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MAL DURCHATMEN UND DEN KOPF ABSCHALTEN


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 66/2022 vom 01.06.2022
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Bildquelle: flow, Ausgabe 66/2022

Manchmal mache ich mich einfach aus dem Staub. Ich haue spontan ab, verschwinde in eine Parallelwelt, kehre meinem Alltag den Rücken – und wenn es nur für ein paar Stunden oder einen Tag ist. Meine kleinen Fluchten tun mir gut, meist komme ich gestärkt, optimistischer als vorher und mit neuen Ideen in mein normales Leben zurück. Oft suche ich mir für meine kleinen Eskapaden einen Ort auf der Karte aus, an dem ich noch nie war, und steige auf mein Fahrrad, in den Zug oder die Straßenbahn, um diese neue Gegend kennenzulernen.

Es mag seltsam, ja fast ein bisschen unpassend klingen, im Angesicht der derzeit ziemlich dramatischen Lage in Europa das Hohelied der kleinen Weltflucht zu singen. Aber ich glaube, wir haben das gute Recht, uns manchmal einfach rauszuziehen aus allem, was uns beschwert – dem vollen Alltag, der Angst wegen der Klimaerwärmung und dem Schock, dass vor unserer Haustür Krieg möglich ...

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... ist.

Wegzufahren und ganz alleine einen fremden Ort zu erkunden, macht mich jedes Mal glücklich. Es fühlt sich nicht wie eine normale Pause an, nicht wie eine Yogastunde oder ein Nachmittag auf dem Sofa – es ist mehr: ein kleines Abenteuer, manchmal sogar ein bisschen verwegen. Ich kann mich anders erleben, den eigenen Horizont erweitern. Wo mich niemand kennt, muss ich auch niemand sein. Ich verliere mich in der Umgebung, lasse das Unbekannte ungestört auf mich wirken, entdecke Neues und vergessen staunend die Zeit. Ich kann an einem Fluss sitzen, tagträumen und unbemerkt die Leute beobachten.

Solche kleinen, spontanen Ausbrüche empfehle ich jeder und jedem. Und es ist eigentlich egal, wie man sie gestaltet – ob man ein Festival besucht, an einem Arbeitstag schnorcheln geht oder zur Nachtwanderung aufbricht.

Man wird aus der täglichen Routine gerissen. Und verlässt dabei eventuell auch die eigene Komfortzone.

Mir ist durchaus bewusst: Eskapismus hat einen schlechten Ruf und wird oft mit einer Flucht vor der Realität, Vogel-Strauß-Taktik, mit Rausch und Vermeidungsstrategien assoziiert.

Psycholog:innen verstehen darunter, sich den Sorgen des Alltags und Konflikten zu entziehen, indem man sich in eine Scheinwelt begibt. In meinen Ohren klingt das sehr gesund – vorausgesetzt natürlich, es ist nur vorübergehend. Der norwegische Psychologe Frode Stenseng forscht zum Thema Eskapismus, und er würde mir vermutlich recht geben. Denn Frode untersuchte in Studien die zwei Formen von Wirklichkeitsflucht, die es seiner Meinung nach gibt: eine, die tatsächlich der Selbstunterdrückung dient, bei der der Mensch also vor dem Unangenehmen in seinem Leben auf ungesunde Art und Weise flieht.

Und eine zweite, positive Variante, bei der wir neue Erfahrungen machen, uns ganz und gar einem ungewohnten Erlebnis oder einer Tätigkeit hingeben und unser Selbst erweitern.

EINE PAUSE EINLEGEN

Der Grat zwischen beiden ist vermutlich schmal. Aber mir jedenfalls geht es so: Ich kann den Ernst des Lebens gut aushalten und mich Problemen stellen – solange ich auch mal abtauchen darf. Ich denke: Wenn wir uns nicht ab und zu davonstehlen aus der Realität, kann sie uns leicht erdrücken. Also mach dich auf, lass alles stehen und liegen, melde dich ab:

Probier’s mit einem nächtlichen Serienmarathon oder einem Wochenende alleine irgendwo. Ganz egal.

