Lesezeit ca. 14 Min.
arrow_back

MADONNA MALUMA


Logo von Rolling Stone
Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 23.12.2021

ES IST EINE SCHWÜLE SPÄTSOMMERNACHT, ALS DIE BEIDEN AM CARIBBEAN SOCIAL Club in Brooklyn eintreffen. Madonna ist gerade aus Puglia in Süditalien gekommen, wo sie ihren 63. Geburtstag feierte, Maluma sitzt in den Startlöchern, um mit den Proben zu seiner „Papi Juancho“-Tournee zu beginnen. Die ganze Nachbarschaft, Drink in der Hand, drängt sich um das Toñita’s, wie der traditionsreiche Club von den Einheimischen genannt wird. Alle versuchen einen Blick auf die beiden Stars zu erhaschen, als diese gegen 20 Uhr vorfahren und schnell in den Räumlichkeiten verschwinden.

Madonna, die das Lokal vorschlug, und der kolumbianische Reggaeton-Sänger unterziehen sich zunächst einer fünfstündigen Fotosession. Während Wizkid aus den Lautsprechern dröhnt, setzt sich eine ältere Dame an einen der Dominotische, verfolgt wohlwollend das Treiben und trommelt dazu mit ihren goldberingten Fingern auf die Tischplatte. Es ...

Artikelbild für den Artikel "MADONNA MALUMA" aus der Ausgabe 1/2022 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 1/2022

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Rolling Stone. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Alle Jahre wieder. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Alle Jahre wieder
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Beweglich. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Beweglich
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Missys Mädchen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Missys Mädchen
Titelbild der Ausgabe 1/2022 von Rekorde zum Jahresende. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rekorde zum Jahresende
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Die Alben des Jahres
Vorheriger Artikel
Die Alben des Jahres
LORDE DAVID BYRNE
Nächster Artikel
LORDE DAVID BYRNE
Mehr Lesetipps

... ist niemand anderes als Toñita selbst, die illustre Besitzerin, die man schon im Vorfeld gebeten hat, auf einigen Fotos mit zu posieren. Es ist weit nach Mitternacht, als sich Madonna und Maluma an einen kleinen Tisch in der Ecke verziehen. Der Raum ähnelt inzwischen eher einer Sauna. Beide wollen endlich mit ihrem Interview beginnen, doch da das Gespräch mit Filmkameras festgehalten werden soll, müssen sie noch eine Weile im heißen Scheinwerferlicht schwitzen.

MALUMA: Wie fühlt es sich an, nachts um eins interviewt zu werden? Eine ehrliche Antwort bitte.

MADONNA: Das stört mich nicht. Ich bin es gewohnt, lange aufzubleiben. Ich bin nun mal eine Nachteule.

MALUMA: Wann gehst du normalerweise ins Bett?

MADONNA: Gegen vier.

MALUMA: Ernsthaft? Seit wann hältst du das so?

MADONNA: Hmm … Seit ein paar Jahren. Es wird von Jahr zu Jahr später.

MALUMA: Ich erinnere mich noch an den Tag, als wir zum ersten Mal gemeinsam ins Studio gingen. Das war in London, abends um acht.

MADONNA: Das ist nun mal die Zeit, wenn man langsam auf Betriebstemperatur kommt.

MALUMA: Und ich dachte: Sieht ganz so aus, als würden wir hier nicht rauskommen vor … Mitternacht? Halb eins? Eins? Und dann wurde es zwei und drei und vier. (Lacht)

MADONNA: Das ist die Zeit, wo man abwechselnd Tequila und Espresso trinkt.

MALUMA: Das war der Paukenschlag für mich! Tequila und Espresso! Ich bin dir für diesen Tipp ewig dankbar. Das war ein Tag, der mein Leben verändert hat.

MADONNA: Ich habe die Theorie, dass Menschen, die tagsüber geboren wurden, auch tagsüber aktiver sind, während Menschen, die nachts geboren wurden, in der Nacht ihren kreativen Höhepunkt haben.

MALUMA: Ich stehe morgens um sechs Uhr auf, gehe ins Fitnessstudio …

MADONNA: Vielleicht wurdest du ja um sechs Uhr geboren?

MALUMA: … mache mein Work-out, gehe ins Studio und spiele abends vielleicht noch mit den Hunden. Um acht oder neun bin ich kaputt und gehe ins Bett.

