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Magnetostatischer Luxuskopfhörer


LP Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 01.09.2021

Kopfhörer Sendy Audio Peacock

Artikelbild für den Artikel "Magnetostatischer Luxuskopfhörer" aus der Ausgabe 6/2021 von LP Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: LP Magazin, Ausgabe 6/2021

Nein, Sie brauchen nicht in alten LP- Ausgaben zu suchen oder den von Leser Stefan Simon auf om-3.de dankensund bewundernswert aktuell gehaltenen Testspiegel zu bemühen – die Geschichte hatte ich seinerzeit für die „HiFi einsnull“ verfasst. Da ging’s unter anderem um den planarmagnetischen Kopfhörer „Aiva“ des bei uns bis dato weitgehend unbekannten chinesischen Herstellers Sendy Audio. Das Ding war ein echte Ohrenweide in Sachen Transparenz und Auflösungsvermögen. Als der Deutschlangvertrieb mit dem brandneuen Sendy Audio-Sptzenmodell „Peacock“ in der Hand bei mir anklopfte, öffnete ich die Tür mit Freuden.

„Planarmagnetisch“ ist das Funktionsprinzip, das wir in der Lautsprecherwelt meist mit „magnetostatisch“ bezeichnen. Will sagen: Für den Antrieb der obligatorischen schallerzeugenden Membran ist keine Schwingspule zuständig, die im Luftspalt eines Magnetsystems ...

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... hängt. Bei magnetostatischen Wandlern wird der elektrische Leiter flach und über die ganze Fläche verteilt auf die Membran aufgebracht. Das Magnetsystem ist ebenfalls großflächig in unmittelbarer Nähe dahinter angeordnet. Die elektromagnetische Anziehung oder Abstoßung wirkt als über die ganze Fläche der Membran. Da diese trotz nennenswerter Größe sehr leicht ausfallen kann, ergibt sich so ein leistungsfähiges Wandlerelement, das in der Theorie von sehr tiefen bis hin zu sehr hohen Frequenzen sehr gleichmäßig schwingen kann. Das funktioniert bestens, wie alles möglichen Arten Lautsprechern und Kopfhörern nach diesem Prinzip beweisen, nicht zuletzt der Sendy Audio Aiva.

Beim Spitzenmodell „Peacock“ für 1500 Euro kommt nun eine Technik zum Zuge, die der Hersteller „Quad Former Technology“ nennt. Anstelle von einer Lage Leiterbahnen auf einer Seite der Membran gibt’s nun zwei übereinander angeordnete Lagen, und das zudem auf beiden Seiten der Membran. Sprich: Viermal soviel Stromtransport wie vorher. Hinzu kommt ein zweiter Satz Magnete auf der anderen Membranseite, was die Antriebsenergie abermals erheblich vergrößert. Die Magnete sind natürlich mehrteilig und mit Freiräumen ausgeführt – irgendwo muss der Schall ja nach außen dringen können. Eine neue Kompositmembran verhilft diesem nun völlig symmetrischen Wandlerkonzept zu einer oberen Grenzfrequenz von 40 Kilohertz, was Nicht-Fledermäuse in erster Linie wegen der so möglichen Phasengenauigkeit interessieren sollte.

Der Ursprung der Typenbezeichnung „Peacock“, zu deutsch „Pfau“, erschließt sich beim Betrachten der schützenden Gitter auf den Gehäusen des Hörers. Sie sind nämlich dem Gefieder eines radschlagenden Pfaus nachempfunden. Richtig, hier ist Schalldurchtritt gefragt, der Peacock ist ein rückseitig offener Kopfhörer, wie sein kleinerer Bruder auch schon.

Der Trick daran ist der gleiche wie bei „Open-Baffle“-Lautsprechern auch: Getreu dem Motto, dass das beste Schallwandlergehäuse kein Gehäuse ist, darf sich die Membran deutlich ungehinderter bewegen, wenn sie nicht von einem dahinter eingesperrten Luftvolumen zu Resonanzen im Bassbereich gezwungen wird. Bei Kopfhörern klappt das in der Theorie noch besser als bei Lautsprechern, weil der Kopf des Hörers den akustischen Kurzschluss zwischen Membranvorder- und -rückseite verhindert. Der wirkungsgradstarke Vierfachantrieb des Peacock scheint prädestiniert für diese Bauweise. Mit einer unproblematischen Impedanz von 50 Ohm und reichlich Effizienz erweist er sich in der Praxis auch als völlig alltagstauglich.

Neben High-Tech-Wandlertechnik hat der Peacock jede Menge Luxus zu bieten: Die Wandlergehäuse sind aus CNC-gefrästem Massivholz, die superweichen Ohrpolster aus feinem Ziegenleder, die Formteile aus „Memory Foam“ umschließen. Sprich: Innerhalb gewisser Grenzen „merken“ sich die Ohrpolster die Kopfform des Trägers. Die „Earpads“ sind abnehm- und auswechselbar. Ziegenleder gibt’s auch beim Kopfband, dessen Position sich natürlich unterschiedlichen Kopfgrößen anpassen lässt. Das passt auch bei voluminösen Schädeln wie meinem. Alle Metallteile bestehen aus hochwertigen Alu-Legierungen. Was hier golden aussieht, ist auch echt vergoldet. Das Finish ist rundherum exquisit, die Anfassqualität dem Preis absolut angemessen.

