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Magisches Wasser


skeptiker - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 06.12.2019

Der Glaube an die magischen Kräfte des Wassers hat eine lange Geschichte. In einigen dieser Vorstellungen spricht man naturbelassenem, unbehandeltem Wasser wundersame Kräfte zu, verwendet es als Talisman oder verbindet es mit Mythen oder Legenden. In anderen Fällen wird das Wasser mit „Energie“ oder „Kräften“ aufgeladen, beispielsweise mit einem „Gedächtnis“, wie in der Homöopathie. All dies sind Beispiele von magischem, übernatürlichem Denken, das durch die Wissenschaft obsolet wurde.
Aufgrund seiner reinigenden Eigenschaften ist Wasser auch für rituelle Waschungen (etwa die Taufe im Christentum und die jüdische Mikwe) geradezu prädestiniert. Es löscht den Durst, lindert leichte Verbrennungen und verfügt über weitere medizinisch nutzbare Eigenschaften. Der Glaube an das Paranormale hat das Spektrum der angeblichen Wasserkräfte darüber hinaus erheblich erweitert. Der folgende Beitrag vermittelt einen Überblick über die unterschiedlichen Formen des Glaubens an „magisches Wasser“, die das paranormale Denken hervorgebracht hat. Der Betrag gliedert sich in zwei Teile, „Natürliches Wasser“ und „Aufgeladenes Wasser“.

Natürliches Wasser

Diese Kategorie umfasst Wässer natürlichen Ursprungs, gleichgültig, welche Wertschätzung ihnen entgegengebracht wird. Hierzu gehören solche, die als „wundertätig“ gelten (etwa der Fluss Jordan oder die Quelle von Lourdes), als Talisman benutzt werden (beispielsweise als Glücksbringer in einem versiegelten Gefäß), darüber hinaus mineralhaltige Wässer, z. B. von Heilquellen, und Wässer mit „fakeloristischem“, also fälschlich auf einen Volksglauben zurückgeführtem Hintergrund, wie der pseudo-legendäre Jungbrunnen von St. Augustine in Florida.

Wundertätiges Wasser

Die immense Bedeutung des Wassers in der Antike spiegelt sich in der Errichtung von Tempeln, ja sogar Städten und Reichen an Flüssen, Seen und Quellen wider. Oftmals waren es heilige Orte, so spielten beispielsweise Quellen eine zentrale Rolle im Leben der Gläubigen.

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» Überall auf der Welt gibt es angebliche „Wunderquellen“. «


Ein Beispiel ist der Jordan, der durch den See Genezareth ins Tote Meer fließt und in zwei Religionen als heilig gilt. Im jüdischen Glauben wurde der Fluss durch ein Wunder für Josua geteilt, damit er sein Volk trockenen Fußes hindurch und ins Gelobte Land führen konnte (Josua 3 – 4). Das Christentum betrachtet ihn als das Gewässer, in dem Johannes der Täufer Jesus taufte (Matthäus 3:13 – 16). Darüber hinaus war er für beide Religionen ein Ort der Heilung. So wurde Naaman durch ein Bad im Jordan von Aussatz geheilt, wie die Bibel in 2 Könige 5:14 berichtet.
Im alten Griechenland betrachtete man Quellen als Sitz von Gottheiten, und sprach ihnen übernatürliche Kräfte zu. An dieser Stelle sei angemerkt, dass „heiliges“ Wasser nicht mit Heilquellen ohne religiöse Komponente verwechselt werden darf, s. u.
Überall auf der Welt gibt es angebliche „Wunderquellen“, von denen viele im katholischen Glauben von immenser Bedeutung sind. Wohl am bekanntesten ist das südfranzösische Lourdes. Im Jahr 1858 behauptete die 14-jährige Bernadette Soubirous (1844 – 1879), ihr sei die Jungfrau Maria erschienen und habe sie zur Quelle an einer Grotte geführt. Bald darauf kursierten Geschichten über Wunderheilungen, die man Bernadette zuschrieb. Es ist eine bittere Ironie, dass diese Heilkräfte ihr selbst nicht zugute kamen, denn sie verstarb in jungem Alter. Doch das erweckte nur wenig Zweifel, und sie wurde 1933 heiliggesprochen.
Skeptikern wird auffallen, dass eine Heilung dann als wundersam gilt, wenn sie „medizinisch unerklärlich“ ist. Dies beruht jedoch auf einem logischen Fehlschluss, dem sogenanntenargumentum ad ignorantiam . Er beruht darauf, dass sich aus einem Mangel an Informationen keine valide Schlussfolgerung ziehen lässt. Außerdem gibt es für offensichtliche Heilungen andere Erklärungen, etwa Fehldiagnosen, Psychosomatik, vorangehende medizinische Behandlung, die Selbstheilungskräfte des Körpers usw.
Seit 1884 war dasBureau des Constatations Médicales, eine offizielle Einrichtung in Lourdes, für die Beglaubigung angeblicher Heilungen zuständig. 2008 jedoch kam es zu einem Aufstand von Ärzten, die sich nicht länger am „Wundergeschäft“ beteiligen wollten. Sie kündigten an, Fälle fortan nur noch als „bemerkenswert“ zu bezeichnen – eine bemerkenswerte Heilung kann jedem Patienten zuteil werden, unabhängig von heiligen Stätten und angeblich magischem Wasser1.

