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Magie und Menschlichkeit


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 24.05.2018

»Caroline, or Change« am Londoner Hampstead Theatre


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Caroline (Sharon D. Clarke, l.) geht die Wäsche durch, Noah (Aaron Gelkoff, r.) hat viel Achtung vor der Hausangestellten


Foto: Alastair Muir

Louisiana 1963. Tagtäglich verbringt die Schwarze Caroline (Sharon D. Clarke) ihre Zeit im Waschraum zwischen Waschmaschine, Trockner und Radio. Der Raum liegt im Keller, es ist heiß. Sie ist mürrisch und zermürbt; naiv-freundliche Gesten ihrer weißen Arbeitgeberin weist sie zurück. Sie gehört zu den Menschen, zu denen man am besten Abstand hält, aber Autor Tony Kushner hat mit viel Fein- und Mitgefühl ein Porträt ...

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... geschaffen, das in die Figur hineinblickt, berührt und zum Denken anregt. Hinzu kommt Michael Longhursts fantasievolle und präzise gezeichnete Inszenierung sowie Jeanine Tesoris Musik. Diese ist reich und bereichernd, denn die Figuren erhalten durch sie zusätzliche Schattierungen und Tiefe. In einem Moment singt sich Caroline kraftvoll all ihren Frust und ihre Wut von der Seele, im nächsten sind die Töne ganz zart und ihre Zerbrechlichkeit wird spürbar: wir erfahren, was sie innerlich zerfrisst und nach außen hin so grantig werden lässt.

Die Musik fängt auch Zeit, Ort und Atmosphäre ein. Neben Soul, Gospel und Rock’n’Roll sind auch jüdische Klänge zu hören, da die Familie, für die Caroline seit langem arbeitet, jüdischen Glaubens ist. Besonders eindringlich ist des Hausherrn Stuarts (Alastair Brookshaw) Klarinette, die eine Szene mal kongenial unterstreicht, mal für gute Laune sorgen soll, wenn die Stimmung beim jüdischen Lichterfest Chanukka gespannt ist.

Das Stück beginnt mit Caroline im Waschkeller. Es ist dunkel, sie singt ›16 Feet Beneath the Sea‹: Die tiefen, ruhigen Klänge des Songs vermitteln das Gefühl der grenzenlosen Unterwelt eines Ozeans, in welcher Stillstand herrscht – der mühevolle, immer gleiche Alltag einer Frau, die vier Kinder hat und geschieden ist. Später erschließt sich auch die metaphorische Bedeutung. Leben und Tempowechsel kommen ins Spiel mit dem Auftreten eines Mädchens (Me’sha Bryan) in einem Schaum- und Seifenblasenkostüm, sie repräsentiert die Waschmaschine. Die Musik, leicht und spielerisch, erinnert an 60er-Jahre-Radiowerbung, in der das neueste Haushaltsgerät angepriesen wird. Auf diese Weise wird geschickt an den nächsten Song angeknüpft: ›The Radio‹, verkörpert durch drei Girls (T’Shan Williams, Sharon Rose, Carole Stennett), den »Surpremes« gleich, deren Kostüme mit ihren Creme- und Brauntönen die Farb- und Stofflichkeit eines alten Radios besitzen. Zudem besteht ihr Kopfschmuck aus einer Antenne. Fly Davis’ Fähigkeit, Gegenstände über Kostüme zu versinnbildlichen, ist bemerkenswert. Später begegnen wir noch einem Trockner (Ako Mitchell) sowie dem Mond (Angela Caesar), der als strahlende, ruhende Schönheit in der Ferne der Geschichte einen Hauch Magie verleiht.

Die Songs gehen ineinander über und auch die Dialoge sind mehr Rezitative. Trotz dieser opernhaften Elemente empfindet man das Stück aufgrund der Figuren und Klangfarben nicht als Oper und bleibt der Handlung zugänglich.

In dieses Gemälde von Carolines Arbeitswelt schleicht sich unbemerkt eine Geschichte ein, die sich entfaltet: Da ist der Junge Noah (hervorragend gespielt von Aaron Gelkoff), der nach der Schule zu ihr in den Waschkeller kommt und sich freut, ihr eine Zigarette anzünden zu können, obwohl sie nie wirklich nett zu ihm ist. Rose (Lauren Ward), die Herrin des Hauses, gibt ihr zu essen und bemüht sich um Freundlichkeit – vergebens. Dabei hat sie selbst mit ihrer Situation zu kämpfen. Sie stammt aus New York und ist erst vor kurzem hergezogen, alles ist fremd. Beim ›Long Distance‹-Anruf bei ihrem Vater bricht es aus ihr heraus. Sie heiratete den verwitweten Stuart, aber dieser trauert seiner verstorbenen Frau nach und lässt sie außen vor. Auch zu dem Sohn findet sie keine Verbindung.

