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LUXUS AUF SCHIENEN


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 27.09.2021

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 10/2021

Eine Fahrt im Golden Eagle Danube Express ist wie eine Zeitreise in die Vergangenheit

Zugreisende erhalten Eindrücke von dem Alltagsleben entlang der Strecke – manchmal sind es schöne, manchmal auch trostlose Bilder. 2019 fuhr ich mit dem Golden Eagle Danube Express von Istanbul nach Budapest, vorbei an malerischen Dörfern und düsteren kommunistischen Wohnblocks, grauen Industrievororten und endlosen Sonnenblumenfeldern.

Die blau und cremefarben lackierten Waggons, im glamourösen Stil der Schlafwagen des Fin de Siècle restauriert, wurden ständig fotografiert und gefilmt. Umgeben von der Eleganz vergangener Zeiten fühlte ich mich zuweilen wie eine Besucherin aus einer anderen Ära. Dann wieder gaben mir die vorbeiziehenden Landschaften das Gefühl, durch eine vergangene Zeit zu reisen. Neben einer Autobahn in Rumänien, auf der Fahrzeuge aus der Zeit des Kalten Krieges wie auch neueste deutsche Limousinen fuhren, fiel mein Blick auf einen Mann, der einen Pferdekarren über einen Feldweg ...

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... lenkte.

An vier Tagen legten meine 17 Mitreisenden und ich 1600 Kilometer mit dem Zug zurück, von der Türkei über Bulgarien und Rumänien bis nach Ungarn. Alle Regionen, die wir durchquerten, gehörten einst zum Osmanischen Reich. Mehr als 600 Jahre lang herrschten die Sultane über ein riesiges Gebiet, in dem viele Völker lebten und verschiedene Sprachen gesprochen wurden. Unsere Reiseroute führte uns bis an den nördlichen Rand dieses Reichs.

Jeden Tag hielt der Zug für mehrere Stunden und wir machten Ausflüge zu Orten, an denen die Osmanen fast immer eine Rolle spielten. Die restaurierte Festung in Weliko Tarnowo, Bulgarien? Ein Bollwerk gegen die T ürken – bis 1393, als sie es niederbrannten. Die öffentlichen Bäder in Budapest? Ein osmanisches Erbe. Die Wehrtürme der Burg von Sighişoara (Schäßburg)? Dreimal dürfen Sie raten, gegen wen sich die Stadt verteidigen wollte.

Der startpunkt für diese Reise ist natürlich Istanbul: ab 1453 osmanische Hauptstadt, bis das Imperium 1922 zerfiel. Eine Metropole, die alle zum Staunen bringt. Doch ich hatte nie den Drang verspürt, sie kennenzulernen. Bis ich vom Flughafen über eine Anhöhe fuhr und sich vor mir die Stadt ausbreitete mit ihren Gassen und schlanken Minaretten sowie dem Bosporus, der im violettrosa Licht der Dämmerung schimmerte. Da war es auch um mich geschehen, und ich konnte nur noch staunen.

Zunächst über ihre Größe: 15 Millionen Menschen leben in Istanbul – einem Wirrwarr aus verschachtelten Ziegeldächern, verwinkelten Gassen und weitläufigen Uferpromenaden. Die Stadt liegt am Bosporus, zugleich in Europa und in Asien. Ein Standort von so großer strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung, dass er in den letzten 3000 Jahren durchgehend besiedelt war. Davon zeugen archäologische Funde, die bei fast jedem Spatenstich zutage treten.

Nach einer Nacht im Hotel nahmen meine Mitreisenden und ich an einer Stadtführung teil. Als Erstes besichtigten wir den Topkapi­Palast. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts residierten hier rund 400 Jahre lang die Sultane und herrschten über ein Gebiet, das sich vom heutigen Algerien bis zum Irak, von Kroatien bis nach Saudi­Arabien erstreckte.

Die ausgedehnte Palastanlage ist eher zurückhaltend verziert – zumindest gemessen am immensen Reichtum der Sultane. Umgeben ist sie von einst paradiesischen Tulpen­ und Rosengärten, durch die Pfauen und Gazellen stolzierten. Unser Stadtführer machte uns auf die Säulen vor dem Versammlungssaal des Staatsrats aufmerksam: Granit und Marmor stammten aus den weit verstreuten Provinzen des Osmanischen Reichs und sollten an die unermessliche Macht der Männer erinnern, die hier Rat hielten.

Dann ging es weiter zum Harem, den kein Mann außer dem Sultan betreten durfte. Von den mehr als 300 Räumen sind nur wenige öffentlich zugänglich, aber auch so schon verlor ich schnell die Orientierung, als wir durch die verwinkelten Gänge gingen. In einem offenen Innenhof gaben vergitterte Fenster den Blick auf die Stadt jenseits des Wassers frei.

