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MAGIE UND MOTIVATION


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 27.01.2022

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 2/2022

Eels

Extreme Witchcraft E-WORKS/PIAS★★★★☆

Es stand in keinem Drehbuch, dass Eels- Mastermind Mark Oliver Everett und Produzent und Gitarrist John Parish (PJ Harvey, Aldous Harding) exakt zwanzig Jahre nach dem gemeinsam ausgeheckten Eels-Album „Souljacker“ eine Neuauflage ihrer Kooperation wagen würden. Dabei spielte ein Regisseur eine entscheidende Rolle: Mark Romanek, der 1995 das damals teuerste Musikvideo aller Zeiten drehte („Scream“ von Michael und Janet Jackson) und ein Jahr später den Clip zu „Novocaine For The Soul“, Leadsingle des Eels-Debüts, „Beautiful Freak“, ließ Everett Anfang 2021 die Nachricht zukommen, dass „Souljacker“ sich bei ihm mal wieder in Dauerrotation befinde.

Der Anstoß nachzuprüfen, ob die alte Magie noch funktioniert! Parish wurde kontaktiert, Songskizzen wurden via E‐Mail ausgetauscht, gegenseitig ausgearbeitet und ergänzt. Das aus diesem intuitiven Versuchsauf bau ...

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... resultierende 14. Eels-Album trägt den Titel „Extreme Witchcraft“, der gleichzeitig maßlos übertrieben und absolut wahr ist.

Schon die Vorabsingles „Good Night On Earth“ und „The Magic“ haben bewiesen, dass alles noch da ist: die Fuzz-Gitarren, das potent federnde Schlagzeug, die extrovertierte Produktion. Auch ohne Hits vom Kaliber „Fresh Feeling“ oder „Woman Driving, Man Sleeping“ hat sich die Neuauf lage der Teamarbeit sehr gelohnt.

Die Attitüde des fatalistischen, melancholischlethargischen Losers ist zwar noch präsent, etwa im bewusst ungeschliffenen „Better Living Through Desperation“ oder auch im an Tom Waits erinnernden Railway-Blues „Steam Engine“, aber sie ist nicht mehr prägend.

„What It Isn’t“, Herzstück des Albums, alterniert zwischen gemächlichen Strophen mit Nostalgiefilter und brachialer Refrain-Eskalation, zu der Eve rett aus tiefster Seele faucht: „If it is what it is, then I’m gonna scream: Make it what it isn’t!“ Er kann sich zwar auch noch in die Wurlitzerumschwirrte „Stumbling Bee“ hineinversetzen, „trying to fly in November“, aber diesmal ist klar: „I’m gonna find my way.“ Der Eels-Vorsteher ist nun selbst der Rettungsringwerfer, der Fluchtfahrzeugfahrer, der Optimismusbrunnen und Motivationscoach, der befiehlt: „Whatever’s wrong in the world right now, let’s just make it right!“

John Mellencamp

Strictly A One-Eyed Jack★★★☆☆

Knarzige Rocksongs mit viel Blues

Die Gitarre schrammt grimmig, der Mann grollt: „I always lie to strangers/ I always lie to people I may know/ There’ll be no church bells chiming for me/ No contest is my only plead.“ Wir haben es also mit jemandem zu tun, der sich seiner Schuld bewusst ist – ein Böser in einer bösen Welt, dem niemand vertrauen sollte. Na, das geht ja gut los! „Strictly A One-Eyed Jack“ ist John Mellencamps 25. Album, und fröhlicher wird’s nicht mehr.

Aufgenommen hat er wieder in seinem Belmont-Mall-Studio in Indiana, diesmal aber nicht selbst produziert, sondern es David Leonard überlassen. Die gewohnte Band war auch dabei. In diesen Isolationszeiten also relativ gute Bedingungen, doch Mellencamp hat offensichtlich den Blues, wenn er sich in dieser Welt umsieht. „I Am A Man That Worries“, stellt er trocken fest – und klingt jetzt manchmal fast wie Tom Waits, nur ohne die torkelige Eleganz. Hier hört man immer die Karohemden und Levi’s- Jeans mit.

Zwischendurch schimmert ein bisschen Zuversicht durch, zum Beispiel im gospelhaften „Chasing Rainbows“ mit der (vor allem für einen Amerikaner vielleicht gar nicht so) simplen Moral: Wer nicht bloß nach Geld giert, findet vielleicht sein Glück: „At the end of the rainbow/ Turns out it’s not some where/ Look around it’s everywhere/ For anyone who cares.“ Sicher scheint das nicht, hier dräut immer Unheil.

Einen Lichtblick gibt es allerdings schon: Bei drei Liedern schaut Bruce Spring steen vorbei. „Wasted Days“ ist im Herbst vorab veröffentlicht worden, ein solider Carpe-diem-Rocksong, „Did You Say Such A Thing“ groovt angenehm lässig vor sich hin, bei „A Life Full Of Rain“ wird es besonders melancholisch. Wie viele Songs über Vergebung und die Geister der Vergangenheit haben die beiden eigentlich schon gesungen? Am Ende klimpert ein verlorenes Klavier, man bleibt etwas traurig zurück. Vielleicht gleich mal „Uh-huh“ auf legen, damals war noch etwas mehr Hoffnung am Ende der Verzweif lung. ( Republic/Universal) BIRGIT FUSS

Hippo Campus

LP3★★★☆☆

Quirliger Art-Pop vom Quintett aus Minnesota

Das Quintett mit Trompete aus Saint Paul/Minnesota hat noch einmal enorm angezogen. Ursprünglich, ab 2013, klangen die Indie-Pop-Songs von Hippo Campus noch eher nach schmächtigem, zutraulichem College sound, der nicht verriet, dass Jazz- und Opernstudenten dahintersteckten. Schon zuletzt hatten sie die Produktion beherzt auf zeitgenössisches Niveau gebracht, nun sind sie endgültig im quirligen Art-Pop gelandet, als Update der Wir-kaufen-alles- Mentalität von TV On The Radio oder Dirty Projectors. Mitunter hört man noch etwas harmlos zugemaltes Schaukeln mit niedlicher Melodie. Aber in den besten Stücken herrscht ein großartig buntes, rasselndes, dabei fröhlich kontrolliertes Durcheinander. (Grand Jury/Fat Possum)

MARKUS SCHNEIDER

Madrugada

Chimes At Midnight★★★☆☆

Comeback mit eleganter, dunkler Rock-Grandezza

Out of the deep end: Eine gute Dekade nach dem Ende der Band kehren Sivert Høyem, Frode Jacobsen und Jon Lauvland Pettersen mit einem neuen Album zurück. Eine Tournee zum 20. Geburtstag ihres Debütalbums gab den Ausschlag für den Neubeginn. Auf „ Chimes At Mid night“ schließen die Norweger an ihre letzten Werke an, als die dunkle Musik elegant geworden war. Die Kulissen sind also groß aufgestellt, etwa bei „Slowly Turns The Wheel“, das mit Aromen italienischer Popmusik spielt, oder dem mit U2-Motiven versetzten „Imagination“. Am besten gelingen das dramatische, mit düsterfeierlichen Pianoakkorden illuminierte „Nobody Loves You Like I Do“ und der gedrosselte Goth-Rock von „Running From The Love Of YourLife“. (Warner) JÖRN SCHLÜTER

Mitski

Laurel Hell★★★★☆

Perfekter Synthpop mit ein paar Rissen

Einerseits bleibt sich Mitski auf ihrem sechsten Album treu, weil sie weiterhin Eingängigkeit und Avantgarde, Kunst und Mainstream verschmilzt. Andererseits lässt „Laurel Hell“ etwas Sauerstoff hinter perfekte Fassaden. Nachdenklichkeit mischt sich in die Synthpop-Oden über Liebe, Leid und Leidenschaft. „I used to think I’d be done by twenty“, heißt es in „Working For The Knife“, doch es endet hoffnungsvoll: „though maybe at thirty I’ll see a way to change.“ Musikalisch probiert Mitski alte Hüte durch. Manche näht sie um, andere passen gleich. In „The Only Heartbreaker“ sind die 80er-Jahre sehr lebendig, in „That’s Our Lamp“ erstrahlen auch schmalzigste Sounds dieser Ära in neuemGlanz. (Dead Oceans/Cargo) MAX GÖSCHE

