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Macht Alleinsein Angst, DANIEL SCHREIBER?


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emotion - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 01.06.2022

Männergefühle

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Bildquelle: emotion, Ausgabe 7/2022

N ochnie haben so viele Menschen bei uns allein gelebt. Es ist Ausdruck unserer Freiheit und kann doch unfreiwillig beklemmend werden. Gerade in der Pandemie haben viele gespürt, wie schmal der Grat zur Einsamkeit ist. Der Berliner Essayist Daniel Schreiber schreibt: „Ich habe nie davon geträumt, dass Freundschaften, nicht Partnerschaft und Familie die für mich wichtigste Sphäre der Nähe darstellen.“ Und so sehr er sein Leben mag, sei da auch ein Rest Sehnsucht, schreibt er in „Allein“, seinem Buch, das nicht zufällig gerade ein Bestseller ist.

Bärbel Schäfer ist mit Mann, zwei Söhnen und Hund in einer ganz anderen Situation, als sie vor der Aufgabe steht, nach Ava zu schauen, der Schwester einer Freundin, die einen Unfall hatte.

Bald merkt sie, Avas Verletzungen liegen tiefer, und beim Versuch, eine Verbindung zu Ava aufzubauen, wirft die Erinnerung sie auf eigene Momente der ...

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... Einsamkeit zurück. Alleinsein und Einsamkeit sind noch immer schambehaftet.

Ein Gespräch, wieso wir da rausmüssen.

Daniel, wo siehst du den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit?

Das Alleinsein kannst du dir gestalten, Einsamkeit nicht. Einsamkeit ist ein psychischer Ausnahmezustand, der eintreten kann, wenn wir gravierende Umbrüche erleben, oder lange keine sozialen Kontakte haben. Theoretisch wusste ich, wie viele Menschen allein sind, aber wie viele darüber nachdenken und manchmal ein Problem damit haben, ist mir erst allmählich bewusst geworden.

Vor Kurzem ist mir eine Frau beim Einkaufen begegnet, die Avas Geschichte gelesen hat, und mit Tränen in den Augen sagte: „Ich bin genauso einsam wie Ava.“ Das hat mich aufgewühlt. Sie hat etwas ausgesprochen, was für viele stark tabuisiert ist. Sind wir vorbereitet auf das Alleinsein?

Mein Thema ist ja das Alleinleben, dein Thema die Einsamkeit, dabei gibt es Überschneidungen, denn das Alleinsein spielt eine Rolle in „Avas Geheimnis“ und Einsamkeit in „Allein“. Es geht um die Fremdbestimmung, die wir täglich aufs Neue verinnerlichen. Kulturelle Vorstellungen aus Filmen, Serien, Büchern, die uns permanent vorgeben, wie ein glückliches Leben zu sein hat.

Kommen wir bei all diesen gesellschaftlichen Erwartungen überhaupt noch dazu, uns die Frage zu stellen: Wie will ich eigentlich leben?

Wir erleben gerade, dass der soziale Wandel schneller stattfindet, als sich die dominierenden kulturellen Vorstellungen ändern. 18 Millionen Menschen leben bei uns allein, das sind 40 Prozent mehr als zu Beginn der 1990er-Jahre.

Und alle haben ihre eigene Realität.

Die Vorstellungen vom Singledasein sind oft negativ konnotiert. Noch immer wird Singles unterstellt, ihnen mangele es an etwas.

Ist das nicht absurd? Zu behaupten, das eigentliche Leben beginnt erst, wenn wir mit jemand zusammenziehen und eine eigene Familie gründen.

Du bist Single, welches Gefühl begleitet dich dabei?

Ich kenne das Gefühl, dass mir in meinem Leben vielleicht etwas fehlt. Aber das ist etwas anderes als der äußere Blick auf meine Lebensform. Ich wollte ein Plädoyer für ein selbstbestimmtes Alleinleben schreiben, ohne dass es sich gegen andere Lebensmodelle richtet.

Wir sollten aufhören, Lebensentwürfe zu hierarchisieren.

„Mach mal Kompromisse.“, „Dir ist auch keine*r gut genug.“, „Du hast zu hohe Ansprüche.“: Das sind Sätze, die Alleinlebende immer wieder zu hören bekommen, wie ein Vorwurf, sich im Alleinsein eingerichtet zu haben.

Das wäre doch wunderbar, sich einzurichten in seinem eigenen Leben – ob wir nur kurzfristig oder längerfristig planen, allein zu leben. Das ist toll!

Richte dich ein. Es ist möglich, alleinlebend glücklich zu sein!

Du kennst beides: das Leben als Paar und allein. Wieso schwingt in „Allein“ ein Unterton der Trauer mit?

Es ist die Trauer der uneindeutigen Verluste. Ein Schmerz über Erwartungen und Vorstellungen, die sich vielleicht nicht mehr erfüllen in diesem Leben.

