Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

Macht mal ohne mich weiter!


myself - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 12.02.2020

Weniger Ehrgeiz, mehr Freiheit – das neue Motto vieler Frauen (Meghan Markle gehört auch dazu)


Artikelbild für den Artikel "Macht mal ohne mich weiter!" aus der Ausgabe 3/2020 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

FOTO: JULIA KENNEDY/TRUNK ARCHIVE

Mit einem Riesenknall war es mit dem Ehrgeiz vorbei. Am 8. Januar 2020 kam er zum Erliegen und wurde zu breaking news. Erst hielten die rund elf Millionen Follower auf Instagram den Atem an, wenig später die halbe Welt: Ende des ehrgeizigen Vorhabens der Rachel Meghan Markle, 38, Mitglied der britischen Königsfamilie sein wollen zu müssen. Eine Position, die zwar mit vielen Privilegien verbunden ist, vor allem aber auch mit Stress, Ver biegungen und Verpflichtungen sowie ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von myself. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2020 von HOROSKOP. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HOROSKOP
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von myself: Lieblinge. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
myself: Lieblinge
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Umdenken!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Umdenken!
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Bitte nicht verschwenden!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bitte nicht verschwenden!
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von Was sagen die Sterne?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was sagen die Sterne?
Titelbild der Ausgabe 3/2020 von „Probleme löst man nur gemeinsam“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Probleme löst man nur gemeinsam“
Vorheriger Artikel
Bitte nicht verschwenden!
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Was sagen die Sterne?
aus dieser Ausgabe

... öffentlicher Geringschätzung.

Auch Vanessa Stanat, 22, kann das Ende des Ehrgeizes genau datieren: Es war am 16. Mai 2019, als sie – Favoritin auf den Sieg – kurz vorm Finale von „Germany’s Next Topmodel“ ausstieg. Weil sie sich auf eine Art und Weise verkauft sah, die ihrem Charakter nicht entsprach: „Ich wollte gewinnen, aber auf eine Weise, die mir entspricht.“ Bei der Unternehmerin Insa Klasing, 40, hat der Körper das Ende des Ehrgeizes markiert. Eine Einsicht, die sie der Krankenschwester verdankt, die ihr auf die Frage, wann sie mit ihren beiden beim Reiten gebrochenen Armen wieder in die Firma zurückkönne, antwortete: wenn ihr Körper es entscheide. „Bis dahin“, sagt die ehemalige Kentucky-Fried-Chicken-Managerin, „hatte mein Körper rein gar nichts zu sagen.“ Fortan war sie nur noch zwei Stunden am Tag Chefin, anfangs war nicht mehr drin, später wollte sie es nicht anders und sah viele Vorteile für ihr Team. Sogar ein Buch hat sie über die Einsicht geschrieben.

Und die Autorin Jenny Odell, 33, brachte ausgerechnet Vogelgezwitscher zur Einsicht, im Park, auf dem Weg zur Universität von Stanford, wo sie künstlerische Praxis lehrt. „Mach langsam“, dachte sie auf einmal, „und überlege, worauf wir unsere Kraft, unser Streben und Trachten richten!“ Daraus wurde das Buch „How to Do Nothing“, mit dem sie der „Aufmerksamkeitsökonomie“ widerstehen will. Womit wir beim Kern des Problems mit dem Ehrgeiz sind: bei den Zielen, die man sich setzt. Was sind das für welche? Sind die für mich? Oder für andere? Der britische Philosoph Alain de Botton sagte mal: Ehrgeiz und Ambition seien gut, wenn sie sich nach selbst gesteckten und vernünftigen Zielen richteten, „aber sie vergiften, wenn sie uns blind für uns selbst machen“. Nicht alle bringt der Ehrgeiz in eine Position wie die Vollblutpolitikerin Andrea Nahles. Im Juni letzten Jahres verkündete die 49-Jährige das Ende ihres überaus leidenschaftlichen Engagements für die Politik. Nicht ganz aus freien Stücken, auch wegen äußerer Umstände, aber sie war an den Punkt gelangt, an dem sie sich diese ganz grundsätzlichen Fragen stellte: Für wen tue ich das alles? Treibt mich reiner Ehrgeiz – oder Engagement?


„Ehrgeiz ist giftig, sobald er uns blind für uns selbst macht“


Das nämlich, schrieben schon die frühen Ehrgeizforscher Aristoteles, Ma- chiavelli, Kant oder der Philosoph Max Scheler, mache einen enormen Unterschied: Engagement sei Einsatz größter Energien für eine Sache oder die Gemeinschaft. Dem Ehrgeizigen, der im Wortsinn nach Ehre giert, gehe es vor allem um sich selbst: um seinen Erfolg, seine Anerkennung, seinen Einfluss, seine Macht. Manchmal auch noch um Follower oder Eltern, denen er immer noch was beweisen muss. Den „Streber“ beschrieb der Philosoph Max Scheler schon 1912 als vorherrschenden Sozialtypus der „Konkurrenzgesellschaft“, er sei getrieben von Neid und einem „zur Haltung geronnenen Wetteifer“.