MADONNA: Du bist ein alter Mann.

MALUMA: Ein alter Mann? Nur weil ich früh ins Bett gehe?

MADONNA: Um diese Zeit schlafen nun mal nur alte Männer. Um acht Uhr? Der helle Wahnsinn!

MALUMA: (Lacht) Jetzt hör aber mal auf! Wir ticken alle anders. Aber um zu meiner nächsten Frage zu kommen: Für die „ Madame X“-Tour und den anstehenden Konzertfilm hast du so ziemlich alle Funktionen eingenommen, die man bei einem derartigen Projekt einnehmen kann: vom Creative Director bis zur Requisite, vom Bühnendesign bis zur Choreografie. Warum ist es für dich so wichtig, alles bis ins letzte Detail zu kontrollieren?

MADONNA: Weil die ganze Show letztlich eine Verlängerung meiner Person ist. Ich liebe Tanzen, ich liebe Kunst, ich liebe Videos, ich liebe Film, ich liebe Mode und Kleider. Also: Es ist für mich wichtig, weil ich a) all diese Sachen liebe, und b), weil alle Elemente einer Show Ausdruck meiner Persönlichkeit sind. Ich habe gar keine andere Wahl, als mich um alle Details zu kümmern.

MALUMA: Ich erinnere mich noch gut.

MADONNA: (Lächelnd) Du erinnerst dich? Erinnerst du dich auch noch an das Video, das wir für „Medellín“ gemacht haben? Der Raum war so scheußlich, dass wir erst mal neue elektrische Leitungen installierten mussten.

MALUMA: Das Licht, das Sofa … Es fehlte nicht viel und du hättest auch mich noch ausgetauscht.

MADONNA: Ja, aber mir war gleich klar, dass es auf die Schnelle keinen Ersatz für dich gab, also …

MALUMA: (Lacht) Das hätte ich dir auch nicht empfohlen. Okay, nächste Frage: Warum hast du bei „ Madame X“ auch die Regie übernommen und am Drehbuch mitgeschrieben?

MADONNA: Meine Show ist meine Vision, meine Philosophie, meine Seele. Ich kann nicht anders, als all das selbst zu orchestrieren. Ich habe eine Botschaft, die nicht verfälscht werden sollte. Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass Außenstehende das für mich machen.

MALUMA: Und ich liebe dich dafür! Vom ersten Tag an war mir klar, wie viel dir deine Kunst bedeutet. Du machst, was du willst …

MADONNA: Ich mache nicht, was ich will, aber ich kämpfe für das, was ich für unverzichtbar halte.

MALUMA: Du hast meine Perspektiven in so vieler Hinsicht verändert. Ich bin noch jung und lerne noch immer so viel über die Musikbranche und meine Karriere, aber es ist so wichtig für mich, an mich selbst zu glauben. Das ist doch die Botschaft, die du allen ans Herz legst, oder?

MADONNA: Ja, was zählt, ist dein Selbstvertrauen.

MALUMA: Seit ich dich kenne, versuche ich nur noch mehr dieser Philosophie zu folgen, und ich kann mich dafür nur bedanken.

MADONNA: Ich hoffe, dass du nach dem Ende unserer Zusammenarbeit auch gelernt hast, dich mehr um Beleuchtung und Requisiten und ähnliche Dinge zu kümmern. Hast du?

MALUMA: Absolut. Vielleicht könnte es ja sein, dass ihr Frauen …

MADONNA: Jetzt bloß keine sexistischen Sprüche!

MALUMA: … dass ihr ein besseres Auge für Details habt.

MADONNA: Dann solltest du mal meine beiden Söhne kennenlernen.

MALUMA: Habe ich doch schon.

MADONNA: Na ja, du hast einmal David getroffen. Aber ich kann dir versichern, dass sie beide nicht mit sich spaßen lassen, wenn’s um Details geht.

MALUMA: Und trotzdem, du spielst in einer anderen Liga.

MADONNA: Zu Beginn meiner Karriere habe ich mich vielleicht selbst zum Mittelpunkt gemacht, doch als dann immer mehr Videos und Shows auf dem Programm standen, richtete sich mein Fokus mehr und mehr auf die Details. Und das bedeutete, dass ich mich mit diesen Aspekten wohl oder übel selbst beschäftigen musste.

MALUMA: Und genau so möchte ich es mit meiner Karriere auch halten.