Wasser als Talisman

Es ist nur ein kleiner Schritt von der Überzeugung, dass die Anwendung von Wasser aus einer Wunderquelle heilende Kräfte besitzt, bis zum Glauben, dass auch eine kleine Menge davon als Talisman, etwa in einem Fläschchen oder einer Phiole, eine Heilung bewirken kann. Ein Talisman ist ein Objekt, dem magische Kräfte zugesprochen werden, beispielsweise als Schutz oder Glücksbringer. Wasser als Talisman entfaltet seine Kräfte nicht durch Anwendung, sondern aus dem verschlossenen Behälter heraus.
Es dürfte nicht überraschen, dass Pilger im Heiligen Land in byzantinischer Zeit kleine Fläschchen zur Aufbewahrung von heiligem Jordanwasser, heute bekannt als Pilgerflaschen, erwerben konnten und als Talisman oder Andenken mit nach Hause nahmen. Für Christen gab es Flaschen mit aufgeprägtem Kreuz. Sie dienten abwechselnd als Behälter für heiliges Öl aus einer Lampe am Heiligen Grab, ei-nen Splitter vom Wahren Kreuz oder einen anderen heiligen Gegenstand. Für Juden gab es Pilgerflaschen mit aufgeprägtem Menora-Symbol (Goudeau 2014).

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Abb. 1: Natürliches Wasser: Gefäße für „Wunderwasser“ aus dem Jordan (byzantinische Pilgerflasche und „Jordanwasser“-Flasche von der Weltausstellung „Pan American Exposition“ 1901) und der Quelle von Lourdes (Kunststoffstatue Mariens, gefüllt mit Wasser aus Lourdes, vorne: Schachtel mit Kreuz und Tropfen dieses Wassers, als Talisman benutzt), Bernsteinflasche (ca. 1930) für Wasser aus den White Rock Mineral Springs und eine Souvenirflasche mit Wasser aus dem „Jungbrunnen“ in St. Augustine (Mitte des 20. Jahrhunderts) (v. l.). Alle abgebildeten Objekte stammen aus der Sammlung des Autors.


Foto: Joe Nickell

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Abb. 2: „Aufgeladenes“ Wasser: Vordere Reihe: Patentierte Flasche in Kreuzform für heiliges Wasser, homöopathische Tinktur mit Handbuch, Magnet und eine Ampulle zur Herstellung von „magnetischem“ Wasser (v. l.). Hintere Reihe: Kelch mit einem Mineral und einer Auswahl von „Heilsteinen“ zur Herstellung von „informiertem Edelsteinwasser“. Die abgebildeten Objekte stammen aus der Sammlung des Autors, die Heilsteine sind eine Leihgabe von Barry Karr.


