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Mama hat jetzt PAUSE


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 06.03.2019

Kinder, die allein spielen, Mütter, die Kaffee trinken – wo gibt’s denn so was? Viel zu selten! Dabei ware es für alle super


Unsere Expertinnen

Artikelbild für den Artikel "Mama hat jetzt PAUSE" aus der Ausgabe 4/2019 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 4/2019

Prof. Dr. Sabina Schutter

ist Professorin für Pädagogik der Kindheit und Jugend an der Technischen Hochschule Rosenheim

Uta Allgaier

arbeitet als Journalistin und Elterntrainerin. „Wer ist eigentlich dran mit Katzenklo?“ heißt ihr Blog für ein entspanntes Familienleben

Wer verstehen möchte, wie Kinder lernen, sich allein zu beschäftigen, braucht zunächst eine Tasse Kaffee, es darf auch ein Cappuccino sein. Sie spüren die Wärme, der Milchschaum bitzelt, eine innere ...

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Wer verstehen möchte, wie Kinder lernen, sich allein zu beschäftigen, braucht zunächst eine Tasse Kaffee, es darf auch ein Cappuccino sein. Sie spüren die Wärme, der Milchschaum bitzelt, eine innere Behaglichkeit breitet sich aus. Damit ist der erste Schritt getan. Nun müssen Sie nur noch die inneren und äußeren Widerstände aushalten.
„Mütter stehen unter ständiger Beobachtung“, sagt Sabina Schutter, Professorin für Kindheitspädagogik. Es ist erst wenige Jahre her, dass in der Presse über Latte-Macchiato-Mütter (moderne Frauen, die mit ihren Kindern in Szenecafés rumhängen) gelästert und Elternzeit als Luxusurlaub abgetan wurde. Die Gesellschaft stellt in normativen Leitbildern gewisse Erwartungen an gute Mütter – Pause machen gehört nicht dazu. „Mütter sind sehr oft die Hauptverantwortlichen für Entwicklung, Erziehung und Bildung ihrer Kinder; dabei übernehmen sie oft den Druck von außen in ihr eigenes Handeln“, erklärt Sabina Schutter. Der eigene Anspruch steigt, die Gefahr des Scheiterns lauert. Das ständige Kreisen ums Kind (Stichwort: Helikoptermütter) ist nichts anderes als der Wunsch, ihm das Beste zu bieten.

Kinder müssen auch mal auf sich allein gestellt sein

Da mutet Kaffeetrinken schon fast ein bisschen verantwortungslos an. Bleiben Sie trotzdem sitzen, auch wenn das Kind im Nebenzimmer kräht. Der Kaffee ist noch warm, warten Sie ab, was passiert. Das fällt nicht nur Ihnen, sondern vielen Müttern schwer. Sabina Schutter: „Für Eltern wieErziehungsprofis ist es mit das Schwierigste, nicht sofort einzugreifen.“ Dabei ist es das, was Kinder oft brauchen: etwas selbst machen, auf sich allein gestellt sein.

Erforschen ist ein Grundbedürfnis

Wie schmerzhaft Nicht-Eingreifen sein kann, weiß Zwillingsmutter Susanne Übler. Ihre Mädchen mussten schon als Babys die Erfahrung machen, dass Mama nicht immer sofort da sein kann. Wie soll man auch zwei Babys zeitgleich füttern, anziehen oder auf den Arm nehmen? Was Übler damals nicht wusste, aber durch ihre Töchter lernte: Schon Babys können ein paar Minuten allein bleiben, selbst wenn sie zunächst – meist durch Weinen – erreichen wollen, dass Mama, Papa oder eine andere Bezugsperson auf sie aufmerksam wird. Klappt das nicht, sind sie selbst gefordert, sich die Zeit zu vertreiben. Heute, mit eineinhalb Jahren, haben Susannes Zwillinge das souverän gelernt. Seelenruhig räumen sie Plastikschüsseln aus dem Küchenschrank oder stapeln Bücher neben dem Regal, während Mama kocht, aufräumt oder E-Mails checkt.
Erkunden ist ein Grundbedürfnis des Menschen, erklärt Kindheitsforscherin Schutter. „Der Wunsch nach Autonomie ist in allen Kindern angelegt.“ Von Anfang an erforschen Menschen ihre Umgebung, durch Gucken, durch Greifen, durch Herumkrabbeln und Laufen. Wenn Sie sich also geschwind eine zweite Tasse Kaffee einschenken wollen, während Ihr Nachwuchs auf dem Wohnzimmerteppich spielt: Nur zu, Sie fördern damit seine Autonomie.

Wichtig für Entdecker: ein sicherer Hafen

Natürlich haben Kinder auch das Bedürfnis nach Beziehung. „Autonomie und Beziehung wechseln sich ab“, weiß die Expertin. Erwachsene halten es länger aus, ihr Erlerntes und ihre Erfahrungen nicht zu teilen. Kinder brauchen den Austauschviel häufiger. „Wenn ein Kind seine Umgebung erkundet, ihm etwas unheimlich oder zu viel wird, braucht es eine Bezugsperson – einen sicheren Hafen, in den es zurückkehren kann.“ Die Lösung liegt, wie so oft, in der richtigen Balance: Wird das Beziehungsbedürfnis zu oft übersehen, verliert das Kind den Mut, allein zu sein. Wenn Eltern umgekehrt ständig unterstützen und helfen, nimmt das Explorationsverhalten, also die Lust des Kindes am Entdecken genauso ab.