Miles Kane

Change The Show★★★★☆

Rock’n’Roll-Ohrwürmer von der Fred-Perry-Ikone

Miles Kane ist eine coole Socke. Zu cool für die Allgemeinheit, sodass seine Karriere bisher einer Achterbahnfahrt gleicht. Kurioserweise verbreitet sein viertes Soloalbum, das im bodenständigen Londoner Viertel Beth nal Green entstand, wesentlich mehr Sonnenschein und Lebenslust als der Vorgänger aus der Zeit in L.A. Ohrwurmcharakter besitzen alle elf Songs. Unser Gallagher-Freund startet mit einer noblen T.‐Rex-Hommage, sein Duett mit Corinne Bailey Rae versprüht ein wunderbares Sixties- Flair. Nie stand Miles Roy Orbison näher als mit „Coming Of Age“, der Titeltrack entpuppt sich als Gigantenbattle zwischen Bowie und Slade. Können Sie das überbieten, Alex Turner? (BMG Rights) FRANK LÄHNEMANN

Lady Wray

Piece Of Me★★★★☆

Exzellentes Soul-Album, leicht und zugkräftig

Nicole Wray hat fast drei Jahre an ihrem zweiten Album als Lady Wray gearbeitet. Ein Album so leicht und zugkräftig wie ein Flügelschlag. Im R&B grundierter Soul, der seine tieferen Wurzeln im HipHop hat, in Wrays Vergangenheit als Entdeckung von Missy Elliott, die in der Phrasierung ihrer sanft angerauten Stimme und den Analogbeats mitschwingt. So klassisch „Piece Of Me“ anmutet, so traditionell soulfule Songs wie „Games People Play“ oder Gospelinformierte wie „Thank You“ klingen, so frisch fließt „Under The Sun“ aus den Boxen, lockt „Where Were You“ auf den Tanzboden. Hits in einer besseren Welt. Musik, die das Gemüt streichelt, wie es nur Soul dieser Klasse kann. (Big Crown) SEBASTIAN ZABEL

Scorpions

Rock Believer★★★☆☆

Veritable Radiohits von den Hardrock-Routiniers

Man könnte sich natürlich wieder über den Phrasendrusch lustig machen, die anachronistische Rock-Emphase, die simple Weltverbesserungsattitüde, diesen ganz lieben Quatsch, den die Scorpions da wieder verzapfen. Oder man kann das endlich mal als gegeben hinnehmen und einfach auf das hören, was ihnen gelingt. Wer seinen Snobismus also für einen Moment vergessen kann, wird vielleicht zugeben, dass der Auftakt, „Gas In The Tank“, das titelgebende Hookmonster und „Peace maker“ veritable Radiohits sind und dass sie mit „Shining Of Your Soul“ sogar noch einmal Anschluss finden an ihre große Zeit in den Siebzigern. Klar, bei den coolen Jungs darf man dann nicht mehr mitspielen. (Universal) FRANK SCHÄFER

Mondo Sangue

Rosso come la notte★★★☆☆

Opulentes Italothriller-Kopfkino aus Stuttgart

„Rosso come la notte“ ist der Soundtrack für einen Italothriller aus den Siebzigern, den es nie gab. In ihm ginge es um eine rätselhafte Mordserie und eine im Schwarzwald verschwundene Tierpräparatorin aus Mailand. Ivy Pop und Christian Bluthardt, die das Stuttgarter Duo Mondo Sangue sind, haben schon Soundtracks für fiktive Zombiefilme, Spaghettiwestern und Science-Fiction veröffentlicht. Jetzt ist das Giallo-Genre dran. Stilsicher und anspielungsreich ahmen sie in opulenten Mini-Epen wie „Sorella Gemella (Love Me)“, in nervösen Synthiepop-Stücken wie „Something’s Wrong With Barbara“ oder pathetischen Miniaturen wie „Dietro lo Speccio“ den Trashthriller-Vibe nach und lassen Eric Pfeil und Bela B mitspielen. Fehlt nur noch der Film zur Platte. ( All Score/Indigo) GUNTHER REINHARDT

Keb’ Mo’

Good To Be …★★☆☆☆

Blues gibt’s hier nur noch gut angezogen

Fast zwangsläufig, dass Keb’ Mo’, der den Blues auch ins trauteste Heim brachte und ihm dabei fast jede Widerborstigkeit ausgetrieben hat, nun in Nashville gelandet ist, wo neben Tom Hambridge (Buddy Guy) sogar eine Country-Größe wie Vince Gill als Co-Produzent assistierte. Das Ergebnis ist Soul-Pop vom Reißbrett, sehr vorhersehbar, sehr smooth. Songtitel wie „So Easy“, „Sunny And Warm“, „Good Strong Woman“, „Like Love“ sagen schon alles. Auch die Old Crow Medicine Show reißt als Gast in – hey! – „The Medicine Man“ nicht viel raus. Zwischendurch auch eine Prise Blues, gut anzogen natürlich („All Dressed Up“), und die Frage, was überflüssiger ist: die New-Generation-Anbiederung „Louder“ oder das „Lean On Me“-Cover. (Rounder/Concord/Universal) JÖRG FEYER

Kiefer Sutherland

Bloor Street★★★☆☆

Klingt wie Springsteen, hat aber nicht sein Format

Als Jack Bauer rettete er sein Land routinemäßig in 24 Stunden. Ein solches Husarenstück ist Kiefer Sutherland mit seinem dritten Album nicht gelungen. Wenn der Kanadier mit nasal-heiserem Sound im Titeltrack etwa von der Skyline seiner Heimat Toronto schwärmt, in „Going Down“ einen feinen Twang auspackt oder „So Full Of Love“ mit den Boots wippt: Man hört seine große Leidenschaft. Die Produktion von Chris Lord-Alge hat auch Präzision und Swing und wahrt trotz viel Lap-Steel genug Abstand zum Pathos. Aber die Songs sind bei aller edlen Inszenierung leider nur Mittelmaß. Ihnen fehlt das Extra, das Heartland-Klassiker von Petty oder Spring steen abheben lässt. Und am Ende hält der Schauspieler am Mikrofon eben auch nicht mit. (Cooking Vinyl) RÜDIGER KNOPF

The Wombats

Fix Yourself, Not The World★★★☆☆

Lebensbejahende Elektropop-Mischung

Mit Geradeaus-Britpop-Gassenhauern wie „Let’s Dance To Joy Division“ eroberten die Wombats 2007 viele Indie-Herzen. Danach mussten die aus Liverpool stammenden Jungs gewiss keinen Hunger leiden, verzettelten sich aber musikalisch zusehends, weil sie zu viel auf einmal wollten. Auf ihrem fünften Album herrscht nun eine entspannte Angekommen!- Atmo sphäre, initiiert vor allem von einer Two-Door-Cinema-Club-Leichtigkeit und einem LCD-Soundsystemartigen Groove. Das Trio um Sänger Murph ergibt sich erneut unwiderstehlichen Melodien und hext spielend Manchester-Rave, David Byrne, Tom Tom Club, New Order und The Cure unter einen erstaunlich zeitgemäßen Elektropop-Hut. Die erste positive Überraschung des Jahres.(AWAL) FRANK LÄHNEMANN