Diese Trauer schwingt mit in Ambivalenzen, sowohl in einer Partnerschaft als auch beim Alleinleben oder im klassischen Familienmodell. Erlebst du das mit Familie ganz anders?

Diese nagenden unerfüllten Erwartungen kenne ich. Familie heißt ja auch, permanent diskutieren, bespaßen und emotional gefordert sein – schlichten, trösten, aufbauen, das kostet Energie.

Pflanzen gießen, einkaufen, der Hund muss raus, die Mutter hat auch noch Themen zu besprechen ... Da ist es schwer zur Ruhe zu kommen. Ich hätte gern manchmal mehr Raum für mich.

Kannst du dir Freiräume schaffen?

Das ist ein tägliches Ringen. Ich frage mich überhaupt: Wann kommen wir mit unseren Bedürfnissen bei uns an?

Was wir brauchen, ändert sich ja auch mit den Lebensphasen. Und ich glaube, wir tun gut daran, auf unserer Lebensreise gut mit uns zu sein.

„Es ist möglich, alleinlebend glücklich zu sein“

Ja. Ich glaube auch, wir tun gut daran, die Vorstellung von einem guten Leben zu hinterfragen. Sich von Erwartungen zu lösen oder sie zu modifizieren, wenn sie eben nicht – mehr – zu uns passen.

Das ist eine innere Arbeit, die jede*r nur für sich selbst leisten kann.

Manchen fällt das aber sehr schwer. Ava habe ich als jemanden erlebt, die auf ganz wackeligem Grund steht. Die Einsamkeit hat sie so aus der Bahn geworfen, dass sie sozial geradezu verkümmert ist. Irgendwann war sie an dem Punkt, dass sie sich auch niemandem mehr zumuten wollte. Ihren selbstzerstörerischen Blick aufs Leben fand ich sehr schmerzlich. Die Mails, aus denen ich zitieren durfte, zeigen ein verstörendes Maß an Isolation, so ganz ohne Netzwerk an Freund*innen, das einen trägt, wie du das kennst.

Sie hat in dir eine Freundin gefunden.

Mir sind Freundschaften wichtig, aber ich versuche inzwischen, keine zu hohen Erwartungen an meine Freund*innen zu stellen. Ich versuche, sie als die Menschen wahrzunehmen, die sie sind.

In ihrer Andersartigkeit, in ihrem Sein.

Wo siehst du Grenzen bei dem, was Freundschaft leisten kann?

Ich versuche, kein idealisiertes Bild zu haben. Aber ich kann mich auch nicht völlig frei von den Erwartungen machen. Erwartungen an Freund*innen werden dann zum Problem, wenn wir unseren selbstbezogenen Horizont nicht verlassen und diesen freundschaftlichen Beziehungen einfach unser narzisstisches Begehren überstülpen.

Was meinst du genau?

Freund*innen müssen mich nicht immer verstehen, ich verstehe sie auch nicht immer. Sie müssen nicht immer für mich da sein, ich bin es auch nicht für sie. Sie haben schlechte Tage und dann fällt es ihnen schwer, ihre Aufmerksamkeit weg von sich und ihrem Umkreis auf etwas anderes zu lenken.

Das ist in Ordnung.

Du sprichst in „Allein“ von einem universalen Bedürfnis nach Nähe.

Ja, ich glaube, dass wir dieses Bedürfnis alle haben und es auf unsere Art im Leben stillen müssen. Die romantische, intime Beziehung ist nicht der einzige Weg, um Nähe zu spüren, das kannst du auch über Freundschaften erleben, obwohl diese Beziehungsform anderen Normen und Regeln folgt als die Liebe.

Nähe verbinden wir auch mit Sinnlichkeit, Lust und Sex in der Liebe. Können Gespräche und gemeinsame Unternehmungen das ersetzen?

Funktionierende romantische Beziehungen decken da tatsächlich etwas anderes ab. In Freundschaften lassen sich dafür andere Aspekte leichter abdecken.

Zum Beispiel?

Sich Freiheit zu lassen, nicht auf bestimmte Erwartungen zu pochen, das fällt den meisten von uns in Freundschaften leichter als in der Liebe.

Bei meiner Begegnung mit Ava hat mich fasziniert, dass sie viele Muster von Freundschaft irritierend oft gebrochen hat. Sie hat entschieden, wann sie sich meldet, wie viel Nähe und Distanz sie braucht. Was glaubst du, woher kommt es, dass so viele, die allein oder einsam sind, darüber schweigen?

Es fällt nicht so schwer auszusprechen: „Ich bin allein.“ Zu sagen: „Ich bin einsam“ fällt schwerer. Ich glaube wirklich, dass es daran liegt, dass wir unser Leben gestalten können, wenn wir allein sind. Einsamkeit hat etwas Lähmendes.

Männergefühle

„In einer akuten Phase der Einsamkeit sollte man sich Hilfe holen“

Du hast das Alleinsein für dich positiv besetzt. Ja, für mich bedeutet es, Zeit zu lesen, spazieren zu gehen, zu kochen.

