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Mama lernt Liebe: LEBEN


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 19.12.2018

Spielen, zuhören, für sie da sein: Was andere Mütter intuitiv können, musste sie lange üben. Birke Opitz-Kittel ist Autistin – und hat fünf Kinder. Von Marius Elfering. Illustrationen: Anja Stiehler-Patschan


MITTEL

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Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 1/2019

@ Schwieriger als die Liebe selbst ist ihre Definition. Birke Opitz-Kittel weiß das. Sie weiß, dass körperliche Nähe und Liebe verschiedene Dinge sind. Für sie definiert sich die Liebe nicht durch Küsse, Umarmungen, Berührungen, nicht durch Zärtlichkeiten oder Sätze wie: „Ich liebe dich.“ Wer braucht all diese Dinge? Sie nicht.

Birke Opitz-Kittel hat ihre eigene Definition der Liebe. Die hat sie ...

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... im Kopf. Morgens, wenn sie aufsteht, in ihrer abgedunkelten Wohnung sitzt. Wenn ein Kind nach dem anderen wach wird. Sie hat sie im Kopf, wenn ihre Töchter sich ein Müsli machen. Und während sie selbst vor ihrer Tasse sitzt, auf der steht: „Lächle, du kannst sie nicht alle töten.“ Sie hat sie im Kopf, wenn sie ihre Kinder dann wieder ins Zimmer schickt – damit sie dort allein frühstücken. Birke Opitz-Kittel hasst Essensgeräusche nämlich. Sie hat ihre Definition auch im Kopf, wenn sie auf ihre Kinder zugeht und sie in den Arm nimmt. Sie tut das, obwohl sie mit Nähe ein Problem hat. Und obwohl sie denkt: Umarmungen braucht niemand.


Sechs bis sieben Menschen pro 1000 Einwohner in Deutschland sind Autisten.


Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Deutschland autistisch sind. Oft erkennen Ärzte die Symptome gar nicht. Der Bundesverband Autismus Deutschland schätzt, dass ungefähr sechs oder sieben Menschen pro 1000 Einwohner Autisten sind. Sicher ist: Birke Opitz-Kittel, 43 Jahre alt, ist eine von ihnen, mit Asperger-Syndrom.

Es fällt ihr schwer, ihre Gefühle zu zeigen. Ironie, Gestik und Mimik musste sie erst lesen lernen, von anderen Menschen hält sie sich lieber fern. Trotzdem ist sie Mutter von fünf Kindern, zweimal geschieden. Die Kinder haben drei verschiedene Väter, ihre neueste Ehe hält seit 2004. Wie geht das?

Als sie noch jünger war, da fragte sie sich oft: Birke, warum magst du die Menschen nicht? Birke, warum gehörst du nicht dazu? Birke, warum kannst du das mit der Liebe nicht?

Die Diagnose Autismus kam erst Jahrzehnte später. All die Jahre lebte sie mit diesem komischen Gefühl, anders zu sein. Vielleicht muss ich mich nur genug anstrengen, sagte sie sich. Vielleicht muss ich einfach alles geben, dann wird alles gut. Sie verstand nicht, was ihr Problem war. Hilfe hatte sie keine.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Autismus als „tiefgreifende Entwicklungsstörung“. Betroffene haben Probleme bei der sozialen Kommunikation. Es fällt ihnen schwer, die Gefühle von anderen Menschen wahrzunehmen, sie zu interpretieren und richtig zu reagieren.

Schon als Kind dachte Birke Opitz-Kittel über Gefühle nach, über Gesichter, Tränen, Lachen. Damals, wenn die anderen spielten und sie in der Ecke saß und zuschaute. In der Schule, wenn alle lachten und sie sich fragte, was der Witz bedeutete. Je mehr sie aber über all das nachdachte, desto mehr verzweifelte sie. Sie wollte keinem zeigen, wie schlecht es ihr ging. Deshalb sprach sie tagelang mit niemandem. Bis sie sich als junge Erwachsene sagte: Birke, du musst raus ins Leben. Ausbildung, Beruf, Familie. Die Gesellschaft will es. So sind die Regeln. Sie begann eine Lehre zur Büroangestellten.

Noch heute, wenn sie unter Menschen ist und ihr alles zu viel wird, sagt sie zu sich selbst: Birke, du darfst jetzt nicht auffallen. Das Mantra ihres Lebens.