Grace Cummings

Storm Queen★★★★☆

Zwingende, karge, an Dylan und Cave erinnernde Lieder

Dieses Album wäre nicht entstanden, wenn Kevin Pearce nicht mit 33 Jahren völlig unerwartet auf einem Golfplatz einen Herzinfarkt erlitten hätte. In der Rehabilitation entstand nicht nur der Wille, sein Leben neu aufzustellen, sondern auch der Impuls zu lichtgef lutetem Soul-Pop-Folk („Kodachrome“) und Erweckungshymnen („Hold Out“), die sich fast alle um die Zweifel und Malaisen zerstäubende Liebe drehen. Pearce’ Stimme erinnert manchmal an Alex Chilton, der lakonische Gesang und die konzentrierten Texte streifen zuweilen das Werk von John Cale und Tim Buckley. Kaum ein Song bleibt spannungslos, wohl auch weil es hier ganz buchstäblich um das von der Sonne wie automatisch geleitete Auf(er)stehen geht. ( Bronze Rat) MARC VETTER

Palace

Shoals★★★☆☆

Shoegaze-Wassermusik mit ätherischen Noten

„Eine Art Liebesbrief an die Angst“ (Leo Wyndham) kommt gerade wie gerufen. Auf ihrem dritten Album mengen die Londoner schnöden Erkenntnissen aus der Shoegaze-Schule zunehmend ätherische Noten bei, so wenn sie die „Gravity“ einer zerfallenden Welt beschwören und ihr doch hochfliegend zu entkommen versuchen. „We’re just air in the water“, resümiert der stets Falsett-affine Wyndham. Albumtitelgemäß drängt hier vieles ans Wasser (und ist manchmal nah dran gebaut). Aber schaut der „Killer Whale“ nicht doch ganz friedlich aus? „Am I paranoid?“, fragt Wyndham in den Auflösungsfantasien von „Fade“. Zwecks Erlösung fällt zu guter Letzt sogar der Himmel ins Meer. Und die Angst? Ach, fast alles Kopfsache. Aber diese Erkenntnis ist natürlich ebenso gut wie alt. (Virgin) JÖRG FEYER

Urge Overkill

Oui★★★★☆

Souveräne Vintage-Platte der Lässigrocker

Das orange „UO“-Logo, dem Signet der US-Tankstellenkette 76 nachempfunden, signalisiert Pop-Art. Für Gitarrist Nash Kato und Bass-Kollege Eddie Roeser gibt es die Richtung vor, auch im 36. Bandjahr. Alle ihre Zerwürfnisse sind vergessen, wenn sie zum Auftakt ihres siebten Albums „Free dom“ von George Michael covern. Schrottig swingend jagen sie durch die Gemeinde, stets geführt von Melodie und Hook line, mal in der Saloonboogie-Version, wie in „A Prisoner’s Dilemma“, aber auch Stadionrock haben Urge Overkill lässig drauf. Detroit-Altmeister Bob Seger wird zum Paten ihres Spiels mit der großen Ballade. „Snow“ ist ein mächtig heran rollendes Emo-Gewitter, „For given“ Harmonie-Punk. Eine souveräne Vintage-Produktion ohne Allüren. ( Omnivore/The Orchard) RALF NIEMCZYK

Sun Cutter

Sun Cutter★★★★☆

Große Harmonien des Songwriters aus Essex

Das Debütalbum von Grace Cummings hieß „Refuge Cove“ und war ebendas: eine Höhle, in der man sich verstecken konnte. Die Australierin sang zur akustischen Gitarre karg ausgestattete Lieder, in denen der Gestus von Bob Dylan steckte. Cummings berührte mit einer tiefen, rauen und gleichzeitig gebrochenen Stimme – die Macht war mit ihr. Und sie ist es weiterhin. Auf diesem zweiten Album gibt es mehr Verzierungen: ein Theremin, ein Saxofon, einen Bass, ein Streicherensemble. Aber die unbändige Kraft, die bittere Liebe und die feierliche Klage, all das ist noch da, sogar stärker als zuvor. Und wie verletzlich diese Unbändigkeit werden kann! Mindestens das stolze „Up In Flames“ evoziert Nick Caves Existenzialismus. Die Sturmkönigin ist Grace Cummings selbst. (PIAS) JÖRN SCHLÜTER

Wovenhand Silver Sash

Kunstvoll düstere Töne aus dem Schattenreich

Wollte man das internationale Singer- Songwriter-Spektrum auf einer Farbskala ordnen, würden David Eu gene Edwards und sein On-and-off-Projekt Wovenhand bei Anthrazit landen. In der düsteren Americana-Abteilung, mancherorts auch Goth-Folk genannt, fühlt sich der Exzentriker aus Denver heimisch. Hier verstärkt er die elek tronischen Frequenzen. Und so gerät „Temple Timber“, der Einstieg in das neunte, mit Chuck French zu Hause eingespielte Album, entsprechend krachig-wuchtig. Tiefe Stimme, mahlende Gitarren, Druck von den Sequenzern. Im Titelsong kreist ein schamanenhafter Tanz um einen Lapislazuli, mit der Intensität eines finsteren Bergkönigs auch „Sicangu“. Wer früher Sisters Of Mercy mochte, sollte reinhören. Ein kunstvolles Dunkelland. ( Glitter house) RALF NIEMCZYK

Wovenhand

Silver Sash★★★☆☆

Kunstvoll düstere Töne aus dem Schattenreich

Wollte man das internationale Singer- Songwriter-Spektrum auf einer Farbskala ordnen, würden David Eu gene Edwards und sein On-and-off-Projekt Wovenhand bei Anthrazit landen. In der düsteren Americana-Abteilung, mancherorts auch Goth-Folk genannt, fühlt sich der Exzentriker aus Denver heimisch. Hier verstärkt er die elek tronischen Frequenzen. Und so gerät „Temple Timber“, der Einstieg in das neunte, mit Chuck French zu Hause eingespielte Album, entsprechend krachig-wuchtig. Tiefe Stimme, mahlende Gitarren, Druck von den Sequenzern. Im Titelsong kreist ein schamanenhafter Tanz um einen Lapislazuli, mit der Intensität eines finsteren Bergkönigs auch „Sicangu“. Wer früher Sisters Of Mercy mochte, sollte reinhören. Ein kunstvolles Dunkelland. ( Glitter house) RALF NIEMCZYK

Jesper Munk

Taped Heart Sounds★★★☆☆

Die liebsten Soul- und Blues-Lieder des Münchners

Acht Spuren müssen reichen. Haben früher ja auch gereicht. Auf „Taped Heart Sounds“ hat Jesper Munk alte Songs interpretiert, 8‐Track-analog im Klang, retro im Herzen. Willie Dixons für Little Walter geschriebenen Walking-Blues-Knaller „My Babe“ lässt er gemächlich-verhallt die Straßen Neuköllns entlangpromenieren, das schmachtende Liebeslied „When Did You Leave Heaven“ von 1936 entschleunigt er, bis die Kerzen runtergebrannt sind. Und Angst vor Etta James hat er schon mal gar nicht: Ihr inbrünstiger Blues „I’d Rather Go Blind“ wird beim Soul-Küken Munk zu einem entspannten Schunkeln. Die ausgewählten Coverversionen sind unzerstörbar, das Rhodes schimmert rund und warm, und Munk singt voller Hingabe. Ob’s nun nötig ist oder nicht. (Billbrook) JENNI ZYLKA

Blood Red Shoes

Ghost On Tape★★★☆☆

Sinistre Industrial-Sounds, Serienmörder und mehr

„Ghost On Tape“, das sechste Album der Blood Red Shoes, sollte schon vor der Pandemie erscheinen, entstand also noch vor der unlängst erschienenen Lockdown-EP „Ø“. Es ist ein besonders düsteres Album geworden. Laura-Mary Carter und Steven An sell, die offenbar große True-Crime-Fans sind, singen von Serienmördern und den blutigen Abgründen der menschlichen Seele. Natürlich war das schon immer sinistre Musik, aber es war auch etwas Popverliebtes in ihr. Nun knirschen die Zähne. BRS stellen 13 (!) Songs zwischen Goth-Rock, Industrial und modernem Cyberpunk-Metal auf. Es ist zappenduster, etwa im blind wütenden „Give Up“ und dem von verzerrten Synthiebässen getriebenen „Mor bid Fascination“, hier wohl das inhaltliche Leitmotiv.(Velveteen) JÖRN SCHLÜTER

