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MAGISCHES BABYLON: MITTEL: Die Stadt der Möglichkeiten


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 25.07.2018

Von Charme ist es in Berlin nicht weit bis zum Chaos. Warum wollen trotzdem immer mehr Menschen in der deutschen Hauptstadt leben? Von Barbara Kerbel, Fotos: Gene Glover


Artikelbild für den Artikel "MAGISCHES BABYLON: MITTEL: Die Stadt der Möglichkeiten" aus der Ausgabe 8/2018 von Deutsch perfekt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Symbol und Touristenmagnet der Hauptstadt: das Brandenburger Tor


Der Abend leuchtet in der tief stehenden Sonne. Die Welt, die Menschen scheinen in dem goldenen Licht von innen zu strahlen. Zwischen den Palmen, mit denen die Strandbar Mitte dekoriert ist, üben 20 Tänzer die ersten Schritte. Jazz und Swing der 20er-, 30er- und 40er-Jahre mischt sich mit dem Zwitschern von Vögeln. Es ist Swing- Abend. Und bevor die Party beginnt, gibt es ...

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... einen Tanzkurs für Anfänger.

Männer tanzen mit Frauen, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen, ältere Gäste mit jüngeren, dicke mit dünnen. Schwitzende Jogger kommen vorbei, Büromenschen im Anzug stoppen auf dem Weg nach Hause für einen Aperitif, die Menschen unterhalten sich in vielen Sprachen. Touristen machen Fotos – von der Bar, den Tänzern, den Ausflugs- und Partybooten, die auf der Spree die ganze Zeit vorbeifahren. Ein Flaschensammler sucht zwischen den Tischen nach leeren Flaschen.

Die Strandbar Mitte ist einer dieser Berliner Orte, an denen sich alle treffen: Touristen und Einwohner, Arme und Reiche, Alte und Junge, Hipster und Lässige, Tänzer und Trinker. Und das alles vor fantastischer Kulisse: am Fluss, mit Blick auf das Bode-Museum mit seiner schwarzen Kuppel, das wie die anderen Museen auf der Museumsinsel Teil des Weltkulturerbes der UNESCO ist. Ganz in der Nähe wohnt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das Kanzleramt aus Beton ist der pragmatischen Regierungschefin zu monumental, die Wohnung dort zu eng. Da ist sie lieber in der Wohnung geblieben, in der sie schon gewohnt hat, bevor sie Kanzlerin wurde.

Während man so dasitzt, den Tänzern zuschaut und Freude an der Kulisse hat, kommt plötzlich die Erinnerung. Bode- Museum – war da nicht was? Ja, da war was. Der Millionenraub. Im März 2017 sprangen drei Männer im nahen S-Bahnhof Hackescher Markt auf die Gleise, die direkt am Museum vorbei zum Bahnhof Friedrichstraße führen. Sie liefen bis zum Museum, wo das Gleis ganz nah an einem Fenster vorbeiführt.

Die drei hatten kein großes Problem, durch das Fenster in das Museum zu kommen, eine Vitrine kaputt zu schlagen und eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze durch das Fenster abzutransportieren. Die Fenster auf der Flussseite des Museums waren nämlich nicht gesichert. Wahrscheinlich hatte keiner der Verantwortlichen im Museum die Fantasie, dass ein Einbruch auf der Rückseite des Gebäudes passieren kann.

Die Polizei suchte natürlich schnell öffentlich nach den Tätern. Drei Monate später wurden ein paar Personen verhaftet, ein Erfolg. Daran, die Münze wiederzufinden, glaubt aber niemand. Die Diebe haben das Gold wahrscheinlich bald nach dem Einbruch eingeschmolzen. 3,5 Millionen Euro sind verloren. Gestohlen aus einem weltbekannten Museum, durch ein Fenster ohne Einbruchsicherung.

Charme und Chaos, Faszination und Fehlfunktion – das liegt in der deutschen Hauptstadt meistens nicht weit voneinander entfernt.

