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Macht & KältE


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Madame - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 15.12.2021
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GOLDENE HOCHZEIT der Großeltern 1969: Diana (vorne mittig in Kniestrümpfen) mit ihrem kleinen Bruder Charles, rechts daneben ihre Schwestern Sarah und Jane. Rechts hinter seinen Kindern steht Vater Edward John Spencer. Zweite von links ist Dianas Tante Anne Wake-Walker mit Familie

Als Diana Spencer geboren wird, an einem warmen Juliabend im Jahr 1961, bricht großer Jubel aus. Der gilt allerdings nicht ihr, sondern der Tatsache, dass der Schlagmann des Sandringhamer Kricket-Clubs soeben hundert Läufe erzielt hat. Von der Geburt des kleinen Mädchens in Park House, einer Villa in unmittelbarer Nachbarschaft des Landsitzes Sandringham der königlichen Familie, weiß man nichts. Und die, die hätten jubeln können, denken nicht daran. Schon wieder ein Mädchen … Dianas Familie sucht einen Namen für das Neugeborene und braucht dafür eine ganze Woche. 20 Jahre später wird in England abermals gejubelt, als Diana neben Prinz Charles zum Traualtar schreitet. Der Jubel wird nicht enden, und in schweren Zeiten steht die Öffentlichkeit Diana immer bei. Ganz im Gegensatz zu ihrer Familie, die tut das nicht.

Die Spencers. Sie sind so reich wie bedeutend, ihr Stammbaum geht zurück bis ins Jahr ...

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... 1469, ihr Adelsgeschlecht ist viel älter als das der Windsors. Schon damals, im 15. Jahrhundert, haben sie mit den Royals zu tun: Sie leihen der britischen Krone Geld, und die Verbindung wird niemals abreißen. Ihr Stammbaum macht bereits einiges her, als er 1699 noch bedeutender wird: Da nämlich heiratet Charles Spencer eine Churchill, die Tochter des ersten Herzogs von Marlborough. Mehr und mehr werden sie hinter den Kulissen zu einflussreichen Machtpolitikern, helfen König George I. auf den Thron, dienen über viele Generationen der Krone und sind gleichermaßen ihre Schmiede. Sie sehen sich selbst als Königsmacher und führen jahrhundertelang ein Leben an der Peripherie der königlichen Familie. „Die weiblichen Mitglieder sind Hofdamen, die Männer Adjutanten. Als Dianas Eltern heiraten, sind die Queen, Prince Philip, die Königinmutter und weitere Mitglieder der Royal Family anwesend“, berichtete Königshaus-Expertin Olivia Schnepf. „Dianas Großmutter Ruth Fermoy ist eine enge Freundin und Hofdame der Königinmutter, Dianas Vater reitet bei der Krönungsprozession 1953 unmittelbar neben der Kutsche der Queen, Diana spielt als Kind mit Andrew und Edward, den jüngeren Söhnen von Englands Königin.“ Kein Wunder, dass sie einen Prinzen heiratet, wenn auch einen anderen als den ihr wahrscheinlich zugedachten.

Doch Diana hat ein schweres Erbe. Die Spencers gelten als eigensinnig. Die Windsors wissen das. „Die Spencers sind schwierig“, sagt die Königinmutter einmal zu einer Freundin, und die Queen schiebt Dianas Bulimie auf die undurchsichtigen Verhältnisse ihrer Herkunftsfamilie. Den Ruf, schwierig zu sein, haben die Spencers schon lange. Die Männer gelten als cholerisch und exzentrisch, die Frauen als verschwenderisch und unbeherrscht. Alkoholsucht prägt Generation um Generation, Familienprobleme sind an der Tagesordnung. Das ist bei den Fermoys, der Familie von Dianas Mutter, nicht anders. Dianas Biografin Tina Brown schreibt: „Die Königinmutter hätte hinzufügen können, dass die Fermoys genauso ‚schwierig‘ waren wie die Spencers und Frauen mit unbeugsamem Willen und starken Begierden hervorbrachten. Infolge ihrer Verschwägerung befand sich die Familie, die sich auf dem Papier als Verwandtschaftsverbindung zum Königshaus geradezu anbot, fast ununterbrochen im Krieg mit sich selbst und gegen alle anderen.“

Schwierige Grundvoraussetzungen für eine glückliche Ehe. Und wenn Dianas Mutter die erste Begegnung mit ihrem Vater auch mit „Wumm“ kommentiert (was sie später bei der zweiten Ehe wiederholen wird), so fühlt sie sich doch zur „Zuchtstute“ degradiert, während ihr Gatte unter dem Druck steht, einen männlichen Erben zeugen zu müssen. Diana ist eine Enttäuschung. Nach ihrer Geburt spitzt sich die Krise zwischen den Eheleuten zu, erlebt nur eine kurze Erholung, als mit dem kleinen Bruder Charles endlich der männliche Erbe geboren wird. Mutter Frances erträgt das irgendwann nicht mehr, bricht aus der Kälte ihrer Ehe aus, ganz so, wie das später auch Diana tun wird. Sie stürzt sich ins pulsierende Londoner Leben, da macht es wieder Wumm, diesmal mit Peter Shand Kydd.

