Lesezeit ca. 3 Min.
arrow_back

Mach ich morgen!


Logo von myself
myself - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 13.10.2021

Artikelbild für den Artikel "Mach ich morgen!" aus der Ausgabe 11/2021 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: myself, Ausgabe 11/2021

Diesen Text wollte ich schon vor einer Weile schreiben, zum ersten Mal vor ein paar Jahren, als ich merkte: Bei mir läuft was schief. Aber dann war ich irgendwie verhindert. Wie so oft. Das geht schon länger. Im Studium lernte ich in den Nächten vor Klausuren und Referaten. Meine Diplomarbeit gab ich nach zweimaliger Verlängerung ab. Manche meiner Artikel kommen bis heute zu spät. Immerhiüberweise ich Rechnungen inzwischen pünktlich. Ich hätte in diesen Text auch einsteigen können mit „Hallo, mein Name ist Marija, und ich bin Prokrastiniererin“, aber das klingt, als wäre ich das Problem und nicht diese verrückte Welt.

Mein Abwarten, Aufschieben und Hinauszögern hat mir schon oft Ärger eingebracht

Ich will es gar nicht runterspielen, mein Abwarten, Aufschieben und Hinauszögern, zumal es mir schon genug Ärger eingebracht hat. Es liegt ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von myself. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2021 von Willkommen!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Willkommen!
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von Horoskop. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Horoskop
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von myselfdigital. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
myselfdigital
Titelbild der Ausgabe 11/2021 von Unsere Lieblinge im November. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Unsere Lieblinge im November
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Von der Hand in den Mund
Vorheriger Artikel
Von der Hand in den Mund
Big Little Lies
Nächster Artikel
Big Little Lies
Mehr Lesetipps

... weder an einer Krankheit noch daran, dass ich eine notorische Querulantin bin. Trotzdem manövriere ich mich öfter in die Ecke. Wie damals in der dritten Klasse. Wir sollten Mathe-Textaufgaben lösen, aber ich kam nicht weiter, also kritzelte ich auf einem Blatt Papier rum, kassierte eine Ermahnung und ein paar Minuten später noch eine. Danach stand ich links hinter dem Pult, mit dem Gesicht zur Wand und der Lehrerin im Rücken – eine Situation, die sich in meinem Leben noch ein paarmal wiederholt hat. Jahre später begriff ich, was schiefgelaufen war und eigentlich bis heute schief läuft: Irgendjemand erzählt mir, ich solle mein Bestes geben und möglichst selbstständig und eigenverantwortlich zum Ergebnis kommen, aber bitte innerhalb eines vorgegebenen Rasters.

5 DON’TS

Wie man garantiert NICHTS geregelt bekommt

1 Die Welt retten wollen

Sorry, aber ein bisschen Nachbarschaftshilfe reicht nicht. Ich mach ein Charity-Konzert für Afghanistan. Oder gegen Rechts. Egal, Hauptsache, Beyoncé tritt auf. Wie man an die rankommt?

Sooo konkret ist das Ganze noch nicht. Ob ich monatlich 10 Euro spende? Hey, für Klein-Klein ist echt keine Zeit.

2 Alles gleichzeitig tun

Zwischenziele, Feedbackschleifen: Wenn ich das nur höre! Ich hab doch nicht das Hirn eines Einzellers, ich kann Multitasking. Und wenn ein Problem auftaucht, schiebe ich es weg und kümmere mich um was anderes. Am Schluss zählt ja eh nur das große Ganze. Die Deadline? Pah! Völlig unrealistisch.

3 Chaos für Rhythmus halten

Ideen sprudeln bei mir ab Mitternacht. Was soll ich da um neun im Büro? Ist gegen meinen Biorhythmus. Als kreativer Mensch brauche ich den Thrill, kurz vor knapp zur Hochform aufzulaufen. Da können weltfremde Psychofritzen lange sagen, dass Zeitplanung effizient ist und zufrieden macht.

4 Aussitzen cool finden

Streber springen auf wie dressierte Affen, wenn es um Zahnarzt- Check-ups oder Stromrechnung geht. Die Lässigen dagegen ignorieren das, kostet eh bloß Geld und Nerven. Mindestens die Hälfte erledigt sich doch irgendwann von selbst. Man muss das nur lange genug aussitzen. Oder etwa nicht?

5 Perfektion anstreben

T-Shirts müssen gestärkt und gebügelt Kante auf Kante im Schrank liegen. Ordnung ist das ganze Leben! Kostet Kraft und Disziplin, das schafft nicht jeder.

Aber wer höchsten Ansprüchen nicht genügt, ist – mit Verlaub – ein Loser.

Wer was draufhat, weiß: lieber Burnout als Knitterfalten.

Die Welt steckt voller solcher Raster, Fristen, Abgaben – gleichzeitig sind da all die Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen, privat und beruf lich. Mit der nötigen Disziplin bringt man beides in Einklang. Heißt es. Man synchronisiert sein Leben mit dem Rest der Welt und richtet sich danach, bringt das Kind pünktlich in den Kindergarten, kommt nicht zu spät ins Büro, erscheint rechtzeitig zum Pilates-Kurs. Ich sehe ein, dass es in bestimmten Fällen nicht anders geht. Deshalb käme ich nie auf die Idee, um 11 Uhr im Büro einzulaufen, wenn um 9.30 Uhr eine Konferenz ansteht. Aber muss ich deshalb auch gleich meine Texte eher früh als spät abgeben? Und warum soll ich mich nicht von einer lästigen Steuererklärung ablenken?

Prokrastinieren könnte man auch als kluge Form der Alltagsflucht sehen

Häufig höre ich: „Weil man sich besser fühlt, wenn man eine Aufgabe erledigt hat“ oder „Weil man dann mehr Zeit hat für andere Dinge“. Früher glaubte ich das noch und las Ratgeber, die „Schluss mit der Aufschieberitis“ hießen, schrieb Todo-Listen, priorisierte Aufgaben und übte mich in Zeitmanagement. Aber irgendwann erkannte ich: Mein Leben ist schon so voll, dass ich nicht noch mehr Kapazitäten für irgendetwas schaffen will. Außerdem fühle ich mich mit Prokrastinieren besser als ohne.

Auf die Bauchschmerzen, wenn ich mal wieder zu spät dran bin, könnte ich jederzeit verzichten, klar – auf das Zaudern, Stocken, Nachdenken und Neuansetzen dagegen nicht. Es hilft mir, die Dinge in meinem Kopf zu sortieren, auch wenn es erst mal Unruhe bringt. „Innehalten ist etwas, das wir in unserer gegenwärtigen Welt brauchen würden, immer mehr brauchen würden“, sagt der Philosoph Rolf Elberfeld. Falls das stimmt, wäre Prokrastinieren eine kluge Form der Alltagsf lucht. Aber das rede ich mir als Profi-Aufschieberin bestimmt nur ein. Denn Flucht ist ja nie die Lösung. An-griff aber genauso wenig: Präkrastination, also der Zwang, Dinge früher zu erledigen als nötig, gilt nämlich auch schon als Problem.

Als ich davon las, stellte ich mir eine Welt vor, in der alle immer alles zum richtigen Zeitpunkt tun, nicht zu früh und nicht zu spät. Anderen würde diese Vorstellung womöglich gefallen, ich fand sie eher unangenehm und tat, was ich in solchen Momenten immer tue: Ich schob den Gedanken schnell beiseite.