„Die perfekte Stadt für einen Neuanfang“: ‘AUDIO

Warum nicht etwas ganz Neues ausprobieren? Das habe ich mir gedacht, als ich 2014 mit meiner Frau nach Berlin kam. Sie ist Genetikerin und fand hier einen Job. Ich bin Psychologe, in den USA habe ich als Kindertherapeut gearbeitet. Hier wollte ich etwas anderes machen, auch wegen der Sprache. Also habe ich mein Hobby, das Bierbrauen, zum Beruf gemacht. Wo, wenn nicht hier? Berlin ist die perfekte Stadt für einen Neuanfang. Wie wahrscheinlich jede Großstadt ist Berlin nicht perfekt. Aber wir fühlen uns hier sicher, unser Sohn kann ohne Angst vor Schießereien aufwachsen. Wir leben in Pankow, im alten Ostteil der Stadt. Ich mag an Berlin, dass man die Trennung an vielen Dingen noch spürt, zum Beispiel daran, dass es zwei Zoos gibt. Cool ist, wie viel Geld die Stadt für Kinderspielplätze ausgibt. Wir können in unserem Kiez mit unserem Sohn jeden Tag woanders spielen.

Robert Faber (36) kam 2014 aus den USA nach Berlin – am Tag, als Deutschland die Fußballweltmeisterschaft gewann. Mit einem Partner führt er die Craft-Beer-Brauerei Two Fellas Brewery in Berlin-Pankow, wo er auch lebt.

Tanzkurs in der Strandbar Mitte: Hier treffen sich Arme und Reiche, Alte und Junge.


Die Berliner lieben ihre Freiheit – im Wasser und auf dem Land.


Das zeigt sich auch im Sommer und im Winter, wenn das Wetter mal so ist, wie es dann eben sein kann: sehr heiß oder sehr kalt. Es gibt in Berlin Schulgebäude, die so kaputt sind, dass aus Sicherheitsgründen die Fenster mit Holz und Nägeln zugemacht sind – damit sich kein Kind verletzt, wenn vielleicht ein Stück Holz oder eine Scheibe herunterfällt. In diesen Schulen sitzen die Kinder im Juni hinter Fenstern ohne Jalousien bei mehr als 40 Grad Celsius. Und die Lehrer können nicht mal frische Luft in den Raum lassen.

Andererseits: Als vor ein paar Jahren der Winter extrem kalt war, lagen viele Gehwege wochenlang unter einer zentimeterdicken Schnee- und Eisschicht. Als der Schnee zu Eis wurde, hörte der Winterdienst nämlich plötzlich auf, die Wege zu räumen. Den Berlinern gefiel das gar nicht, die Zeitungen publizierten böse Kommentare – und der Berliner Senat hatte eine überraschende Erklärung für das Chaos: Den Winterdienst hatte die Stadt an private Firmen abgegeben. In den Verträgen war aber nur die Entfernung von Schnee vereinbart. Dickes Eis zu entfernen, war für die Firmen zu kompliziert, so die offizielle Erklärung – und die Stadt konnte sie auch nicht dazu verpflichten. Vertrag ist Vertrag, leider nichts zu machen, wurde berichtet.

Es war einfach zu viel Winter für den Berliner Winterdienst.

Man kann ganze Artikel mit Beispielen darüber füllen, was wann wo nicht funktioniert in Berlin und warum. Lorenz Maroldt und Harald Martenstein haben das vor ein paar Monaten gemacht. Die beiden sind bekannte Journalisten vomTagesspiegel , einer der zehn Berliner Tageszeitungen. Für die Zeitschrift der WochenzeitungDie Zeit haben sie auf 14 Seiten Beobachtungen gesammelt. Sie schreiben über schlechte Schulen, störende Baustellen, kaputte Straßen, dumme Fehler von Lokalpolitikern aller Parteien, absurde Aktionen von Ämtern. Am Ende haben sie „Verliebt ins Scheitern“ über ihren Text geschrieben. Sie schreiben von Liebe, und sie meinen damit auch ihre eigene.