Anschließend besichtigten wir drei weitere Sehenswürdigkeiten: die Hagia Sophia, eine byzantinische Kirche aus dem sechsten Jahrhundert, die später zur Moschee wurde, die Blaue Moschee mit ihren vielen Kuppeln und Minaretten und den Großen Basar, einen riesigen überdachten Markt.

All diese historisch bedeutsamen Orte waren faszinierend, aber auch überfüllt, und es war heiß. Als wir am frühen Abend in unseren Zug einstiegen, zeigte die Gesundheits­App auf meinem Handy, dass ich elf Kilometer zu Fuß zurückgelegt hatte.

Ich stand genussvoll unter der Dusche, als der Danube Express den Bahnhof Istanbul Sirkeci verließ. In meinem geräumigen holzverkleideten Abteil konnte ich mit einem Cappuccino an einem Panoramafenster sitzen oder an einem zweiten Fenster auf einem Sofa mit Kissen, das ein Kabinensteward jede Nacht in ein kuscheliges Bett verwandelte.

Im nächsten Wagen befand sich die Bar. Hier servierten Kellner mit weißen Handschuhen Getränke und ein Mann spielte Piano. Der Speisewagen wartete mit blütenweißer Tischwäsche und erlesenen Gedecken auf. Bei Honigmelone mit Parmaschinken, Pilzpastete, Zitronenkuchen, Obst und Käse musste ich unweigerlich an Agatha Christies Privatdetektiv Hercule Poirot und den berühmten Orient Express denken. Denn der Danube Express weckt eine nostalgische Sehnsucht – er erinnert an die goldene Ära des eleganten Reisens, die viele nur aus alten Filmen kennen.

Ich hatte erwartet, auf dieser Reise vor allem eingefleischte Eisenbahnliebhaber zu treffen. Aber wenn auch einige Mitglieder unserer weit gereisten Gruppe schon mit der noblen Transsibirischen Eisenbahn gefahren waren, schienen die meisten nicht wegen des Zugs dabei zu sein, sondern weil sie die bequeme Art des Reisens schätzten. Wie bei einer Kreuzfahrt wurden wir von Ort zu Ort kutschiert, ohne jedes Mal unsere Koffer packen zu müssen.

Am nächsten Morgen wachte ich in Bulgarien auf. Ich blickte hinaus auf das leicht neblige, grüne Balkangebirge, längst hatten wir Istanbul und seine Vorstädte hinter uns gelassen. In der Nacht war der Zug nach Nordwesten gerattert, über die Grenzen vergangener Imperien hinweg, die jahrhundertelang umkämpft wurden und heute schon fast vergessen sind.

Kurz nach neun Uhr erreichten wir unser erstes Ziel, die mittelalterliche Festungsstadt Weliko Tarnowo. Sie liegt so weit oben auf einem steilen Hügel über dem Fluss Jantra, dass die Einwohner scherzen, bei ihnen würde die Richtung nicht mit links und rechts, sondern mit oben und unten angegeben. Wir besichtigten ein Reiterdenkmal zur Erinnerung an die Dynastie Assen, die 1186 die byzantinische Herrschaft abschüttelte. Dann ging es weiter zur Festung Zarewez, die aber damals die Türken nicht aufhalten konnte.

Im nahe gelegenen Dorf Arbanassi besuchten wir die Christi­Geburt­ Kirche. Das Innere des niedrigen Gebäudes ist ausgemalt mit Heiligen in Rot, Gold und Grün. Ein Bild, das fast eine ganze Wand einnimmt, zeigt einen Mann, der zu Reichtum und Ruhm aufsteigt, dann aber ins Verderben und in die Hölle stürzt. Vielleicht eine Lehre für Weltreiche …

Als wir abends wieder in den Danube Express einstiegen, dämmerte mir, dass ich wohl nicht viel Zeit im Zug verbringen würde. Ich hatte mir vorgestellt, stundenlang gemütlich in meinem Abteil Bücher zu lesen, merkte aber schon bald, dass auf Reisen wie dieser der Zug nachts und am frühen Morgen unterwegs ist. Tagsüber standen zahlreiche Besichtigungen an.

Am nächsten Morgen zum Beispiel stiegen wir um 7.45 Uhr in Sinaia aus, einem Städtchen in Transsilvanien, um das Schloss Peleş zu besichtigen, fuhren dann wieder ein kurzes Stück mit dem Zug nach Braşov (Kronstadt), nahmen dort einen Bus zum Schloss Bran, wo wir zu Abend aßen und kehrten nach 23 Uhr zum Zug zurück. Ich fiel todmüde ins Bett, während sich ein halbes Dutzend Mitreisender, alle um Jahre älter als ich, noch auf einen Absacker in der Bar trafen.