Animal Collective

Time Skiff★★★☆☆

Dem Kollektiv gehen einfach die Ideen nicht aus

Im Alter von acht, neun Jahren haben sich die vier Musiker von Animal Collec tive auf einer Waldorfschule in Baltimore kennengelernt – und offenbar können sie noch immer nicht voneinander lassen, auch wenn sich die Band zuletzt etwas rargemacht hat. Die Songs von „Time Skiff“ klingen süffiger denn je. Melodien und Gesang orientieren sich wie gewohnt an den Beach Boys, doch digital-psychedelische Sounds und Arrangements machen die Stücke einzigartig. Das tolle Video zu „Walker“ (eine Hommage an den 2019 verstorbenen Scott) hat Avey Tare mit seiner Schwester Abigail Port ner in Szene gesetzt. Erstaunlich, wie viel Spielfreude und Ideenreichtum Animal Collective nach über zwanzig Jahren noch zeigen! Rudolf Steiner hatte also auch gute Seiten. ( Domino) JÜRGEN ZIEMER

FOTO: DZHOVANI

Metronomy

Small World★★★☆☆

Die Leichtigkeit ist zurück – und mit ihr der große Pop

Zurück zum Pop. Auf dem siebten Metronomy-Album findet Joseph Mount die Leichtigkeit wieder. In den vergangenen Jahren hatte er sie ein bisschen zwischen Danceclub und Klangwerkstatt verloren. „It’s good to be back“, singt er nun, begleitet von Handclaps und freundlichem Electronica-Blubbern.

Die stets lässig, aber nie nachlässig gestylte Band war immer Mounts Idee einer Band, die er durch seine jeweiligen Visionen von Synthpop, Britfolk und Elektrobeats geführt hat. Zugleich aber auch eine fantastische Band (die man unbedingt live gesehen haben sollte), mit dem Bassisten Olugbenga Adelekan, Anna Pri or am Schlagzeug und seinem WG-Gefährten Oscar Cash am Keyboard. Doch sie mussten auch immer mal pausieren, wenn der Chef im Club wegdämmerte und Erinnerungen nachhing, wie auf „Summer 08“, dem Album von 2016. Die neueste Metronomy-Inkarnation könnte eine Kreuzung aus dem superposhen, New-Waveinformierten Meisterwerk „The English Riviera“ (2011), das die Band als eine Art Cricketplatz-Roxy-Music auswies, und dem damals folgenden, analog swingenden Folkpop von „Love Letters“ sein. Auf dem Pressefoto sind sie absurd-lustig kostümiert wie Figuren aus einer Vorort-Sitcom.

Wie das nun klingt? Der Begriff „Sunshine-Pop“ ist oft etwas von oben herab benutzt worden, aber „Right On Time“ ist ein prächtiger Song dieser nicht recht greif baren Gattung, der mit wehmütigen Untertönen und heiter hüpfendem Refrain genau die richtige Balance hält (und dann auch noch „let’s enjoy the sunshine!“ ruft). Großartig! Ein Hit alter Schule. Wie auch „Things Will Be Fine“ in seinem britischen Pop-Understatement, ein Song, der klingt, wie Hugh Grant aussieht, oder anders: wie Stephen Duffy in einem Hugh-Grant-Film. Oder das in herrlichem Chorgesang jubilierende „Love Factory“. Am Ende macht Mount zu „I Have Seen Enough“ das Licht aus (oder an, wenn wir auf der Tanzfläche beim letzten Engtanz angelangt sind). Hat er alles drauf, wie sonst kaum einer im Vereinigten Königreich. (Because/Virgin) SEBASTIAN ZABEL

Years & Years

Night Call★★★☆☆

Discopop-Peitschen mit dem Glanz alter Hits

2021 bleibt als ein gutes Jahr für Popmusik. Was jedoch fehlte, war – aufgrund der unterdrückten „Tanzlustbarkeiten“ – der Sinn für Hedonismus, Ekstase, Euphorie und Sex. Vermisst wurde das Bindeglied zwischen den alten Pop-Ikonen wie Madonna, George Michael und den Pet Shop Boys und dem aktuellen Hyperpop – zuzüglich der Ausstrahlung von Disco-Größen wie Sylvester. Olly Alexander, das einzige verbliebene Mitglied des ursprünglichen Trios Years & Years, bleibt so die Aufgabe des größten real existierenden Popstars. Kein Platz für Balladen auf dem dritten Album. Die pulsierenden Synthies schreien „Party!“, Olly singt Zeilen wie „I can’t help it, I get starstruck around you. What can I do, baby?“ Ein wunderbarer Tanz auf dem Vulkan. ( Universal) FRANK LÄHNEMANN

Michael Rother & Vittoria Maccabruni

As Long As The Light★★★☆☆

Der Kraut-Pionier experimentiert jetzt in Mailand

Dass Michael Rother jemals woanders aufnehmen würde als im legendären Fachwerkhaus in Forst, wo wegweisende Alben mit Cluster und Neu! entstanden, hätte man nicht geglaubt. Doch im Sommer hat der Kraut-Pionier die Sachen gepackt und ist nach Mailand übergesiedelt. Mit seiner Lebensgefährtin, der italienischen Musikerin Vittoria Maccabruni, lotet er die Luftveränderung auch musikalisch aus. Während Rothers Solowerk sich bislang stets durch eine sanfte Fließgeschwindigkeit auszeichnete, feiert hier die experimentelle Kante ein Comeback. Die Gitarren kratzen, statt nur zu schweben, die Beats scheppern industrial-düster und gipfeln in dem Corona-Track „Cur fewed“ sogar in Drum’n’Bass.(Grönland/GoodToGo) FABIAN PELTSCH

Tara Nome Doyle

Værmin★★★☆☆

Kammerpop mit Schnecken, Motten und C. G. Jung

Kann man zu C. G. Jung tanzen? Unbedingt, wenn man auf Tara Nome Doyle hört. Die Selbstfindungspoesie der in Kreuzberg lebenden norwegisch-irischen Singer-Songwriterin ist voller Verweise auf Jungs analytische Psychologie. „Værmin“ vertont mit elektronisch aufgeladenem Kammerpop Jungs Idee von der Ganzheit der Gegensätze. Ob in „Caterpillar“ oder in „Crow“, stets treffen zwei Seiten aufeinander, die nur in ihrer Widersprüchlichkeit existieren können: Dur und Moll, das Schöne und das Hässliche, das Sanfte und das Schroffe. Es entstehen betörend intime Songs, die alle zwar nach vermeintlichen Schädlingen benannt sind, in denen Doyle dann aber etwa verrät, dass man im Schneckentempo oft am schnellsten ans Ziel kommt. (Martin Hossbach/Modern/BMG) GUNTHER REINHARDT

The Delines

The Sea Drift★★★☆☆

Soundtrack ohne Film von Romancier Willy Vlautin

Wenn Willy Vlautin Geschichten schreibt, hat er immer auch Musik und Bilder im Kopf. Zu seinen Romanen „North line“ und „Don’t Skip Out On Me“ hat er, noch mit der Alt-Country-Band Rich mond Fontaine, begleitende Instrumentalstücke aufgenommen, „Lean On Pete“ und „The Motel Life“ wurden sogar verfilmt. „The Sea Drift“, das dritte Album seiner Country-Soul-Formation The De lines, bei der nicht Vlautin selbst, sondern Amy Boone die vokale Protagonistin ist, wirkt in seiner Erzählweise und mit seinen warmen Bläser-und Streicherarrangements so filmisch, dass man es für einen Soundtrack halten könnte. Bei den von Tony Joe White und Bobbie Gentry inspirierten Liedern rollt sich vorm inneren Auge automatisch eine Kinoleinwand aus. (Decor/Indigo) INA SIMONE MAUTZ

Pinegrove

11:11★★★☆☆

Vielseitige Arrangements, mehr Kontur im Indie-Rock

Alles steht auf Neubeginn: Die US- Amerikaner Pinegrove arbeiteten für ihr fünftes Album erstmals nicht in ihrem angestammten Zuhause, einem Haus namens Amperland in Upstate New York. Stattdessen mietete sich das Indie-Emo-Sextett um Evan Stephens Hall unter anderem in die Levon-Helm-Studios in Woodstock ein. Für den Mix verpflichteten Pine grove mit Chris Walla (Death Cab For Cutie) einen externen Profi – auch das ist neu.