Denn so ist es: Berlin wird geliebt, da kann die Stadt noch so sehr nerven. Geliebt von den 3,6 Millionen Menschen, die hier leben, egal, ob seit einem, seit zehn oder seit 60 Jahren. Von den rund 40 000 Menschen, die pro Jahr aus der ganzen Welt neu in die Stadt ziehen – Tendenz steigend (2035 soll die Hauptstadt vier Millionen Einwohner haben). Und von den Touristen aus dem In- und Ausland, von denen immer mehr nach Berlin kommen. So kann die Stadt jedes Jahr über einen neuen Besucherrekord informieren. 2017 kamen fast 13 Millionen Menschen zu Besuch.

„Hier kannst du machen, was du willst“: AUDIO

Wenn du einen Berliner nach der Uhrzeit fragst, zeigt er dir, wo die nächste Uhr hängt, und wenn du wissen willst, wann der Bus fährt, zeigt er dir den Fahrplan. Selbst wenn sie dir helfen, minimieren sie die Kommunikation. Das ist ungewohnt für mich, in Israel besprechen wir dauernd jede Kleinigkeit mit anderen. Das Leben in Berlin hat mich viel selbstständiger und unabhängiger gemacht, und ich habe gelernt, geduldig zu sein.

Es gibt aber immer wieder Situationen, die mich völlig verrückt machen, vor allem wenn ich mit Behörden zu tun habe. Als das erste Mal die Polizei kam, weil Gäste nach 22 Uhr zu laut gelacht haben, musste ich weinen. Ich wusste nicht, dass in Deutschland wegen sowas die Polizei kommt. Trotzdem liebe ich Berlin. Hier kannst du machen, was du willst, und niemand verurteilt dich.

Shani Ahiel (32) kam 2014 aus Tel Aviv nach Berlin. 2016 hat sie ihr Lokal „Yafo“ in Berlin-Mitte eröffnet, eine Mischung aus Restaurant, Bar und Klub. Sie lebt in Berlin-Neukölln.

Früher ein Ort mit viel Verkehr, heute ein Freizeitpark für alle: der Flughafen Tempelhof


Was wollen die alle in der Hauptstadt? Der Schriftsteller Peter Schneider weiß jedenfalls, was sie nicht suchen:An der Schönheit kann’s nicht liegen hat der 78-Jährige sein 2015 publiziertes Buch über die Faszination der Hauptstadt genannt. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, sieht hässliche Plattenbauten im Ostteil und 70er-Jahre-Bausünden im Westteil – die Stadt ist voll von hässlichen Gebäuden. Gebaut wurde in Berlin nach Meinung von Schneider lange Zeit ohne Geschmack und ohne Plan.

„Berlin ist nicht schön, aber spannend“, sagt Schneider. An dieser Stelle lohnt sich ein Blick zurück ins Jahr 1910. Damals schrieb der Kulturkritiker Karl Scheffler den vielleicht berühmtesten Satz, der je über die Hauptstadt geschrieben wurde: Berlin sei „dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein“. Mit diesem Satz beendet Scheffler sein sarkastisches Buch, in dem er die Stadt schon damals als unstrukturiert, chaotisch und schlecht funktionierend beschreibt.

In Berlin ist zu sehen, dass sich vieles noch entwickelt. Daran hat sich in den letzten 100 Jahren im Prinzip nichts geändert. Das ist nicht nur an den vielen Baustellen zu merken. „Berlin war schon vor dem Mauerfall die spannendste Stadt in Deutschland, vielleicht in ganz Europa“, sagt Schneider. „Weil sich hier schon immer Geschichte abzeichnet.“ Schneider kam 1962 aus Süddeutschland nach Westberlin und wurde zu einer wichtigen Stimme der 68er-Bewegung. „Man hatte das andere System im anderen Teil der Stadt immer vor Augen“, sagt er. „Das forderte den Geist heraus, auf beiden Seiten der Mauer.“

Wenn er heute nochmal jung wäre, sagt Schneider, würde er auch nach Berlin ziehen. „In schönen, perfekt restaurierten und teuren Städten fühlt sich der junge Besucher ausgeschlossen. Er schaut sich um und weiß: Hier sind alle Plätze schon vergeben“, schreibt er in seinem Buch. Berlin aber „gibt jedem Ankömmling das Gefühl, dass er hier noch eine Lücke finden und etwas auf die Beine stellen kann.“

Jeder, der neu nach Berlin zieht, kennt das Gefühl, das Schneider beschreibt. Zwar sind viele Berliner wirklich so unfreundlich, wie das Klischee sagt. Aber die Stadt scheint jedem ein Versprechen zuzurufen: Irgendwo hier ist ein Platz für dich!