Schlösser und Burgen bringen ihre Besitzer heutzutage in eine Zwickmühle. Zum Wohnen eignen sie sich nicht, und sie dienen auch schon lange nicht mehr der Verteidigung. Es wäre aber eine Schande, sie einfach verfallen zu lassen. Deshalb bleibt den Besitzern häufig nichts anderes übrig, als von Besuchern Eintrittsgeld zu erheben – und die Neugier von Touristen zu wecken.

Schloss Peleş wurde in den 1870er-Jahren als Sommerresidenz für den rumänischen König gebaut. 1866 war der deutsche Prinz Karl von Hohenzollern- Sigmaringen zum Fürsten von Rumänien ernannt worden, nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes im Jahr 1881 wurde er zum König Carol I. gekrönt.

Das Schloss im Neo-Renaissance- Stil liegt in den Südkarpaten. Mit seiner Fachwerkfassade und den Türmen sieht es aus wie die Parodie eines bayerischen Jagdschlosses. Die 160 Räume sind exquisit eingerichtet, mit für die damalige Zeit ungewöhnlichen Extras wie einem Kino und einer zentralen Staubsaugeranlage.

Den letzten Schliff bekam das Schloss 1914, nur 33 Jahre vor der Machtübernahme der Kommunisten, die alle königlichen Besitztümer konfiszierten. Eine melancholische Stimmung überkam mich bei der Besichtigung der öffentlich zugänglichen Räume des Schlosses – seine Bewohner hatten wohl nichts vom nahen Ende ihrer Herrschaft geahnt.

Auch Schloss Bran regt die Fantasie an – nicht aufgrund historischer Fakten, sondern weil es als Draculas Schloss vermarktet wird. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde Bran zur Verteidigung gegen feindliche Truppen gebaut. Heute ist es eine Touristenfalle: Zahlreiche Souvenirläden haben sich um das Schloss angesiedelt und bieten unter anderem Plastik-Fangzähne an.

Seit den 1970er-Jahren vermarkten Reiseunternehmen das Schloss aufgrund einer fragwürdigen Verbindung zu Vlad, dem Pfähler. Dieser walachische Fürst ließ im 15. Jahrhundert seine osmanischen Feinde auf Holzpfähle aufspießen. Er gilt als Vorbild für den Vampir in Bram Stokers Roman Dracula. Doch Stoker reiste nie nach Transsilvanien, und es gibt auch keine Belege dafür, dass seine blutdürstige Erzählung auf dem Leben des grausamen Fürsten basiert.

Schloss Bran sieht auch ohne das ganze Dracula-Gedöns gespenstisch aus. Über eine enge Steintreppe gelangten wir in einen hohen Raum, in dem ein langer, gedeckter Tisch auf uns wartete. Glastüren führten auf einen Balkon, von dem aus man den Hof des Schlosses überblickt: Der ideale Rahmen für ein romantisches Dinner. Ein Streichquartett spielte, während wir beim Essen über unsere Reise plauderten. Manchmal braucht es nichts weiter als gutes Essen und eine frische Brise, um glücklich zu sein.

Nach dem Aufwachen am letzten Reisetag waren die rumänischen Getreidefelder der Großen Ungarischen Tiefebene gewichen, einer ausgedehnten Graslandschaft im Osten des Landes. Bei unserem letzten Ausflug probierten wir Pálinka (Schnaps) und sahen eine Show mit traditioneller Reitkunst. In Budapest stiegen wir zum letzten Mal aus dem Danube Express aus.

Budapest ist wie Istanbul eine alte Stadt. Römer, Hunnen, Westgoten, Magyaren, Osmanen, Habsburger, Nazis und Sowjets – alle haben einen Teil zu ihrer Geschichte beigetragen. In der Dämmerung verblassten die Türme der Stadt zu Silhouetten. Wie verrückt war doch der Glaube der Menschen, dass Städte, Grenzen und Lebensweisen für die Ewigkeit bestimmt seien, obwohl die Geschichte das Gegenteil bezeugt.

Eines Tages werden vielleicht auch Nostalgiereisen für unser Zeitalter angeboten. Vielleicht besichtigen die Touristen dann unsere Mammutprojekte. Eines Tages – und das steht fest – sind wir dann Teil der Geschichte.

Kluge Gedanken

Der Reisende im Eisenbahnabteil verzehrt sein Butterbrot und widerlegt im Kauen alle Weisheit von Hammurabi bis Hegel.

WALTHER RATHENAU, DT. POLITIKER (1867–1922)