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Machen wir doch einfach mal … … nichts!


Für Sie - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 19.02.2020
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Bildquelle: Für Sie, Ausgabe 6/2020

MÄUSE JAGEN? ACH WAS. WOZU GIBT’S KATZENFUTTER.


Zum Nichtstun braucht man ja nicht viel: Man kann es überall damit versuchen. Auf dem Sofa, der Parkbank oder im Zug, es macht sich hervorragend beim Spazierengehen oder in der Badewanne. Einfach den Gedanken freien Lauf lassen und abschalten. Schön. Aber schwer: Während man als Kind den ganzen Tag auf der Wiese liegen konnte, einen Grashalm im Mund, gemütlich in die Sonne blinzelnd, vor einem nichts als nichts, ist man heute stets im Erledigungs-Modus: Irgendeine Mail oder WhatsApp-Nachricht wartet schließlich immer auf Antwort. Man könnte auch eben noch ...

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... ein Bild dieser hübschen Krokusse am Wegesrand auf Instagram posten. Dies oder das googeln, dabei wieder bei einer Neuigkeit hängen bleiben, die im Augenblick - ganz genau: nichts für einen tut. Es ist verrückt, selbst wenn man mit guten Vorsätzen ans Nichtstun geht, macht man am Ende doch wieder etwas. „Wir sind leider geprägt von dem Gedanken: Nichtstun ins Zeitverschwendung“, sagt Neuropsychiater Theo Compernolle und Autor von „How to unchain your Brain“. Höchste Zeit, das zu ändern.


Ohne Reize von außen sortiert sich das Gehirn - die perfekte Basis für neue Ideen


ARCHIV-ARBEIT

Schaffen wir es nämlich tatsächlich, nichts zu tun, befasst sich das Gehirn mit sich selbst. Es schaltet in das sogenannte Default Mode Network, das übersetzt so viel wie Ruhezustands-Netzwerk bedeutet. Was nach Entspannung klingt, ist für das Gehirn jedoch Hochleistung. Statt äußere Reize aufzunehmen, fokussieren wir uns nach innen. Dabei sind in unserem Kopf Areale aktiv, die sich mit Selbstbezug, dem autobiografischen Erinnern und dem Ausmalen der Zukunft befassen. Compernolle spricht auch vom archivierenden Gehirn.

„In unserem Gehirn sind etwa 2,5 Millionen Gigabyte Informationen abgespeichert, das entspricht etwa drei Millionen Stunden Fernsehen“, erklärt der Experte. In Ruhezeiten geht es diese Infos durch. „Sie müssen sich das wie ein Team aus Millionen intensiv zusammenarbeitender Bibliothekare und Archivare vorstellen. Sie schauen sich die neuen Informationen an, ordnen, sortieren aus, speichern und bringen sie in einen Kontext. Darüber hinaus forschen sie im Archiv nach älterem Wissen, das dafür bedeutsam sein könnte. Dabei sind die ‚Archivare‘ kreativ und erzeugen neue, verblüffende Assoziationen“, sagt Theo Compernolle.

In Ruhephasen, unter der Dusche oder beim Spazierengehen, kommen uns so häufig die besten Einfälle. Nichtstun als Ideenschmiede also. Vielleicht hat das auch mit der Distanz zu tun, die wir in Zeiten des Nichtstuns zu den Dingen haben: Wir treten einen Schritt zurück und betrachten Probleme wie ein Bild, das an der Wand hängt - und das wir mit Abstand besser in seiner Gänze erfassen können.

VON MUSKELTRAINING UND ABLENKUNGSMANÖVERN

„Unser Gehirn funktioniert wie ein Muskel. Nach Zeiten der Anspannung brauchen wir entsprechende Entspannung“, weiß Compernolle. Sitzen wir etwa zu lange vor dem Computer, werden wir irgendwann fahrig und reizbar - ein sicheres Indiz dafür, dass unsere primitiven Reflexe übernommen haben. Laut Compernolle seien diese routinierten Abläufe für unsere Vorfahren in der Savanne überlebenswichtig gewesen. Im Büro sorgen sie dafür, dass uns nichts mehr gelingt: Wir treffen dann schlechte Entscheidungen. Werden aggressiv und einfallslos. Da hilft nur: eine Runde nichts tun. Aber … was genau ist das eigentlich? Ist es okay, dabei Auto zu fahren? Joggen zu gehen? „Sie können im Prinzip alles machen, was automatisch abläuft, bei dem Sie nicht viel nachdenken müssen“, so Compernolle.