Und dann geht es auf „11:11“ (in der Esoterik eine Zahlenkombination, die auf einen Neuanfang hinweist) auch noch um den Klimawandel und das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Etwa in dem überraschend frisch hoppelnden „Alaska“, das die Geschichte eines Piloten erzählt, der die verschwindenden Naturlandschaften Amerikas aus dem Flugzeug beobachtet. Oder in dem feierlichen Walzer „Orange“ über brennende Wälder und lügende Politiker. Da wirken Pine grove dringlicher als je zuvor.

Walla stellt die Playbacks breiter auf und unterstützt so die jetzt große Dynamik der Band, besonders schön zu hören bei „Io dine“, einem hypnotischen Lied, das auf zwei filigran zueinanderzupfenden Gitarren steht. Über den Akkorden schwebt Halls Gesang, aber dann singen plötzlich alle und decken das Lied mit einer warmen Decke zu, bis sich die Instrumente mit einer erhabenen Wucht aus der Stille erheben. Ganz anders wirkt die Roots-Musik von „Flora“ und „Re spi rate“ die auch Jason Molina hätte einfallen können oder den früheren Wilco.

Aber um solche Musik geht es auf „11:11“ nicht in erster Linie, sondern eher um ein altes Gefühl von amerikanischem Indie-Rock, der freilich schon immer in dieser Band steckt, nun aber deutlicher hervortritt. An die Decemberists denkt man oft, weil Evan Stephens Hall seine Töne ähnlich formt wie Colin Meloy.

Pinegrove loten auf diesem Album ihre ganze Breite, Tiefe und Höhe aus, entdecken im Untergang die Möglichkeit eines Neuanfangs und kleiden dieses Gefühl in feierliche Lieder. (Rough Trade) JÖRN SCHLÜTER

Aeon Station

Observatory★★★☆☆

Viel Gefühl, viele Stile: Solowerk vom Wrens-Kopf

Vierzehn Jahre hat Kevin Whelan (The Wrens) Songs für sein Soloalbum gesammelt, das nun unter dem Titel „Observatory“ erscheint. Da kommt stilistisch einiges zusammen: hymnischer Emo-Rock („Fade“, „Queens“), anrührend sanfter Indie-Pop („Everything At Once“), Songwriter-Folk wie von Sufjan Stevens („Empty Rooms“) und betont fragile Pianoballaden („Hold On“, „ Leaves“). Dass Letztere am Anfang des Albums stehen, ist ein Statement: Whelan will mit diesem Repertoire alle Prätention weglassen und einen direkten Blick auf sein Herz erlauben. Den Unbilden des Lebens zum Trotz vom Mut der Liebenden singen, das gelingt ihm wohl auch deshalb, weil ein Grundthema des Albums die Beziehung zu seinem Sohn ist, bei dem Autismus diagnostiziert wurde.(Cargo) JÖRN SCHLÜTER

Band Of Horses

Things Are Great★★★☆☆

Reparatur gelungen: Entschlackter Westcoast-Rock

„It’s not enough, it’s not enough!“, barmt Ben Bridwell gewohnt beherzt im Westcoast-beseelten „In Need Of Repair“, das sich zur Albummitte hymnisch aufschwingt. Allerlei Reparaturarbeiten erklären fünf Jahre Plattenpause inklusive Per so naltausch. Zwei Mann raus, zwei Mann rein – an der Einladung nach „Coalinga“ tut sogar ein befreundeter Fotograf als Co-Autor/Gitarrist mit. Entschlackter, konzentrierter, gitarrenfixierter als noch auf „Why Are You OK“ gehen Band Of Horses in Tracks wie „Warning Signs“, „Crutch“ und „Lights“ zu Werke. „Tragedy Of The Commons“ spielt damit, half-time zu gehen, um dann doch wieder Tempo aufzunehmen – bevor sich das Quintett in der zweiten Hälfte traut, mal richtig ins Schweben zu kommen. Schön. (BMG) JÖRG FEYER

Alicia Keys

Keys★★★★☆

Soul-Klassik und Street Modern: Eine Leistungsschau

Es gehört zum Werk der Sängerin aus dem New Yorker Armeleuteviertel Hell’s Kitchen, dass sie stets dezenter auftrat als all die lieben Kolleg*in nen aus Rap und R&B. Trotz großer Erfolge ist sie Musikerin geblieben. Kein Bling-Bling-Phä nomen. Stattdessen vielseitig changierend zwischen Jazz, Soul und HipHop. Unvergessen bis heute ihr Song „Empire State Of Mind“, den sie 2009 mit Jay‐Z einspielte.

Seitdem hat Keys drei weitere Alben veröffentlicht, bei denen sie abwechselnd mal die zarte, mal ihre harte Seite ausspielte. Nun gibt es beide Versionen in einem Rutsch. Ein Album, das wie ein Mix tape funktioniert. Jeder Song wird doppelt angestimmt, jeweils in der Version „Originals“ und „Un locked“. An der Single „Best Of Me“ lässt sich diese Technik vortrefflich studieren. Die mit Unterstützung von Raphael Saadiq aufgenommene Breakbeat-Ballade erinnert an die frühe Sade, in der freien Variante gerät sie trippiger und verspielter. Fast schon ins Psychedelische driftet „Come For Me“. Keys kann natürlich ergreifende Liebeslieder im Jazz-Style, wie in „Is It In sane“ oder in der zeitlosen Ballade „Love When You Call My Name“. Es ist beileibe nicht so, dass die entfesselten Tracks den wohlgesetzten Schmelz der Originale zertrümmern. Manchmal schimmern sie, wie bei „Skydive“, nur im Glanz der Neunziger mit Verweisen auf Taana Gardner oder die Grooves von Soul II Soul.

„Daffodils“ ist im Original ein Country-Soul-Wiegenlied, im Remix lässt Keys es kacheln: Der Beat knallt wie eine Peitsche. Vom Gesamteindruck her wirken die von Keys selbst produzierten Originale wie eine Beweisführung ihrer klassischen Fä higkeiten, die Variationen dagegen beweisen die Straßengängigkeit. Ihre Ode „Nat King Cole“ driftet in ein TripHop-Universum, mit einem Promi-Gastspiel von Rapper Lil Wayne. Sie kommt gut klar mit hippen (Trap-) Typen wie Swae Lee in „Lala“, dann ist sie ganz die Dame im schimmernden Discokleid unter all den Jungspunden. Was ihr ausgezeichnet bekommt. (Sony) RALF NIEMCZYK

Spoon

Lucifer On The Sofa★★★★☆

Spoon beschwören den Geist des Rock’n’Roll

Über 25 Jahre haben Spoon immer wieder Wege gefunden, den guten alten Rock’n’Roll aufregend und gefährlich klingen zu lassen, haben ihn gebrochen, mit Punk, Krautrock, Jazz und Elektronik neu zusammengeklebt. Stillgestellt von der Pandemie, stellten sie nun fest, dass eigentlich nichts aufregender und gefährlicher ist als der gute alte Rock’n’Roll in seiner reinsten Form: spontan, wild, wuchtig, ungeschliffen und laut.