Also zwang sie sich in das normale Leben. Um Liebe ging es dabei nicht. Normalität, nichts anderes. Ob die Männer passten oder nicht, das war nicht die Frage. Vielleicht verliefen die Ehen auch deshalb nicht gut. Und die Männer konnten leicht mit ihr machen, was sie wollten. Ihre Unsicherheit machte sie lenkbar.

Sie heiratete und hielt eines Tages, sie war 20, ihr erstes Kind auf dem Arm. Marc, ein Frühchen. Es fühlte sich in Ordnung an. Komisch. Aber in Ordnung. Dieses kleine Baby, weinend und schreiend, ganz nah bei ihr. Sie hielt es aus. Obwohl sie Berührungen doch hasste. Einen Milcheinschuss hatte sie nie – ihre Kinder stillte sie nicht.

Sie analysiert die Menschen

Drei Jahre später bekam sie ihr zweites Kind, Jonas. Und merkte, dass die beiden Jungen anstrengend waren. Sie war nicht müde, nein, das war es nicht. Es war diese Unberechenbarkeit. Marc, der zur Waschmaschine lief mit der Penaten-Creme in der Hand. Und der sie dann innen und außen damit einstrich. Marc, der die Dose mit dem Babypulver im Kinderzimmer öffnete und so bewegte, dass alle Spielsachen in einer weißen Winterlandschaft lagen. Jonas, der die ganze Zeit weinte. Sie wusste, dass sie in solchen Momenten reagieren musste. Aber wie? Also fing sie an, andere Eltern zu beobachten. Ihr war klar: Das, was die anderen intuitiv können, das musst du lernen, Birke.

Birke Opitz-Kittel übte sich im Muttersein. Sie setzte sich hin und suchte nach Büchern, die ihr halfen. Sie las und las und wiederholte das Gelesene immer wieder für sich selbst.

„Was Kinderohren brauchen.“
1. „Ich habe dich lieb!“
2. „Ich glaube an dich!“
3. „Gut gemacht!“

Es waren einfache Worte. Einfache Worte, die aber scheinbar eine große Wirkung hatten. Es gab so viele Situationen im Leben, auf die sie sich vorbereiten musste. Also suchte sie weiter.

„Was sollte man nicht zu Kindern sagen.“
1. „Lass mich in Ruhe.“
2. „Du bist so anstrengend.“
3. „Nicht weinen!“

Die Listen in ihrem Kopf gaben ihr Halt. Es war ein wenig, als würde sie den Text für ein Drama auswendig lernen, mit sich selbst in der Hauptrolle. Noch heute kann sie die Szenen auswendig.

Kind quengelt: „Mama …“
„Ich unterhalte mich gerade.“
Zum Gegenüber: „Moment, bitte.“

Geh auf die Knie, Birke, schau deinem Kind in die Augen. So versteht es, dass du nicht von oben herab zu ihm sprichst.

„Ich unterhalte mich gerade, aber ich werde dir zuhören, bitte warte fünf Minuten. Ich bin dann für dich da.“ Viele der Regeln verstand Opitz-Kittel nicht, andere gefielen ihr. Dass sie mit den Kindern auf Augenhöhe reden, sie ernst nehmen soll. Es ist ein Teil ihrer Definition der Liebe geworden.

Birke Opitz-Kittel analysiert, was andere Menschen tun. Sie lernt es wie Vokabeln. Die Vokabeln sind Teil ihrer eigenen Sprache der Liebe. Die ganze Zeit ist sie auf der Suche nach einem Kompromiss. Zwischen dem, was ihre Kinder brauchen auf der einen Seite. Und ihrem Unwillen, zu heucheln auf der anderen Seite.

Opitz-Kittel will bei allem wissen, ob es Sinn macht. Eine Umarmung? Die brauchen Kinder, sie müssen Nähe spüren. Ein Instrument lernen? Sie hasst die schiefen Töne beim Üben. Absolut nötig? Nein, das nicht.

Meine Liebe, sagte sich Opitz-Kittel, zeigt sich eben anders. Als die Kinder kamen, entdeckte sie das Nähen. „Du fängst nun an zu lesen, zu lernen, bis du alles darüber weißt“, sagte sie sich. Und sie fing an zu lesen, zu lernen, bis sie alles darüber wusste. Dann nahm sie den Stoff und begann zu nähen. Kleider, T-Shirts, Hosen, in Rot, in Gelb und Blau.