Woher kommt die Scham, sich als einsam zu bekennen?

Wir haben vermutlich alle schon Einsamkeit erlebt oder werden sie noch erleben. Sie gehört zum Leben dazu. Oft ist das so traumatisch, dass wir das Gefühl lieber abspalten.

Das heißt, wir vergessen, wie schmerzhaft Einsamkeit sein kann, wenn wir diese Lebensphase verlassen haben?

Ja, wir können uns dann nicht mehr daran erinnern. Dieses Negieren der eigenen Einsamkeit macht es so schwer, sie bei anderen einsamen Menschen empathisch zu spüren. Menschen haben bei dem Thema fast Angst sich anzustecken.

Was sind Wege aus der Einsamkeit?

Das, was wir gerade tun: darüber sprechen. Dem Thema die Scham nehmen.

Hat die kollektive Erfahrung von Einsamkeit durch die Lockdowns in der

Pandemie unsere Wahrnehmung verändert? Viele alleinlebende Menschen haben sich im Lockdown einsam gefühlt. Gerade weil es eine Ausnahme war, aber unausweichlich, unabhängig davon, ob dich deine biografische Situation dafür anfällig macht.

Großbritannien hat ein Ministerium für Einsamkeit und rückt das Thema gesellschaftspolitisch in den Fokus.

Einsamkeit hat gesundheitliche Folgen, Einsame entfalten nicht ihr volles Potenzial. In den sozialen Medien wecken viele den Anschein als wären sie beziehungshochbegabt, ständig mit der Welt in Kontakt. Reine Selbsttäuschung oder echte Verbundenheit?

Ich kenne das Gefühl der Verbundenheit über die sozialen Medien durchaus.

Immerhin ist das Netz keine Einbahnstraße – wir können in Kontakt treten.

Mit Ava wäre ich ohne Mails nie in Kontakt gekommen. Das war anfangs ihre Möglichkeit, Nähe zwischen uns zuzulassen. Was können wir tun, wenn uns jemand fragt: Wie klopft das Glück endlich auch an meine Tür?

Die innere Arbeit ist wichtig. In einer akuten Phase der Einsamkeit, wenn du merkst, du traust dir nichts mehr zu, du hast Angst deine Wohnung zu verlassen, du wirst hypersensibel, was die Nähe zu anderen Menschen angeht, oder du siehst in Begegnungen bereits Gefahren, dann sollte man sich Hilfe holen.

Ruf Menschen an, von denen du glaubst, sie haben ein offenes Ohr für dich. Hol dir therapeutische Hilfe oder mache es wie Ava es bei dir getan hat, geh auf andere zu. Auch wenn deine ersten Schritte zögerlich sind.

Es gibt Telefonseelsorge für verschiedene Lebensbereiche. Du bleibst anonym und die Mitarbeiter*innen sind geschult, zuzuhören, ohne zu werten.

Genau. Nichts davon ist beschämend.

Wer sich auf andere einlässt, erlebt neben Nähe auch Kritik, Widerspruch, Reibung. In Beziehung zu treten braucht Mut und ist anstrengend.

Glaubst du, Einsamkeit ist in uns angelegt? Und bleibt der Kern unserer Identität gleich, unabhängig von dem, was uns im Leben widerfährt?

Ich glaube, wir haben ein bestimmtes Bedürfnis nach Nähe und Distanz. Der grobe Spielraum, in dem wir uns wohlfühlen, der bleibt. Wie wir aufgewachsen sind, in welchen kulturellen, sozialen und familiären Konstellationen, prägt unsere Bedürfnisse sicherlich mit.

Spielt die Queer-Community eine Rolle in deinem Alleinsein?

Es gibt Dinge, die mich geprägt haben, von denen ich mich erst lösen musste.

Auch andere machen Außenseitererfahrungen, People of Color wachsen mit Rassismuserfahrungen auf, viele Frauen kennen das Thema der Körperscham ... die Liste ist erweiterbar. Wir leben noch immer in einer Gesellschaft, die permanent Menschengruppen ausgrenzt. Das hat Folgen, wie wir uns fühlen, uns selbst betrachten oder wofür wir uns schämen.

Das zu überwinden, dabei hat mir die Community geholfen.

Danke für deine Zeit, Daniel.

LEBENSGEFÜHL(E) UNSERER ZEIT

Zwei Bücher, die Raum eröffnen, konstruktiv mit schwierigen Gefühlen umzugehen: 1 Mit seinen Explorationen „Nüchtern“ und „Zuhause“ hat sich Daniel Schreiber als unerschrockener Essayist etabliert. „Allein“ (Hanser Berlin) knüpft daran an. Klug, persönlich und tröstlich. 2 Unerwartet kommt Bärbel Schäfer hinter „Avas Geheimnis. Meine Begegnung mit der Einsamkeit“ (Kösel). Eine Annäherung voller Gefühl und Empathie