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Macht uns sibirisches Erdgas zu abhängig?


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 25.07.2022

RD-KLASSIKER AUGUST 1982

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IM JAHR 1984 wird sich, wenn alles nach Plan geht, eine große, 5500 Kilometer lange stählerne Rohrleitung aus der sowjetischen Arktis nach Westeuropa schlängeln. Sechs europäische Länder, darunter vier NATO-Staaten, wird die westsibirische Pipeline nach ihrer Fertigstellung mit gewaltigen Mengen Erdgas versorgen.

Doch noch ehe die ersten blauen Flammen des neuen Sibiriengases in Wohnungen und Fabriken entzündet werden, ist das Pipelineprojekt Gegenstand heftiger Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vereinigten Staaten und ihren europäischen Verbündeten geworden.

Der Streit um das Erdgasgeschäft wirft ein bezeichnendes Licht auf die wachsenden, gefährlichen Differenzen zwischen Amerikanern und Europäern hinsichtlich ihrer Haltung zur Sowjetunion. Diese Kluft hat sich erst vor Kurzem im Mangel an Einmütigkeit in der westlichen Reaktion auf das Vorgehen in Polen gezeigt sowie ...

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... in der unterschiedlichen Beurteilung der Notwendigkeit, das Arsenal der europäischen Mittelstreckenraketen zu modernisieren.

UNSER KLASSIKER DES MONATS …

wurde diesmal von Office Managerin Elke Fichter ausgewählt: „Wie oft hört man jetzt, man habe ja nicht ahnen können, welche Gefahr darin liegt, sich von Gaslieferungen aus Russland abhängig zu machen.

Dieser Beitrag aus dem Jahr 1982 zeigt: Es gab bereits damals Warnungen genau davor.“

Die gewaltigen Kosten – schätzungsweise 20 bis 25 Milliarden Mark – machen das Projekt zum bislang größten Ost-West-Geschäft überhaupt. Technisch stellt es eine wahre Herkulesarbeit dar. Das westsibirische Erdgasfeld zieht sich 4000 Kilometer östlich von Moskau beiderseits des Polarkreises hin und liegt unter mindestens 300 Meter tief gefrorenem Tundraboden. Im Winter, der hier zehn Monate dauert, sinkt die Temperatur auf 54 Grad unter Null; Gummi wird dann hart wie Panzerblech, und Metallstäbe brechen wie Zahnstocher. Die Pipeline wird aus fast vier Millionen Tonnen Stahlrohr von 1,42 Meter Durchmesser bestehen.

Die Sowjets sehen klar, wo für sie die Vorteile des Projekts liegen. Eine schnelle Steigerung der sibirischen Erdgasförderung ist von größter wirtschaftlicher und politischer Bedeutung, hat Staats-und Parteichef Leonid Breschnew letztes Jahr auf dem 26. Kongress der Kommunistischen Partei erklärt.

Die sowjetischen Erdgasreserven – rund 34 Billionen Kubikmeter – machen ein Drittel aller bekannten Reserven in der Welt aus. Das bis in die 1970er-Jahre zugunsten des Erdöls vernachlässigte Erdgas ist in jüngster Zeit zu einem der wenigen Glanzpunkte der daniederliegenden russischen Wirtschaft geworden. Während die sowjetische Ölproduktion langsam zurückgeht, wird die Gasgewinnung in diesem Jahrzehnt um 130 Prozent zunehmen.

Der springende Punkt

Schon jetzt sind die Sowjets die größten Erdgasexporteure. Europa bezieht 12 Prozent seines Gasbedarfs aus der Sowjetunion, und wenn die neue Leitung mit ihrer Kapazität von 40 Milliarden Kubikmetern pro Jahr in Betrieb geht, wird sich der Anteil nahezu verdoppeln. Länder wie die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich erhalten dann sogar rund 30 Prozent ihres Bedarfs aus Russland.

Und das ist der springende Punkt.

Das Geschäft, das am Vorabend von Breschnews Bonn-Besuch im Herbst letzten Jahres mit der Unterzeichnung der ersten Verträge durch westdeutsche Firmen begann, erhöht die energiewirtschaftliche Abhängigkeit Europas ausgerechnet von dem Land, das den Frieden auf dem Kontinent in erster Linie bedroht, ganz beträchtlich.

Als Präsident Ronald Reagan im Juli 1981 auf dem Wirtschaftsgipfel in Ottawa, Kanada, der Sorge über die Transaktion Ausdruck gab, fand er bei den europäischen Staatsmännern jedoch nur wenig Verständnis. Später schickte er Experten nach Europa, die Alternativen zu der Pipeline ins Gespräch brachten. Aber der Bonner Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff erwiderte, die amerikanischen Vorschläge böten nichts, was an das russische Erdgasgeschäft heranreiche.