MADONNA: Ich werde die Details kritisch unter die Lupe nehmen, wenn ich deine neue Show sehe. Also streng dich an!

MALUMA: Hey, habt ihr das alle gehört? Sie hat versprochen, zu meiner Show zu kommen! (Lacht) Nächste Frage: Du schreibst gerade am Drehbuch für einen Film über dein Leben. Was war das für ein Gefühl, all diese Erfahrungen noch einmal zu durchleben?

MADONNA: Es ist wohl der nervenaufreibendste Trip, den ich je gemacht habe. In gewisser Weise ist es Psychotherapie, weil ich mich an jedes Detail meines Lebens erinnern musste, angefangen mit der Kindheit. Ich musste jede Entscheidung hinterfragen, die mich zu der Person gemacht hat, die ich heute bin, meine Entwicklung als Künstlerin, meine Entscheidung, von Michigan nach New York zu ziehen – all diese Fragen, mit denen ich konfrontiert wurde, als ich noch jung und naiv war. Meine ganzen Beziehungen kamen auf den Prüfstand, meine Familie, meine Freunde, nicht zuletzt auch die Freunde, die schon in jungen Jahren starben. Ich hatte beim Schreiben manchmal Momente, wo ich mich am liebsten ins Bett gelegt und nur noch geheult hätte. Weißt du, was ich meine? Ich hatte vieles vergessen, und die wieder auszubuddeln, sie noch mal zu durchleben, noch mal die Emotionen zu empfinden, ekstatische und traumatische … Mir wurde zum ersten Mal wirklich klar, was für ein verrücktes Leben ich gelebt habe.

MALUMA: Verrückt, aber auch wunderbar.

MADONNA: Wunderbar, keine Frage. Aber es kann schon passieren, dass ich nachts im Bett liege und mich frage: Mein Gott, ist das alles wirklich mir passiert? Kenne ich diese Person überhaupt?

MALUMA: Ich kann nur feststellen, dass ich diese Person von ganzem Herzen liebe. Und alles, was du anpackst, ist ein Erfolg.

MADONNA: Das würde ich nicht unterschreiben wollen. Erfolg ist ein sehr subjektives Phänomen.

MALUMA: Erfolg ist für mich das Gefühl, mit allem, was ich tue, glücklich zu sein. Eine innere Balance und Ruhe zu finden, das empfinde ich als Erfolg.

MADONNA: Ich bin mir sicher, dass deine Karriere noch unerwartete Haken schlagen wird. Du wirst Ups haben, aber, so leid es mir tut, auch so manches schmerzliche Down. So ist nun mal das Leben. Wobei uns auch ein Tiefpunkt dabei hilft, etwas zu lernen und unser Leben besser zu verstehen. Ich glaube deshalb auch, dass es keine wirklich schlechten Erfahrungen gibt. Das sind alles Stufen eines Lernprozesses, den jeder durchlaufen muss.

MALUMA: Volle Zustimmung. Ich danke dir.

MADONNA: Jetzt bin ich wohl an der Reihe, Fragen zu stellen.

MALUMA: Das ist der Augenblick, den ich gefürchtet habe. Sollte ich mir vielleicht vorher noch einen Drink bestellen?

MADONNA: Auf all deinen Songs singst du spanisch, richtig?

MALUMA: Zu 99,9 Prozent.

MADONNA: Und du hast deine ersten Schritte mit Reggaeton gemacht, scheinst dich inzwischen aber in eine andere Richtung zu bewegen. Kann man das so formulieren? Ich möchte das Wort „Pop“ lieber vermeiden.

MALUMA: Ich liebe Reggaeton, ich bin mit Reggaeton aufgewachsen und habe ihn noch immer im Blut. Er ist ein Teil meiner DNA geworden. Aber es stimmt, ich liebe die Möglichkeit, mich auch an anderen Genres zu versuchen.

MADONNA: Wie in „Medellín“ zum Beispiel, unserem gemeinsamen Song.