Foto: Joe Nickell

Pilgerflaschen waren vor allem in der Zeit zwischen 600 und 900 unserer Zeitrechnung verbreitet. Abb. 1 zeigt ein etwa 8,8 Zentimeter hohes Exemplar aus der Sammlung des Autors. Es versteht sich von selbst, dass wir nur darüber mutmaßen können, ob es einmal Wasser aus dem Jordan, aus einer heiligen Quelle oder dergleichen enthalten hat.
Genaueres lässt sich über das winzige, nur etwa 4,4 Zentimeter hohe Gefäß neben der Pilgerflasche sagen. Es trägt die Aufprägung „JORDAN/WATER/ PAN AM/1901“. Solche Flaschen waren Andenken an die Weltausstellung Pan American Exposition, die vom 1. Mai bis 2. November 1901 in Buffalo (New York) stattfand. In verschiedenen Angeboten auf der Online-Auktionsplattform eBay heißt es, die Flaschen hätten „Heiliges Wasser“ enthalten, doch halte ich diesen Schluss für voreilig. Vermutlich entsprach der Flascheninhalt genau der Aufschrift, nicht mehr oder weniger, und die Gefäße waren keineswegs ausschließlich für Katholiken bestimmt (wie diejenigen, denen wir uns bald zuwenden werden). Ob sie nun als Talisman verwendet wurden oder nicht – sie belegen, wie populär Jordanwasser vor hundert Jahren war. Bis heute sind Flaschen mit dem verehrten Nass im Handel.
Ebenfalls in Abb. 1 ist ein Souvenir in Gestalt eines „Lourdes-Kreuzes“ abgebildet, das Tropfen des Wassers aus der berühmten „Wunderquelle“ enthält. Für abergläubische Menschen mag es vielleicht die talismanischen Kräfte des Kreuzes und des Wasser kombinieren.

Mineralisch angereichertes Wasser

Die Hydrotherapie – die innerliche oder äußerliche Anwendung von Wasser zur Behandlung von Krankheiten, gehört sicherlich zu den ältesten Heilverfahren. Bereits in vorgeschichtlicher Zeit wurden therapeutische Bäder in Quellen, Teichen oder Flüssen praktiziert.
Im Alten Griechenland und Rom legte man vielerorts Heilorte in der Nähe von Mineralquellen an. Auch die indigene Bevölkerung Amerikas glaubte an die stärkenden Kräfte von mineralhaltigem Wasser, so besuchte etwa der Aztekenherrscher Montezuma ein Heilbad, das heute unter dem Namen Agua Hedionda bekannt ist (Nickell 2005).
Auf meinen Reisen habe ich viele berühmte Heilbäder auf der ganzen Welt besucht, darunter die historische Anlage in Pozzouli (Italien), die sich in einem Vulkankrater befindet. Ich besuchte sie einmal gemeinsam mit dem Ermittler Luigi Garlaschelli. Der Vulkan entstand vor 4000 Jahren und brach 1198 zum letzten Mal aus. Der Schwefeldampf galt als heilsam bei Atembeschwerden, mit dem heißen Schlamm behandelte man Rheumatismus, und dem thermomineralischen Wasser sprach man vielfältige Heilwirkungen zu (Nickell 2005).
Zahlreiche Quellen in Europa und Amerika erlangten ihre Bedeutung durch die natürlichen, im Wasser gelösten Stoffe: Jod gegen Kropfleiden, Lithium zur Behandlung von bipolaren Störungen usw. und verschiedene weitere Mineralien, weshalb man die Quellen häufig als „Gesundheit spendende Mineralwässer“ bezeichnet. Tatsächlich enthalten die meisten dieser Quellen (etwa Saratoga Springs in New York) gelöste Salze. In den USA spricht man ab einem Gehalt von 50 Grains pro Gallone (855,9 mg pro Liter) von Mineralwasser (für Deutschland siehe Mineral-und Tafelwasserverordnung, Anm. d. Übers.). Die positiven Wirkungen waren in der Vergangenheit Gegenstand heftiger Debatten und sind wohl in den meisten Fällen zu vernachlässigen. Von einigen Ausnahmen abgesehen stand das Wasser der meisten Quellen zum Trinken oder für ein wohltuendes Bad zur Verfügung, wobei dem Placebo-Effekt eine entscheidende Rolle zukommt.


» Die positiven Wirkungen von Mineralquellen waren in der Vergangenheit Gegenstand heftiger Debatten. «


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Lucas Cranach: Der Jungbrunnen (1546).