Ein Beispiel dafür ist Yael Rozanes. Die Israelin ist Schauspielerin und vor rund einem Jahr nach Berlin gekommen, „ehrlich gesagt, ohne Plan“, wie sie erzählt. Die 26-Jährige tut das, was in der deutschen Hauptstadt leichter ist als in anderen internationalen Metropolen: Sie schlägt sich durch. Einen Monat lang hat sie in einem Hostel geputzt, drei Monate im Klub an der Garderobe gearbeitet. Sie macht Stadtführungen auf Englisch für Touristen, spielt im englischsprachigen Theater und steht als Stand-up-Comedian auf der Bühne. Sie erlebt Höhen und Tiefen – aber sie hat einen Platz gefunden.

Auch wenn in Berlin die Mieten seit Jahren steigen: Im Vergleich zu London, Paris, Barcelona, Tel Aviv und New York ist Berlin immer noch extrem günstig. Man kann hier auch mit wenig Geld gut leben – das entspannt und macht frei. Deshalb kommen Künstler und Kreative nach Berlin, aber auch Tausende Informatiker und Webdesigner, die Berlin zur deutschen Start-up-Metropole machen und auf den großen Erfolg hoffen. Wenn das eine Projekt nicht klappt, dann eben vielleicht das nächste. Fehler zu machen,.ist in Berlin keine Katastrophe – die Stadt lebt dieses Prinzip ja selbst vor.

So ist Berlin keine Stadt der Schönheit und Ordnung, sondern eine Stadt der Möglichkeiten. Es gibt einen Ort, an dem sich dieses Versprechen mit allen Sinnen erleben lässt: auf dem Tempelhofer Feld, dem Areal des früheren Flughafens im Süden des Stadtzentrums.

Wer aus den engen Straßen Neuköllns zum ersten Mal zum Tempelhofer Feld kommt, glaubt vielleicht erst einmal an eine Halluzination: Im Rücken liegt der multikulturelle Hipsterkiez, und vor einem liegt – ein großes Nichts. Eine gigantische Lücke, mitten in der Stadt. Eine 355 Hektar große Wiese, in der noch immer die früheren Start- und Landebahnen liegen.

Alles, wirklich alles ist auf dem Tempelhofer Feld möglich. Am besten zu beobachten ist das an einem Sonntag. Dann bauen türkische und arabische Familien ihre Grills auf und veranstalten riesige Picknicks. Pakistani treffen sich zum Cricket, Harry-Potter-Fans spielen Quidditch und viele andere Leute Fußball. Rennradler und Inlineskater fahren zwischen Joggern und Spaziergängern, über ihnen fliegen viele Drachen. Anwohner pflegen ihre Hochbeete im Gemeinschaftsgarten, und überall spielen Kinder

„Der beste Ort, um Leute zusammenzubringen“

Als mir mein Freund, der aus Hamburg kommt, vorgeschlagen hat, nach Berlin zu ziehen, war meine erste Reaktion: Auf gar keinen Fall! Das ist doch die hässlichste Stadt der Welt! Bis dahin war ich immer nur im Herbst und Winter in Berlin, und der Winter ist wirklich schrecklich: Es ist grau, kalt, windig und feucht. Aber dann kamen wir im Sommer, und die Stadt war eine andere. Um Leute kennenzulernen, habe ich Abendessen in meiner Wohnung organisiert. Kochen ist meine große Leidenschaft. Bald habe ich auch Frauen aus Syrien eingeladen, bei mir zu kochen. So wollte ich Flüchtlingsfamilien mit Berlinern zusammenbringen. Ich glaube, Berlin ist der beste Ort für so etwas. Man wird hier viel leichter akzeptiert als anderswo, man findet schnell Freunde, und die Stadt gibt dir immer wieder neue Impulse.