Es ist nicht leicht, einen Text über Birke Opitz-Kittel zu schreiben. Es fällt ihr nämlich schwer, Fremde zu treffen. Schon gar nicht kann sie einen bei sich zu Hause treffen. Das würde Chaos bringen. Und wenn man sie nach vielen Mails doch trifft, bei einem Ausflug, geschützt von ihrer Familie, merkt man: Sie steht permanent unter Anspannung. Je mehr Menschen um sie herum sind, desto schneller gehen ihre Augen hin und her.

Routinen geben Autisten Sicherheit. Bekannte Prozesse, die sich wiederholen. Wird eine Routine durchbrochen, kommt Chaos in den Alltag. Ängste oder Wutanfälle sind dann typische Symptome. Zwischen sehr vielen Menschen zu sein, überfordert die Betroffenen.

Mit Rolf wurde alles so einfach

Birke Opitz-Kittel kann gut erzählen. So gut, dass ihre Gesprächspartner oft nicht merken, dass sie nicht mehr mit ihnen spricht. Sie führt dann nur noch einen Monolog. Eine Frau mit hellen, blonden Haaren, streng nach hinten gebunden, und einer dunklen Brille. Sie redet und redet immer weiter. Darüber, dass sie nicht behindert genannt werden möchte. Dass sie ihr Leben lang versucht hat, eine gute Mutter zu sein. Dass dort draußen viele Mütter leben, die sind wie sie. „Versteht man das?“, fragt sie manchmal, lacht leise und sucht den Blickkontakt, den sie sich viele Jahre antrainiert hat.

Miriam, ihr drittes Kind, war für sie wie ein Geschenk. Eine Tochter. Sie machte weniger Arbeit, war zufriedener. Aber auch sie bringt Opitz-Kittel an ihre Grenzen. Einmal, Miriam ist gerade zwei, steht sie vor ihrer Mutter, das Gesicht blau angelaufen. Das Bonbon ist irgendwo in ihrem Hals. Opitz-Kittel bewegt sich nicht, kann sich nicht bewegen. Miriam zeigt auf den Joghurt. Die Augen aufgerissen, als ob sie sagen will: Gib ihn mir zu trinken, Mama. Schnell! Sie ist es, deren Händchen der Mutter zeigen, dass sie sie jetzt schütteln muss. Vor und zurück. Vor und zurück. Opitz-Kittel schüttelt sie. Und Miriam bekommt wieder Luft. Es war das erste Mal, dass eines ihrer Kinder ihr gezeigt hat, wie es geht. Opitz-Kittel wollte eine gute Mutter sein und war dabei oft auf sich allein gestellt. Über ihren ersten Ehemann möchte sie nicht sprechen. Mit ihm bekam sie Mitte der 90er-Jahre ihr erstes Kind Marc. Auch von ihrem zweiten Mann hat sie sich getrennt. Der Vater von Jonas und Miriam war zu oft von den Kindern genervt. 2001 trifft sie Rolf. Und sie wusste: Mit ihm will ich mein Leben verbringen.


Autisten brauchen Routinen: Sie schützen vor Chaos im Alltag.


Sie traf ihn bei einem Callcenter-Job, als sie dem Team vorgestellt wurde. Da ging es auch darum, wer ihr eine Einführung gibt. Sie fragte ganz offen: „Wer will mich?“ Die Männer lachten. Opitz-Kittel verstand das Lachen nicht.

Nur einer sagte ernst: „Ich.“ Rolf. Er war irgendwie anders. Bald zogen sie in eine gemeinsame Wohnung, und er wurde zum Stiefvater von ihren ersten drei Kindern.

Eines Tages merkte sie: Birke, du bist wieder schwanger. Noch ein Kind? Sie war unsicher. War es nicht genug Normalität? Aber Rolf versprach: „Ich passe auf die Kinder auf, was auch ist. Ich stehe nachts auf, wenn sie schreien. Aber bitte, bekomm das Kind.“

In der Klinik hielt sie es kaum aus unter all den Ärzten, Müttern, Menschen. Die Monitore machten diese vielen Laute. Das Kind – ein Frühchen. Wieder eine Tochter. Lilly. Es sollte die glücklichste Zeit im Leben von Birke Opitz-Kittel werden. Mit Rolf war alles so einfach.

Die beiden bekamen noch ein Kind. Angelina, auch ein Frühchen. Als sie aus der Vollnarkose erwachte, hörte sie es: „Frau Opitz-Kittel, Ihre Tochter hatte einen Herzstillstand.“


Die Diagnose bekommt sie mit 37: Autismus. Plötzlich macht alles Sinn.