In ihrer jüdischen Erziehung spielte der achtsame Umgang mit Geld eine große Rolle. Es in der Hosentasche zu vergessen, wenn das Kleidungsstück in die Wäsche gegeben wird, ist nicht akzeptabel. Um Noah einen besseren Umgang mit Geld zu vermitteln, soll von nun an Caroline das Kleingeld, welches sie in seinen Taschen findet, behalten. Caroline zögert zuerst, es ist gegen ihre Moral und ihren Stolz, das Geld von Kindern zu nehmen. Noah hingegen hat da weniger Skrupel, im Gegenteil, er sieht es als Mittel, ihr helfen zu können, und hofft, ihre Zuneigung zu gewinnen. In seinem fröhlichen ›Caroline Takes My Money‹ treten seine Träume zutage: Anerkennung zu bekommen und vor allem mit ihren Kindern spielen zu können, anstatt ein einsames und isoliertes Dasein zu fristen. Kurz zuvor, in ›Stuart and Noah‹, musste man nämlich schmerzlich beobachten, wie entfremdet auch Vater und Sohn einander sind.

Soweit zum Exposé. Im zweiten Akt spitzen sich die Konflikte zu: Weihnachten steht vor der Tür. Für Caroline werden nagende Erinnerungen wach, wie es zum Bruch mit ihrem Mann kam, für den sie sich verantwortlich fühlt. In der Familie laufen die Vorbereitungen für Chanukka. Carolines Tochter Emmie (Abiona Omonua) soll auch dabei helfen. Der Krach ist vorprogrammiert, da Emmie von einer besseren Zukunft träumt, eine starke Meinung hat und auch kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn sowohl jüdische als auch schwarze Sensibilitäten angesprochen werden. Beides sind Minderheiten, die sich in der Gesellschaft behaupten müssen. Doch wie sie es tun, da scheidet sich der Weg. Caroline ist entsetzt über das unverschämte Verhalten ihrer Tochter. Roses Vater (Teddy Kempner) schätzt zum Glück eine gute Auseinandersetzung, so geht die Sache glimpflich aus. Dramatischer wird es, als Noah 20 $ erhält und es kommt, wie es kommen muss: Caroline findet das Geld. Es kommt zum Eklat und sie verlässt aufgebracht das Haus. Als Rose nach Hause kommt, steht sie vor den Scherben. Noah schweigt. Tagelang bleibt Caroline weg, die Familie ist besorgt. Das Ende wird an dieser Stelle nicht preisgegeben.

Vieles ist biographisch, dennoch zeugt es von der hohen Kunst Tony Kushners, solch eine Figur wie Caroline dermaßen filigran zu zeichnen. Hinzu kommt Sharon D. Clarkes einzigartige Fähigkeit, sie so glaubwürdig zu verkörpern. Besonders markant ist die Szene, als Caroline nach der Arbeit auf ihre langjährige Freundin Dotty (Naana Agyei-Ampadu) trifft. Letztere spricht Caroline direkt auf ihre negative Stimmung an und bietet Hilfe an, wird aber ebenfalls zurückgewiesen. Ein Problem schimmert durch: Dotty geht auf die Abendschule, möchte sich verbessern und eine Veränderung (Change) erreichen. Sie weist auf die Gefahr hin: Wenn Caroline sich nicht ändert, wird sie von der Zeit, vom Leben überrollt. Wie der Titel schon lautet – »Caroline, or Change«. Doch da ist mehr: Was hält Caroline fest, das keine Änderung zulässt? Vier Kinder, um die sie sich kümmern muss? Angst, Ärger zu machen? Ist es nicht nur das Gefühl des Gefangenseins, das an ihr nagt, sondern auch das der Einsamkeit? Denn in einer Zeile klagt sie: »No one needs to share my bed/Keiner möchte mein Bett teilen.« Am Ende wird mit den Zeilen »Tear out my heart/strangle my soul« ein tiefer Selbsthass offenbar.

»Change« bezieht sich übrigens nicht nur auf Veränderung, sondern bedeutet im Englischen auch Wechselbzw. Kleingeld, von welchem Caroline meint, dass es das Unglück hervorgebracht hat.

»Caroline, or Change« ist eine auf allen Ebenen hervorragende Produktion, zu der auch Ann Yees Choreographien gehören, die vielfältig und einfallsreich die verschiedenen Szenen unterstreichen. Diese meisterhafte Inszenierung zieht im November dankenswerter Weise ins West End.

1. Das Radio verkörpert durch eine 1960er-Jahre-Girl-Group (v.l.: Carole Stennett, T’Shan Williams, Sharon Rose)


2. Es ist Weihnachten und Caroline (Sharon D. Clarke, l.) ist mit der Versuchung konfrontiert, das Kleingeld anzunehmen, das man ihr anbietet, hier durch Personifizierung der Waschmaschine (Me’sha Bryan, r.). Im Hintergrund das Radio, verkörpert durch drei Sängerinnen (T’Shan Williams, Sharon Rose, Carole Stennett)


3. Caroline (Sharon D. Clarke, r.) mit der Waschmaschine (Me’sha Bryan, l.), auf der der Becher mit dem gefundenen Kleingeld aufbewahrt wird


4. Der Mond (Angela Caesar), der der Nacht einen besonderen Zauber verleiht


Fotos (4): Alastair Muir