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Madagaskars KÖNIGINNEN


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TV Digital XXL-Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 20/2021 vom 17.09.2021

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Bildquelle: TV Digital XXL-Ausgabe, Ausgabe 20/2021

IM TEAM Kattas leben in Gruppen von sechs bis 24 Tieren, die von einem Weibchen angeführt werden

Das kann schon mal vorkommen: In den Wäldern nahe dem Andringitra-Gebirge im Südosten Madagaskars verliert ein Lemur den Anschluss an seine Gruppe. Jetzt muss er rasch handeln: Das Tier erklimmt fix einen erhöhten Fels und reckt den langen schwarz-weiß geringelten Schwanz in die Höhe. Wie eine Flagge. Auch von Weitem ist er nun gut zu erkennen. Sein Signal: „Hallo, hier bin ich!“

Kattas sind wie alle anderen Lemuren sogenannte Endemiten: Man findet sie ausschließlich auf Madagaskar, der ältesten Insel der Welt, die vor rund 150 Millionen Jahren von Afrika abgetrennt wurde. Nicht nur durch ihren auffälligen Schwanz avancierten Kattas zur wohl bekanntesten der 111 Lemurenarten und -unterarten. Auch durch ihr Verhalten: „Sie sind tagaktiv, und man findet sie auch eher auf dem Boden als in den Bäumen, wodurch sie leichter zu sehen sind“, sagt die Primatologin Keriann McGoogan, Autorin des Buchs ...

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... „Chasing Lemurs“ (Prometheus, 240 Seiten, ca. 22 Euro, auf Englisch). Die Kanadierin beschreibt darin ihre aufregende Expedition zu den Lemuren Madagaskars. „Kattas sind die am intensivsten untersuchte und am häufigsten in Gefangenschaft lebende Lemurenart. Natürlich wurde sie durch den Trickfilm ,Madagascar‘ noch berühmter.“ In diesem Kinohit von 2005 gibt der männliche Anführer King Julien den Ton an. In der Realität werden die sechs bis 24 Tiere in einer Kattagruppe jedoch von einem Weibchen angeführt.

Flirten mit „Parfum“

Männchen haben sich beim Streit um Nahrung oder einen Platz an der Sonne unterzuordnen. Mit Hieben und Bissen setzen die Weibchen diese Hierarchie durch. Sie bilden den Kern der gemischten Einheit. Eine zentrale Anführerin verteidigt die Gruppe auch gegen fremde Artgenossen. Männchen verlassen die Gruppe, in die sie geboren wurden, wenn sie geschlechtsreif werden. In der Fortpflanzungs zeit zwischen Mitte April und

Mitte Mai setzen sie beim Werben um eine Partnerin auf Düfte: Wie alle Feuchtnasenaffen verfügen Kattas über einen ausgeprägten Geruchssinn. Im Gegensatz zu Weibchen besitzen die Männchen nicht nur im Genitalbereich Duftdrüsen, sondern auch an Hand- und Schultergelenken. Mit ihnen betreiben sie das sogenannte „Stinkflirting“: Sie reiben die Drüsen ihrer Handgelenke gegen ihre f lauschigen Schwänze und winken damit den Weibchen zu. Diese Drüsenf lüssigkeit wurde von Biochemikern der Universität Tokio 2020 erstmals genau untersucht. Sie identifizierten drei Aldehydverbindungen, die für den betörenden, blumig-fruchtigen Duft sorgen: Dodecanal, Tetradecanal und 12-Methyltridecanal.

TV TIPP

Unbekanntes Madagaskar DOKU Katta- Junggesellen kämpfen um die Aufnahme in einer Familie SO 3.10. 13.55 ARTE On Demand

Diese Mischung sondern Männchen dank eines höheren Testosteronlevels zur Paarungszeit in deutlich erhöhter Konzentration ab. Sie erregt das Interesse der Kattaweibchen selbst dann, wenn sie nur auf ein Wattepad aufgetragen wurde. Das japanische Forscherteam um Prof. Kazushige Touhara verkündete stolz, es könne sich um die erste vollständige Identifizierung von Sexualpheromonen bei Primaten handeln.

Der Lebensraum schwindet

Sogar die körperliche Schwäche von Artgenossen können Kattas riechen. Dies ist wichtig, wenn sie durch Duftmarkierungen ihren sozialen Status verteidigen. Eine Studie der Duke University in North Carolina ergab, dass Kattas die aufwendige Produktion ihrer Duftnote um bis zu zehn Prozent zurückfahren, wenn sie sich, etwa bei Kämpfen, verletzt haben. Andere Kattas können die Veränderung riechen und die Schwäche ausnutzen, um in der Hierarchie aufzusteigen.

Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft Lemuren als weltweit am stärksten gefährdete Säugetiere ein: 98 Prozent aller Lemurenarten sind vom Aussterben bedroht, 33 Arten sogar akut. Schuld ist die Vernichtung ihres Lebensraums: Experten schätzen, dass 90 Prozent der Wälder auf ihrer Heimatinsel zerstört wurden.

Ursache ist die rasch wachsen- de madegassische Bevölkerung: „Viele Menschen leben dort von weniger als zwei Dollar am Tag.

Zum Überleben sind sie auf ähnliche Ressourcen angewiesen wie die Lemuren“, sagt Primatologin McGoogan. Die Bewohner schlagen Holz zum Kochen, zur Holzkohleproduktion oder fällen edle Hölzer für den Verkauf. Hinzu kommt, dass Kleinbauern immer wieder Wald brandroden, wenn ihr bisheriger Acker nicht mehr genug Nährstoffe enthält. „Wiederaufforstungen können Waldfragmente miteinander verbinden und die Fläche für Lemuren vergrößern“, so Keriann McGoogan. „Sie müssen jedoch überlegt durchgeführt werden.“ So sollten etwa die Mitglieder der lokalen Gemeinden involviert sein, damit die Maßnahmen nicht vergeblich sind. Zum Schutz von Bäumen und Tieren könnte auch ein Ausbau des Ökotourismus beitragen, bei dem Lemuren als eine besondere Attraktion dienen.

Die globale Tourismuskrise, die seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie herrscht, trifft auch die Tierwelt schwer. „In Regionen, die auf den Tourismus angewiesen sind, um ihre Wirtschaft aufrechtzuerhalten, erwarten wir, dass sich die Situation für die Lemuren verschlechtert hat“, sagt McGoogan. Im vergangenen Jahr trat ein, was viele Experten vorausgesagt hatten: Madagaskar erlebte 2020 eine verheerende Feuersaison, da die Pandemie die wirtschaftlichen Aktivitäten und Lebensgrundlagen der Menschen zerstörte und das Land noch tiefer in die Armut stürzte.Einmal mehr zeigt sich: Nur wenn es der Bevölkerung besser geht, gibt esauch Hoffnung für die Zukunft der Lemuren.

DIRK OETJEN