MALUMA: Ja, die Nummer ist definitiv anders: anderer Beat, anderer Rhythmus, auch andere Lyrics. Ich liebe Salsa, ich liebe Reggaeton, aber ich liebe eben auch Pop und Balladen. „Pop“ steht ja letztlich nur für „populär“. Für mich hat das Wort keine andere Bedeutung. Alles, was wir machen, ist Pop. Wir machen diese Musik schließlich, weil wir andere Menschen damit erreichen wollen. Ich erinnere mich noch, dass ich einmal nach L.A. geflogen bin, wo wir eine wundervolle Session mit den dortigen Produzenten hatten. Wir nahmen sieben, acht Songs auf Englisch auf. Sie waren gut, aber je länger ich sie mir anhörte, desto mehr dachte ich: Das ist nicht Maluma. Ich war immer ein Riesenfan von amerikanischer Musik. Ich bin mit HipHop und R&B aufgewachsen und all diesen unglaublichen Künstlern: Ja Rule, 50 Cent, Snoop Dogg und nicht zuletzt auch mit dir. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich unbedingt englisch singen muss, um die Welt zu erobern oder die Musik zu machen, die ich machen will.

MADONNA: Glaube ich auch nicht.

MALUMA: Ich habe das Gefühl, dass sich die Hörer durchaus mit der Person anfreunden können, die ich bin. Ich muss mich nicht verbiegen, um ein anderer Mensch zu sein.

MADONNA: Du versuchst auch nicht unbedingt den Kolumbianer in dir raushängen zu lassen.

MALUMA: Ich bin, was ich bin. Ich wurde so geboren. Sollte ich in Zukunft noch einmal die Gelegenheit haben, englisch zu singen, werde ich es vielleicht noch mal versuchen.

MADONNA: Was sind deine Inspirationen?

MALUMA: Meine Familie, mein Land, meine lateinamerikanischen Wurzeln. Ich war ungefähr zwölf, als sich all meine Träume herausbildeten. Ich wollte Sänger werden, ein Sänger, der über all das singt, was er erlebt. Ich wollte für meine Mutter singen, meinen Vater, meine Schwester. Das war eine Inspiration, die mir bis heute wichtig ist.

MADONNA: Das Leben inspiriert dich. Das, was dir am Herzen liegt.

MALUMA: Ich könnte sogar noch meine Tiere erwähnen. Sie alle inspirieren mich.

MADONNA: Ich wollte schon nach deinen Pferden fragen.

MALUMA: Meine Pferde, meine Hunde, die Menschen in meiner Umgebung.

MADONNA: Das ist eine Einstellung, die ich hundertprozentig teile. Ich werde von meinen Kindern inspiriert, von meiner Familie, meinen Erfahrungen im Leben, in der Liebe, Verlust, Verrat, der ewige Kampf – alles, was uns Menschen begegnet und passiert.

MALUMA: Deprimierende Erfahrungen können durchaus eine Inspiration sein.

MADONNA: Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Es ist sogar viel einfacher, einen Song zu schreiben, wenn man die Fäuste in den Taschen hat. (Lacht)

„ICH HABE ALS TÄNZERIN ANGEFANGEN. DAS HAT MICH NACHHALTIG BEEINFLUSST. TÄNZER SIND EINE GANZ EIGENE SUBSPEZIES. WIR KÖNNEN UNS UNERBITTLICH QUÄLEN“

MADONNA

MALUMA: Absolut. (Wendet sich an die anderen Leute, die sich im überhitzten Club befinden:) Hey, Jungs, gefällt’s euch hier in der Sauna?

MADONNA: Ich schwitze gerade all die Pfunde aus, die ich mir in Puglia zugelegt habe. Aber was ich dich eigentlich fragen wollte: Seit anderthalb Jahren leben wir alle in diesem seltsamen Niemandsland namens Covid. Immerhin hatte man Zeit, Songs zu schreiben und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Wie bist du mit der Isolation umgegangen?

MALUMA: Ich fand die Zeit, das gesamte Material für „Papi Juancho“ zu schreiben, mein neues Album. Zum ersten Mal in acht Jahren blieb ich monatelang in Medellín, zusammen mit meiner Mutter. Ich habe dort ein wundervolles Haus, das ich aber bisher kaum bewohnt habe. Ich habe es gebaut – und ging dann auf Tour. Die Pandemie hat mich zurück nach Medellín gebracht. Ich habe dort auch ein Studio und fing an, Songs zu schreiben, aber ohne das Gefühl zu haben, nun unbedingt ein kommerziell erfolgreiches Album schreiben zu müssen. Wir wussten nicht, was dabei rauskommen würde. Nach dem Album machte ich dann aber noch den Song „Hawaii“, der die erfolgreichste Nummer meiner Karriere wurde. Es war also eine sehr produktive Isolation – wobei mir natürlich bewusst ist, dass nur wenige Menschen in der gleichen glücklichen Lage waren wie ich.