Einen Funken Ehrgeiz braucht jede, die sich engagiert – ob für ein Königshaus, die Schönheit, die Firma, die Liebe, Kunst oder Politik. Ganz ohne Ehrgeiz gibt es keine Motivation. Aber je mehr Leistung, Perfektion und Optimierung eine Gesellschaft fordert, desto mehr Ehrgeiz müssen ihre Mitglieder aufbringen. Nur wer sich „ambitioniert“ den „Herausforderungen“ stellt, wird „gewinnen“.

Und irgendwann kommt der Tag, an dem der Motor nicht mehr anspringt. Weil alles erreicht ist – oder zumindest vieles. Oder weil die Ziele zu hoch gesteckt waren (das ist dann die ungesündere Variante). Manche erleben so etwas schon mit 22, 30 oder 39. Es kann einem aber auch ergehen wie Lisa Bergmann, die in Wirklichkeit anders heißt und auch nicht so prominent ist wie Markle, Stanat oder Klasing. Die auch schon ein paar Jahre älter ist, als sie sich fragt: War’s das? Und was kommt jetzt? Will ich mein Leben damit verbringen, weiter nach Preisen, Orden, Titeln zu trachten? Nach Sorglosigkeit, Haus, Kohle, Berühmtheit? Nur damit das Ziel erreicht wird? Eines Tages, erzählt die Fotografin, sei sie aufgewacht – und der Antrieb war weg. Der Biss, die Motivation. Jahrelang hatte sie alles dafür gegeben, einen bestimmten Auftrag zu bekommen, einen Preis und den Applaus der Kollegen. Trotz der Umstände in ihrer Branche, die immer schwieriger wurden. Schließlich hatte sie sich einen Namen erarbeitet. „Und dann hatte ich keinen Bock mehr“, sagt sie und schaut dabei selbst ein bisschen irritiert. Desorientiert sei sie gewesen, „anfangs dachte ich, es wären die Hormone, eine Verstimmung“. Das war es nicht, auch kein Burnout. „Es war schlicht Bocklosigkeit.“ Das Ende des Ehrgeizes ist eine Art wohlüberlegter Kurzschluss. Stecker raus. Hörner abgestoßen, rotes Tuch weg.

In den Tagen, Wochen, Monaten danach, wenn man raus ist aus dem Hamsterrad, das man selbst mit angetrieben hat, fühle man sich nicht nur erleichtert, sagt Lisa Bergmann. Sondern auch ein wenig verloren. Neue Fragen tauchen auf. Wohin mit mir? Worauf habe ich Lust? Was tut mir gut – und vielleicht auch anderen?

Ein mögliches Ende des Ehrgeizes im Leben sollte man ab und zu im Blick haben. Das ist nicht ganz leicht, weil geradezu paradox. Denn Ziele erreicht man nicht ohne Fokus und Energie. Aber es hilft, zwischenzeitlich nachzujustieren, sich ernsthaft zu fragen: Warum tue ich das? Sind das immer noch meine Motive? Ist es nur, wie die reine Lehre vom Ehrgeiz besagt, um den anderen zu zeigen, was für ein toller Typ ich bin? Oder tue ich das, weil ich wirklich einen Sinn darin sehe, mir als emanzipierte, selbstbewusste und kluge Frau beispielsweise in einem Königshaus den Hintern aufzureißen oder auf einem Laufsteg, im Management einer Fast-Food-Kette oder an der Uni?

Jenny Odell empfiehlt dafür in ihrem Buch das regelmäßige Nichtstun. Sie hat sich ein neues Hobby zugelegt: Ornithologie. „Die meisten Leute, die mich durch meine Arbeit kennen“, sagt sie, „sind furchtbar enttäuscht, wenn sie mir auf Twitter folgen und sehen, dass es dort nur um Vögel geht.“ Aber Vögel, sagt sie, seien wichtig, schließlich zwitscherten sie einem manchmal was Wegweisendes zu

Das Ende des Ehrgeizes

Diese Prominenten hörten einfach auf

Sookee

Rapperin Sookee kündigte Ende letzten Jahres das Ende ihrer Karriere an: Es habe für sie keinen Rückzugsraum mehr gegeben, „alles ist öffentlich. Und alles muss immer ein Superlativ sein.“ Das habe sie zunehmend belastet.

Marcell Jansen

Er war weder verletzt, noch saß er auf der Ersatzbank: Mit 29 spürte der HSV-Verteidiger einfach, dass er sein „Hobby wieder zurückhaben“ wollte. Heute ist Jansen HSV-Präsident und spielt bei den Amateuren.

Antje Neubauer

Die Kommunikationschefin der Bahn stieg im vergangenen Jahr aus, weil sie „das Bedürfnis nach unverplanter Zeit“ hatte. Sie wolle mehr Zeit für ihre Beziehung haben und das Imkern lernen.

Annette Winkler

Ihr Abgang bei smart war unprätentiös. 2018 verabschiedete sich die damals 58-Jährige vorzeitig von ihrem Managerposten. Gehen, solange es noch schön ist, lautete ihre Begründung.


FOTOS: ULLSTEIN BILD (1), CHRIS EMIL JANSSEN/DDP IMAGES (1), KRISZTIAN BOCSI/BLOOMBERG/GETTY IMAGES (1)