Anna Gyulai Gaal (31) kam 2015 aus Budapest nach Berlin, wo sie als freie Journalistin arbeitet. Seit 2015 organisiert sie in ihrer Wohnung in Neukölln Refugee Dinner, bei denen sie Frauen aus Syrien zum Kochen einlädt.

Vor ein paar Jahren wollte der Senat auf einem Teil des Feldes bauen – Wohnungen, teure Townhouses und eine große Bibliothek. In einem Referendum waren die meisten Berliner 2014 gegen die Pläne. „Die Menschen wollten ihren riesigen Park behalten und hatten Erfolg“, sagt Yael Rozanes euphorisch. „Das wäre

in Israel so nie möglich.“ In Berlin aber ist der Umgang mit zentrumsnahen Freiräumen eine der wichtigsten Fragen der Stadtentwicklung. „Durch die Jahre der Teilung war Berlin das Wachstum nicht gewohnt“, sagt die Architektin und Stadtforscherin Saskia Hebert. Deshalb wurden in den Jahren nach der Wiedervereinigung viele Fehler gemacht. „Stadtentwicklungspolitik wurde in Berlin zu lange vom Finanzsenator gemacht.“

Damit spricht die 48-Jährige über das vielleicht größte Problem der Hauptstadt: das fehlende Geld. Während der deutschen Teilung bekam Westberlin hohe Subventionen von der Bundesrepublik; auch nach Ostberlin als Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik floss viel Geld. Nach der Wiedervereinigung fielen diese Subventionen weg – dafür gab es teure und komplizierte Doppelstrukturen.

Anfang der Nullerjahre reagierte die Koalition aus Sozialdemokraten und Linken im Senat darauf mit einem radikalen Sparkurs. Öffentliche Wohnungen wurden verkauft, soziale Ausgaben reduziert, Angestellten im öffentlichen Dienst wurde gekündigt. Seit Berlin so schnell wächst, fehlen aber plötzlich überall Ressourcen: Angestellte, Infrastruktur und Platz. Wer dort einen neuen Pass, einen Hochzeitstermin oder eine Geburtsurkunde braucht, muss, wenn er Pech hat, monatelang darauf warten. Es fehlen Kitaplätze, Lehrer, Polizisten und 20 000 Wohnungen – pro Jahr. „Die Stadt muss eine neue Balance finden“, sagt Hebert.

Ist Berlin wirklich noch eine funktionierende Stadt, trotz aller Probleme? „Ja sicher“, sagt die Architektin und beginnt zu lachen. „Nur einen richtigen Flughafen gibt es eben nicht.“

Man kann leider keinen Text über die deutsche Hauptstadt ohne ein paar Sätze über den neuen Großflughafen BER schreiben, an dem seit zwölf Jahren gebaut wird. Vor mehr als sechs Jahren wurde die für den 3. Juni 2012 geplante Eröffnung vier Wochen vor dem Termin abgesagt, weil die Brandschutzanlage nicht funktionierte.

„Die Stadt überrascht mich immer wieder“

Viele Touristen wollen nur Mitte sehen – sie suchen das, was sie schon kennen. Ich sage ihnen: Erlebt doch die Stadt! Berlin ist so vielfältig, jeder Kiez ist anders. Die Stadt überrascht mich immer wieder. Man kann hier mit wenig Geld gut leben. Ich wohne in einer WG mit zehn anderen, fast alles Deutsche. Wir teilen alles. Einmal im Monat schreibt jeder auf einen Zettel, wie viel er für Essen ausgeben kann. Wer wenig Geld hat, zahlt weniger, und wer mehr hat, gibt mehr. In Berlin kann man sich entspannen. Menschen, die mittags mit einem Buch im Park sitzen: Das ist hier Teil der Stadtkultur! Die Berliner Unfreundlichkeit habe ich natürlich auch kennengelernt. Aber es ist irgendwie auch keine Überraschung, dass die Leute hier so rau sind – vor 30 Jahren gab es hier noch die Mauer. Unglaublich eigentlich.

