.

Der Himmel in neuem Licht

Galaxienaufnahmen, wie sie heute mit Amateurmitteln möglich sind, liefern ungeahnte Einsichten, wenn man sie Radiound Röntgenkarten gegenüberstellt, die wissenschaftliche Institute in Internetarchiven bereitstellen (siehe SuW 7/2020, S. 72). Mich persönlich reizte es, eigene Aufnahmen von Emissionsnebeln mit professionellen Bildern zu vergleichen, die im Infraroten gewonnen wurden. Als Datenbasis bieten sich dabei die Himmelskarten an, die der NASA-Satellit WISE (Widefield Infrared Survey Explorer) während seiner Durchmusterung des Infrarothimmels im Jahr 2010 lieferte.

Kochbuch-Kamera in Aktion

Die in den USA entwickelte, selbst zu bauende CCD-Kamera Cookbook TC 245 ermöglichte anspruchsvolle Astrofotografie auf preiswerte Art . Sie war mit einem wassergekühlten Peltier-Element ausgestattet und konnte mit ihrem Zwölf-Bit-Wandler 4096 Graustufen auflösen. Mit dieser Kamera und einem Celestron 8 entstand das Farbbild der Strudelgalaxie Messier 51, wobei ein CMY-Filtersatz zur Anwendung kam.

Meine Wahl fiel auf den vergleichsweise großen Emissionsnebel IC 1396 im Sternbild Kepheus, der eine Fläche von rund sechs Quadratgrad einnimmt und als interessante Objekte den Sternhaufen Trumpler 37 sowie den populären Elefantenrüsselnebel mit seinen zahlreichen Protosternen enthält. Mit einer für die Astrofotografie modifizierten Kamera vom Typ Canon EOS 700D nahm ich den Nebel bei 300 Millimeter Brennweite auf, wobei sich das fertige Bild aus der ungefilterten Farbaufnahme und einem H-Alpha-Bild zusammensetzte (siehe »IC 1396: Elefantenrüssel und Protosterne«, S. 66). In einer vielbeachteten Arbeit belegt ein US-amerikanisches Forschungsteam um Konstantin Getman, dass in der Umgebung von IC 1396A und in der Globule selbst eine durch die UV-Strahlung des Dreifachsterns HD 206267 ausgelöste Stoßwelle das dort vorhandene neutrale Gas komprimiert und so die Sternentstehung eingeleitet hat (siehe SuW 12/2012, S. 33). Sich mit solchen weiterreichenden Zusammenhängen kreativ auseinanderzusetzen – auch das kann bei der Beschäftigung mit der Astrofotografie als Gewinn verbucht werden.

Als neuer Trend in der Amateurastronomie hat sich die »Electronically-assisted Astronomy« (EAA) etabliert, bei der Teleskope, Kameras und das Internet als Verbund eine Einheit bilden (siehe SuW 10/2020, S. 64). Hierbei werden kurzbelichtete, mit empfindlichen Digitalkameras aufgenommene Astrobilder in Echtzeit überlagert (englisch: stacking) und live auf Internetplattformen wie http://nightskiesnetwork.com bereitgestellt. Durch die weltweite Vernetzung mit Gleichgesinnten lassen sich so ehrgeizige Projekte realisieren, wie etwa die gemeinsame Suche nach neuen Kometen oder Supernovae – oder auch die virtuelle Teilnahme an internationalen Starpartys.

Zudem stehen Astrofotografen mittlerweile zahlreiche Remote-Sternwarten an klimatisch begünstigten Standorten zur Verfügung, wo man das Objekt der Begierde per Laptop aus der Ferne beobachten und auf die heimische Festplatte holen kann. Einen der größten Teleskopparks mit insgesamt 22 Teleskopen bietet das Netzwerk iTelescope.net und ermöglicht an Standorten in den USA, Australien, Chile, Spanien und La Palma ferngesteuerte Beobachtungen an Teleskopen mit bis zu 600 Millimeter Öffnung. Nützt man die erhebliche Zeitverschiebung zu anderen Kontinenten, dann können beispielsweise auch Schulklassen von Live-Beobachtungen im tagsüber stattfindenden Astronomieunterricht profitieren.

Aber so verlockend die Welt der digitalen Astrobilder durch die virtuelle Beob- achtung erscheinen mag, führt sie letzten Endes doch zur emotionslosen Schreibtischarbeit am Computer und kann meines Erachtens nicht mit dem persönlich geprägten Erlebnis unter einem realen Sternhimmel konkurrieren. ■

Literaturhinweise

Althaus, T.: WISE liefert Infrarotkarte des gesamten Himmels. Sterne und Weltraum 11/2010, S. 16

Dittler, U.: Die CCD-Kamera STXL-11002 von SBIG. Sterne und Weltraum 1/2015, S. 82 – 87

Getman, K. V. et al.: The Elephant Trunk Nebula and the Trumpler 37 cluster: contribution of triggered star formation to the total population of an HII region. Monthly Notices of the Royal Astronomical Society 426, 2012

Hanisch, H. D.: Protuberanzenansatz für kleine Refraktoren. Sterne und Weltraum 11/1975, S. 370

Höbel, P.: Theorie und Praxis der Hypersensibilisierung von Filmemulsionen. Sterne und Weltraum 8 – 9/1983, S. 430 – 434

Karlewski, M., Kessler, T.: Der Startracker ST-4 als Astrokamera. Sterne und Weltraum 11/1992, S. 714 – 715

Klein, U.: Galaxien in neuem Licht. Sterne und Weltraum 7/2020, S. 72 – 81

Konitzer, F.: Der angeregte Elefantenrüssel. Sterne und Weltraum 12/2012, S. 33 – 35

Leue, H. J., Nietert, G.: Erfahrungen mit der CCD-Kamera Cookbook TC 245. Sterne und Weltraum 2/1996, S. 141 – 143

Mädlow, E.: Halley für Anfänger. Sterne und Weltraum 11/1985, S. 598 – 599

Pilz, U.: Kometen beobachten. VdS-Journal für Astronomie 42, 2012

Sackenheim, F.: Die Canon EOS Ra in der Praxis. Sterne und Weltraum 6/2020, S. 72 – 79

Sicilia-Aguilar, A. et al.: A Herschel view of IC 1396 A: Unveiling the different sequences of star formation. Astronomy and Astrophysics 562, 2014

Suntinger, B.: Digital und voll vernetzt: Electronically-assisted Astronomy. Sterne und Weltraum 10/2020, S. 64 – 69

VdS-Journal für Astronomie: Automatisierte und Remote-Beobachtungen, Heft Nr. 73, 2/2020

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