MADONNA: Ja, sie hatten nicht den Luxus, ihr Leben praktisch ungestört weiterleben zu können.

MALUMA: Ja, ich hatte das Glück, mein Haus zu haben und einen großen Garten, in dem ich spazieren gehen konnte.

MADONNA: „Papi Juancho“ ist auch der Titel deiner Tournee. Bist du schon aufgeregt?

MALUMA: Und ob!

MADONNA: Ich bin richtig neidisch! Mir fehlt die Bühne.

MALUMA: Komm doch einfach vorbei und spiel „Medellín“ mit uns.

MADONNA: Nur für einen Song?

MALUMA: Nein, du kannst natürlich auch bleiben.

MADONNA: (Lacht) Ich könnte als Back-up-Tänzerin anheuern.

MALUMA: Ich werde an deinen Lippen hängen, wenn du singst, ich werde dein größter Fan sein. Es wird deine Show sein, nicht meine.

MADONNA: Ich wette, viele können kaum erwarten, wieder auf Tour zu gehen. Es ist fast, als würde man aus einer Kanone zurück auf die Bühne geschossen werden. Und auch das Publikum ist inzwischen völlig ausgehungert.

MALUMA: Wir auch. Ich erinnere mich, dass ich eine deiner „ Madame X“-Shows hier in New York besucht habe. Ich sah, wie glücklich du auf der Bühne warst. Ich weiß, dass ich genau diese Energie auch auf die Bühne bringen muss. Ich bin nervös, aber das ist eigentlich eine gesunde Reaktion. Es ist wie eine Art positives Adrenalin, das durch den Körper schießt.

MADONNA: Nervös zu sein ist immer gut. Das ist der Beweis, wie sehr dir dieses Projekt am Herzen liegt.

MALUMA: Ich möchte am liebsten das ganze Publikum ans Herz drücken. Es ist so lange her – fast zwei Jahre nach der letzten Show! Es wird wunderbar werden. Und du bist herzlich eingeladen! Sag nicht, dass du neidisch bist, sondern komm einfach vorbei!

MADONNA: Ich würde euch doch mit meinem Probenmarathon in den Wahnsinn treiben!

MALUMA: Erinnerst du dich noch, als wir für die Billboard Music Awards geprobt haben? Oh mein Gott! Als ich nachts um zwei Uhr von den Proben nach Hause kam, dachte ich: So eine Probe habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt! Aber das war eine wunderbare Erfahrung.

MADONNA: Ich habe als Tänzerin angefangen, und das hat die Art, wie ich die Bühne nutze und meine Kräfte einteile, nachhaltig beeinflusst. Ich kann stundenlang proben, ohne müde zu werden. Tänzer sind eine ganz eigene Subspezies. Wir können uns unerbittlich quälen. Selbst eine Verletzung kann uns nicht aufhalten.

MALUMA: Ich habe in meiner Jugend Fußball gespielt und mir die sportliche Disziplin bis heute bewahrt. Aber bewusst quälen mag ich mich auch nicht. Ich versuche auch in dieser Beziehung eine gesunde Balance zu finden.

MADONNA: Du bist definitiv anders als ich.

MALUMA: Wenn ich meinen Spaß haben will, nehme ich mir auch die Zeit dafür. Als ich noch jünger war, habe ich jeden Tag drei Stunden Fußball gespielt. Du kennst das Phänomen ja sicher, weil dein Sohn David auch Fußball spielt.

MADONNA: Ja, das ist ein wunderbarer Sport.

MALUMA: Meine Mentalität, meine Hingabe – es gibt so vieles, was ich dem Fußball verdanke. Und dazu gehört sicher auch die Fähigkeit, eine bessere Balance in meinem Leben zu finden.

MADONNA: Du solltest eine Fußballreferenz in deine Show einbauen. Vielleicht kannst du ja mal mit dem Ball quer über die Bühne dribbeln.

MALUMA: Nicht übel! Hey, Jungs, habt ihr das gehört?

