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Machen wir uns NIX VOR!


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green Lifestyle - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 05.01.2022

März 2020: Anna Maas sitzt erkältet, verunsichert und mit Kleinkind zu Hause im ersten Lockdown einer weltweiten Pandemie und versucht diese Krise als Chance zu begreifen. Sie bemüht sich, die positiven Seiten zu sehen, neue Rezepte auszuprobieren und sich am Frühling zu erfreuen. Ganz nach dem Motto: Good Vibes Only! Doch die Realität ist eine andere: Viele Tage sind geprägt von Frust, Angst und Müdigkeit.

Auf Instagram sieht es dagegen so aus, als sei sie die Einzige, die es nicht schafft, der Situation etwas Gutes abzugewinnen.

Als dann noch ihre Freundinnen mit Dankbarkeitstagebüchern und Yogaübungen um die Ecke kommen, reicht es der Journalistin endgültig. Das Phänomen hat einen Namen: Toxic Positivity. Demnach kann jede Situation – sei sie noch so schrecklich – zu etwas Positivem genutzt werden. Das Problematische daran ist, dass sich die wenigsten Sorgen und Probleme mit ein bisschen ...

Artikelbild für den Artikel "Machen wir uns NIX VOR!" aus der Ausgabe 1/2022 von green Lifestyle. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: green Lifestyle, Ausgabe 1/2022

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... Meditation und einem heißen Bad lösen lassen. Obendrauf kommt das schlechte Gewissen, wenn man es nicht schafft: Denn Glück ist doch nur eine Frage der inneren Einstellung – oder?

INTERVIEW

Anna Maas ist als Journalistin und Content- Allrounderin auf freiberuflicher Basis für verschiedene Medien und Unternehmen tätig. 2018 startete sie ihren Blog Think Fem, auf dem sie über Gleichberechtigung, Mutterschaft und beeindruckende Frauen schreibt.

Wann wird positives Denken toxisch?

Die Ideologie des positiven Denkens verspricht uns, ein glücklicheres Leben zu führen, indem wir einfach nur umdenken. Frei nach dem Motto: Du kannst die Umstände nicht ändern, aber du kannst ändern, was du daraus machst. Im Umkehrschluss bedeutet das aber: Wer nicht glücklich ist, ist selbst schuld. Wenn du ein Tief hast, wenn du genervt bist, wenn du dich unfair behandelt fühlst, dann ist das dein Problem. Du musst umdenken. Du bist verantwortlich für deine Emotionen. Also: Mach dich locker und arbeite an deinem Mindset! Diese Einstellung halte ich für toxisch. Niemand ist davor gefeit, Unglück, Schmerz, Trauer oder den ganz alltäglichen Stress zu erleben – diese Emotionen zu verdrängen, ist ungesund und baut wahnsinnig viel Druck auf. Emotionen anzunehmen und zu akzeptieren bringt alle weiter, denn nur so können wir uns selbst und anderen näherkommen sowie als Gesellschaft zusammenwachsen.

Was ist an dem Konzept, dass man sein Glück vermeintlich selbst in der Hand hat, so problematisch?

Es ist problematisch, dass die Verantwortung auf das Individuum geschoben wird. Teilweise mag das Konzept ja funktionieren – ich kann den Regen verteufeln und den ganzen Tag schlechte Laune haben oder mir einfach Gummistiefel anziehen, in die Pfützen springen und eine gute Zeit haben. Aber es gibt eben viel existenziellere und strukturelle Probleme. Rassismus, Sexismus, Diskriminierung, soziale Ungerechtigkeiten, beispielsweise. Betroffene können nichts dafür, dass sie in so eine Gesellschaft hineingeboren wurden. Es ist doch perfide, diesen Menschen zu sagen: „Hey, du hast dein Glück selbst in der Hand, also steh drüber und bleib locker.“ Zudem unterstützt man die strukturelle Diskriminierung, wenn man alles einfach nur weglächelt und ignoriert. Wir brauchen Wut, wir brauchen vermeintlich negative Emotionen, wir brauchen laute Stimmen, um etwas zu verändern. Das gilt für private Umstände übrigens genauso.

Warum wird uns beigebracht, negative Emotionen zu unterdrücken oder in etwas Positives zu verwandeln?

Zum einen fühlt sich gute Laune einfach gut an. Das weiß jeder von uns. Da ist es ein natürlicher Reflex zu sagen: Dieses Gefühl will ich so oft wie möglich spüren. Zum anderen ist es, glaube ich, ein gesellschaftlich erlerntes Narrativ, das wir alle verinnerlicht haben und weitergeben. In der Werbung, in den Magazinen, in vielen Filmen: Überall sehen wir glückliche Gesichter und ein Happy End. Ewiges Glück und positive Emotionen sind das Ziel. Wir teilen in gute und schlechte Gefühle ein, letztere sollten wir schnell loswerden, so wird es uns überall vermittelt. Wenn beispielsweise jemand mies drauf ist oder trauert, ist unser erster Impuls, diese Person aufzuheitern. Dabei würde es viel mehr helfen, zuzuhören, mitzufühlen und zu sagen: Stimmt, ist grad alles blöd.