Formen von Eskapismus gibt es viele, neben kleinen Ausflügen zu unbekannten Orten fallen mir zum Beispiel noch ein: besondere sportliche Unternehmungen, in einem Club durchfeiern oder mit einer Freundin spontan eine Nacht am Strand schlafen.

Manchmal haben solche Fluchten etwas Exzentrisches, ja Rauschhaftes. Aber das muss nicht so sein.

Letztendlich geht es vor allem darum, woanders zu sein, für eine Weile von der Bildfläche zu verschwinden.

UNSICHTBAR SEIN

Manchmal ist es wichtig, unsichtbar zu sein, sagt auch Akiko Busch in ihrem Buch How to Disappear. Durch die sozialen Medien leben wir ihrer Meinung nach in einer Zeit übermäßiger Transparenz. Wir sollten uns ab und zu vor den Blicken der anderen schützen, argumentiert sie. Nicht nur vor denen von Kolleg:innen und Mitbewohner:innen, sondern auch vor denen der vielen Bekannten, die uns auf Instagram und Facebook beobachten. „Durch die sozialen Medien präsentieren wir uns der Außenwelt auf eine ganz andere Art und Weise, so, als ob wir zu einer Marke geworden wären“, schreibt Busch. „Es gibt sogar einen Begriff dafür: ‚curating identity‘ (kuratierte Identität), der sich auf persönliches Branding und Selbstvermarktung bezieht. Sich unsichtbar zu machen ist in diesem Zusammenhang äußerst wertvoll.

Man bewahrt dadurch seine Würde und sein Selbstvertrauen.“ Wenn man hingegen ständig die Blicke anderer auf sich gerichtet weiß, ob im Büro oder virtuell, entfernt man sich von sich selbst, meint Akiko Busch. Auch ich spüre das, und es engt mich ein. Wenn ich ohne Handy durch eine mir unbekannte Gegend radle und dabei auch nach nicht besonders fotogenen Wolkenformationen Ausschau halte, fühle ich mich frei. Freier, als wenn ich dauernd darüber nachdenke, ob das Foto, das ich gepostet habe, vielen gefällt, oder ob ich doch lieber das andere hätte online stellen sollen. Mich zurückzuziehen schenkt mir Spielraum.

DAS HANDY AUSSCHALTEN

„Einen Spaziergang ohne sein Mobiltelefon zu unternehmen ist so ziemlich das Radikalste, was man heutzutage tun kann“, sagte der britische Autor

David Whyte kürzlich in einem Vortrag. Er erklärte nicht, warum, aber ich wusste genau, was er meinte.

Denn ohne Smartphone vor der Nase befreien wir uns nicht nur von dem ständigen Vergleich mit anderen, sondern auch von den Algorithmen und Meinungen, die uns in eine bestimmte Richtung ziehen, etwa so wie Fische in einem Schwarm. Natürlich sollte man Bescheid geben, bevor man das Handy ausschaltet. Ich sage dann zu meinen Teenagern: „Bis später, ihr Lieben“, überquere mit der Fähre den Fluss, spaziere zu einem gemütlichen kleinen Kino, schmiege mich dort mit einem Stück Dattelplunder in die weichen Samtpolster und lasse mich von einem besonderen Film verzaubern.

Oder ich radle zu einem Museum.

Denn auch Kunst ist für mich eine gute Fluchtmöglichkeit aus der Realität – weil sie zum einen schön ist, aber oft auch irritierend und befremdlich. Wenn ich zum Beispiel vor einem Gemälde des amerikanischen Künstlers Cy Twombly stehe, tauche ich ein in eine andere Welt, in der alles aus pastellfarbenen Farbspritzern und lyrischen Bleistiftstrichen besteht – und die ich trotzdem seltsamerweise instinktiv verstehe.