„Let’s do the fill twice as long“, wendet sich Sänger Britt Daniel im Eröffnungsstück, einem mitreißenden Cover des Smog-Songs „Held“, an seine Band, Gitarren feuern und das Schlagzeug explodiert. Hier werden die Stücke angezählt und tragen fast tautologische Rock’n’Roll-Titel wie „Wild“, „My Babe“ und „On The Radio“. Aber auch in der Anrufung archaischer Formen bleiben Spoon immer originell und weichen im richtigen Moment, etwa im fast folkigen „Astral Jacket“, davon ab. Am Ende, im unheimlichen Titelsong, läuft Daniel in einer Lockdown-Nacht durch seine Heimatstadt Austin, ein Geist spielt Saxofon, Amseln singen. Die beste Zeit für guten alten Rock’n’Roll. ( Matador/Beggars) MAIK BRÜGGEMEYER

Big Thief

Dragon New Warm Mountain I Believe In You★★★★☆

Meisterstücke zwischen Experiment und Sentiment

Das Tolle an den ersten Big-Thief- Alben war, dass sie Songs von einer Frau enthielten, die weit über jenes Mittelmaß hinausgingen, das wir Americana nennen – ein Genre, das sich trotz progressiver Posen oft in selbstreferenziellem Konservatismus ergießt. Inzwischen ist die Band um Adrianne Lenker ihre eigene Nische. Erster Eindruck beim Durchhören von „Dragon New Warm Mountain I Believe In You“: Zu lang, zu viel Americana-Mittelmaß.

Zweiter Eindruck: Traue nie dem ersten Eindruck! Hier verbergen sich zärtlichste, ins Philosophische lappende Lieder wie „Change“, transzendentale Balladen wie „The Only Place“ oder Ausgelassenes zwischen Country und Bluegrass wie das von Fiddle-Seligkeit umschwirrte „Red Moon“. Dazwischen lauern überall Zauberstücke. Die quecksilbrigen Achtziger-Klänge von „Time Escaping“ und „Little Things“, das Westcoast-Melancholie beschwörende „No Reason“, die verspulte Folk-Miniatur „Heavy Bend“ sowie der The-Cure- Pastiche „Flower Of Blood“ bestätigen Big Thief als beste Band ihrer Generation. (4AD/Beggars) MAX GÖSCHE

Tocotronic

Nie wieder Krieg★★★★☆

Das Album zur Ampel, möglicherweise

Was die Band sagt: „Wir wollten, passend zur Zeit, Lieder über allgemeine Verwundbarkeit, seelische Zerrissenheit und existenzielles Ausgeliefertsein schreiben, über Einsamkeit und Angst, aber auch über Träume und Liebe.“

Was der Kritiker sagt: Ist das noch dieselbe Band wie die, die zu Beginn ihrer Karriere so herzerfrischend nölte: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“? Wenn es nun heißt: „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“, klingt das aufdringliche Augenzwinkern nach dem Textbaukasten einer Pop-Akademie. „Kasimir und Karoline gegen Geschlechterbinarität!“, wie einer in den Social Networks lästerte. Dabei sind Songs und Musik oft richtig gut. Nur nicht in dem Rührstück „Nie wieder Krieg“, wo der Mond milde auf die Menschen herabschaut. Wie schon beim Vorgänger fehlt in den Texten das Erratische, Suchende und Zweifelnde. Dennoch: „Komm mit in meine freie Welt“ ist ein befreit krachender Ohrwurm, „Ich tauche auf“ mit der wunderbaren Soap&Skin die romantischste Versuchung, seit es in Hamburg Schulen gibt. (Universal)

JÜRGEN ZIEMER

alt-J

The Dream★★★★☆

Neue amerikanische Träume des britischen Trios

Dort, wo Psychedelic Folk auf Synthiepop und Bluesriffs auf R&B-Beats treffen, wo sich Arcade Fire und Lana Del Rey gute Nacht sagen, um in seltsam-schönen Traumwelten zu versinken, dort machen es sich alt‐J mit ihrem vierten Album gemütlich. Die Songs des Trios aus Leeds gleichen wieder kurios-vielschichtigen Popcollagen, auch wenn sich die Band diesmal mehr am Blues als am HipHop abarbeitet und auch mal Americana neu interpretiert („Powders“).

„U&ME“ ist halb Lovestory, halb Drogentrip, bei dem sich Joe Newman zu einem hypnotischen Groove wünscht, so lässig wie Stellan Skarsgård zu sein. „Happier When You’re Gone“ betört mit einem Vokalstakkato-Loop, dezenter Opulenz und hymnischer Harmonik. Und während durch das mit Cembalo, Kontrabass und Streichern verzierte „Philadelphia“ und die mit Synthiepop eingefärbten Kokainfantasien in „The Actor“ verschwommen Impressionen vom alten Hollywood schimmern, verwandelt sich „The Dream“ nach und nach in eine grandiose Sammlung kunstfertig inszenierter amerikanischer Träumereien. ( Infectious/BMG) GUNTHER REINHARDT

Blaudzun

Lonely City Exit Wounds★★★☆☆

Routiniert-gefälliger Indie-Pop des Niederländers

Es fällt nicht leicht, etwas gegen einen Song einzuwenden, der die Lust aufs Leben feiert und für einen kleinen Jungen geschrieben wurde, der letztlich den Kampf gegen seine Krankheit verloren hat. Trotzdem darf man sich von einem Song wie „Real Hero“ mehr erwarten als holpernde, in knuffigen Schrammelpop verpackte Verse wie: „Not how many you have lost/ It’s only wins that matter/ Son, what’s good is good enough/ You were born to be free.“ Auch sonst gelingt es dem Niederländer, der sich Blaudzun nennt, auf „Lonely City Exit Wounds“ zu selten, einen wirklich zu packen, zu überraschen und Indie-Pop-Standardmuster hinter sich zu lassen – abgesehen vielleicht vom zuckenden „Jettison“ und dem um einen verschrobenen Beat tanzenden„June“. (V2/Bertus) GUNTHER REINHARDT

Anais Mitchell

Anais Mitchell★★★☆☆

Sehnsucht und Konfronta tion: Die große Heimkehr

Rauf auf die „Brooklyn Bridge“, hochschwanger, und dann nichts wie zurück nach Vermont, ins Haus der Großeltern. Pandemiebedingte Regression? Jedenfalls lässt sich auch dieses Nichtdebüt als Konzeptalbum lesen. Ein bisschen. Anais Mitchell als Heimkehrerin, bereit, noch mal die alten „Backroads“ zu inspizieren, mit viel Sehnsucht nach ein bisschen „Real World“. Da tut’s nur eine Akustikgitarre, sonst kann sich Mitchell auf eine Samtproduktion von Josh Kauf man (The National) samt Streichern/Flöten (Nico Muhly) verlassen. Das Grundmotiv ist weniger Nostalgie als die wache Konfrontation mit dem, was war und was daraus wurde. Songs wie „Little Big Girl“, „Now You Know“ oder „Water shed“ schreibt frau eher nicht mit siebzehn. (BMG)

JÖRG FEYER

The Slow Show

Still Life★★★☆☆

Die Melancholiker erweitern ihren Wohlklangkatalog

The Slow Show sind eine jener Bands, denen man mit einigem Genuss beim langsamen, aber stetigen künstlerischen Wachsen zuschauen kann. Die offenherzigen Melancholiker haben wenig mit den großen Bands ihrer Heimatstadt Manchester gemeinsam, vielmehr wandeln sie – auch dank der sonor schnurrenden und nach jedem Wort tastenden Baritonstimme von Rob Goodwin – auf den etwas zu sehr ausgetretenen Pfaden von The National und Tindersticks. Erweiterung tut also not, um sich abzuheben. Die neuen Stücke klingen noch satter, streben danach, „Weight less“ zu sein, und glänzen mit bisher ungewohnter instrumenteller Tiefe. Selbst überlastete Songs wie „Rare Bird“ haben einen aufregenden Spannungsbogen, ohne dass die Engländer je der Gefallsucht verfallen. (PIAS) MARC VETTER