Der Gebrauch von Tablets und Smartphones zählt jedoch nicht dazu, im Gegenteil: „Sind wir stets mit unseren mobilen Medien verbunden, kommt unser Gehirn nicht mehr zur Ruhe, obendrein schlafen wir nicht genug. Die Folgen: Unser Archivierungshirn kann seine Arbeit nicht tun, und wir sind weniger kreativ. Denn die Quelle unserer Kreativität und Erkenntnisse ist das, was in unserem Langzeitarchiv gespeichert ist.“

Hinzu kommt der Informations-Overload: Noch mehr zu verarbeitende Neuigkeiten aus dem Internet bedeuten noch weniger Zeit für die Pflege unseres „Privat-Archivs“. Nur leider sind wir heutzutage abhängig davon, verbunden zu sein. „Bei jeder Internet- Suchanfrage oder beim Blick in die Mailbox schüttet unser Körper eine kleine Dosis des Botenstoffs Dopamin aus. Wir fühlen uns gut - für ein paar Minuten. Dann brauchen wir die nächste Dosis“, sagt Compernolle. Auch der soziale Druck und die Sorge, etwas zu verpassen, seien Gründe, warum wir das Smartphone auch in Ruhephasen nicht aus der Hand legen können. Abgesehen davon erweckt es den Anschein, dass wir ziemlich beschäftigt sind. Und wer viel beschäftigt ist, scheint bedeutsam zu sein.

BEIM NICHTSTUN AM BESTEN NICHT ERWISCHEN LASSEN.


Fotos: Melanie DeFazio/Stocksy United (2)

NICHTSTUN HAT EIN IMAGE-PROBLEM

Kein Wunder also, dass Nichtstun keinen guten Ruf hat. In einer Studie von Forschern um den Sozialpsychologen Timothy Wilson von der University of Virginia bevorzugten zwölf der 18 männlichen Probanden und sechs von 24 Frauen sogar kleine Stromstöße, statt 15 Minuten in einem Raum ohne Ablenkung zu verbringen. Dazu kommt: Wer das Nichtstun im Hausgebrauch zelebrieren möchte, trifft gleich auf mehrere Probleme. Zum einen muss man Vorkehrungen treffen, die an das „Bitte nicht stören“-Schild in Hotels erinnern: Wer auf die „Hast du gerade nichts zu tun?“-Frage des Partners mit „nein“ antwortet, hat naturgemäß schon verloren. Prompt wird man daraufhin mit Aufgaben wie Spülmaschineausräumen bedacht. Besser also, man lässt sich beim Nichtstun nicht erwischen. Und redet auch hinterher nicht darüber. Wer auf die Frage:


Vielleicht sollten wir es einfach anders nennen. „Niksen“ zum Beispiel


„Und was hast du heute gemacht?“ mit dem Statement: „Nichts“ antwortet, kann sich eines Gesichtsausdrucks sicher sein, der zwischen Mitleid, wenn nicht sogar Missachtung schwankt. Vielleicht sollten wir uns dafür Antworten parat legen wie: „Ich habe mein Gehirn defragmentiert“, „eine Ideenschmiede eröffnet“ oder „an meinem Glücksquotienten gearbeitet“. Arbeiten klingt schließlich immer gut. Oder wir leihen uns im Zuge von Wohlfühl-Trends wie dem dänischen „Hygge“ („gemütlich“) oder dem schwedischen „Lagom“ („maßvoll“) den Begriff „Niksen“ bei den Niederländern aus. Das bedeutet übersetzt zwar auch Nichtstun (wörtlich sogar: „herumhocken“). Klingt aber nach einer großen Portion Lässigkeit und Glück. Und das liegt manchmal tatsächlich nur eine Auszeit auf der nächsten Parkbank entfernt.

Das macht doch nichts!

Lange Auszeiten sind toll, klar. Manchmal reichen aber auch kurze Momente, um aus dem Nichtstun Kraft zu schöpfen. So gelingt’s:

1. Luftschlösser bauen Es klingt ein wenig banal, aber vorüberziehende Wolken oder den Sternenhimmel zu beobachten ist so etwas wie ein Türöffner zum gedanklichen Nichtstun.

2. Im Grünen Bäume und Pflanzen sind wahre Abschalt-Beschleuniger. Der Blick ins Grüne hat einen positiven Einfluss auf das Gehirn. Wer keinen Park um die Ecke hat, kann sich mit Zimmerpflanzen trösten.

3. Mach mal Pause Es nützt nichts, die Mittagspause ausfallen zu lassen: Arbeiten wir durch, werden wir ineffizient. Theo Compernolle empfiehlt: Mindestens 20 Minuten abschalten.

4. Check-in Buchen Sie sich ein Zimmer im Hotel Ihrer Stadt. Das hilft, große und kleine To-Dos in den eigenen vier Wänden geflissentlich zu ignorieren - und das Nichtstun in reinster Form zu zelebrieren.

5. Zwischenzeiten (nicht) nutzen Egal, ob die Wartezeit beim Arzt oder der Arbeitsweg mit der Bahn: Diese kleinen Auszeiten sind Zeitgeschenke fürs Gehirn - wenn das Smartphone aus bleibt.

6. Notiz im Kalender Wer sich Auszeiten rot in seinem Kalender markiert, nimmt sie ernster - und hält sie auch ein.

7. Hintergrund-Teppich Automatisierte Aktivitäten wie Joggen oder Radfahren sind die perfekte Bühne, auf dem sich das gedankliche Nichts entfalten kann.

8. Inspirations-Quelle Falls Sie trotzdem unbedingt etwas tun möchten: In dem Buch „Das Beste, was wir tun können, ist nichts“ (Fischer Verlag) widmet sich der Autor Björn Kern inspirierend- amüsant den großen und kleinen Problemen des Nichtstuns.