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»Madagascar« – Ein musikalisches Abenteuer: Deutschsprachige Erstaufführung nach dem DreamWorks-Film


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 24.07.2019
Artikelbild für den Artikel "»Madagascar« – Ein musikalisches Abenteuer: Deutschsprachige Erstaufführung nach dem DreamWorks-Film" aus der Ausgabe 4/2019 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Auf Madagascar nimmt es Löwe Alex (Stefan Reil, r.) mit dem Fossa (Jan Rogler) auf und rettet damit den kleinen Lemuren (Melanie Dull)


Foto: Florian Miedl

In den vergangenen Jahren wurden immer wieder beliebte Filme als Musical-Adaptionen auf die Bühne gebracht. Sehr gerne verarbeitet Disney seine Blockbuster in bunten Bühnenstücken. Das funktioniert natürlich nicht nur für Disney, sondern auch für DreamWorks. Der Film »Madagascar« kam 2005 in die Kinos und erzählt die Geschichte der vier Zootiere Alex (ein prächtiger Löwe), Marty (ein stolzes Zebra), Melman (eine hypochondrische Giraffe) und Gloria (eine ...

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... stattliche Nilpferd-Dame). Diese vier sehr unterschiedlichen Freunde wohnen im New Yorker Zoo und kennen die Wildnis nur aus Erzählungen. Jeden Morgen bereiten sie sich auf die »Große Show« vor (›It’s Showtime‹), bei der Alex, der große Star ist. Doch Marty möchte mehr. Als seine Freunde ihm an seinem Geburtstag ihre Glückwünsche überbringen, ist Marty unglücklich. Er sehnt sich nach Freiheit und träumt von einem Leben, wie es seine Vorfahren geführt haben (›Frei und wild‹). In einem unbewachten Augenblick nutzt er die Chance und verlässt den Zoo Richtung Stadtzentrum. Als seine Freunde dies bemerken, folgen sie ihm in den New Yorker Großstadtdschungel, um ihn wieder zurückzuholen. Zeitgleich brechen auch die vier Pinguine Private, Kowalski, Skipper und Rico aus dem Zoo aus. Ihre Strategie ›Lächeln und winken und einfach knuddelig aussehen‹ geht bei der Flucht aber genauso wenig auf, wie der Vorsatz der drei Freunde, Marty unauffällig wieder in den Zoo zu bringen. Die wilden Tiere erschrecken die New Yorker und werden schließlich von der Tierärztin betäubt (›Bleibt cool, ganz ruhig, entspannt/Grand Central‹).

Als die acht Zootiere in dunklen Kisten wieder zu sich kommen, befinden sie sich auf einem Schiff Richtung Afrika. Die Pinguine nutzen eine Gelegenheit und brechen ihre Kiste auf. Sie kapern die Brücke und bringen das Schiff unter ihre Kontrolle. Leider haben die vier keine Ahnung, wie man ein Schiff sicher steuert, und sorgen mit ihren ruppigen Manövern dafür, dass die Transportkisten mit den anderen Zootieren über Bord gehen.

Gloria, Melman und Alex finden sich am Strand wieder und wähnen sich frustriert im Zoo von San Diego. Nur Marty ist glücklich: endlich keine Zäune mehr und die uneingeschränkte Möglichkeit zum Surfen. Überrascht werden die vier von aufgeregten Lemuren, die auf der Flucht vor den Fossas (auf Madagaskar heimische Raubkatze) sind. Alex, der noch immer der Meinung ist, sich in einem Zoo zu befinden, will sich dem Anführer der Fossas vorstellen und veranlasst diesen dadurch zur Flucht. Die Lemuren sind beeindruckt und bringen die Freunde zu ihrem etwas überkandidelten König Julian (›Los, schaut zu mir/I Like To Move It‹). Julian erkennt, dass die vier ihn und sein Volk vor den Fossas beschützen können, und will sie für seine Zwecke benutzen. Nur sein Begleiter Maurice ist da skeptisch. Er befürchtet, dass Alex seiner Löwennatur nachgibt und alle frisst. Alex selbst weist dies weit von sich, muss allerdings feststellen, dass die angebotenen Algen seinen Hunger nicht stillen können. In seinen Träumen sehnt er sich nach einem saftigen Stück Fleisch (›Steak‹). In seiner Hunger-Verzweiflung will er Marty in das Hinterteil beißen. Marty ist ob dieses Vertrauensbruchs erschrocken und Maurice sieht sich bestätigt. Nach einem Wortgefecht verlässt Alex verzweifelt und hungrig die anderen in Richtung der Fossas. Seine Freunde möchte er nicht fressen, aber bleiben kann er unter diesen Umständen nicht.