Quelle: Wikimedia Commons – Gemäldegalerie Berlin,

Die größte Flasche in Abbildung 1 (Höhe etwa 20 cm) ist typisch für Wasser aus Mineralquellen. Die Aufkleber kennzeichnen es als „Delicious/ Sparkling/Healthful“. Das Wasser wurde mit Lithium und Karbonaten versetzt und durch das Unternehmen White Rock Mineral Springs Co. in Waukesha (Wisconsin) vertrieben. Bemerkenswert ist die folgende Anweisung auf dem Etikett: „Liegend lagern / Vor dem Öffnen stets kühl lagern.“ Das weist darauf hin, dass die frühen Flaschen verkorkt waren. Der Korken ist als Vorläufer moderner Kronkorken zu betrachten. Lagerte man eine Flasche liegend, blieb der Korken feucht. Andernfalls trocknete er aus, schrumpfte zusammen und schoss aus dem Flaschenhals. Diesen Hinweis behielt man bei den Flaschen aus White Rocks noch Jahrzehnte nach Einführung des Kronkorkens bei, wohl aus Gründen der historischen Kontinuität. Die frühesten verkorkten Flaschen hatten oft einen gewölbten Boden, sodass sie nicht aufrecht stehen konnten.

Fakelore

Der Mythos vom „Jungbrunnen“ entstand wahrscheinlich in Indien. Er ist seit dem 7. Jahrhundert in Europa bekannt und wird das gesamte Mittelalter hindurch häufig erwähnt. Im Jahr 1546 stellte der deutsche Maler Lucas Cranach die wundersame Quelle in einem bekannten Gemälde dar. Es zeigt, wie runzlige, gebrechliche Frauen das Becken auf einer Seite betreten, während auf der gegenüberliegenden Seite dem Wasser jugendliche Schönheiten entsteigen. Jedoch ist der Brunnen, der das Becken speist, mit Statuen von Venus und Amor geschmückt. Dies legt nahe, dass er in Wahrheit als Metapher für die – wahrhaftig Unsterblichkeit verleihende – Quelle der Liebe zu verstehen ist.
Einige Zeit zuvor hatte sich der spanische Konquistador Ponce de Leon (etwa 1460 – 1521) auf die Suche nach der legendären Quelle begeben. Nachdem er Kolumbus auf dessen zweiter Amerikareise (1493) begleitet und 1509 Puerto Rico erobert hatte, wurde ihm zur Belohnung die Erlaubnis erteilt, ein Land namens Bimini zu suchen. Nach einer Legende der Ureinwohner gab es dort eine Quelle mit wundertätigem Heilwasser: Wer davon trank, werde fortan nicht mehr altern. Ponce de Leon ging in St. Augustine an Land und segelte durch die Florida Keys und weiter nach Kuba, brach jedoch die Suche ab, als sie erfolglos blieb. Als er 1521 zurückkehrte, um die Ureinwohner Nordamerikas zu unterwerfen und Florida als Kolonie zu gewinnen, wurde er von einem Pfeil tödlich verwundet (Nickell 2005).
Die Quelle, die heute als Ziel des Konquistadors beworben wird, weist keinerlei historischen oder archäologischen Bezug zu Ponce de Leon auf. Sie war bereits in den 1860er-Jahren als Touristenattraktion bekannt und erhielt ihre jetzige Gestalt 1904 nach dem Kauf durch Luella Day McConnell, die Ende der 1890er mit Geld und dem Spitznamen „Diamond Lil“ vom Goldrausch am Klondike zurückgekehrt war und ab 1909 Werbepostkarten und Quellwasser verkaufte. Bis zu ihrem Tod durch einen Verkehrsunfall 1927 unterhielt McConnell Touristen mit erfundenen Geschichten über den Ort. Ihr Nachfolger Walter B. Frazier machte ihn schließlich zur großen Attraktion2.

Die Souvenirflasche in Abb. 1 (Durchmesser etwa 1,8 cm; Höhe etwa 9,5 cm) wurde maschinell gefertigt und stammt etwa aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Ich erinnere mich, dass ich als Junge selbst vom Jungbrunnen getrunken habe, und kann dazu nur sagen: Schaut mich jetzt an!

Aufgeladenes Wasser

In dieser zweiten Kategorie von magischen Wässern werden diejenigen zusammengefasst, die angeblich mit „Energie“ oder „Kraft“ aufgeladen wurden. Es kann sich sowohl um destilliertes Wasser als auch um solches mit natürlichen Inhaltsstoffen, etwa Mineralien, oder zugesetzten Stoffen, beispielsweise Chlor, usw. handeln. Entscheidend ist, dass, was immer während des Transformationsprozesses hinzugefügt wurde, nicht im Wasser verbleibt, sondern lediglich seine „Kraft“ überträgt. Man spricht dann von heiligem, homöopathischem, magnetisiertem Wasser bzw. von „Pyramidenenergie“ oder „Edelsteinwasser“.

