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Machen HAUSTIERE uns glücklicher?


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 61/2021 vom 12.10.2021

Mensch & Tier

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Bildquelle: flow, Ausgabe 61/2021

Hechelnd lässt sich Chilli, mein zwölfjähriger Havaneser, neben mir ins Gras fallen. Alle viere von sich gestreckt, schaut er mich an, als ich mit meinen Fingern durch sein krauses Fell fahre. Er ist ein Senior, doch auf der feuchten Wiese blüht er auf. Die letzten zehn Minuten ist er wie ein Flummi herumgesprungen, während ich in die schwache Morgensonne geblinzelt und vorsichtig an meiner dampfenden Teetasse genippt habe.

Mein Hund und ich haben ein festes Morgenritual, wenn ich meine Familie und ihn besuche: aufstehen, Tee eingießen, Schuhe anziehen und raus auf die Wiese. Nach 15 Minuten fühle ich mich gut, selbst wenn ich schlecht aus den Federn kam. Die To-do-Liste, die auf mich wartet, sehe ich danach eher als Herausforderung denn als Stresspotenzial. Unser Ritual vermisse ich, wenn ich Chilli nicht um mich habe. Natürlich könnte ich den Tag auch ohne ihn im Grünen starten, ...

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... meistens trinke ich meinen Tee vor dem Laptop. Mein Hund ist mein Ansporn, den Tag anders zu beginnen, mir Zeit zu nehmen – für ihn und mich.

Im Homeoffice, auf den vielen Spaziergängen und an den langen Abenden in den eigenen vier Wänden wünschten sich im vergangenen Jahr immer mehr Menschen ein Haustier. Die Tierheime leerten sich, Züchter wurden mit Anfragen überschüttet. Rund 34 Millionen Haustiere leben Schätzungen zufolge in Deutschland, fast eine Million davon haben im letzten Jahr ein neues Zuhause gefunden, wie der Industrieverband Heimtierbedarf angibt. Allein der Verkauf von Hunden stieg nach Schätzungen des Verbands für das Deutsche Hundewesen um 20 Prozent. Warum sehnen sich so viele Menschen nach einem tierischen Begleiter? Was geben sie, gerade in schwierigen Zeiten?

TIERISCH GESUND

„Tiere erfüllen viele unserer Grundbedürfnisse“, sagt Rainer Wohlfahrt. Er ist Psychotherapeut und Co-Autor des Buchs Die Heilkraft der Tiere. „Ein Haustier bedeutet, eine Aufgabe zu haben. Wir können uns kümmern. Das gibt uns das Gefühl, gebraucht zu werden.“ Zugleich erfahren wir Nähe, wenn wir das Tier streicheln, mit ihm spielen. Gerade in der Pandemie konnte das den Mangel an menschlicher Nähe ein Stück weit ausgleichen. Hundehalter:innen hatten es gut. „Sie hatten immer einen guten Grund rauszugehen und sind unterwegs auch anderen begegnet.“ Ein weiterer Aspekt ist laut Wohlfahrt, dass Tiere verlässlich sind. „Die Welt wird immer unsicherer, ich kann vieles schlecht einschätzen. Die Menschen um mich verändern sich, Kinder gehen irgendwann aus dem Haus. Bei einem Tier ist das anders. Da erwarten mich in der Regel keine großen Überraschungen, wenn es einmal erwachsen ist.“

Auch meine Studienfreundin Ann­ Kathrin gehört zu denen, die sich während der Pandemie ein Tier zu gelegt haben. Sie ist mit einem Hund aufgewachsen, und die Idee, irgendwann einen in ihr Erwachsenenleben zu lassen, war schon immer da. „Ich habe immer auf den perfekten Moment gewartet. Ohne Corona wäre der aber wahrscheinlich nie gekommen. Im Gegensatz zu vielen anderen wurde mein Leben in der Zeit immer schneller“, erzählt sie. Als Fashion Editor bei einem Berliner Verlag musste sie Fotograf:innen, Models und Kleidung für internationale Shootings organisieren. Keine leichte Aufgabe, während die ganze Welt mit unterschiedlichen Maßnahmen gegen das Virus kämpfte. „Ich war 24 Stunden erreichbar, gefangen in meiner Arbeitswelt, Platz für etwas anderes einzuräumen fiel mir schwer. Ich sah kaum noch jemanden aus meinem Freundeskreis oder meiner Familie. Ich suchte verzweifelt einen Gegenpol und entschied mich für einen Hund.“