Erin Rae

Lighten Up★★★☆☆

Weicher Psychedelic-Country-Pop aus Nashville

Auf ihrem zweiten Album öffnet Erin Rae die Horizonte: War die Americana-Box eben noch groß genug, kommen nun Cosmic Country („Can’t See Stars“), Walker-Brothers-Weite („Gonna Be Strange“) und Westcoast-Pop („California Belongs To You“) sowie eine leise, gleichzeitig inwendige und sonnenverliebte Psychedelia dazu. Dass das alles so fabelhaft klingt, liegt an Jonathan Wilson, der das Album produzierte und Freunde wie Kevin Morby ins Studio einlud. Wilson gelingt, ähnlich wie Aaron Dessner auf einem anderen Feld, seit einiger Zeit alles, und auch diese Arrangements sind in frappierender Weise nahezu perfekt. Gut, dass Erin Rae diese Container mit ihrer sanft-glockigen Stimme und einem äußerst geschmackvollen Songwriting füllen kann. (Good Memory/Thirty Tigers) JÖRN SCHLÜTER

Highway Butterfly: The Songs Of Neal Casal ★★★★☆

Verbeugungen vor dem Werk des Songschreibers

41 Songs von 14 Alben – das mag nur einen Querschnitt eines Werks bilden. Doch in diesem Fall deutet es die Wertschätzung einer Schar von Musikern an, die des zu Lebzeiten nicht genügend gewürdigten Neal Casal mit einem außergewöhnlich kohärenten Tribute-Album gedenken wollen. Der Sänger nahm sich 2019 das Leben und erfährt seitdem, auch wenn das tragisch zu nennen ist, stetig mehr Aufmerksamkeit. Wie sein Manager Gary Waldman erklärt, versuchte er die Lieder des Musikers einst vergeblich anderen Künstlern zur Bekanntheitssteigerung seines Schützlings anzubieten.

Das fabelhafte Debüt, „Fade Away Dia mond Time“ (1995), wurde vom Plattenlabel des Sängers abgelehnt, spätere LPs erschienen bei Glitterhouse in Deutschland und Fargo in Frankreich. Einen Großteil seiner Karriere verbrachte Casal als Sessiongitarrist, sein Einsatz für Ryan Adams’ Band The Cardinals machte Eindruck, sein inspirierendes Engagement für die Bluesrock-Formation Chris Robinson Brotherhood und die ebenfalls von Robinson gegründeten Hazy Ma laze, Circles Around The Sun und Beachwood Sparks/GospelbeacH blieb nur Eingeweihten präsent. Letztere gehören zu den Weggefährten, die hier herausarbeiten, wie viel Herzblut und Finesse in den um Americana, Bluegrass, Country, und Blues kreisenden Stücken von Casal zu finden sind, etwa im eindringlich-sentimentalen „You Don’t See Me Crying“.

Mögen Prominente wie J Mascis („Death Of A Dream“), Steve Earle („Highway Butterfly“) und Jonathan Wilson („Detroit Or Buffalo“) für den einen oder anderen Stream oder Plattenverkauf mehr sorgen, die besten Beiträge stammen von Szenelieblingen, die auch hierzulande vielleicht noch keinem großen Publikum bekannt sind: Jaime Wyatt, Leslie Mendelson, Todd Sheaffer, Rob bi Robb. Der Erlös des Gemeinschaftsprojekts kommt der Neal Casal Music Foundation zugute, die Musikunterricht für Kinder in New York fördert. ( Royal Potato Family/Bertus)

MARC VETTER

The Dream Syndicate

What Can I Say? No Regrets …/Out Of The Grey/Live, Demos & Outtakes ★★★★☆

Das dritte Album der Band mit zahlreichen Extras

Nicht Henry Mancini und sein Song für das Trinkermelodram von Blake Edwards von 1962 hatten Steve Wynn zum Titel der Debüt-LP inspiriert, sondern die Verse „They are not long, the days of wine and roses/ Out of a misty dream …“ eines englischen Dichters. Mit den öfter an Lou-Reed- Songs für Velvet Underground erinnernden Kompositionen avancierte das Erstlingswerk rasch zum Kultalbum. Was wiederum auch ein Fluch war, denn fortan wurden alle Platten des Quartetts an dieser LP gemessen. Als Gitarrist Karl Precoda, beim Debüt und bei Konzerten wesentlich verantwortlich für den Sound des Ensem bles, nach einer letzten Live- EP die Band verlassen hatte, betrachtete das auch die Plattenfirma als das Ende des Traumsyndikats.

Das erste von mehreren künftigen Comebacks wagte Wynn mit der LP „Out Of The Grey“ – der neue Gitarrist, Paul Cutler, war allerdings kein Freund der heftig verzerrten Feedback-Orgien, zu denen sich Precoda bei Soli gern hinreißen ließ. Zu Songs wie „Now I Ride Alone“ ließ sich Wynn vermutlich von Film-noir-Klassikern wie „Murder, My Sweet“ inspirieren; in der Rolle des einsamen Privatdetektivs fühlte er sich offenbar wohl. In „Boston“ erinnerte er an den Van Morrison von „Cyprus Avenue“. Cutler verzierte Die Gangsterballade „50 In A 25 Zone“ dann doch bei Soli mit Splitterklängen und genau jenem Feedback-Sound, für den das Dream Syndicate anfangs berühmt war. Die beste von mehreren Coverversionen lieferte er mit der Aufnahme von Eric Claptons „Let It Rain“.

Bei dem Live-Mitschnitt noch vor Veröffentlichung des Albums – Zugabe zu dieser Remaster-Edition – spielten sie in einem Club auch den „John Coltrane Stereo Blues“ mittlerweile epische 14 Minuten lang. Die nach Who-Vorbild „Odds And Sods“ betitelte dritte CD präsentiert neben Demos der Eigenkompositionen einen kuriosen Mix aus Coverversionen von Pink-Floyd- und Dolly-Parton-, Alice-Cooper- und Eric-Clapton-, Santana- und Temptations-Vorlagen. (Fire)

FRANZ SCHÖLER

Eva Cassidy

Live At Blues Alley ★★★★☆

Fabelhafter Mitschnitt der früh verstorbenen Sängerin

Das war von Irving-Berlin- und Billie- Holiday-Evergreens bis zu Hits von Box Tops und Paul Simon eine extrem anspruchsvolle Setlist hochkarätiger Songs, die sich Eva Cassidy für einen Live-Mitschnitt Anfang 1996 zurechtgelegt hatte. Damit wollte sie endlich ihr Ausnahmetalent als Sängerin beweisen. Tatsächlich wurde ihre Interpretation der Sting-Komposition „Fields Of Gold“ an dem Abend die für immer den Maßstab setzende. Elf Monate später starb Cassidy an Krebs. Dass sie zwei Jahre danach wiederentdeckt wurde, ist dem Produzenten und DJ einer BBC- Show zu verdanken. Zugabe der klanglich exzellenten Remaster-Edition von „Live At Blues Alley“ ist wieder ihre Studioversion von Pete Seegers „Oh, Had IA Golden Thread“. ( Blix Street) FRANZ SCHÖLER

David Bowie

Toy ★★★★☆

Das unveröffentlichte Album mit Bonus-Remixen

Mit einer Mischung aus Altersweisheit, Ironie, aber auch Neugierde nahm Bowie 2001 einige seiner Stücke aus den mittleren 60er-Jahren neu auf. Diese unveröffentlichten „Toy“-Sessions zirkulierten danach bis auf wenige Songausnahmen nur illegal im Netz. Die Drei-CD-Edition mit zusätzlichen Alternativ-Versionen birgt Schätze. „The London Boys“ klingt jetzt angenehmen siegessicher, nicht mehr so leidig verschnupft. „Can’t Help Thinking About Me“ hat stattdessen keinen Swing mehr, sondern wird zum Rock-Stampfer. Ob Bowie seinen Nachlass inklusive Veröffentlichungspolitik vor seinen Tod regelte, ist unbekannt. Warum nun mindestens drei „Toy“-Lieder fehlen – „Afraid“, „Liza Jane“, „Uncle Floyd“ –, bleibt daher ein Rätsel. (Warner) SASSAN NIASSERI