Marty, Gloria und Melman bleiben ratlos zurück. Da hören sie ein Schiffshorn – die vermeintliche Rettung ist da. Doch an Bord sind nur die vier Pinguine, die noch immer versuchen, in die Antarktis zu gelangen, und sich inzwischen der menschlichen Besatzung entledigt haben. Das allgemeine Chaos nutzt Marty, um sich auf die Suche nach seinem Freund Alex zu machen. Diese aussichtslose Situation führt bei Melman zu einer erstaunlichen Entwicklung. Er ergreift die Initiative und überzeugt Gloria, dass ohne die beiden anderen alles sinnlos ist und sie nur zu viert nach Hause zurück können.

Mittlerweile hat Marty Alex bei den Fossas gefunden. Dieser ist im hungerbedingten Blutrausch und will seinen Freund fressen. Marty beschwört ihre jahrelange Freundschaft (›Beste Freunde – Reprise‹). Das wirkt. Alex und Marty stellen sich den anrückenden Fossas. Auch Gloria und Melman sind inzwischen dazugestoßen und gemeinsam schlagen sie die Fossas endgültig in die Flucht.

Die Lemuren sind nun frei von der Gefahr, die vier Freunde wiedervereint und statt Algen bringen die vier Pinguine Sushi. Daran kann sich auch Alex satt essen. Gemeinsam stellen alle fest: Egal, wo man ist, Hauptsache man hat seine Freunde um sich.

Die Felsenbühne der Luisenburg ist eine großartige Kulisse, die kaum ein aufwendiges Bühnenbild benötigt. Thomas Pekny stellte ein großes Gerüst auf, welches am Anfang von einem blauen Tuch bedeckt ist. Wenn der Zoo am Morgen erwacht und die Tierpfleger alles für »die große Show« vorbereiten (mit rhythmischem Fegen und Eimerklappern), entfernen sie auch dieses Tuch. Leider läuft das technisch in der besuchten Vorstellung nicht einwandfrei ab und reißt auch teilweise die Beschriftung »New York City Zoo« mit herunter.

In dem Gerüst befinden sich drehbare Käfige, die, je nach Szene, auch die Transportboxen der Tiere sein können. Das Gerüst lässt den Blick auf die wunderschöne Felsenwand im Hintergrund zu und man fragt sich des Öfteren, warum diese nicht mehr in das Bühnenbild eingebunden worden ist. Die Spielfläche beschränkt sich fast durchgehend auf den vorderen Bühnenteil. Auch das Gerüst selbst wird nur gelegentlich ausgenutzt.

Anatol Preissler setzt in seiner Inszenierung auf Tempo. Schnelle Übergänge, kurze Dialoge. Die gut 65-minütige Vorstellung macht Spaß, lässt aber keine Zeit, sich auf die Gefühle und Charaktere der Figuren einzulassen. Das ist besonders schade, wenn Alex und Marty ihre Freundschaft besingen (›Beste Freunde‹). Man wünscht sich, mit den beiden mitfühlen zu können. Marty (Mark Weigel) ist die Figur, die zu Herzen geht. Seine Melancholie beim Traum nach Freiheit, seine Freude, diese endlich gefunden zu haben (einer der wenigen Auftritte aus den Tiefen der Felsenbühne, bei der er in Bermudas und mit Surfbrett unter dem Arm auf Madagascar seine Freunde wieder trifft), der überraschende Übergriff, wenn Alex Anstalten macht, ihn fressen zu wollen – all das berührt. Mark Weigel glänzt mit punktgenauer Komik, Ausstrahlung und Stimme. Sein Freund Alex (Stefan Reil) ist der Sonnyboy und Liebling der Kinder. Mit seiner hellen Stimme ist er manchmal zu wenig Löwe und mehr Stubenkater. Aber er ist immer Showman und am Ende möchte man ihn einfach auf den Schoß nehmen und kraulen. Melman, die hypochondrische Giraffe, scheint Christian Bindert auf den Leib geschrieben. Optisch wie stimmlich kann er voll überzeugen. Nadine Lauterbachs Gloria ist eine stimmliche wie darstellerische Erscheinung. Sie rockt und groovt sich in die Herzen der Zuschauer. Leider ist sie als einzige der vier Haupttiere nicht eindeutig als solches erkennbar und hinterlässt bei vielen Kindern offene Fragen zu ihrer tierischen Identität. Generell sind die Kostüme (Marrit van der Burgt und Karen de Meijer) erfreulich wenig tierisch. Von den Attributen bei Giraffe, Zebra und Löwe abgesehen (grandios dabei die Perücken und das Make-up von Heiko Hartmann), sind die Kostüme sehr menschlich gehalten und unterstreichen damit, dass es ein allgemeingültiges Musical über Freundschaft ist und damit viel mehr als nur ein buntes Kinderstück.