Die Scheidung von Johnnie Spencer wird hässlich, und sie spaltet mehr als nur die Eheleute. Dianas Großmutter Ruth Fermoy, die die Verheiratung ihrer Tochter mit einem Spencer einst so engagiert vorangetrieben hatte, sagt gegen ihre Tochter aus, die daraufhin das Sorgerecht verliert. Für Diana und ihre Geschwister, insbesondere den kleinen Charles, bricht die Hölle los. „Ich komme wieder“, verspricht die Mutter, und Diana sitzt auf der Treppe und wartet. Doch Frances wird nicht kommen. Für Diana ist das der erste große Verrat in ihrem Leben, eine Erschütterung in den Grundfesten. Vielleicht aber wird in diesem Moment auch ihr Mitgefühl geboren – wenn sie es nicht von ihrer Großmutter väterlicherseits geerbt hat. Um ihren kleinen Bruder Charles kümmert Diana sich rührend, so, wie sie auch später mit enormer Hingabe als Lady Di für die Schwächeren einsteht. Nur nachts kann sie ihm nicht helfen. So gern sie über den Flur gehen will, als er verzweifelt nach seiner Mama weint, es ist dunkel und kalt, sie fürchtet sich zu sehr. Nach Liebe suchend, klammert sie sich an ihren Vater, unterstützt ihn bei der Arbeit, um ihm nah sein zu können, entwickelt eine Fürsorge, die sich auch später zeigen wird, entdeckt ihre Liebe zur Hauswirtschaft und spinnt ein enges Verhältnis zu den Dienstboten. Nicht allerdings zu den Kindermädchen, die sie ablehnt und denen sie übel mitspielt. Sie will keine weibliche Bezugsperson. Sie will ihre Mama. Auch die neue Frau des Vaters, Raine, lehnt sie strikt ab, stößt sie einmal, da ist sie schon Prinzessin, sogar die Treppe hinab und gibt ihr die Schuld an allem Leid.

Die Spencers gelten als eigensinnig. Die Windsors wissen das genau

Die Prinzessin lehnt die neue Frau des Vaters ab, einmal stößt sie sie sogar die Treppe hinunter

Durch ihre Ehe mit Charles schließlich wird Diana auf einmal zur Hauptfigur in einem Märchen. Eine Flucht in Traumwelten ist das, so, wie sie sich einst in die Liebesromane der berühmten Barbara Cartland hineinträumte (die, welch Streich des Schicksals, durch die Eheschließung ihres Vaters mit Raine, später ihre Stiefoma wird). Die Entzauberung kommt schnell. Und sie ist gegenseitig: Diana merkt, dass Charles nicht der Prinz auf dem weißen Pferd ist, sondern ein ihr gegenüber eher gefühlskalter Mann, der eigentlich eine andere liebt. Sie findet sich, statt auf Rosen gebettet, im eiskaltem Balmoral wieder, wo eine Queen Strom und Heizkosten sparen will. Die Royals wiederum stellen fest, dass die lebensfrohe, unkomplizierte Diana verschwunden und nur noch ein trauriges Mädchen übrig geblieben ist. Und dass sie sich auf dem gesellschaftlichen Parkett so gar nicht bewegen kann. Wer hätte es ihr auch beibringen sollen? Der alleinerziehende Vater, im England der Oberschicht des Jahres 1969 ein Exot, tut zwar die Dinge, die sonst Mütter tun, sucht nach verlorenen Regenjacken und setzt sich zu seinen Kindern, wenn sie vor dem Zubettgehen ein Marmeladenbrot essen. Aber das Verhalten einer jungen Dame in Gesellschaft kann er Diana nicht vermitteln. Und sonst ist da ja niemand. Kindermädchen und Stiefmutter lehnt sie ab, die noch lebende Großmutter Ruth Fermoy ist ihr fremd und hat zudem ihre Mutter verraten, und die von ihr abgöttisch geliebte andere Großmutter, Lady Cynthia Spencer, ist längst tot. Dennoch war die herzensgute Dame ein Vorbild, das Diana prägte. Nicht nur äußerlich ist Diana ihr Ebenbild mit den rosigen Wangen und den seelenvollen blauen Augen: Lady Cynthia Spencer wurde in Northampton von allen geliebt – weil sie so ein mitfühlendes Wesen hatte und sich um die Bedürftigen kümmerte, wie das später auch Diana tun wird.