Mitspieler

Plattenspieler:

· Clearaudio Concept Active

· TechDAS Air Force III

Tonabnehmer:

· DS Audio DSE1

· Cleraudio Concept MC

Phonovorstufen:

· Clearaudio Concept Active

· DS Audio

Kopfhörerverstärker:

· Clearaudio Concept Active

· Burson Conductor

Gegenspieler

Kopfhörer:

· Audeze LCD-XC

Gespieltes

London Grammar

Californian Soil

David Virelles

Gnosis

Meyer Records

Vol. 4

Thurston Moore

The Best Day

Anschlussseitig gibt’s einen vierpoligen Einbaustecker an jedem Wandlergehäuse, das schön weiche verdrillte Anschlusskabel klickt vertrauenerweckend satt in diese Verbinder ein. Am Ende der knapp zwei Meter langen Leitung gibt’s einen fünfpoligen Pentaconn-Stecker, der mit den beiligenenden Adaptern entweder auf eine klassische Viertelzoll-Klinke oder einen vierpoligen XLR-Verbinder adaptiert werden kann. Selbstredend ist die Leitungsführung komplett symmetrisch ausgeführt, was bei einem Hörer in dieser Klasse auch so sein sollte.

Das Ganze wird in einer stabilen maßgefertigten zweiteiligen Verpackung mit umlaufendem Reißverschluss im Retro-Look geliefert, die auch gerne im Koffer mal mit verreisen darf. Der Hersteller nennt das Material zwar „Real Leather“, mit echtem Leder dürfte das aber trotzdem wenig zu tun haben.

Mit 578 Gramm ist der Peacock nicht eben ein Leichtgewicht, hat sich in der Praxis aber als absolut langzeittragetauglich erweisen – ich habe eine ganze Menge der für diese Ausgabe zu rezensierenden Platten mit dem ohrumschließenden Hörer verköstigt. Nach zwei Stunden wird’s langsam etwas warm unter der Schallmütze, davon ab ist der Peackock aber wirklich superbequem.

Normalerweise steckt im Kopfhörerausgang meines Clearaudio Concept Active ein jahrelang bewährter Audeze LCD-XC, ich bin großer Freund dieses ebenfalls magnetostatisch arbeitenden, aber mit rückseitig geschlossenen Gehäusen ausgestatteten Modells. In Sachen Tragekomfort sind beide Hörer klasse, irgendwann merkt man die gut 80 zusätzlichen Gramm des Amis allerdings.

Der eingebaute Kopfhörerverstärker des Clearaudio treibt den Sendy völlig ohne Probleme und bereits hier macht macht der Peacock Riesenspaß. Die erste Runde gehört betont audiophiler Kost, nämlich dem letzten London Grammar-Album „Californian Soil“. Nach den ersten zwei, drei Titeln beschleicht mich eine etwas unerwartete Erkenntnis: chinesische Unterhaltungselektronik ist weit gekommen. Sehr weit, zumindest in einigen Bereichen des HiFi-Universums. Das, was der Peacock hier serviert ist nämlich große Kopfhörerkunst. Dass Hanna Reids Stimme einen sehr besonderen Reiz hat und bei aller Mädchenhaftigkeit von einem ungewöhnlich tiefen Timbre lebt ist nichts Neues, das zeigt der Peacock mit Leichtigkeit. Ungewöhnlich ist die erstaunlich weit vorne im Kopf stattfindende Abbildung mit Saft, Kraft und Größe. Wenn sich die tiefen synthetischen Bassimpulse auf „Missing“ dazugesellen, dann erwarte ich eigentlich ein bisschen „Wackeligkeit“ , sowohl dynamisch als auch bei der Abbildung. Null. Gar nicht. Beim Peacock steht das Geschehen wie die sprichwörtliche eins. Super, ab da geht doch vielleicht noch was in Sachen magnetostatischen Flairs? Aber ja!

Wenn ich die Versorgung des Hörers einem Burson Conductor überlasse und den Zuspieler-Job dem Air Force nebst DS- Audio-“Lichttonabnehmer“, dann wird aus dem feinen, unspektakulären Hochtonbereich eine vollkommen natürliche Selbstverständlichkeit, wie Percussion und Klavier auf David Virelles ECM-Autritt „Gnosis“ eindrucksvoll beweisen. Bei Lautsprechern bin ich generell Freund von Gehäusen, so richtig trifft der „körperlose“ Sound von offenen Konstruktionen meinen Geschmack nicht. Das hier allerdings, das ist etwas anderes. Hier ziehtt sich der geschlossene Audeze nur noch ganz knapp mit etwas mehr Wucht untenherum aus der Affäre, Tiefgang liefert der Sendy in mindestens gleichem Maße, in Sachen Bassdifferenzierung hat er wohl sogar die Nase vorne. Den Beweis liefert zum Beispiel Eric Andersons Stimme auf dem vierten Meyer-Records-Sampler ziemlich eindrucksvoll: voll, warm, aber mit superfeiner Nunacierung. Bis zur Entstehung dieser Zeilen hat meine Begeisterung für den Peacock denn auch keinen Deut abgenommen – und so etwas hat ich bei meiner ersten Beschäftigung mit dem Thema nach längerer Zeit wahrlich nicht erwartet.

Holger Barske