1. »Hier bin ich. Der König. Der Überdrüber-Oberboss«. Lemur King Julian (Torsten Ankert) begrüßt die Neuankömmlinge auf Madagascar


2. Happy Birthday, Marty! Im Zoo überraschen Giraffe Melman (Christian Bindert, 2.v.l.), Nilpferd Gloria (Nadine Lauterbach, 2.v.r.) und Löwe Alex (Stefan Reil, r.) ihren Freund, das Zebra Marty (Mark Weigel, l.), mit einer Torte


3. ›I Like to Move it‹ – Giraffe Melman (Christian Bindert) und Lemur (Fides Groot-Landeweer)


4. ›Steak‹ – Alex (Stefan Reil, Mitte) träumt vor Hunger nur noch von einem saftigen Stück Fleisch, das ihm nette New Yorker Kellnerinnen (Ensemble) servieren


5. Auf dem Weg nach Afrika überlegen die vier Pinguine, (v.l.:) Skipper (Christopher Dederichs), Rico (Anne-Mette Riis), Kowalski (Jan Rogler) und Private (Melanie Dull), wie sie das Schiff kapern können


Fotos (5): Florian Miedl

1. »Move It« – Das Madagascar Ensemble freut sich auf große und kleine Besucher


2. »Sieht so aus, als wärst Du eigentlich schwarz mit weißen Streifen« – Löwe Alex (Stefan Reil, r.) begutachtet das vermeintlich saftige Hinterteil von Zebra Marty (Mark Weigel)


3. Die acht auf Madagascar gestrandeten – (v.l.): Private (Melanie Dull), Gloria (Nadine Lauterbach), Rico (Anne-Mette Riis), Alex (Stefan Reil), Marty (Mark Weigel), Kowalski (Jan Rogler), Melman (Christian Bindert) und Skipper (Christopher Dederichs)


Fotos (3): Florian Miedl

Der skurril-sympathische Abräumer der Show ist King Julian (Torsten Ankert). Wenn er mit seinem Lemuren-Akzent (manchmal hart an der Grenze der Verständlichkeit) und in ständiger Begleitung von Maurice (großartig bissig: Sandra Maria Germann) die Heiterkeit zum Lebensgefühl erklärt und sein Lebensmotto »I like to move it« schmettert, dann tanzt der ganze Saal – und das noch Stunden später.

Die vier Pinguine haben es sicher am schwersten, mit ihren Zeichentrick-Vorbildern mitzuhalten. Was im Film an Slapstick möglich ist, scheitert in der Realität schon oft an der Gravitation. Aber die vier (Christopher Dederichs, Jan Rogler, Anne-Mette Riis und Melanie Dull) lassen sich dadurch nicht einschüchtern und liefern ein Quartett, dem man wie ihren Film-Vorbildern ein Spin-off wünscht.

Dem Programmheft kann man entnehmen, dass nicht nur Profis auf der Bühne stehen, sondern auch Laien (traditionell »Talente« genannt, was eine schöne Aufwertung darstellt). Der Unterschied zwischen Laien und Profis ist allerdings kaum festzustellen. Was man sieht, ist ein homogenes und sehr spielfreudiges Ensemble. Das macht Spaß und beschert Kindern wie Erwachsenen einen kurzweiligen und amüsanten Theaterbesuch. Der (mit öffentlichen Verkehrsmitteln) etwas beschwerliche Weg nach Wunsiedel lohnt in jedem Fall.

Gisela Kusch