RUHEPOL MERLIN

Dann zog Merlin bei Ann-Kathrin ein, ein schüchterner Mischling aus dem Tierschutz. Durch ihn wird sie gezwungen, im Job kürzerzutreten, früher Feierabend zu machen, mittags in den Park zu gehen. „Die Pausen, die ich mir für ihn nehmen musste, haben auch mich runtergebracht“, erzählt sie. „Das tat mir unglaublich gut.“ Ihren aufreibenden Job hat Ann­ Kathrin inzwischen gekündigt, arbeitet erst mal als Übersetzerin. „Vermutlich hätte ich diesen Schritt auch sonst früher oder später getan, aber Merlin hat den Prozess beschleunigt.“

„Die Welt wird immer unsicherer, vieles ist schwer einzuschätzen. Ein Tier dagegen ist verlässlich.“

Haustiere unterstützen uns nicht nur in Krisenzeiten. Sie machen uns generell zufriedener und gesünder. Schon in den 1970er-Jahren konnten amerikanische Studien belegen, dass Herzinfarktpatient:innen mit Haustieren eine höhere Chance haben, gesund zu werden. Allein die Anwesenheit von Meerschweinchen oder Katzen senkt Blutdruck und Herzfrequenz, sie setzen Glückshormone frei. Senior:innen fühlen sich mit einem Wellensittich weniger einsam, und Patient:innen mit chronischen Schmerzen schlafen entspannter, wenn ein Hund ihnen im Bett Gesellschaft leistet. Kurzum: Haustiere tun uns gut.

„Eine entscheidende Rolle spielt dabei wahrscheinlich der Botenstoff Oxytocin“, sagt Experte Wohlfahrt. Das sogenannte „Kuschelhormon“ verringert Stress und Ängste, setzt Endorphine frei und stärkt unsere physische Gesundheit. Ausgeschüttet wird es, wenn eine Mutter ihr Kind stillt – oder wir ein Tier streicheln.

ENG VERBUNDEN

Insgesamt hat sich die Rolle des Haustiers in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Aus Nutztieren wurden Begleiter und Freunde, ja sogar Familienmitglieder. Ich erinnere mich noch gut daran, als Chilli vor ein paar Jahren mitten in München auf einmal verschwand. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, ein Leben ohne das Fellknäuel schien mir nicht vorstellbar. Oft ertappe ich mich im Supermarkt, wie ich eine Gelbwurst in meinen Korb lege, obwohl ich Vegetarierin bin und sie sonst keiner isst. Rainer Wohlfahrt zitiert in seinem Buch eine Studie, laut der fast 40 Prozent der Hundebesitzer:innen angaben, zu ihrem Vierbeiner sogar eine größere Verbundenheit zu spüren als zu manch menschlichem Familienmitglied. Die enge Bindung hat für den Experten viel damit zu tun, dass ein Tier weder kritisiert noch wertet. Vor allem Kinder würden von dieser bedingungslosen Akzeptanz profitieren. Sie erfahren Zuneigung, übernehmen Verantwortung und lernen zu vertrauen.