Konnte das wirklich sein? Das durfte nicht sein. Sie brach zusammen. Sie wusste, dass eine Mutter in dieser Situation für ihr Kind da sein muss. Aber sie konnte nicht. Nach zwei Tagen packte sie ihre Tasche und lief den ganzen Weg allein nach Hause. Ohne Angelina.

War sie damit gescheitert? Eine Mutter, die ohne ihr Kind geht. Aber was wussten die anderen schon? War es Müttern nicht erlaubt, auch solche Momente der Niederlage zu erleben?

Noch heute, der Älteste ist aus dem Haus, die Jüngste schon 13, setzt sich Opitz-Kittel manchmal in ihren Sessel, macht den Fernseher an und schaut auf Vox die Sendung „Mein Kind, dein Kind – Wie erziehst du denn?“. Darin vergleichen Eltern ihren Erziehungsstil. Zufrieden blickt sie auf den Bildschirm und spürt: Sie hat vieles richtig gemacht.

Sie war offiziell anders – das half

Fünf Kinder. Wer hätte das gedacht, Birke. Manchmal läuft sie durch die Straßen, mit einer Sonnenbrille und einem leichten Lächeln im Gesicht. Niemand soll merken, wie schlecht es ihr unter Menschen geht. „Meine Güte, so viele Kinder“, sagt sie sich, wenn sie eine Großfamilie sieht. Bis ihr einfällt, dass sie selbst fünf Kinder hat. Wer hätte das gedacht? Birke, Birke, wer hätte das gedacht?

Das Schlimmste waren wahrscheinlich die Trotzphasen. Die Kinder wütend. Und Birke Opitz-Kittel weiß nicht, wie sie reagieren soll. Manchmal musste Rolf von der Arbeit nach Hause kommen, um ihr zu helfen.

Die Kinder kamen in den Kindergarten, und sie beobachtete, dass die anderen Eltern mit den Erziehern sprachen. So lernte sie, dass sie manchmal fragen musste, wie sich ihre Kinder so machten. Also merkte sie es sich. Sie trat in Elternbeiräte ein, obwohl sie die Treffen anstrengten. Informationen taten gut.

Als Jonas älter wurde, fiel auf, dass er anders war als die Geschwister. Sie gingen mit dem Jungen von Arzt zu Arzt. Irgendwann stand die Diagnose schwarz auf weiß auf dem Papier, wie ein Urteil: Autismus. Einer der Ärzte sah sie an: „Frau Opitz-Kittel, vielleicht sollten Sie sich auch einmal testen lassen.“ Erst da bekam sie die offizielle Diagnose – mit 37. Plötzlich machte alles Sinn. Sie war jetzt offiziell anders. So seltsam es klingt: Das half.

Birke Opitz-Kittel hatte irgendwann gemerkt: Da war etwas, das sie mit ihren Kindern verband. Regelmäßigkeit. Sie spürte, dass die Kinder das schätzten. Nicht nur Jonas, auch die Neurotypischen. So nennt sie die anderen Menschen. Die, die keine Autisten sind. „Meine neurotypischen Kinder“, sagt sie manchmal. Jeden Mittag kocht Birke Opitz-Kittel, immer pünktlich. Es ist ein Signal: Ich bin für euch da. Jeden Tag.

Wenn ihre Kinder sie brauchen, weil sie krank sind, arbeitet sich Opitz-Kittel in die Symptomatik ein. So lange, bis sie genau weiß, welche Krankheit es ist. Rolf hat ihr erklärt, dass es die Ärzte ungern sehen, wenn man schon mit der Diagnose einer Krankheit zu ihnen kommt. Sie haben es lieber, wenn ein Patient nur über die Symptome spricht. „Ein komisches Prinzip ist das“, sagt sie, und ihre Töchter kichern. „Ich muss zum Arzt gehen und abwarten, ob er die richtige Krankheit errät.“ Sie hält es kaum aus, dort zu sitzen und zu warten, bis er fertig überlegt hat. Es geht doch um ihre Kinder.

Miriam, 18 Jahre alt. Die gelernt hat, Trost einzufordern: „Mama, tröste mich, ich brauch das jetzt.“ Opitz-Kittel nennt ihre Tochter „etwas verkuschelt“. Aber sie macht das dann.

Oder Angelina. Die in der Schule immer wieder erklären muss, was das eigentlich ist: Autismus. Heute ist sie 13 Jahre alt und weiß alles über das Thema.