Das Umfeld muss stimmen

Bei ihren drei Kindern erkennt Agnes Welnhofer das inzwischen ziemlich klar. Ihre jüngste Tochter (2) ist eine Meisterin der Selbstbeschäftigung, sie spielt oft selbstvergessen vor sich hin. Der Sohn (4) macht das ebenfalls ganz prima, nur ihrer ältesten Tochter (6) fällt es schwer. Kein Wunder: „Sie hatte ja viel weniger Möglichkeiten, allein zu spielen. Mein Mann, die Großeltern oder ich waren ja immer da und haben uns mit ihr beschäftigt“, sagt die Mama.
Am zufriedensten spielen die Kinder der Welnhofers, wenn sie unter sich sind – bis zu einer Stunde kann das anhalten. Das liegt auch am Umfeld: Im Kinderzimmer liegen Stifte, Papier, Kleber und Knete griffbereit. Oft finden die drei Geschwister neues Spielzeug – das eigentlich gar nicht neu ist. „Ich tausche nur die Sachen immer mal wieder aus“, erzählt Mama Agnes. Manches verschwindet in einer Kiste und wird irgendwann wieder aus der Vergessenheit hervorgekramt. Es gibt Bilderbücher (Vorlesegeschichten und Sachbücher), eine Box mit Kostümen und eine mit Töpfen, Besteck und allem, womit man Krach oder Musik machen kann.
„Schaffen Sie eine Ja-Umgebung“, rät auch Elterntrainerin Uta Allgaier, die selbst zwei Kinder hat, „ein Umfeld, in dem Kinder viel entdecken können und auf wenig achtgeben müssen. Damit es nicht so viele Gründe für Eltern gibt, Nein zu sagen.“ Putzmittel ins oberste Regal, Töpfe nach unten. Teures Porzellan auf den Dachboden und die Kissenschlacht kann losgehen. „Kinder brauchen von klein auf die Möglichkeit, ihre Welt zu entdecken“, sagt Uta Allgaier. Also nicht immer gleich mit der Rassel bereitstehen, wenn Langeweile aufkommt. Kinder brauchen auch den Freiraum, mit ihrer Unlust klarzukommen. In einer Ja-Umgebung ist das gut möglich. Neben dem Kinderzimmer ist die Natur wie geschaffen für kleine Forscher, Sammler und Tüftler. Und es müssen noch nicht mal große Waldausf lüge sein, auch ein Baumstumpf auf der Terrasse, vielleicht mit halbeingeschlagenen Nägeln zum Hämmern, kann den Entdeckergeist der Kinder fesseln.

Boah – so selbstständig!

Jedes Kind entwickelt sich individuell und ist auch unterschiedlich selbstständig. Unsere Tabelle gibt eine grobe Orientierung

QUELLE: GERALD HÜTHER UND CORNELIA NITSCH: „WIE AUS KINDERN GLÜCKLICHE ERWACHSENE WERDEN“; GRÄFE UND UNZER

Und wenn das Kind sich auf den Daumen hämmert? In ihrem Buch „Die Fibel der Gelassenheit – Das kleine Abc eines entspannten Familienlebens“ schreibt Allgaier vom „Recht des Kindes auf ein aufgeschlagenes Knie“. Sie plädiert dafür, die Kinder Risiken eingehen zu lassen und sie nicht vor allem und jedem zu beschützen. Inspiriert wurde sie von dem berühmten polnischen Pädagogen Janusz Korczak (1878 – 1942), der dasselbe Thema in seinen Kinder-Grundrechten noch sehr viel drastischer formuliert hat: als das „Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod“. Das ist harter Tobak und eine „unglaublich provozierende Aussage“, findet auch Allgaier. „Aber manchmal erdet sie mich. Und mir wird klar, dass ich nicht alles kontrollieren kann.“ Sie ist überzeugt: „Wer Kindern etwas zutraut, macht sie stark.“
Julia Kinzel, Mutter einer zweijährigen Tochter, weiß, dass solche Theorien in der Praxis oft schwierig umzusetzen sind. Ihre Tochter beschäftigt sich nämlich nur ungern allein – und wenn, dann höchstens für ein paar Minuten. Julia hat viel ausprobiert, ist sich inzwischen ziemlich sicher, dass es auch eine Typfrage ist, wie gut und ausdauernd Kinder allein klarkommen. Zumal ihre Tochter aufblüht, wenn sie in Gesellschaft ist. Sie geht unerschrocken auf andere Kinder zu und entdeckt die Welt offenbar lieber gemeinsam als allein.

Ein Kind weiß, wie viel Mama es braucht

Sabina Schutter sieht das positiv. „Vorrangige Spielpartner von Kindern sollten Kinder sein – nicht die Eltern. Dadurch findet Peer-Learning statt: Lernen von Gleichen, auch das fördert die Eigenständigkeit.“ Und ja, Kinder sind unterschiedlich autonom, schon charakterlich bedingt. „Erziehung und Wesen von Kind und Eltern greifen ineinander.“ Oft hilft ganz einfach: Geduld. „Wenn es heute nicht klappt, dass sich das Kind allein beschäftigt, klappt es vielleicht in ein paar Wochen.“

Die Wissenschaftlerin rät Eltern zu zweierlei: zu Selbstbewusstsein und Selbstref lexion. „Eltern kennen ihr Kind am besten. Sie wissen meistens sehr genau, wie viel Mama oder Papa es gerade braucht.“ Mütter und Väter sollten aber auch sich selbst und die Beziehung zu ihrem Kind immer wieder mal von außen betrachten und sich fragen: Kann ich loslassen? Sind es eigene Ängste und Bedürfnisse, die mich ständig ins Kinderzimmer treiben? Oder gar gesellschaftliche Erwartungen, die bewirken, dass ich manchmal zu sehr um mein Kind kreise? Am besten, Sie trinken gemütlich eine Tasse Kaffee, um darüber nachzudenken.


FOTOS: PRIVAT (2), SHUTTERSTOCK.COM (5)