Richard Pinhas

Iceland ★★★★☆

Drittes Solowerk des französischen Electro-Künstlers

Science-Fiction war immer eine Inspi rationsquelle für Richard Pinhas. Die konzentrierten Prog-Rock-Skizzen seiner Band Heldon schöpften aus dem Sound-und-Ideen-Universum des Genres. Der französische Electro-Künstler verneigte sich zudem mit seinem Soloalbum „Chronolyse“ (1978) vor „Dune“. Die Sci‐Fi-Faszination für die Möglichkeiten der technischen Entwicklung konkretisierte Pinhas auf seinen Platten mit einem oft minimalistisch eingesetzten Arsenal an modularen Synthesizern. Seine dritte Einspielung als Solist scheint 1979 auf die cineastische Entwicklung der Science-Fiction Ende der Siebziger zu reagieren, als mit „Die Körperfresser kommen“, „Dawn Of The Dead“ und „Alien“ Horror-Elemente in den Mittelpunkt der Zukunftsvisionen rückten. Damit änderte sich auch der Sound.

Pinhas, der bei Jean-François Lyotard promovierte und so die Theorie der Postmoderne mit der akademischen Muttermilch einsog, konzipierte mit „Iceland“ einen kühl gedachten Gegenentwurf zu seinen bisherigen Projekten: eine Zukunftsmusik mit vielen Abgründen, die aber sehr viel wärmer klingt, als es der Titel suggeriert. Das beginnt schon beim hypnotischen „Part 1“, das auch eine Score-Alternative für John Carpenters „Das Ding“ hätte sein können. Das zart getupfte Schlagzeug von François Auger (im sehr optimistischen Abschluss „Green land“) kommt hinzu. Allerdings drängen sich vor allem die keuchenden, durch das weiße Rauschen einer Gibson Les Paul 57 Black Beauty erzeugten Stimmen in „Part 2“ auf.

Im enervierenden „The Last Kings Of Thule“ sägt zur Metronom-Perkussion im Hintergrund eine Gitarre – ohne Ziel und Sinn. Und welchen Einfluss Pinhas’ Kunst hat, offenbart „Indicatif Radio“, das wie ein Prototyp für Videospielemusik der 80er- Jahre anmutet und überdeutlich auch seinen Weg in den Soundtrack des PlayStation-Spiels „Metal Gear Solid“ gefunden hat. Das spielt auf einer Militärbasis im eisig kalten Alaska. ( Bureau B) MARC VETTER

Carambolage

Carambolage ★★★★☆

Pionierinnen zwischen Kraut und Deutscher Welle

Noch knietief im Landkommunenmilieu von Ton Steine Scherben steckend trafen Britta Neander, Elfie- Esther Steitz und Angie Olbrich Anfang der Achtziger auf die ranzige Berliner Punk-Szene. Von Fresenhagen hinein ins SO36. Unterstützt vom legendären Plattenladen- und Label- Entrepreneur Burkhardt Seiler alias Zensor, gelang es dem Trio, eventuelle Hippie-Vorbehalte abzubiegen. Die Frauenband galt zwar nicht als cool, und auch Nina Hagen wollten sie nicht sein. Doch man hisste die neudeutsche Flagge und verschaffte sich den nötigen Freiraum in der aggressiv geführten Stildebatte. Wie sollte man auch eine Band einordnen, die zu „Johnny“ mit dem Schneebesen über die Hi-Hat wischte oder in „Die Farbe war Mord“ eine tutende Orgel-Moritat erzählte?

Anders als bei den Kollegen von Hans-A-Plast aus Hannover gab es von ihnen kein „Hau ab, du stinkst!“ zu hören, sondern das krautrockig verdröhnte „22 Rue Chenoise“, ein taumelndes Dudel-Instrumental mit Blechbüchsenschlagzeug und trippigem Gesang. Bevor Punk in seiner Brachialversion hierzulande richtig angekommen war, spielten sie bereits eigenwillig verspulten Post- Punk. Kommerziell konnte das natürlich nicht gut gehen, und auch in der Historienschreibung werden sie eher randständig erwähnt.

Umso unbefangener lassen sich ihre Dada-Kompositionen heute hören, wenn neben dem Debütwerk, „Carambolage“, nun auch „Eilzustellung-Exprès“ (1982) und das lange verschollene „Bon Voyage“ von 1986 wiederveröffentlicht werden. „In den Ecken kann man sich verstecken“, heißt es keck in „Fußgängerzone“, während „Eingeschneit“ vom zweiten Album mit seiner f liegenden Orgel bereits an die Erfolgsberliner von Ideal erinnert. In toto bleiben Carambolage jedoch ihren Avantgarde-Kreationen treu, die „Psychoeintopf“ oder auch „Widerlich“ heißen. Selbst ein Vorbote des Anorak-Sounds der mittleren Achtziger fehlt nicht. Carambolage bleiben Pionierinnen, die es in ihrer Zeit nicht leicht hatten. (Tapete)

RALF NIEMCZYK

Phillip Goodhand-Tait

Gone Are The Songs Of Yesterday: Complete Recordings 1970–1973 ★★★★☆

Frühe Alben des brillanten englischen Songschreibers

Ihren gefeierten Live-Auftritten zum Trotz fanden die Stormsville Shakers nie einen Produzenten, der die Qualität der meist von Phillip Goodhand- Tait gelieferten Songs bei Aufnahmen im Studio annähernd kongenial realisiert hätte. Weshalb der irgendwann den Bettel hinwarf und sich nicht zu schade war, für Bands wie Love Affair Weltergewichts-Pop wie „Bringing On Back The Good Times“ zu komponieren. So ein Hit füllte sein Konto mehr als Konzertauftritte mit der Band. Bald danach entwickelte er wie das 1968 vom selben Dick- James-Musikverlag DJM verpf lichtete Team Elton John/Bernie Taupin ehrgeizigere Singer-Songwriter-Ambitionen. Anders als der Kollege John, der an der Royal Academy of Music als Student auch Bach und Chopin gespielt hatte, aber als Little-Richardund Jerry-Lee-Lewis-Fan mit extrovertiertem Rock’n’Roll musikalisch sozialisiert war, hatte der unter der Aufsicht seiner Klavierlehrerin-Mutter schon früh mit dem Instrument vertraute Goodhand-Tait ein ganz spezielles Faible für Popklassik à la Buddy Holly entwickelt.

Die überwiegend introvertierten Songs seiner ersten Solo-LPs schrieb er nicht aus der dieser Welt überdrüssigen Weltschmerzperspektive. Als Interpret brillierte er so richtig bei seiner Deutung von Buddy Hollys „Everyday“, in der er die Frage „Do you ever long for true love from me?“ unendlich zärtlich vorträgt. „Leon“ erzählt von einem todkranken Freund, der ihn nach dem Konzert noch einmal hinter der Bühne besucht. In „When Will I Be Loved?“ lotet er die ganze Sehnsucht des Herzschmerzklassikers der Everly Brothers aus, ohne einen Moment lang emotional zu überreißen. Einer der besten auf der vierten LP war der nicht unkomische Reggae-Song „ Emile“. Dass seine Solokarriere nicht abhob wie die von Elton John nach „Your Song“, erklären die Li nernotes damit, dass Dick James damals 40.000 Pfund für die Promotion für den Kollegen als die bessere Investition vermutete. ( Lemon/Cherry Red)

FRANZ SCHÖLER