„Einen Spaziergang ohne sein Handy zu unternehmen ist so ziemlich das Radikalste, was man heutzutage tun kann.“

Ich denke auch heute noch gerne daran, wie ich als Studentin in meiner Lieblingsbuchhandlung Gedichtbände durchblätterte: Da überkam mich das gleiche, wohltuende und aufregende Gefühl, dass sich vor mir plötzlich Türen zu unbekannten Räumen öffneten. Rainer Maria Rilke, Ingeborg Bachmann, Else Lasker-Schüler ...

Was ging mir alles durch den Kopf, während ich vor dem Regal mit den Lyrik-Sammlungen auf dem kleinen Podest mit Blick auf die Stadt stand?

Viele Zeilen haben mich jedenfalls jahrelang begleitet, ich notierte die mir liebsten sogar in meinem Tagebuch.

Der Schauspieler und Schriftsteller Ramsey Nasr schrieb in der TageszeitungNRC unlängst darüber, wie uns Gedichte in fremde Welten mitnehmen. Und im Prinzip könne das jede Form von Kunst, erklärt Nasr weiter.

Er sagt: „Theater, Malerei, Musik, Tanz, Oper: Sie führen uns für einen Moment aus uns selbst heraus. Es ist eine Form der Ekstase. ‚Ek‘ bedeutet im Altgriechischen ‚aus‘, ‚stasis‘ bedeutet ‚Zustand, Stillstand‘. Der Begriff hat kaum mit Hysterie oder religiösem Wahnsinn zu tun. Ekstase ist das Phänomen, das uns aus dem Stillstand befreit.“

DEM ICH ENTFLIEHEN

Während der Pandemie fiel Ekstase ja weitgehend aus. Wir konnten nicht so leicht rausgehen und Kunst erleben, durften bei keinem Live-Sportereignis mitfiebern oder ausgelassen feiern gehen. Warum das für uns

SO KANNST DU DEIN GEHEIMES ICH AUSLEBEN

Schaffe dir ein Versteck. Geh in einen Club tanzen.

Suche dir einen Platz am Fluss bei einer Brücke.

Setz dich an einen Tisch in einem alten Café.

Beginne einen Arbeitstag mit einem Buch im Bett. Lies Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens und fange an zu sammeln, genau wie die Hauptperson Kya.

Lies Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig und entwerfe verschiedene Leben, in die du flüchten kannst.

Schwebe vor dem Schlafengehen in eine bessere Welt durch die Gute-Nacht-Geschichten des Podcasts Nothing much happens.

„Den Alltag für eine kurze Zeit hinter sich zu lassen ist viel mehr als eine Atempause. Es regt unsere Fantasie und unsere Originalität an.“

„Wenn wir uns selbst ausgeliefert sind, nähern wir uns dem Menschen an, der wir sein wollen, und dem Leben, das wir führen möchten.“

Menschen und auch für uns als Gesellschaft aber bedeutsam ist, hat der Marburger Soziologie-Professor Markus Schroer neulich in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit erklärt: „Beim Einzelnen spielt die Motivation eine große Rolle, dem eigenen Ich entfliehen zu wollen – und sei es auch nur für einen Moment.“

Es gehe um einen Ausbruch aus der schnöden Realität, die geprägt sei von Stress, Routinen und Erwartungshaltungen. Und das gehe immer noch am besten durch Gemeinschaftserfahrungen mit anderen. Der Mensch wolle sich nun mal nicht darauf festlegen lassen, ein „vernünftiges, leistungsorientiertes Individuum“ zu sein.

Schroer sagt: „Die Suche nach Ekstase ist in der Menschheitsgeschichte ebenso verbreitet wie etwa auch das Bedürfnis nach dem Spiel.“

Den Alltag für eine Weile hinter sich zu lassen, rauschhaft, spielerisch oder ganz für sich alleine – das kann uns mehr schenken als eine Atempause.