Oder Lilly, die Sensible. Sie ist 15 und weiß, dass ihre Mutter immer die Wahrheit sagt. Dass das so ist bei Autisten. Wenn sie Lillys Kleidung nicht mag, zum Beispiel, und nicht darüber nachdenkt, wie sie ihre Kritik am besten formuliert. Manchmal tun ihr die Worte weh, wenn ihre Mutter so direkt ist. Sie erklärt es ihr: „Mama, wenn du es so sagst, trifft es die Menschen.“ Die Kinder helfen Opitz-Kittel beim Vokabelnlernen.

Es ist ein regnerischer Tag im November, als Birke Opitz-Kittel zum Kleiderschrank geht und ihr pinkfarbenes Halstuch herausholt. Sie legt es um, schaut, ob es zur Jeans und zum dunkelblauen Mantel passt. Sie fragt Miriam. Kann ich so raus?


Ihre Kinder nennt Birke Opitz-Kittel ihre „Verbindung zum Außen“.


Ausflüge sind gut für die Familie

Der Nürnberger Zoo liegt an diesem Morgen unter dunklen Wolken, es regnet. Manchmal einen Ausflug zu machen, ist gut für die Familie. Birke Opitz-Kittel weiß das. Also kommt sie mit.

Schau, die Tiger, Mama. Schau, die Zebras. Opitz-Kittel nickt und läuft von Gehege zu Gehege. Am schönsten ist der Zoo bei Regen, wenn fast niemand da ist. „Das perfekte Wetter“, sagt sie, blickt unter ihrem roten Regenschirm hervor und lächelt ihre Töchter an. Ein Lächeln, Ergebnis jahrelanger Übung.

Gemeinsam gehen sie zum Café. Miriam öffnet die Tür. Wie Leibwächter stellen sich Rolf und die drei Töchter um Opitz-Kittel. Sie hält die schwere Tür hinter ihrer ältesten Tochter auf. Es riecht nach Currywurst. „Geht nicht“, sagt Rolf und öffnet den Regenschirm wieder. Er schaut seine Frau an und schmunzelt. Er kennt sie doch. Currywurst, all dieses Fett, das ist nichts für Birke.

Intensive Farben, laute Töne, starke Gerüche wirken stärker auf Autisten. Die Sinneswahrnehmungen sind empfindlicher. In speziellen Situationen kommt es zumsensory overload . Eine totale Überforderung, die Betroffene manchmal tagelang außer Gefecht setzt.

An jeder Weggabelung bleibt Opitz-Kittel stehen. Sie schaut dann zu ihrer Familie und fragt sie: „Wohin?“ Und Miriam gibt dann die Richtung vor. Manchmal tut ihr das weh. Eine Mutter ist doch Vorbild, Wegweiser. Jemand, zu dem man aufblickt. Kann sie das sein? Trotz allem?

Ein anderes Mal hatte Miriam extrem starke Bauchschmerzen. Rolf war nicht da. Birke Opitz-Kittel sagte sich: „Du musst jetzt für sie da sein“ – und fuhr mit ihr in die Klinik.

Es sind Momente wie dieser, in denen sie dieses spezielle Gefühl bekommt. Den absoluten Willen, für ihre Kinder da zu sein, so schwierig es auch für sie ist. Das muss er sein, Birke, denkt sie dann: der Mutterinstinkt.

Manchmal überlegt sie, was ist, wenn alle Kinder das Haus verlassen haben. Sie sitzt in solchen Momenten an ihrem Computer, in ihrem Sessel oder in ihrem verdunkelten Schlafzimmer und merkt, wie sie unruhig wird. Sie weiß, dass irgendwann der Tag kommt, an dem alle Kinder erwachsen sind. Ist sie dann froh, die Belastung los zu sein? Nicht immer wieder sagen zu müssen: „Ich habe euch lieb“? Nicht zu loben, nicht zu umarmen? „Nein“, sagt sie.

Birke Opitz-Kittel beunruhigt der Gedanke, dass ihre Kinder irgendwann nicht mehr bei ihr leben werden. Sie nennt sie auch ihre „Verbindung zum Außen“. Sie geben ihr das Gefühl, Anteil an der Gesellschaft nehmen zu können. Und gleichzeitig schützen sie sie. Birke, Birke, fünf Kinder, wer hätte das gedacht?

Eine Übung zu diesem Text finden Sie auf Seite 47.