In dem Kapitel „Lächel doch mal!“ – Die Wut der Frauen? beschreiben Sie, dass Frauen und Mädchen häufiger betroffen sind als Männer. Warum ist das so?

Ich glaube, dass Frauen in unserer Gesellschaft stärker als Männer dem Druck ausgesetzt sind, lieb, nett und attraktiv zu sein. Fast jede Frau hat in ihrem Leben schon mal den Satz „Lächel doch mal!“ gehört, teilweise von wildfremden Männern. Wenn ein Mann zornig und laut wird, gilt er eher als durchsetzungsstark, eine zornige, laute Frau wird eher als frustriert oder zickig abgestempelt. Schon kleinen Mädchen wird vermittelt, dass Wut unattraktiv, unweiblich und unsympathisch sei. Diese Emotionen werden deshalb von klein auf verdrängt und unterdrückt. Wir haben diese Prägungen von unseren Eltern mitbekommen, die wiederum von ihren Eltern – gar nicht so einfach, von diesen Idealen loszukommen. Ich erwische mich ja selbst ab und zu dabei, dass ich zu meiner Tochter „Meine kleine, süße Maus“ und zu meinem Sohn „Mein großer, starker Junge“ sage. Das steckt tief in uns drin, leider.

BUCHTIPP:

Die Happiness-Lüge - Wenn positives Denken toxisch wird • Anna Maas • Eden Books Verlag • 2021 • 16,95 Euro (D)

Können Sie sich erklären, warum gerade auf Instagram und in der Welt der Influencer kein Platz für Emotionen wie Wut, Trauer oder Unsicherheit ist?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Positivität als Idealbild gilt. Tränen, Wut, Trauer, Unsicherheit, das kommt einfach nicht so gut an. Und das zeigt sich dann bei den Zahlen: Perfektionierte Happiness-Gute-Laune-Bilder bringen einfach mehr Likes. Und Influencer brauchen Likes, um Werbekundschaft zu generieren. Werbende wollen sowieso nur positive Botschaften aussenden. Somit sind positive Vibes und schöne Bilder das Kapital der Influencer. Zum Glück gibt es inzwischen viele Kanäle, in denen ehrliche Botschaften aus dem echten Leben Platz finden – nur schade, dass solche Postings immer noch weniger Likes und Follower bekommen als die großen Influencer. So wird das Heile-Welt-Narrativ weiter verstärkt.

Verstärken soziale Medien Toxic Positivity vielleicht sogar?

Absolut! Wir haben unser Smartphone immer dabei, verbringen teilweise mehrere Stunden am Tag mit den Geräten – und ein Großteil der Zeit mit den sozialen Medien. Wenn hier jeden Tag das Heile-Welt-Narrativ auf uns einprasselt, rutschen wir schnell in die Frustration:

Wieso geht es allen so gut, nur mir nicht?

Wieso krieg ich es einfach nicht auf die Reihe, immer glücklich zu sein? Neben dem idealisierten Körperbild bekommen wir eine idealisierte Lebens- und Verhaltenswelt präsentiert, die toxisch wirken kann.

Haben Sie ein paar Tipps, wie man sich gegen Toxic Positvity am besten wehrt?

Im Hinblick auf die sozialen Medien ist es eigentlich ganz einfach: rigoros aufräumen! Allen Kanälen entfolgen, die einem ein doofes Gefühl geben und ehrlichere Kanäle finden, die einem guttun. In der realen Welt hilft es, mit gutem Beispiel voranzugehen, glaube ich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass aus oberflächlichem Smalltalk echte Gespräche mit Tiefgang werden können, wenn man sich selbst öffnet sowie ehrlich und ungeschönt erzählt, wie’s läuft.

Wie oft ich schon gehört habe: „Danke, dass du das sagst, jetzt fühle ich mich nicht mehr wie ein Alien!“ Und natürlich kann jeder an sich selbst arbeiten. Kaum jemand ist frei von Toxic Positivity – also immer mal wieder überprüfen, wie man auf negative Emotionen bei sich selbst und bei Freunden, Verwandten und Bekannten reagiert. Mitgefühl und Selbstmitgefühl kann man trainieren.

Wie kann ich einem geliebten Menschen in einer schwierigen Situation beistehen, ohne ihn oder sie überzeugen zu wollen, das Ganze positiv zu sehen?