Die herzensgute Cynthia Spencer war das weibliche Vorbild Dianas

Nun ist Diana also Prinzessin – und einsam wie immer. Diese unabänderliche Einsamkeit inmitten der königlichen Familie hält auch der Spielfilm „Spencer“ mit Kristen Stewart fest (Interview S. 80). Er erzählt von einem Weihnachtswochenende, kurz bevor Diana beschließt, Charles zu verlassen. Trost sucht sie damals bei der Dienerschaft, doch selbst die weist ihr die Tür. Das hier, teilt einer der Butler ihr mit, als sie zaghaft klopft, sei ihr Teil des Hauses. Doch immer wieder gibt es auch Glücksmomente. Als ihr erster Sohn geboren wird zum Beispiel. Diana will nicht sein wie ihre Mutter, lässt den Kleinen nicht zurück, als sie Charles auf die erste Reise nach Australien und Neuseeland begleiten muss, sondern nimmt ihn mit. Aus Sicht der Etikette ist das unerhört. Und wunderbar: Diana zeigt Herz, macht die Royals anfassbarer, menschlicher. Dafür wird sie geliebt. Die Öffentlichkeit verehrt sie. Und Charles ist neidisch. Auch Dianas Mutter gefällt der Wirbel um ihre Tochter nicht. Sie stiehlt ihr die Show. In einem Interview sagt Frances: „Ich habe schöne, lange Beine, wie meine Tochter.“ Zur Seite steht sie ihr nicht. Sie lässt sie im Stich, wie sie das schon einmal getan hat. Damals hatte sie vielleicht keine andere Wahl – das Scheidungsurteil, das verlorene Sorgerecht. Dieses Mal hat sie die Wahl, doch sie sagt der „Daily Mail“ im Juni 1982: „Ich bin eine überzeugte Vertreterin mütterlicher Überflüssigkeit.“ Auf Distanz zu Diana geht auch ihre Großmutter Lady Ruth Fermoy. Die hat schon ihre Tochter verraten und zum Schwiegersohn gehalten. Und nun hält sie zum Mann ihrer Enkelin, als diese sich nicht so verhält, wie man es von ihr erwartet. Dem Erzbischof von Canterbury gegenüber bezeichnet sie Diana als „Schauspielerin und Intrigantin“.

Es gibt jemanden, der da ist für Diana, aller Schwierigkeiten zwischen ihr und seiner Frau zum Trotz: ihr Vater. Der VIII. Earl Spencer. Doch als Dianas Leben durch die Veröffentlichung eines von ihr initiierten Buches über ihre Ehe mit Prinz Charles richtig in Schieflage gerät, ist er bereits tot.

Dianas Ehe wird geschieden, um die Söhne kämpft sie. Manchmal fährt sie schnell ins Internat, um sie zu sehen. Tina Brown schreibt: „Das gemeinsame Sorgerecht bedeutete, dass sie die Jungen an den Wochenenden, wenn sie vom Internat nach Hause kamen, noch seltener zu Gesicht bekam als zuvor. Jetzt konnte sie nachvollziehen, wie einsam Frances sich gefühlt haben musste.“ Und die hatte es ja nicht mal, das gemeinsame Sorgerecht.

Von Dianas Unfall, der die ganze Welt zum Stillstand bringt, erfährt ihre Mutter durch ihre Tochter Jane. Der Palast hat Frances nicht informiert, auch später kein Beileid bekundet. Auf Dianas Beerdigung schwört ihr Bruder Charles in einer Rede, die die Windsors nach Luft schnappen lässt: „Ich gelobe feierlich, dass wir, deine Blutsverwandten, alles in unserer Macht Stehende tun werden, um diese beiden außergewöhnlichen jungen Männer auch weiterhin so fantasie- und liebevoll zu erziehen wie du, damit sie nicht nur von Pflichtgefühl und Tradition durchdrungen sind, sondern sich frei entfalten können, wie du es gewünscht hast.“

Die Spencers haben ihr Versprechen wahr gemacht: „Vor allem die Schwestern der Königin der Herzen, Lady Sarah McCorquodale und Lady Jane Fellowes hatten – und haben immer noch – engen Kontakt zu William und Harry und nahmen Einfluss auf den Werdegang der jungen Prinzen“, weiß Expertin Olivia Schnepf. Und Diana? Die hat das Königshaus nahbarer gemacht, wie eines Tages sogar die Queen eingesteht. Eine Angehörige der Spencers, dieses uralten Adelsgeschlechts, hat die britische Krone nachhaltig verändert. Ihr Andenken lebt bis heute fort.

UNSERE AUTORIN Eva-Maria Bast ist Journalistin, Verlegerin und Chefredakteurin der Zeitschrift „Women’s History – Frauen in der Geschichte“. In ihrem jüngsten Buch „Die vergessene Prinzessin“ (Piper, 12,99 Euro) hat sie die Geschichte von Alice von Battenberg, der Mutter von Prinz Philip, aufgeschrieben

Prinzessin Diana hat das Königshaus nahbarer gemacht, die Krone verändert. Als Angehörige der Spencers, eines uralten Adelsgeschlechts

300 Jahre Macht: die Familie Spencer