„Mein Hund war für mich wie ein Anker in die normale Welt.“

Doch ist es auch gut für Tiere, dass wir ihnen einen so hohen Stellenwert einräumen? Ich habe meine Zweifel, als ich mich durch das Angebot diverser Onlineshops für Tierbedarf klicke. Da gibt es Adventskalender für Pferde, eine Hacienda für Nager, einen Jogginganzug für Hunde. Expert:innen bezeichnen das als „Humanization“:

Menschliche Bedürfnisse und Trends werden auf das Tier übertragen, die Grenzen zwischen dem Wohl der Tiere und dem Wollen der Halter verschwimmen. „Tiere sind eine Projektionsfläche für vieles“, sagt Rainer Wohlfahrt. „Was sie wirklich brauchen, fällt dabei gern mal hinten über.“

Das merkt auch Julia Fritz. Sie ist Fachärztin für Tierernährung und betreibt Napfcheck, eine Plattform für Ernährungsberatung. Besonders viele Anfragen hat sie in letzter Zeit zu einem Thema bekommen: Kann ich mein Tier vegetarisch oder vegan ernähren? Sie meint: „Sicher kann man überlegen, wie viel Fleisch man seinem Hund geben will. Prinzipiell könnte man ihn auch vegan ernähren. Einen wissenschaftlichen Grund dafür gibt es aber nicht. Es ist ein Trend.“

Bei Katzen sei eine fleischlose Ernährung ausgeschlossen, die Gefahr einer Fehlernährung sei zu groß. „Katzen sind auf Nährstoffe angewiesen, die nur in tierischem Futter enthalten sind. Sie vegan zu ernähren wäre tierschutzwidrig.“ Das Argument, dadurch die Ökobilanz eines Haustieres zu verbessern, findet Fritz schwierig.

„Die Nachhaltigkeitsdebatte sollte nicht auf Kosten von Hund und Katze ausgetragen werden“, betont sie.

Zumindest nicht beim Futter. Bei Körbchen, Spielzeug, Leine kann man ja auf nachhaltige Produkte achten.

BEDÜRFNISSE ERKENNEN

„Wichtig ist es auch, sich des Aufwands bewusst zu sein, den ein Tier bedeutet“, sagt Theresa Gessert, Pressesprecherin vom Hamburger Tierschutzverein. „Wir haben in den letzten Monaten gut vermittelt, warten jedoch traurigerweise schon auf die Abgabewelle.“ In Bremen etwa gilt bereits ein Aufnahmestopp für Hunde. „Viele haben sich gerade Welpen geholt und waren dann erstaunt, dass sie noch nicht stubenrein sind oder alles anknabbern. Das Tier muss funktionieren, und wenn es nicht passt, wird es wieder abgegeben.“

Bei meiner Freundin Ann-Kathrin ist das anders. Merlin lebt nun seit fast acht Monaten bei ihr. Sie haben sich aneinander gewöhnt, wurden ein Team. „Der Hund war für mich wie ein Anker in die normale Welt“, sagt Ann-Kathrin. Ich kann das gut verstehen, wenn ich an meine Morgenroutine mit Chilli denke. Er erdet mich, bringt mich ins Hier und Jetzt.

Kein Wunder eigentlich, dass Tiere sogar als Unterstützung in der Psychotherapie eingesetzt werden. „Achtsamkeit ist dabei ein großes Thema“, sagt Experte Wohlfahrt. „Vielen Menschen fällt es schwer, sich hinzusetzen und einen Bodyscan oder Atemübungen zu machen. Das gelingt offenbar besser, wenn sie die Achtsamkeit nach außen lenken und etwa einen Esel streicheln.“ Ein weiterer Punkt sei, dass es uns Menschen oft schwerfalle, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen, so Wohlfahrt. Bei Tieren ist das ganz anders.

„Eine Katze maunzt, wenn sie Hunger hat, ein Hund springt uns an, wenn er spielen will. Zu erkennen, wie die Tiere damit umgehen und dass es völlig in Ordnung ist, seine Bedürfnisse kundzutun – das tut vielen Menschen gut.“

MEHR LESEN?

• Rainer Wohlfahrt, Bettina Mutschler: Die Heilkraft der Tiere (btb)

• Masih Samin: Stadt-Wölfe: Wie wir der Natur unserer Hunde in der modernen Welt gerecht werden (GU)

TEXT ANTONIA FALTERMAIER