Yael Rozanes (26) kam im Sommer 2017 aus Israel nach Berlin. Die Schauspielerin arbeitet unter anderem als Stadtführerin, spielt im englischsprachigen Theater und tritt als Stand-up-Comedian auf.

Berlin hat viele grüne Seiten: ein Picknick mit Blick Blick auf den Fernsehturm


Ist es vorstellbar, dass irgendwo anders, zum Beispiel in München oder Stockholm, ein Ingenieur wirklich vorschlägt, ein Notfallsystem im Notfall improvisiert zu bedienen? So erklärte der damalige Flughafenchef persönlich eine Idee, er nannte das „Mensch-Maschine-Schnittstelle“: Ein paar Hundert Angestellte sollten im Notfall die Brandschutz- und Fluchttüren per Hand öffnen und schließen – als Kompensation für die computerregulierte Anlage. Die verantwortlichen Beamten verboten diesen absurden Plan zum Glück – und stoppten so die Eröffnung. Auch wenn das ziemlich kurz vor dem offiziellen Termin war.

Seitdem wird auf der Baustelle in Schönefeld immer noch an der Brandschutzanlage gebaut. Es wird analysiert, repariert, manchmal wird jemandem gekündigt, dann muss sich ein Nachfolger wieder neu einarbeiten. Neun bis zehn Millionen Euro Steuergeld kostet die Baustelle jeden Monat. Und man kann immer noch nicht auf ein Ende hoffen. Im Herbst 2020 könnte der Flughafen eröffnen, hieß es zuletzt, sicher ist nichts. Manche Architekten und Politiker haben schon vorgeschlagen, die Arbeiten zu stoppen – und woanders einen neuen Flughafen zu bauen.

Den meisten, Berlinern wie Besuchern, ist es inzwischen eigentlich fast egal, was aus dem Flughafen wird. Die Alteingesessenen fliegen sowieso lieber von ihrem geliebten Flughafen Tegel. Der ist zwar komplett überlastet, aber genial konstruiert und schön nah am Zentrum.

Der alte Flughafen Schönefeld, auf dem die meisten Billigflieger landen, sieht zwar aus wie ein Provinzbahnhof kurz vor dem Abriss. Und der dazugehörige S-Bahnhof wirkt wie ein alter Busbahnhof, der schon länger nicht mehr benutzt wird. Dafür wartet, wenn der Zug irgendwann kommt, am anderen Ende der S-Bahn-Fahrt Berlin. Die coolste Stadt Europas, die den Ankömmlingen schon am Flughafen ihre wichtigste Botschaft und ihr wichtigstes Versprechen entgegenruft: Bei uns gibt es noch sehr viel zu tun.

„Das Berghain interessiert mich nicht“

Alle reden immer vom Berliner Nachtleben. Mich interessiert das überhaupt nicht, ich war auch noch nie im Berghain. Ich bin eher ruhig, gehe ein Bier trinken oder spiele mit meinem Sohn. Mir fehlen zwar die englischen Pubs. Aber ich habe ein paar nette Kneipen gefunden, wo es auch schottisches Bier gibt. Vielleicht sind die Bedienungen nicht überall so freundlich – aber zu ernst sollte man die Berliner Schnauze auch nicht nehmen. Man muss in Deutschland sehr organisiert sein. Das ist manchmal sehr anstrengend, vor allem wenn man die Bürokratie kennenlernen muss. Wir Engländer sind eher ein bisschen chaotisch. Aber in London könnte ich nicht mehr leben, das ist mir zu teuer, zu voll, zu groß, zu anstrengend. Berlin ist so viel ruhiger. Man merkt eigentlich gar nicht, dass man in einer Hauptstadt ist.

John Jones (28) hat aus Liebe zur deutschen Literatur Germanistik studiert. 2013 kam er aus London nach Berlin und hat sich gegen das Masterstudium und für seine zweite Leidenschaft entschieden: Fisch. Inzwischen hat er seinen eigenen Laden in Pankow. Mit seiner Familie lebt er in Berlin-Wedding.