Heiliges Wasser

Heiliges Wasser wurde durch einen religiösen Funktionsträger gesegnet. Seine Verwendung im Christentum geht nicht auf die Bibel zurück, sondern entstand um das Jahr 400. Es wird im Sakrament (zum Taufgedächtnis) und zur Reinigung verwendet, außerdem zur Segnung von Orten und Menschen, zur Heilung und zur Abwehr des Bösen. Im Mittelalter bewahrte man heiliges Wasser unter Verschluss auf, damit es nicht gestohlen und für unerlaubte magische Praktiken verwendet wurde3.
In manchen Kirchen können die Gläubigen das Weihwasser aus einem Zapfhahn für den Eigenbedarf entnehmen, oder es ist in einem Taufbecken, meist am Kircheneingang, verfügbar. Ausgerechnet diese Becken sind leider oft Quelle von Infektionen durch Viren oder Bakterien4.
Der Glaube, dass Weihwasser das Böse vertreibt, hat im katholischen Christentum eine lange Tradition. Theresa von Avila schreibt: „Oftmals habe ich […] die Erfahrung gemacht, dass es nichts gibt, was sie [böse Gestalten, Anm. d. Übers.] eher in die Flucht treibt, um nie mehr wiederzukommen.“ 5 Ich allerdings habe bei meinen Untersuchungen von angeblichen Spukhäusern – wie demjenigen, das die Vorlage für den Horrorfilm The Conjuring (2013) lieferte – die Entdeckung gemacht, dass sich „Dämonen“ am wirkungsvollsten besiegen lassen, wenn man die Fakten hinter einem „Ausbruch“ kennt (Nickell 2016a).
Weihwasser wird nicht nur in der katholischen, sondern auch in der anglikanischen und der Ostkirche verwendet, ebenso in anderen religiösen Gruppen, etwa im Buddhismus und Hinduismus. Im zeitgenössischen Wicca-Glauben kann jedes Wasser den Status der Heiligkeit erlangen, das Anwender für heilig erachten (beispielsweise wenn es aus einem Heiligtum oder aus einer heiligen Quelle stammt, ebenso Regenwasser, das an einem besonderen Tag aufgefangen wurde, oder durch den Vollmond bzw. eine Finsternis „aufgeladen wurde“, und vieles mehr. (Nicht aufgeführt wurden hier Wässer mit Zusatz von Kräutern oder anderen Substanzen.)6

Homöopathisches Wasser

Auf die Spitze getrieben wird das Konzept des „magischen Wassers“ durch eine Variante der Pseudomedizin, die Homöopathie.
Die Homöopathie wurde 1796 von Samuel Hahnemann entwickelt. Grundlage war seine Überzeugung, dass Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden könne. Ein Stoff, der bei Gesunden Symptome einer Erkrankung auslöst, könne bei Erkrankten diese Symptome heilen. Weiter vertrat Hahnemann die homöopathische Verdünnung („Potenzierung“), bei der der an-Allergebliche Wirkstoff in extremem Maß in Wasser oder Alkohol verdünnt wird. Die verbleibende Wirkstoffmenge ist nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge so verschwindend gering, dass sie keinerlei Wirkung ausüben kann, denn es ist kein einziges Molekül der Ursubstanz mehr vorhanden!

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Foto: Adobe Stock – kvitkanastroyou

Mit anderen Worten: Es handelt sich um nichts als Wasser. Dennoch bestehen Homöopathen darauf, dass Wasser ein „Gedächtnis“ besitze – eine wissenschaftlich unsinnige Behauptung. Also sind homöopathische Arzneimittel wirkungslos. Aber sie schaden wenigstens nicht – oder? Leider doch. Zwar enthalten viele homöopathische Präparate ausschließlich Wasser, doch es gibt Ausnahmen, vor denen sich Kunden in Acht nehmen sollten. So hat man beispielsweise in einigen Homöopathika gegen Beschwerden beim Zahnen von Babys Belladonna (Tollkirsche, Atropa belladonna) nachgewiesen. Der Stoff kommt angeblich nur in Spuren zur Anwendung, wohl gegen Entzündungen, jedoch wiesen Laboranalysen in einigen Präparaten unterschiedliche Mengen der potenziell toxischen Substanz nach. In den USA wird die relativ unregulierte, 6,4 Milliarden schwere homöopathische Industrie derzeit mit einer zunehmenden Kontrolle durch staatliche Behörden konfrontiert.7 Im Jahr 2018 strengte das Center for Inquiry (CFI) einen Prozess gegen das Unternehmen CVS an, weil die Firma wirkungslose homöopathische „Medikamente“ beworben und verkauft hatte8. Ein vergleichbares Verfahren des CFI gegen Walmart läuft seit Mai 2019.9