MADONNA: Ich wusste von vornherein, dass wir am Ende von „Medellín“ eine Szene mit Pferden einbauen mussten. Wie du inzwischen ja weißt, gibt es in Portugal so viele wundervolle Pferde. Aber anfangs hatte ich die Befürchtung: Mein Gott, was mache ich bloß mit Maluma? Er hat vermutlich noch nie auf einem Pferd gesessen! Aber dann hast du dich auf den Hengst geschwungen und bist wie ein alter Routinier davongaloppiert.

MALUMA: Ich hatte einen arabischen Vollblüter erwischt, und das sind die schwierigsten Pferde, die man reiten kann. Aber Madonna war natürlich Madonna und meinte: „Ach, nimm doch einfach den Hengst da. Der ist zwar superaggressiv, aber du schaffst das schon.“

MADONNA: Dafür musste ich in einem Brautkleid reiten.

MALUMA: Ich dachte: Egal, los geht’s! Anfangs lief es noch perfekt, aber dann warf er mich doch noch ab. Und ich sagte sofort: „Könnt ihr mir nicht einen Lusitano besorgen?“ Weil ich in Kolumbien selbst Lusitaner habe. Die haben auch eine Menge Adrenalin, sind aber einfacher zu reiten. Jedes Mal wenn ich auf Tour gehe, fällt mir der Abschied schwer. Ich habe einen wundervollen Hengst namens Hercules. Er ist die Liebe meines Lebens. Ich kümmere mich um meine Pferde, als ob sie meine Kinder wären.

JULYSSA LOPEZ: Madonna, Lissabon war auf Ihrem letzten Album ein wichtiger Einfluss, während Maluma ein Album veröffentlichte, das der Musik aus Jamaika gewidmet war. Inwieweit schlagen sich Reisen in Ihrer Musik nieder?

MADONNA: Reisen sind ein wichtiger Einfluss, wenn man als Künstler wachsen will. Überall auf der Welt wird Musik gespielt, mit der man sich auseinandersetzen sollte. Als ich nach Lissabon zog, hatte ich allerdings nicht die Absicht, dort ein Album zu machen. Um ehrlich zu sein, ging es mir zunächst sogar ziemlich dreckig. Ich fragte mich: Bin ich wirklich nur hierher gezogen, damit mein Sohn Fußball spielen kann? Was zum Teufel mache ich hier? Ich kenne doch niemanden! Doch dann lernte ich sofort die unglaublichsten Musiker kennen. Portugal ist ein Schmelztiegel so vieler Musikkulturen, die nicht zuletzt durch die Emigranten aus Angola und Guinea-Bissau ins Land kommen.

Als wir nach Süditalien fuhren, um dort meinen Geburtstag zu feiern, hörten wir uns natürlich auch die Musik dieser Region an. Egal wo ich bin, überall treffe ich Menschen, mit denen ich Musik machen kann. Als ich vor ein paar Jahren meinen Geburtstag in Biarritz feierte, traf ich zufällig ein paar Sänger aus dem Baskenland, die in ihrem heimischen Idiom sangen. Sie benutzen dabei Halbtöne, die sie wie Mönche klingen lassen. Sie heißen Kalakan und begleiteten mich auf der anschließenden Tournee. In Portugal genauso: Viele der Musiker, die ich dort kennenlernte, kamen mit auf Tour.

MALUMA: Das Gleiche bei mir. Ich ging nach Jamaika und nahm dort (die EP) „7 Days In Jamaica“ auf, weil Dancehall, Reggae, Reggaeton nun mal meine wichtigsten Einflüsse waren. Ich wollte vor Ort sein, um dort den Geist von Bob Marley zu spüren. Es bedeutete mir ungeheuer viel, mit seinem Sohn Ziggy spielen zu können. Das war eine Erfahrung, die mein Leben reicher gemacht hat. Selbst der Slang, den sie dort sprechen, ist ein Trip.

MADONNA: Hast du in Kingston aufgenommen?

MALUMA: In Kingston und Ocho Rios. Mein nächstes Album will ich mit diversen afrikanischen Musikern machen. Ich glaube, dass diese Einflüsse nicht nur in Lateinamerika verstärkt eine Rolle spielen, sondern auch in dem Segment, das man „Urban Music“ nennt. Das ist jedenfalls der nächste Schritt für mich. Und ich werde weiterhin musikalische Expeditionen planen – auch wenn ich mich in diesem Punkt natürlich nie mit Madonna messen kann.

MADONNA: Doch, kannst du. In dreißig Jahren bist du so weit.