Wieder einmal brachten die NATO-Verbündeten es nicht fertig, in Energiefragen zusammenzuarbeiten. Bereits im Frühjahr 1981 war bekannt gegeben worden, dass die Arbeit an einer gemeinsamen amerikanischdeutschen Kohleverflüssigungsanlage im US-Staat Wyoming verschoben worden sei. Dann erfuhr man, dass eine sowjetisch-deutsche Energiekommission gebildet werde. Erster Punkt der Tagesordnung: die Lieferung hochmoderner deutscher Kohleveredelungsanlagen nach Sibirien.

Einen neuen Stoß erhielt die Einheit des Westens am 22. Januar dieses Jahres, als sich die NATO um eine einheitliche Haltung zu der von den Sowjets veranlassten Verhängung des Kriegsrechts in Polen bemühte.

Ausgerechnet diesen Augenblick wählte das Frankreich François Mitterands für die Unterzeichnung eines 25-Jahre-Vertrags mit der UdSSR über weitere acht Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr; das bedeutete eine Verdreifachung der französischen Russengasbezüge. Tage später gab Italien bekannt, seine Verhandlungen mit den Sowjets über eine ähnlich große Menge Erdgas stünden vor dem Abschluss. Spanien, das seit Ende Mai Mitglied der NATO ist, bekundete gleichfalls Interesse am „blauen Gold“ aus Sibirien.

BEIM PIPELINEGESCHÄFT GEHT ES NICHT NUR UM ERDGAS. ES GEHT AUCH UM INDUSTRIE-AUFTRÄGE

Einträgliches Geschäft

Wie konnte es zu so heftigen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vereinigten Staaten und Europa kommen? Einer der Gründe ist, dass es beim Pipelinegeschäft um mehr als nur um den Bezug von Erdgas geht.

Die Sowjets besitzen weder das industrielle Potenzial noch die technologischen Voraussetzungen, um das Mammutprojekt selbst zu verwirklichen, und so winken sie mit günstigen Lieferverträgen: Die für den Pipelinebau erforderlichen Mittel – sie werden der Sowjetunion von einigen europäischen Banken als Kredite zu besonders niedrigen Zinsen vorgestreckt – können zu einem guten Teil in Westeuropa für Baugerät und -material ausgegeben werden. Die daraus resultierende Lawine von Aufträgen ist für die beteiligten Unternehmen ein Geschenk des Himmels.

Eine der europäischen Firmen, die sich von dem Geschäft einen ansehnlichen Gewinn erhoffen, ist das westdeutsche Maschinen- und Anlagenbau-Unternehmen Mannesmann, das 1,2 Millionen Tonnen Großrohre für russische Pipelines liefern soll. Gasturbinenhersteller wie die italienische Firma Nuovo Pignone, die englische John Brown Engineering Ltd. und die westdeutsche AEG-Tochter Kanis haben sich Sowjetaufträge im Wert von 1,8 Milliarden Mark gesichert.

Ein anderer Grund ist, dass die Länder Westeuropas mit Ausnahme Westdeutschlands Handelsbilanzdefizite aufweisen, seit sie vor ein paar Jahren dazu übergegangen sind, aus der Sowjetunion Energie zu beziehen.

Frankreich etwa hatte stets mehr in die Sowjetunion ausgeführt als aus ihr eingeführt – bis die Öl- und Gaspreise emporschnellten. Heute bemüht sich Frankreich wie die meisten westeuropäischen Länder sehr darum, dem Osten Industrieprodukte und technisches Know-how zu verkaufen, damit seine Zahlungsbilanz wieder in Ordnung kommt.

Im Mittelpunkt des umstrittenen Geschäfts steht das östlichste Bollwerk der NATO, die Bundesrepublik Deutschland. Sie wickelt 10 bis 15 Prozent ihres Außenhandels mit der Sowjetunion und dem Ostblock ab, viermal so viel wie vor zehn Jahren.

Im Mai 1980 besuchte Bundeskanzler Helmut Schmidt den Kreml und unterzeichnete ein Programm für wirtschaftliche und industrielle Zusammenarbeit. Um es zu versüßen, übermittelte Breschnew seinem Gast die sowjetische Bereitschaft, die Pipelineverhandlungen fortzusetzen.

Das Projekt versprach für die deutsche Industrie, die 220 000 Menschen mit Ostblockaufträgen beschäftigt, sehr einträglich zu werden – gute Nachrichten für ein Land, das letztes Jahr die höchste Arbeitslosenzahl seit 1955 aufzuweisen hatte.

Vereinzelt ist die Beteiligung an dem Projekt und die zunehmende Abhängigkeit von russischer Energie auch in der Bundesrepublik selbst kritisiert worden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb: „Noch vor wenigen Jahren hätte bei allen Vernünftigen schon eine viel geringere Abhängigkeit von sowjetischem Erdgas als zu riskant gegolten.“ Und der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß bemerkte sarkastisch, der Westen sorge für die Pipeline, aber den Hahn stellten die Sowjets.