Magnetisiertes Wasser

Der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer (1734 – 1815) behauptete, dass allem Lebenden eine unsichtbare natürliche Kraft innewohnt, der „Tierische Magnetismus“. Später bürgte sich der Begriff Mesmerismus ein, und heute ist bekannt, dass Mesmer unwissentlich Suggestion durch Hypnose anwandte, um „die hysterischen Symptome bei anfälligen jungen Frauen“ zu lindern (Lyons, Petrucelli 1978, S. 489).
Für seine Versuche verwendete Mesmer als „Heilmittel“ Eisenmagnete und Wasser, welches durch sie „magnetisiert“ war. Wie die Patienten berichteten, spürten sie, wie ungewöhnliche Ströme durch sie hindurchflossen. Wie Mesmer später entdeckte, erzielte er die gleiche Wirkung, indem er lediglich seine Hände über den Patienten bewegte – ein Resultat dessen, was heute als Suggestion bekannt ist.10
Heute sind Magnete und „magnetisiertes“ Wasser Bestandteil verschiedener fragwürdiger Therapien. In Wahrheit lassen sich jedoch nur Eisen und einige andere Metalle dauerhaft magnetisieren. Ein äußeres Magnetfeld hat im Wasser nur unbedeutende Wirkung und auch diese verschwindet, sobald man das Magnetfeld entfernt.
Über einen „Magnetic Mug“, eine Tasse mit magnetischem Edelstahlmantel, die Flüssigkeiten magnetisieren und auf diese Weise zur besseren Wasserversorgung des Körpers beitragen soll, urteilt Dr. Stephen Barrett von „Quackwatch“, dass „selbst ein minimaler Effekt verschwinden würde, sobald die Flüssigkeit die Tasse verlässt.“ 11 Weiter bezeichnet Barrett die Tasse als „einfallsreichen Unsinn“. Jegliche positive, etwa schmerzlindernde Wirkung sei das Resultat von Suggestion bzw. Placebo-Effekt.

Pyramidenenergie

Die geheimnisvollen Kräfte der Pyramiden wurden in den 1970ern durch das pseudowissenschaftliche Buch „Psychic Discoveries behind the Iron Curtain“ (Ostrander, Schroeder 1970) in den USA populär. Man glaubte, dass kleine Nachbildungen der Cheopspyramide geheimnisvolle Kräfte entwickeln, „Energien“, wie das Autorenteam in New-Age-Manier schrieb. Nach einem tschechoslowakischen Patent wurden Modelle aus Karton, Stäben, Draht und anderen Materialien angefertigt. Es hieß, sie könnten Rasierklingen schärfen (!), Nahrungsmittel konservieren (insbesondere Fleisch „mumifizieren“), das Bukett von Wein und das Gedeihen von Zimmerpflanzen verbessern und darüber hinaus auf vielfältige Weise Wunder wirken. Auf dem Kopf getragen wie eine Eselsmütze, linderten sie angeblich Kopfschmerzen und brachten Lebenskraft zurück. Es wird kaum überraschen, dass für diese Behauptungen jeglicher wissenschaftliche Beleg fehlt (Nickell 2004, S. 200 – 203).