Während es bei einer normalen Auszeit eher um Erholung geht, darum, zur Ruhe zu kommen, ist eine Flucht auch aufregend. Sie hat das Potenzial, uns herauszufordern, unsere Fantasie und Kreativität anzuregen.

Man entdeckt dabei vielleicht neue, originelle Seiten an sich, weil man sich spontan ungewohnten Situationen stellt. Das wiederum lässt uns wachsen, stärkt das Selbstbewusstsein, schenkt uns neue Energie. Wir sind besser gewappnet für die Herausforderungen des Lebens. Vielleicht passiert bei solchen kleinen Eskapaden sogar noch mehr. Das glaubt jedenfalls Akiko Busch. „Wenn wir uns selbst ausgeliefert sind, in einem Wald, allein am Strand, unter Wasser, aus dem Fenster blickend, nähern wir uns dem Menschen an, der wir sein wollen, und dem Leben, das wir führen möchten“, schreibt sie in How to Disappear. Zudem erleben wir bei manchen Fluchten das Leben einfach ein bisschen intensiver. Wenn wir alleine irgendwo hinwandern, schreibt Busch, seien wir „zutiefst bei uns selbst und doch ganz aufmerksam“. Denn wenn wir uns ausklinken, indem wir in etwas Unbekanntes eintauchen, schalten wir einen mühsam denkenden Teil des Verstandes aus, der sich zu konzentrieren versucht.

Mit anderen Worten: Wir lassen uns treiben. Und durch die Strömung, die dabei entsteht, dieses Spielerische, Fließende – diesen Flow – tauchen oft neue Ideen und Lösungen auf.

DER GEHEIME GARTEN

Als Kind habe ich Eskapismus viel intuitiver betrieben, habe mir zum Beispiel in den seltsamsten Ecken und Winkeln zu Hause Höhlen gebaut, die ich einrichtete und in denen ich sogar gegessen und geschlafen habe. Auch das waren schöne Fluchten. „Kind, wir kriegen noch Mäuse!“, rief meine Mutter, wenn sie einen geheimen Snackvorrat im Schrank unten an der Treppe fand. Heute gehe ich lieber vor die Tür, wenn ich mich erneuern will.

Der Philosoph Pieter Hoexum, der sich mit der Wirkung von Orten auf uns Menschen beschäftigt, hat beschrieben, was er an Spaziergängen schätzt, auch solchen, die nur um den Block führen: „Ich betrachte das als eine Art Flucht von zu Hause.

Es ist eine Form der Freiheit. Draußen braucht man nur Zuschauer zu sein; man ist nicht verpflichtet, auch nur das Geringste von sich preiszugeben, man braucht zu nichts eine Meinung zu haben, man muss überhaupt nichts.“ Daher sei es Zeit, sagt auch Akiko Busch, dass wir uns einen geheimen Garten gestalten – unseren „jardin secret“, bei Busch eine Metapher für einen Zufluchtsort.

Natürlich nehmen wir die Realität weiterhin ernst, möchten wir engagierte Bürger, liebevolle Eltern, Partner:innen und zuverlässige Kolleg:innen bleiben.

Morgen erledigen wir dann auch wieder die Orga und beantworten E-Mails – versprochen –, aber für den Moment ist mal Pause! Bis später! Bis das Leben uns zurückruft und wir mit neuen Geschichten, einer neuen Perspektive und mit ein klein wenig von der Magie unseres geheimen Lebens in den Augen wieder dem Alltag begegnen können.

MEHR LESEN

Akiko Busch: How to Disappear – Notes on Invisibility in a Time of Transparency (Penguin Books)

Ian McEwan: Der Tagträumer (Diogenes)

TEXT ANNEMIEK LECLAIRE, CHRISTIANE WÜRTENBERGER