DER KREML HAT BEI ABHÄNGIGEN STAATEN SCHON MEHRFACH DEN ENERGIEHEBEL BETÄTIGT

Die europäischen Befürworter des Geschäfts lächeln nur über die Befürchtung, die Sowjets könnten den Hahn zudrehen. Sie meinen, die Russen würden damit ihren Ruf als zuverlässige Handelspartner untergraben. Dabei vergessen sie jedoch, dass der Kreml in der Vergangenheit bei abhängigen Staaten mehrfach den Energiehebel betätigt hat. Als sich 1948 die Beziehungen zu Jugoslawien abkühlten, drosselten die Sowjets ihre Erdöllieferungen; 1961 machten sie es mit Albanien, 1962 mit China ebenso.

Alternativen

Für Europa besteht die größte Gefahr einer zunehmenden Abhängigkeit von Russland jedoch in subtilerem Druck. Seit Lenins Ausspruch, er werde die Kapitalisten an dem Strick hängen, den sie selbst ihm verkauften, verfolgen die Sowjets das Ziel, durch Handel politischen Einfluss zu gewinnen. Heute ruft eine starke Lobby europäischer Unternehmer, Finanziers und Gewerkschaftsführer nach engeren Handelsbeziehungen mit Sowjetrussland und spielt damit praktisch Lenins Spiel. Je mehr Geld die europäischen Banken beispielsweise dem Sowjetstaat leihen, desto größer ist ihr Interesse an ungetrübten Beziehungen zu den Sowjets.

Und in Bonn sind die hartnäckigsten Verfechter des Erdgas-Röhren-Geschäfts der Deutsche Industrieund Handelstag und der Bundesverband der deutschen Industrie. Es liegt auf der Hand, dass die führenden Männer Europas das verwickelte Geflecht von Krediten, Technologieexporten und Energieeinfuhren in Betracht ziehen müssen, wenn sie ihre Russlandpolitik formulieren.

Wenn das sibirische Erdgasgeschäft trotz der amerikanischen Vorbehalte weiterläuft, so sollten die europäischen Regierungen nach Meinung vieler Beobachter doch alles tun, um die Möglichkeit eines Missbrauchs durch die Sowjetunion einzuschränken. Genauer gesagt:

Sie sollten ihre Kohlevorkommen so ausbeuten, dass die gegenwärtige Förderung von 250 Millionen Tonnen pro Jahr in der Europäischen Gemeinschaft aufrechterhalten bleibt und, wenn möglich, noch gesteigert wird.

Das bedeutet, dass vor allem die leistungsfähigen Gruben genutzt und die nur aus beschäftigungspolitischen Gründen offengehaltenen nach und nach geschlossen werden. Europa könnte auch in stärkerem Maße auf die Kohlevorräte der USA zurückgreifen; mit 90 Millionen Tonnen pro Jahr könnte Amerika allein das thermische Äquivalent des Sibiriengases liefern.

Für den Fall einer Unterbrechung der sowjetischen Erdgaslieferungen sollte Europa für ausreichende Speicherkapazitäten sorgen. Die Bundesrepublik, die nur halb so viel Gas speichern kann wie Frankreich, muss dieser Notwendigkeit besondere Aufmerksamkeit widmen. Weiter sollten die Regierungen sicherstellen, dass die Industrie ausreichend mit Brennern ausgerüstet ist, die kurzfristig von Gas auf Öl oder Kohle umgestellt werden können.

Europa sollte sich in Westafrika, besonders in Nigeria und Kamerun, um mehr Gas bemühen. Mit weniger als dem Betrag, der in der Sowjetunion investiert wird, könnte es diesen Ländern helfen, die nötigen Hafeneinrichtungen und Verflüssigungsanlagen zur Verschiffung ihres Gases zu errichten.

Jüngste Bohrungen in der Nordsee haben ergeben, dass ein einziges Feld vor der norwegischen Küste möglicherweise ebenso viel Gas birgt wie eines der westsibirischen Felder.

Norwegen hat bis jetzt eine restriktive Energiegewinnungspolitik verfolgt. Vielleicht findet sich seine neue konservative Regierung bereit, im Interesse der Sicherheit des Westens einen andern Kurs einzuschlagen.

Die NATO sollte sich bemühen, eine neue Strategie für das Nordseegas zu entwickeln.

Eines ist sicher

Europas Griff nach dem sibirischen Gas wird für die Einigkeit und Sicherheit des Westens nicht ohne Folgen bleiben. Der französische Kommentator Olivier Chevrillon hatte nur zu recht, als er nach Unterzeichnung des französisch-sowjetischen Erdgasvertrags schrieb: „Während die westlichen Diplomaten den Totalitarismus in Polen verurteilen, sich aber über wirtschaftliche Sanktionen nicht einigen können, kommt Frankreich der sowjetischen Industrie zu Hilfe.

Dieser Kontrakt wird den Niedergang der atlantischen Allianz bestätigen, vielleicht sogar beschleunigen.“

Abhängig

Die Ohnmacht des Menschen in Mäßigung oder Hemmung der Affekte nenne ich Knechtschaft; denn der von seinen Affekten abhängige Mensch ist nicht Herr über sich selbst, sondern dem Schicksal untertan.

BARUCH DE SPINOZA, NIEDERLÄND. PHILOSOPH (1632–1677)