» Viele homöopathische Präparate bestehen nur aus Wasser, doch es gibt Ausnahmen, vor denen sich Kunden in Acht nehmen sollten. «


Auf einer Recherchereise durch Russland 2001 (Nickell 2004, S. 200 – 206) stellte ich fest, dass die Pyramidenkraft dort eine Hochphase erlebte. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Eine der Pyramiden, die ich besuchte, die größte von etwa 20, hatte eine Höhe von 44 Metern. Sie bestand aus durchscheinenden Plexiglastafeln auf einem hölzernen Gerüst. Als ich sie zusammen mit meinen russischen Freunden Valerij Kuvakin und seiner Frau Uliya besuchte, war sie geschlossen, doch ein Verwalter willigte schließlich, nach einer geringfügigen Bestechung, ein, uns dennoch herumzuführen. Die Pyramide war weitgehend leer, bis auf Behälter mit Wasserflaschen, die wohl für heilerische Zwecke energetisiert wurden.
Ein Heft mit dem (übersetzten) Titel „Pyramiden des dritten Jahrtausends“, das ich dort erwarb, prophezeit eine neue Physik, eine neue Biologie usw. und behauptet weiter, dank der neuen Pyramiden sei die Anzahl der Fälle von Krebs, AIDS und anderen Erkrankungen in der Umgebung zurückgegangen. Allergebliche dings bemerkte Valerij, dass diese Behauptungen durch keinerlei Daten gestützt seien, und auch der Physiker Edward Kruglyakow, der den Ort bereits zuvor besucht und mir empfohlen hatte, maß ihnen keinerlei wissenschaftliche Qualität bei.
In einem abgesperrten Areal unserer Pyramide wurden gerade Kristallkugeln „energetisiert“, und man warnte uns vor der dort herrschenden Energie. Sie sei so stark, dass man das Bewusstsein verlieren könne. Spontan schlüpfte ich unter dem Sperrseil hindurch und blieb eine Weile dort stehen, während Valerij mich mit nur mühsam unterdrückter Erheiterung fotografierte. Ich jedoch verspürte keinerlei wie auch immer gearteten Effekt. Dasselbe dürften wir wohl auch bei Anwendung der Pyramidenkraft auf Wasser erwarten.

Zum Weiterlesen:

• Bergmann, H. (2011): Wasser, das Wunderelement? Wahrheit oder Hokuspokus. Wiley-VCH, Weinheim.
• Bergmann, H. (2011): Wundersames Wasser. Von Emoto bis Grander.Skeptiker 24: 117-126.
• Bergmann, H. (2015): Trübes Wasser: Der esoterische Wassermarkt. Alibri Verlag, Aschaffenburg.
• Bergmann, H. (2015): Gesundheit durch esoterisches Wasser? Werbung und Realität.Skeptiker 28: 186-189.
• Leick, P. (2008): Das Gedächtnis des Wassers (?),Skeptiker 21: 86-87, https://www.gwup.org/infos/ themen/77-komplementaer-und-alternativmedizin-cam/1394-das-gedaechtnis-des-wassers-skeptiker-22008

Edelsteinwasser

Einigen New-Age-Autoren zufolge lässt sich die „Information“ von Gesteinen, Mineralien und Kristallen auf geheimnisvolle Weise auf Wasser übertragen (z. B. Gienger, Goebel 2007). Auf diese Weise wird das Wasser angeblich mit sogenannter „Kristallenergie“ aufgeladen – alles andere als ein wissenschaftliches Konzept. Dieses „Kristallwasser“ ist nicht zu verwechseln mit Mineralwasser (s. o.), das Spuren von Mineralien enthält.
Die „Auszüge“ werden auf verschiedenem Wege gewonnen, durch Einweichen, Dämpfen, Kochen oder – bei Steinen mit giftigen Bestandteilen – indem man den Stein in ein Reagenzglas gibt und dieses ins Wasser taucht. Oder man stellt das Gefäß auf einer Steinscheibe ab. So gelangt das Wasser nicht in Berührung mit dem Stein. Dass die Anhänger dieser Verfahrensweise sie mit Homöopathie vergleichen, wird kaum verwundern (Gienger, Goebel 2007, S. 6).
Der Ursprung dieser Praxis liegt wohl in den angeblich therapeutischen Effekten von Talismanen oder „Heilsteinen“ auf den Körper. So gilt etwa Amethyst unter anderem als blutdrucksenkend. Durch angebliche Übertragung der „Information“ bzw. „Energie“ auf Wasser lässt sich die „Arznei“ effizienter anwenden, ohne dass der Stein dazu aufgelöst werden muss. Dies geschieht etwa durch Trinken, Auftragen auf Kompressen für die großflächige Anwendung auf dem Körper, oder durch Bäder (Gienger, Goebel 2007, S. 6 – 10, 18 – 33, 66). Entgegen dieser Behauptungen gibt es jedoch keinerlei glaubhaften wissenschaftlichen Beleg für die therapeutischen Wirkungen von Edelsteinwasser über den Placebo-Effekt hinaus.
Wie die zahlreichen genannten Beispiele belegen, reicht der Glaube an „magisches“ Wasser bis in früheste Zeiten zurück und besteht bis heute fort. Hinzugekommen sind neuere Konzepte, in denen die Aufladung mit sogenannter „Energie“ eine zentrale Rolle spielt. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Wasser nur Wasser ist – von natürlichen Inhaltsstoffen wie Lithium oder künstlichen Zusätzen abgesehen. Es ist reine Pseudowissenschaft, zu behaupten, dabei sei Magie am Werk – vielmehr herrscht hier magisches Denken, das längst von der Wissenschaft widerlegt wurde.