Zuhören. Aushalten. Nicht sofort die eigenen Erfahrungen und Gedanken rauslassen, sondern erstmal aufnehmen und annehmen, was der andere empfindet. Das ist so viel schwieriger, als man denkt! Wir wollen alle immer helfen und Lösungen finden, so haben wir es gelernt. Doch meistens ist es das Beste, einfach nur zuzuhören, in den Arm zu nehmen und mitzufühlen. Wer gerade eine harte Phase durchmacht, hört lieber die Aussage: „Das ist gerade wirklich heftig, was du durchmachst“, als den Satz: „Ach komm, mach einfach das Beste aus der Situation.“ Übrigens: Genauso sollte man mit sich selbst umgehen.

Wieso bekommen werdende Mütter und Mütter generell Toxic Positivity besonders zu spüren?

Wir kennen doch diese Bilder aus der perfekten Welt: Die Schwangere streichelt verliebt lächelnd ihren Bauch, nach neun Monaten kommen ein paar Schreie aus dem Kreißsaal und danach hält eine Mutter ihr Baby überglücklich im Arm. Danach folgt die Wochenbett-, äh – Kuschelzeit, in der man sich kennen- und lieben lernt. Dann schiebt die Mami, natürlich mit dem perfekten After-Baby- Body, ihren Kinderwagen durch die Straßen. Dieses Bild ist toxisch.

Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und die ersten Monate mit einem Baby sind heftige Umbrüche im Leben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass diese emotionale Achterbahn einen ziemlich aus der Bahn werfen kann, manchmal ist alles einfach nur anstrengend und doof. Irgendwie ist nichts so perfekt wie erwartet. Doch so etwas zu äußern, gilt immer noch als riesen Tabu. Und statt Mitgefühl erntet man Aussagen wie: „Sei froh, dass du so schnell schwanger geworden bist!“ oder „Sei froh, dass du ein gesundes Kind hast!“ Mütter tragen immer noch so eine Art Heiligenschein, dem sie gerecht werden wollen. So fühlt man sich erst recht falsch, wenn man unangenehme Emotionen spürt.

Wieso ist das Thema gerade in der Pandemie so aktuell?

Die Aussage „Mach das Beste draus!“ ist zum Dauerbrenner geworden. Wir wurden alle in diese neue Situation geschleudert, die alles durcheinandergebracht hat und durch die viele Bedürfnisse nicht mehr erfüllt wurden. Neben emotionalen Herausforderungen kamen bei vielen Menschen existenzielle Nöte auf und selbstverständlich die Sorge oder Angst vor der Krankheit selbst. Doch nach außen hin haben viele Menschen gerade am Anfang der Pandemie den positiven Schein gewahrt. Neue, digitale Ideen entstanden, alle begannen plötzlich mit Gemüseanbau, Brotbacken oder haben zumindest Keller oder Kleiderschrank ausgemistet. Man konnte fast meinen, die Krisensituation sei für manche ein Geschenk gewesen. Und solche Darstellungen können für andere, denen es gerade wirklich nicht gut geht, toxisch wirken. Mir ging es ebenfalls so. Ich war an manchen Tagen einfach froh, wenn ich geduscht und gegessen hatte – Online-Startups, Basteltipps und Good Vibes Only Postings haben mich echt unter Druck gesetzt und mir das Gefühl gegeben: Ich hab‘ mich nicht im Griff.

Wie hängt Toxic Positivity mit strukturellem Rassismus zusammen?

Betroffene bekommen einiges zu hören: Rassismus existiere gar nicht, man würde einfach nur Aufmerksamkeit suchen und sowieso, wenn man genug Selbstbewusstsein habe, könne man doch über blöden Sprüchen drüberstehen. Statt die Gesellschaft verändern zu wollen, solle man lieber die eigene Einstellung ändern und positiver denken. Toxic Positivity kann dann das Gefühl geben, dass Rassismus kein strukturelles, sondern ein persönliches Problem sei, dass man einfach nicht gelassen und positiv genug sei. Das ist nicht nur falsch, sondern tragisch, weil auf diese Weise Emotionen unterdrückt werden, Betroffene ihr Leben lang ihre eigenen Empfindungen als falsch einordnen und sich am strukturellen Rassismus nichts ändert.

Was hat sich für Sie verändert, seitdem Sie bewusst versuchen, nicht mehr toxisch positiv zu denken beziehungsweise zu reagieren?

Ich sage mir ganz oft bewusst: Es ist okay, so zu fühlen. Ich bin wirklich netter zu mir selbst geworden, nehme meine Emotionen an, ordne sie besser ein und kann viel leichter mit ihnen umgehen. Im Gespräch mit anderen versuche ich, mehr zuzuhören, weniger selbst zu reden, keine „Mach’s doch einfach so!“-Ratschläge zu geben und mehr Empathie zu zeigen. Ich habe das Gefühl, dass die Gespräche so ehrlicher und intensiver werden, wenn die Emotionen mehr Raum bekommen. Das klappt nicht immer, gerade bei Streitigkeiten in der Partnerschaft bin ich immer noch viel zu schnell in der Rechtfertigung und setze zum Gegenangriff an, statt zuzuhören und anzunehmen. Aber hey – wir sind alle keine Maschinen.