Übersetzte und überarbeitete Fassung eines Beitrags, der erstmals in Skeptical Inquirer 5/2019erschien. Mit freundlicher Genehmigung von CSI. Übersetzung: Inge Hüsgen

1 Nickell, J. (2008): Lourdes Medical Bureau Rebels https://centerforinquiry.org/blog/ lourdes_medical_bureau_rebels/, Zugriff am 1. November 2019.
2 https://en.wikipedia.org/wiki/Fountain_of_ Youth, Zugriff am 1. November 2019.
3 https://en.wikipedia.org/wiki/Holy_water, Zugriff am 1. November 2019.
4 https://abcnews.go.com/Health/study-holy-water-harmful-health/story?id=20257722, Zugriff am 1. November 2019.
5 https://en.wikipedia.org/wiki/Holy_water, Zugriff am 1. November 2019. Siehe auch: Theresa von Avila: Das Buch meines Lebens. Volständige Neuübertragung Gesammelte Werke Bd. 1, Hrsg: Dobhan, U.; Peeters, E., Herder Verlag, Freiburg 2001, S. 449.
6 www.thesmartwitch.com/The_Smart_Witch_ Formulary.html, Zugriff am 18. August 2018.
7 Nickell, J. (2016b): Harmless homeopathy horror?, https://centerforinquiry.org/blog/ harmless_homeopathy_horror/, Zugriff am 1. November 2019.
8 https://www.patheos.com/blogs/ dispatches/2018/07/10/cfi-sues-cvs-for-homeopathy-fraud/, Zugriff am 1. November 2019.
9 https://centerforinquiry.org/press_releases/ walmart-sued-for-fraud-homeopathy/, Zugriff am 1. November 2019.
10 www.sciencedirect.com/topics/nursing-and-health-profession/franz-mesmer, Zugriff am 1. August 2018.
11 https://www.quackwatch.org/01QuackeryRelatedTopics/ PhonyAds/magnetad.html, Zugriff am 1. November 2019.

Literatur

Gienger, M.; Goebel, J. (2017): Edelsteinwasser. Herstellung – Anwendung – Wirkung: Neue Erde, Saarbrücken.

Goudeau, R. (2014): The Imagined and Real Jerusalem in Art and Architecture. Brill, Boston.

Lyons, A. S.; Petrucelli, R. J. (1978): Medicine: An Illustrated History. Harry S. Abrams, New York.

Nickell, J. (2004): The Mystery Chronicles. The University Press of Kentucky, Lexington.

Nickell. J. (2005): Healing Waters. Skeptical Briefs. Part I: Spas (September): 5 – 7. Part II: Miraculous Springs (December): 6 -7.

Nickell, J. (2011): „Pop“ culture: Patent medicines become soda drinks. Skeptical Inquirer 35(1)

Nickell, J. (2016a): Dispelling Demons: Detective work at the Conjuring house. Skeptical Inquirer 40(6).

Ostrander, S., Schroeder, L. (1970): Psychic Discoveries Behind the Iron Curtain. Bantam Books, New York, dt: „Die wissenschaftliche Erforschung und praktische Nutzung übersinnlicher Kräfte des Geistes und der Seele im Ostblock, Scherz Verlag 1971.

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Dr. Joe Nickell ist Anglist und Folkloreforscher sowie Zauberkünstler. Seit 1995 ist er für die US-amerikanische Skeptikerorganisation CSICOP tätig und schreibt regelmäßig für die ZeitschriftSkeptical Inquirer.

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